Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 91.

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flammen.

Donnerstag, den 11. Mai. ned

( Nachdrud verboten.)

Roman von Wilhelm Hegeler . " Frühstücken Sie mit mir, lieber Doktor. Dann erzählen Sie mir eingehend Ihre Pläne. Nehmen Sie nur da einst­weilen Platz."

Wohlbold wies ihn auf einen Stuhl in dem Erker. Dann öffnete er eilig die Tür und ließ den enthusiastischen Schul­

mann eintreten.

Nach einer tiefen Verbeugung begann dieser einen langen Wortschwall, aus dem Grabaus entnahm, daß es sich um eine neue Lehrmethode im Geschichtsunterricht handelte. Aber plöglich hörte er die hell frähende Stimme Wohlbolds:

" Sagen Sie, Herr Direktor, Sie waren doch erst vor vier Wochen bei uns. Ja, ja, ja, meinen Sie nicht, daß Ihr Unterricht leidet, wenn Sie immer unterwegs sind. Uns auf dem Ministerium brauchen Sie doch nicht zu unterrichten. Ja, ja, ich weiß schon. Glückliche Reise! Ich werde Ihnen mal jemand hinschicken. Glückliche Reise!"

Ganz niedergeschmettert lief der Direktor auf eine falsche

Zür zu.

,, Hier, bitte, hier adieu, adieu!"

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Dann eilte Wohlbold zu Grabaus in den Erker. ,, Kommen Sie, lieber Doktor! Jaaa," sagte er stehen bleibend und sich den Kinnbart fraßend das ist ganz unsere Idee. Nationale Bildung! Schiller und Goethe als Kolo­nisatoren. Und Treitschke. Sehen Sie mal, einen Mann wie Treitschke brauchte ich. Wir hatten eigentlich vor, einen alten Staatsrechtslehrer an die Spitze zu stellen, jemand, der repräsentiert. Aber eine junge Kraft- Hören Sie mal, Sie sollen doch ein vorzüglicher Redner sein. Wer hat mir das doch erzählt?"

Aber der Diener war wieder eingetreten und er wandte sich an diesen.

" Ich komme gleich."

Als dann der Diener aber noch etwas flüsterte, erwiderte er mißmutig:

Ne, ne, ne. Die Sprechstunde ist ja längst vorüber." Er durchsuchte die Karten auf dem Tisch.

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Hat sich ja gar nicht angemeldet. Sagen Sie, morgen zwischen zwölf und zwei. Mein lieber Doktor, ich habe heute keine Zeit zum frühstücken. Richtig, der Geheimrat Kühlwetter hat mir von Ihnen erzählt." Dessen Sohn hat bei mir gehört." " Ja, ja, ich weiß. Hören Sie mal, Sie werden noch von uns hören. Reisen Sie nur ruhig. Wir meinen es hier sehr gut mit Ihnen." Schon war Grabaus in der Tür, als Wohlbold ihn noch­mals zurückhielt.

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Aber reinen Mund halten, verstanden? Ihren Herrn Vater. Adieu."

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4.

1905

Wie heißt die Gräfin?" fragte Grabaus den Maler. Gräfin Borde. Uebrigens nochmals gesagt, die Mehrzahl der Leute in diesem Kreise ist ein bißchen verrückt. Du darfst Dich also nicht allzusehr verwundern."

Die elektrische Bahn hielt fast vor dem Hause der Gräfin, und sie hatten nur noch wenige Schritte zu gehen. Die Wände des engen Flurs in der Wohnung hingen bereits vollen Mäntel, Zylinder und Damenhüte. Nachdem sie eingetreten waren, führte Gebhard seinen Begleiter sogleich zu dem gräf­lichen Ehepaar, das sich noch in dem ersten Zimmer au hielt, stellte ihn vor und war dann, nachdem er mit dem Grafen einige Worte gewechselt hatte, plöblich verschwunden. Etwas ärgerlich über diese Rücksichtslosigkeit sah Grabaus sich nach ihm um und überhörte fast die Frage der Gräfin, als diese mit einer freundlichen, aber etwas ängstlichen Handbewegung ihn zu einer Gruppe führte und sagte:

Darf ich Sie vielleicht mit einigen Herrschaften bekannt machen?" Darauf nannte sie mehrere Namen, jedoch so un­deutlich, daß Grabaus keinen davon verstand.

Waren Sie schon öfters auf unseren Abenden?" wandte fich eine Dame, der er soeben seine Verbeugung gemacht hatte, an ihn. Nein, heute zum erstenmal. Ich war überhaupt seit sechs Jahren nicht in Berlin ."

