Wnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 112. Sonntag, den 11. Juni. 1903

(Nachdruck verboten.) 82] flammen* Roman von W i l h e l ni Hegeler. Doktor Platten hatte feiner Gewohnheit gemäß die Hände auf den Rücken gelegt und den Kopf nach vorn über- geneigt. So konnte Frau Grabaus, die etwas größer als er war, nur seinen Hut sehen. Sie grübelte in einein fort darüber nach, wie sie das, was wie ein schwerer Klumpen, untermischt mit Groll und Haß, in ihrem Innern zusamnicngeballt war, ihrem Nachbar beibringen könnte. Aber da dieser nicht sein verstocktes Schweigen brach, wußte sie in ihrer Schwerfälligkeit keinen Anfang zu finden. So waren die beiden eine ganze Weile nebeneinander hergegangen und schon nicht mehr weit vom Bahnhof, als Doktor Platen in der Dunkelheit auf einer GUtschbahn stolperte und beinah hingefallen wäre. Auch das noch!" bnimmte er.Eine schöne Beleuchtung in diesem vertrackten Nest!" Als wenn Frau Grabaus nur auf dies eine Wort ge- lauert hätte, stieß sie heraus, während sie einen dunkelroten Kopf bekam: Mir ist überhaupt die ganze Stadt verhaßt. Nur bloß weg von hier! Möglichst weit weg von Weimar ! Ach, dieses Weiniar? Alles ist für ihn dort großartig, schön und tausend- mal besser. An nur hat er bloß noch zu mäkeln. Sie glauben nicht, wie ich darunter leide." Doktor Platen wunderte sich baß, da er nicht verstand, was die Fran eigentlich meinte. Da können Sie dock) nichts dazu, wenn ihm Weimar besser gefällt. Sie haben dies alte Nest doch nicht gebaut." Ach, ich meine ja nicht die Stadt, ich meine" Sie Kufzte.Eine Frau hätte mich längst verstanden." Na natürlich!" Verstehen Sie mich wirklich nicht?" Ne. Ich habe eben nicht so'ne feine Nase wie die Frauen." Und doch müßte es Ihnen sonnenklar sein, denn cS spielt sich ja in Ihrem eigenen Hause ab." Da fuhr er in die Höhe und blickte betroffen die Frau an, die, gerade vom Licht einer Laterne beschienen, mit unbe- weglichem Gesicht geradeaus starrte. Wollen Sie sich nicht deutlicher ausdrücken?" Aber erst als Fran Grabaus die Laterne im Rücken hatte und sich wieder im Dunkel befand, sagte sie mit flüsternder Stimme: Ihre Schwägerin und mein Mann wenn das zwischen den beiden so weiter geht, dann gibt's ein Unglück." Hmm," knurrte Dottor Platen als einzige Antwort. Während er den Kopf noch tiefer als vorher nach vorn neigte. stieß er ein paar Mal keuchend den Atem aus. Ohne weiter ein Wort zu wechseln, erreichten die beiden den Bahnhof. Eine Weile stand man dort noch einsilbig und verfroren herum, bis dann der Zug einlief und Platens sich ver- abschiedeten. Aus dem Heimweg aber war Frau Grabaus so vergnügt und zärtlich gegen ihren Mann wie seit langer Zeit nicht. Sie schlug ihm den Rockkragen hoch, damit er sich nicht erkältete, und als er sie fragte, ob der Tag nicht eigentlich ganz nett gewesen wäre, erwiderte sie: Famos! Viel netter, als ich erwartet habe. Der Major ist ein reizender Mensch. Und seine Frau Gott, eigentlich tut mir die arme Frau leid. Sie beneidet mich so wegen meiner Kinder. Alles kann der Mensch eben nicht haben. Sie hat das Geld und ich die Kinder. Schließlich bin ich doch noch die Glücklichere!" Das vergnügte Wesen behielt Frau Grabaus auch in den nächsten Tagen bei. Während sie von dem Bclvußtsein erfüllt war, etwas Notwendiges, sehr Gutes und Kluges getan zu haben, schlug sie doch zugleich gegen ihren Mann manchmal einen spöttischen und mitleidigen Ton an, als wenn sie sagen wollte:Ach. wenn Du wüßtest. Du armer Kerl, was ich Dir

