Anterhaltungsblatt des Vorwärts

ald og

Nr. 105.1

25]

flammen.

Mittwoch, den 31. Mai.

( Nachdruck verboten.)

Roman von Wilhelm Hegeler .

Wir können mit allen Reichtümern der Welt uns selbst und unsere Räume schmücken und bleiben doch dieselben arm seligen Wesen, die wir sind. Unser Herz hat deswegen nicht ein gutes Gefühl mehr, und unser Geist ist nicht reicher um einen guten Wig. Aber es ist, als hätten wir uns selbst auf gegeben und suchten uns draußen in den toten Dingen. Wir Haben Millionen Pferdekräfte in unseren Dienst gezogen, aber die Quellen unserer inneren Kräfte, wo sind die geblieben? Wo ist unser Glaube, unsere Phantasie, unsere Liebe? Nur noch den Verstand besitzt der Mensch und seine Sinne. Aber auch die werden jeden Tag stumpfer. So scharwerfen wir gleich Lasttieren durchs Leben und gleichen ihnen auch in unseren Genüssen, indem wir nur noch hören und sehen, schmecken und fühlen- aber die Kraft, die die Dinge beseelt, die einzige Kraft, die ewige Werte und unvergängliche Ge­nüsse schafft, haben wir zerstört. An tote Dinge hängt sich unser totes Herz.-

Das alles überkam mich in diesen Tagen, die mir lang erschienen, wie eine lange Verbanming. Das überfiel mich mit Finsternis und Grauen, mit der Angst des Menschen, der auf schreit, und den man nicht hört. Kann ich überhaupt wirken? Wollen die Menschen das, was ich ihnen zu geben habe? Bin ich nicht das Kind einer längst gewesenen oder einer Zeit, die erst wiederkommen wird, wenn ich tot bin? Mich efelte vor den Tausenden, die auf der Straße an mir vorüberhafteten, und doch verzehrte mich die Sehnsucht nach ihnen. Und doch fühlte ich, in der Einsamkeit müßte ich verdorren. Ich kann die Quellen meines Geiftes nicht ins Leere strömen laffen, ich muß eine Antwort haben, ein Echo lebendiger Seelen. Aber in diesen Stunden, wo ich verzweifeln wollte, rief mir eine innere Stimme zu: Warum verzagst Du? Ist sie Dir nicht erschienen?" Gnädige Frau, mein Gefühl zu Ihnen hat nichts zu tun mit dem, was die Menschen Leidenschaft und Liebe nennen. Nie kann ich Ihnen mehr sein als ein Freund. Und ich weiß nicht mal, ob Sie mir diesen Namen gönnen. Vielleicht wird bald mein Weg mich weit von Ihnen führen. Und doch: seitdem ich Ihnen begegnet bin, hat ein neues Leben für mich begonnen. Ein Leben, das dasselbe sein wird auch fern von Ihnen. Und was in mir reifen sollte, was in mir start sein sollte, das danke ich Ihnen. Es wird Kraft haben, weil ich es bewußt oder unbewußt an Sie richte. Ich bin erfüllt von Ihnen, von Ihnen geprägt und entbrannt wie die Jünger jenes Meisters, von dem es heißt:" Die Wirkung seines Wesens verlor sich nie."

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Am nächsten Abend.

1905

Stimme hören, nicht mehr bei Ihnen sigen- all das soll nicht mehr sein. Das sind meine einzigen Gedanken gewesen, in den Stunden, wo ich ruhelos durch die Straßen lief.

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Und immer wieder wie damals, als ich ihn zum ersten Mal gehört, flang Ihr Name in mir nach: Marie Luise­Marie Luise. Es war wie eine Stimme, die mich rief. Wie die Stimme, die vom Ufer her den Ertrinkenden ruft.- Und ich soll wieder hinabgeschleudert werden in die dunkle Tiefe, kaum daß ich Ihre Hand ergriffen?!

Früher habe ich nie verstanden, wie einer sich auf den Tod verlieben könnte. Wie ihm das vielgestaltig bunte Leben mit seinen tausend Geschenken, seinen Aufgaben, seinen Zielen zusammenschrumpfen tönnte zu einem einzigen Wesen. Ich hab's für Krankheit, Blindheit, Wahnsinn gehalten. Aber nun weiß ich's besser. Immer muß ich an die Worte der Schrift denken: Das Himmelreich gleicht einer Perle, für die der aufmann alles hingibt."