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Diese Abende bei der Gräfin find für mich wahre Feier­stunden des Geistes. Sie finden hier Intelligenz und Schön­heit, Anmut und Würde in seltener Vereinigung."

Etwas überrascht, nicht so sehr über diese Worte, als darüber, daß sie wie selbstverständlich aus einem solchen Munde kamen, blickte Grabaus auf die Sprecherin. Ihrem Aeußeren nach fonnte sie auf keine der genannten Eigenschaften Anspruch machen. Sie mochte ein älteres Mädchen oder eine unglück­lich verheiratete Frau sein. Um einen schlecht entwickelten Körper hing ein Kleid von schwarzer Taffetseide, aus un zähligen Fältchen und Rüschen zusammengesezt. Das selbst­bewußte, zugleich füßliche und mokante Lächeln lag wie eine seltsame Verzerrung auf ihrem gewöhnlichen, von schmukiger Röte gefärbten Gesicht. Dabei musterten ihre trüben Augen ihn durch die Lorgnette außerordentlich kokett.

Wir haben hier die Vorträge der berühmtesten Namen aus Kunst und Wissenschaft gehört," fuhr sie fort. Sind Sie vielleicht auch Künstler?"

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Nein. Aber wer wird heute vortragen, wenn ich fragen darf?"

,, Heute werden wir den Baron von Toll über Nietzsche , der große Erwecker" hören. Sie kennen doch den Baron kennen von Toll?"

Leider nicht."

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O, er ist in auserwählten Kreisen sehr bekannt. Eine ganz ungewöhnliche Intelligenz und so elegant! Dort Grüßen Sie steht er." Dabei deutete sie auf einen großen, troß seiner Jugend Schweißdurchnäßt, zitternd vor Aufregung, aber die Brust schon etwas forpulenten Herrn mit rundem Gesicht, auf dessen mit ungeheurem Glücksgefühl bis zum Zerspringen erfüllt, eingedrückter Nase ein Pincenez ohne Fassung saß. Die mit dem ahnungsvollen Bewußtsein von etwas Großem, das spiegelnden und blizenden Gläser, der enorme weiße Kragen, ihm die Zukunft schenken würde, ging Grabaus durch die die bunte Krawatte und schließlich noch ein schwarzes, Härchen Menschenmenge der Friedrichstraße. Noch wirbelte alles, was für Härchen emporgesträubtes Schnurrbärtchen, das alles fiel der Geheimrat ihm gesagt, durcheinander. Nur mühsam konnte so ins Auge, daß im übrigen das Gesicht nur wie ein leerer er dies und jenes klar erfassen. Aber hatte Wohlbold nicht Hintergrund wirkte, auf dem all diese schönen Dinge ange angedeutet, daß er ihn vielleicht an die Spitze dieser neuen bracht waren. Der Baron lehnte sich gegen einen Türpfosten, Schöpfung stellen würde? Hatte er die Möglichkeit nicht und während er sich mit einem schwarzgoldenen Bleistift gegen wenigstens einen Augenblick durchblicken lassen?... Mit die Zähne klopfte, schaute er gönnerhaft auf einen mit ihm Riesenschnelle wuchs das, was ein aus der Verlegenheit ge- redenden alten Herrn herab. borener Einfall gewesen, zu einer ihn ganz erfüllenden Hoff­nung heran, zu einem glänzenden Zukunftstraum, der selbst wieder tausend Vorstellungen zeugte.

Er sah auf die gleichgültig vorübergehende Menge und fühlte verhundertfacht die Kraft in sich gären, die ihn zu er­greifen pflegte, wenn er vor seiner Hörerschaft zu sprechen hatte. Und während andere feindselig gesinnte Scharen in ihm auftauchten, dachte er: Zwingen will ich sie zu mir durch die Macht meines besseren Wissens, durch die Macht, wie ich's vertrete. Zwingen werde ich sie! Ich fühle, daß ich's fann.

"

Und wer ist der andere?" fragte Grabaus.

O, das ist der Graf Strachwitz, ein Verwandter des be. rühmten Dichters. Dieser Herr ist berühmt durch seine Wohl­tätigkeit. Er geht an keinem Bettler vorüber."

In diesem Augenblic fam ein älteres Fräulein mit ein­gefallenem und frankhaft blaffem Gesicht herangehinkt, zupfte die Sprecherin am Aermel und sagte:

' n Tag, Pschütt."

D, mein liebes Fräulein, wie geht's? Wie geht's?" Danke! Ich habe auch Ihren legten Artikel gelesen. Furchtbar geistreich."

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