Mnterhaltungsblatt des Horwärts ttt. 80. Freitag, den 21. April. 190Z (Nachdruck verboten.) 31 Brennende Liebe, Eine Geschichte auS der Eifel. Von Klara Viebig . (Schluß.) Ueberall hörte die Witwe Driesch von guter Zeit reden. Es trieb sie jetzt auf die Gasse. Wo zwei, drei zusammen- standen, machte sie sich heran— sprachen sie vom Willelm? Ach nein! Enttäuscht fuhr sie zurück, um weiter zu laufen, ruhelos an den Hütten entlang zu streichen, das Ohr lauschend an die kleinen Fenster geneigt. Drinnen Lachen und Teller- geflapper, tiefer Männerbaß, Weibergeträtsch und.Kinder- greinen. Aber vom Willelm hörte sie nichts. Ihre Augen, die keinen Schlaf mehr fanden, wurden trüb und rot und schauten wie durch einen Nebel/ Weit entrückt schienen ihr die Nachbarn und das Dorf, und alles, was ihr bisher vertraut gewesen war. Sie sah nur deutlich den Weg. auf dem ihr Sohn bald kommen würde— ja, kommen mußte' Die Weiber schauten ihr mitleidig nach, wenn sie, den hageren Rücken gebeugt, das graue Haar unordentlich unter der Kappe hervorhängend, mit ihrem Eimer zum Brunneu schlich. Aber sie wich jetzt scheu den neugierigen, halb teil- nahrnsvollcn Grüßen aus— was wollten die Weiber mit ihrem dummen Gucken? Nein, sie brauchte jetzt keinen Menschen mehr, sie verlangte nach niemandes Wort— ihr Sohn sollte wiederkommen, den wollte sie wiederhaben! In Trotz und Pein kniff sie den Mund fest zusammen und zwang die Frage, die sich ihr trotzdem immer herausdrängen wollte, nieder. Warnn fragen?! Selbst die Heilige, vor deren Altar sie die Steinfliesen mit ihrer Stirn scheuerte, gab ihr die Antwort, die einzige, die sie haben wollte, nicht.— � Am Sonntag abend klang vergnügtes Johlen aus der Schenke. Drin saßen die Männer des Dorfes. Schade, daß einem heut der Sonntag dazwischengekommen war, sonst hätte man das letzte eingekriegt! Nun mußte man morgen noch einmal hinaus. Aber: alle Mann heran und die Weiber und die größeren Kinder auch, selbst die Alten durften sich morgen nicht drücken, uiü> dann— juchhei!— dann war's für dies Jahr geschafft! Auf der Straße spielten die Kinder. Gerade vor der Witwe Driesch' Haus hatten sie sich niedergelassen; die zwei Feldsteine, die als Stufen zur Haustür führten, waren so be- quem, um„Schinkelches" darauf zu.spielen, oder auch nur, um da zu hocken— die Hände um die hochgezogenen Knie gelegt, die Gesichter aufwärts gehoben— und mit gellenden Stimmen in den Insekten durchsurrten warmen Abend hinaus- zuschreien: „Höwerlink, komm, Scilla o mer de Tromm I" Fest hielt die alte Kathrein ihre Tür und das Fenster geschlossen; der Lärm der Kinder tat ihr weh. Sie saß beim Herd, den Kopf mit einem dicken Tuch umwunden, aber sie hörte das Geschrei doch. „Höwerlink, komm!" „Willelm, komm!" Beide Arme erhebend, streckte sie die zittrigen Hände bittend in die Luft. Auch heute war er nicht gekommen. Jesus Maria, wo er nur so lange blieb?! Sonst war er viel länger fort gewesen, ein ganzes Jahr, Jahre, nie hatte sie so nach ihm verlangt— da war es ihm ja auch gut gegangen,— aber jetzt, wie ging es ihm jetzt?! Eine furcht- bare Ungewißheit peinigte sie. Sie hatte noch nie ein Kittchen gesehen, und von denen hier herum war auch noch keiner darin gewesen. Ob er da auch satt zu essen kriegte, ob er auch da nicht fror? Wer strich ihm da den Schädel, wenn er das Kopfweh hatte?! „Höwerlink, komm!" Das Schreien der Kinder schaffte ihr fast körperliche Qual. Zum Fenster humpelnd riß sie's so heftig auf, daß es fast aus seinem verquollenen Rahmen fiel, und schrie hinaus: „Maacht Euch fort hei, maacht!" und drohte mit der Faust. Verdutzt standen die Kinder: das waren sie sonst, nicht gewohnt, daß man sie hier fortjagte. Das Kleinste fing an zu weinen; aber des Heids Pittchm von nebenan, sich in de« Nähe des Vaterhauses sicher fühlend, streckte die Zunge heraus und schrie, in die elterliche Tür retirierend: „Mordbrenner, Mordbrenner, Eier Willelm es en Mord- brenner, bc/t gieft gehänkt!" „Hau, dän gieft gehänkt," heulte die Kinderschar unÄ stob nach allen Seiten. Wortlos blieb die Frau; die drohende Faust noch immer erhoben, stand sie am Fenster.