für einen Streich gespielt habe!" Denn nach ihrer Ueber« zeugung würde Doktor Platen nun mit seinem Bruder sprechen, und beide würden dafür sorgen, daß der Verkehr ihres Mannes mit dieser gehaßten Frau ein Ende nähme. Doktor Platen hatte auf das, was er gehört, nur mit einem dumpfen Seufzer, halb des Ingrimms, halb des Schmerzes geantwortet. Aber kein Wort zur Abwehr dieser Verdächtigung war über seine Lippen gekommen. Denn vom ersten Augenblick an war er von deren Wahrheit fest überzeugt. Und während er auf der Heimfahrt mit finsterem Gesicht seiner Schwägerin gegenübersaß, schwebte über dem trüben Wogen seines Innern deutlich nur die eine Frage:Wie weit sind die beiden? Was ist Tatsächliches passiert?" Er liebte seinen Bruder mit diesem starken Gefühl der Familienanhänglichkeit. Seine Schwägerin aber hatte er lange Zeit mit schroffer Ablehnung wie einen Eindringling behau- delt. Erst ganz langsam war ein etwas herzlicheres Ver- hältnis eingetreten, hatte er angefangen, ihr ihre Fröhlichkeit, ihre Anmut, ihre Schönheit zu verzeihen. Doch dahin war es eigentlich erst gekommen, als sie sich seinem Einflüsse unter- zuordnen begann. Gerade in der Zeit, als das helle Lachen der jungen Frau verflogen war zu mattem Lächeln, als ihre Augen den tauigen Glanz verloren hatten und oft so ver- sonnen träumten, als ihre frischen Farben zugleich mit der Frische und Lebhaftigkeit ihrer Gedanken erblaßt waren gerade in dieser Zeit hatte Doktor Platen sich ihr am innigsten angeschlossen und sie mit seinem gehc'm'-en Fühlen und Denken vertraut gemacht. Als sie dann aber von der Reise gänzlich verändert zurückkehrte, kam er sich wie verraten vor. Er sah nicht ein, daß sie in dieser neuen Erscheinung nur wieder sie selbst geworden war, sondern fragte einfach:Wer mag ihr das neue Wesen eingeblascn haben?" Und nach dem ersten Zusammentreffen mit Grabaus wußte er, woran er ivar. Sein Verstand hatte sich mit diesem Verkehr abgefunden, indem er sich sagte, daß die junge Frau für das, was ihr der so viel ältere Mann nicht bieten konnte, einen Ersah suchte in der sentimentalen Freundschaft mit diesem Schönredner und Eharlatan. In seiner Seele aber lebten Kränkung und Eifersucht uneingestanden fort. Und dieser leidensvolle Zu- stand machte ihn so ohne Widerspruch empfänglich für die verdächtigenden Worte jener Frau. Er war entschlossen, seinem Bruder den Vorgang mitzu- teilen. Doch innere Schwerfälligkeit, ein lehtes Bedenken wohl auch, hielten ihn zurück. So legte er sich aufs Beobachten. In den Blicken, mit denen er jetzt seine Schwägerin musterte, lag das unverhüllteste Mißtrauen, fast eine laut redende An- klage. Voll verbissener Wut waren all seine Worte. Marie Luise begann sich vor ihm zu fürchten. Manchmal ahnte sie geradezu, was Frau Grabaus mit ihm gesprochen hatte. Wenn sie an diese und ihren jähen Ueberfall dachte, dann war es nicht Schuldbewußtsein, was sie quälte, sondern das unheimliche Gefühl, daß es einen Menschen auf der Welt gab. der sie haßte, und Schmerz, daß es einen gab, dem sie Leid zugefügt hatte. Darunter litt sie, deren Seele alle Men- schen mit gütigen Augen anschaute, mehr als andere. Das schlimmste aber war der zurückgebliebene Schreck, das Grauen vor der plötzlich aufgetauchten Niedrigkeit. In ihre Welt, die dem vornehmen, stillen Hause glich, das sie von Jugend auf bewohnt hatte, war plötzlich etwas hereingebrochen, von dem sie wohl gewußt, das sich aber bisher nie ihr zu nahen gewagt hatte. Und nun war ihr, als ließe sich das Tor nicht mehr schließen, als würde sie auch in Zukunft solchen Angriffen aus- gesetzt sein. Am nächsten Sonnabend äußerte Doktor Platen die Ab- sicht, seine Schwägerin aus dem Vortrag abzuholen. Diese erklärte verwundert, das sei ihr sehr angenehm. Er wartete am Eingang und begleitete sie und Grabaus nach Hause, �n peinlichem Schweigen verlief der Weg. Auch in den nächsten Tagen fiel ihr auf, wie oft sie ihm begegnete, und seitdem vermied sie es, das Haus überhaupt zu veMssen. Wenn sie an diesen Tagen einsam am Fenster saß oder mit ihrem Gatten plauderte, dann flog ihr Blick oft hinaus ans den Park. Zu allen Tageszeiten sah sie ihn, in allen Be- leuchtungen: wenn im hellen Sonnenglanz die Baummassen