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Und der Kaufmanit behielt die Perle! Er behielt sie!! " Marie Luise, ich kann nicht glauben, daß ein boshaftes und sinnloses Geschick mich zu Ihnen geführt haben sollte, unt uns in der nächsten Stunde auseinander zu reißen. Glauben wir nicht beide, daß die Natur von geheimer Güte erfüllt sei, auch wenn man ihre Wege nicht versteht? Sollen wir wirk lich auseinander gehen, wie vom Zufall zusammengeführte Reisende, die sich Stunden angenehm verkürzen und dann beim nächsten Scheidewege leichten Herzens Abschied nehmen? It das möglich? Ich kann es nicht glauben. So vom Unglück geschlagen ist kein Mensch, daß er sich ganz verlöre, ganz auf­ginge in einen Menschen, der nicht auch an ihn gebunden wäre durch elementare Sympathie. Ich fühle es, Marie Luise, auch Sie bedürfen meiner. Auch Sie sind nicht glücklich. Auch in Ihnen ist die Sehnsucht erwacht. Ich habe das lange geahnt und doch nicht zu glauben gewagt. Aber als am letzten Abend unsere Blicke sich begegneten, da las ich es in Ihren Augen. Das Feuer, das mich verzehrt, verzehrt auch Sie. Marie Luise, nun, wo ich das geschrieben, was ich nie schreiben wollte, ist mir leicht und fröhlich ums Herz. Was foll werden? Ich weiß es nicht. Nur das eine weiß ich, daß ich morgen zu Wohlbold gehen und alle Hebel in Bewegung setzen werde, um noch in Jena zu bleiben in Ihrer Nähe! Ich wünsche nichts, ich hoffe nichts, ich begehre nichts, außer daß ich Sie sehen darf, und daß Sie mir gütig gefinnt bleiben. Aber vielleicht werden Sie mich verachten nach diesem Brief. Ich weiß es nicht. Vielleicht bin ich von Sinnen. Auch das weiß ich nicht. Nur das eine fühle ich, wie froh und hoff­nungsreich mein Herz schlägt. Denn höher als alle Vernunft ist das felige Glück, sich wehrlos und bloß der Güte des Menschen anzuvertrauen, den man liebt.

10.

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An jenem Abend aber, als dieser Brief ankommen sollte, befanden sich der Major und seine Gattin im Wohnzimmer. Es war ein böser und endlos langer Tag gewesen. Ein un­barmherziger Nordostwind hatte auf dem Haus gelegen, und durch die Rigen an Tür und Fenstern war ein feiner Stälte­strom gedrungen, der die Schmerzen des Majors bis zur Un­erträglichkeit gesteigert hatte. Der Kranke hätte am liebsten immerfort gestöhnt und geschrieen, aber so lange Marie Luise bei ihm war, tam nicht die leisefte Klage über seine Lippen, und auf ihre besorgten Fragen antwortete er stets mit einem Lächeln.

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Es geht schon vorbei! Man darf das nur nicht tragisch nehmen. Das sind so kleine Müdenstiche, zarte Winke, daß es mit der Jugend aus ist."

Es ist nach Mitternacht . Ich size noch immer und weiß nicht, was ich schreiben, was verschweigen soll. Eisblumen ranken an den blassen Fensterscheiben. Die Kälte knistert im Zimmer. Aber mein Kopf glüht. Im Tumult der Gedanken entfliehen mir die wenigen klaren, und die ich festhalte, er­schrecken mich. Ich sollte Ihnen doch mitteilen, was alles ich in Berlin ausgerichtet habe. Ich kann's nicht. Später! Nur das eine, daß Sie wegen Ihres Bruders ohne Sorge sein fönnen. Und dann Also ich war wieder im Ministerium, hatte eine lange Unterredung mit Wohlbold. Die Univer­sität soll errichtet und denken Sie ich soll ihr Nektor werden! Als Wohlbold mir das mitteilte, nahm er sich aus wie Napoleon , der einen bescheidenen Offizier zum General befördert. Um den Sprung nicht zu groß zu machen, soll ich vielleicht in wenigen Wochen schon als Außerordentlicher nach Königsberg . Sie wünschen mir Glück, gnädige Frau? Die Lichter auf den Kerzen des Kronleuchters zuckten zu Sie freuen sich? Gott , was gäbe ich drum, wenn ich Ihre sammen und suchten wie ängstlich zu entfliehen, wenn ein Miene sehen könnte im Augenblick, wo Sie diese Zeilen lejen. heftiger Windstoß gegen das Haus fuhr. In dem altertüm­,, Gnädige Frau, ich will Ihnen offen sagen, ich habe mich lichen Kamin duckten sich die Flammen scheu zu Boden und nicht gefreut. Vor wenigen Monaten noch wäre ich der glüd- fuhren im nächsten Augenblick prasselnd mit gieriger Wut an Lichste Mensch gewesen. Heute aber Ja, zuerst war es wie den Buchentloben in die Höhe. Nur das Feuer in dem kleinen ein Freudentaumel, wie ein Schwindel, der mich ergriff. Aber Petroleumofen, der zum Abfangen der kalten Zugluft vor der dann! Wissen Sie, was dann mein Gedanke war? Fort von hohen Gartentüt stand, glühte friedlich und unbeweglich weiter. Ihnen! Fort von Ihnen! Gnädige Frau, ich soll fort von Nach dem Kaffee hatten die beiden miteinander ge Ihnen! Ich foll Sie nicht mehr sehen, nicht mehr Ihre plaudert, wie Menschen, die einander vertraut sind, zusammen

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In der Weise hatte er ihre Besorgnis wegzufcherzen versucht.