„Mordbrenner— Mordbrenner— dän gieft gehänkt"— das heulte ihr in den Ohren. Gehängt?! Ein Schauder überlief sie. Sie würden ihrem Willelm doch nichts zu leid tun? Mordbrenner— de? war doch kein Mordbrenner! Es war zum Lachen— Kindergeschwätz! Aber plötzlich ergriff sie eine Todesangst: hatte nicht der Gendarm damals, als er ihn wegholte, auch etwas von„brennen" gesagt?! Sie hatte nie mehr daran gedacht, aber nun fiel es ihr ein--„Brand hat er angelegt, der Schubjack"— wirklich, es war zum Lachen! „Hahahahaha!" Sie lachte— ein tolles Lachen— bei dem sie den Oberkörper zum Fenster herausbog und sich die stechenden Seiten hielt. Dann schloß sie das Fenster; es war Zeit, zu Bett zu gehen. Aber es graute ihr in der grenzenlosen Einsamkeit ihrer Stube— vor was?— das wußte sie.selber nicht. Wenn sie nun einmal den Nachbar zur Linken aufsuchen würde? Zum Heid hatte sie noch das meiste Zutrauen— der war ein gesetzter Mann, kam auch mal in die Fremde, bis gen Mander- scheid und Daun war er schon gewesen. Fragen wollte sie ihn: was denn sein Peter damit gemeint habe:„Mord- brenner" und„dän gieft gehänkt?!" Schwerfälligen Tritts schlorrte die Alte zur Hintertür hinaus in ihr Gärtchen. Sie trampelte durch ihr Kartoffel- beet, das sich längs des Zaunes fireckte, achtlos, daß sie von den Stauden knickte. „Häh, Josef, pst!" „Jao— wat dann?" Der Heid hatte gerade das Vieh gefüttert; nun kam er aus dem Stall, in Hemdsärmeln, den bunten Schlips und den gesteisten Kragen, vom Besuch im Wirtshaus her, noch um.„Jao, wat wollt Ihr dann?" Es klang nicht sehr einladend. Aber sie hatte dessen nicht acht. Beide Arme auf den Zaun legend, beugte sie sich zu ihm hinüber, ganz dicht. Und vertraulich sprach sie, so leise, als ob sie fürchtete, das Kartoffelkraut zu ihren Füßen und drüben der Nachbarin Bohnen könnten es hören: „Saot, Josef,— Mordbrenner— wat es damit gemeint? Un— hänken— gieft hcutzudag dann noch jemand gehänkt?" „Waorum?" Er guckte sie betroffen an. „No, Eier Pittchcn saot doch, dän Willelm— dän Willelm—" nun kam wieder die ungewisse Angst vor unfaßbar und unverständlich Schrecklichem über sie, daß sie's kaum herausbrachte—„dän saot , dän Willelm , mein Willelm gieft gehänkt l Och, saot'doch—" verziveifelt faßte sie nach des Mannes Händen—„saot, wanneh kömmt hän rcdur? Se duhn ihm doch neist?!" „Hm, jao,"— Heids Josef rieb sich die Nase und kratzte sich dann hinterm Ohr—„dat kann mer net für gewiß saon. Dän Willelm sitzt eweil in Unncrsuchungshaft un die Hähren pisacken ihm. Die kriehn et schons eraus, dan hän dat Feuer angestoch haot I" „Wat for en Feuer?" Sie machte die Augen weit auf. „No. hei dat Feuer im Dorf! Et haot doch in eins fort aebrennt, bal hei, bal dao— och, duht doch net esu, als ob Ihr dat net wüßt! un seit Euer Willelm sitzt, duht et doch net mich brennen, kein einzig Mal mieh. Dat es doch siehr verdächtig!" „Verdächtig— verdächtig l* stotterte sie. „Jao, saot sälwer, es et dat net? Paaßt uf> Ihr gieft aach noch verhört. Un mir all, als Zeugen. Dän Willelm haot et gedahn, duh es kein Zweifeln dran. Sons Hütt' et doch als längs emaol Widder gebrannt, n' Aowend I" Er ließ sie stehen und sprang, mit ein paar großen Sätzen seine Beete überhüpfend, dem Hause zu, froh, ihr entronnen zu sein. Sie rief ihm nicht nach; sie sagte kein Wort. Wie der- nichtet stand sie, ihre Hände umklammerten die Zaunsteckell.
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22 (21.4.1905) 80
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