Bekanntlich macht der Hering häufige und bielfache Wanderungen und nach verschiedenen Teilen der Küste; zuweilen verläßt er die Küste eines Landes für eine Zeitlang ganz, wie es vor Jahren an den norwegischen Fjorden der Fall war. Irgend ein derartiger Vor- fall mag in der Tat auch die erste Veranlassung gegeben haben, daß die Norweger in den isländischen Gewässern auf den Fischfang gingen, obwohl der genaue Zeitpunkt, in dem damit begonnen wurde, nicht mehr ermittelt werden kann. Die Norweger konnten dort fischen wie in ihren eigenen Fjorden,„denn sie fangen die Fische, wenn sie ihnen bis vor die Türe kommen, als bäten sie ordentlich, daß man sie fangen solle"; aber sie haben nicht den Unternehmung»- geist der schottischen Fischer, die sich weit in die' See hinauswagen, um dort unter großen Gefahren bei jeder Witterung die Fische auf- zusuchen. Allein trotzdem sind die Norweger kühne und tüchtige See- leute. Die Heringe der isländischen Gewässer werden alle in den Fjorden, nicht auf hoher See gefangen. Die nach Island kommenden norwegischen Fahrzeuge sind meistens Schoner, die die nötige Aus- rüstung an Salz und Fäßchen an Bord haben. Nach ihrer Ankunft werden sie teilweise abgetakelt und vor Anker gelegt, nachdem man zuerst das Material zum Einpökeln an die verschiedenen Stationen gebracht hat. Diese Stationen sind einfache hölzerne Schuppen, die man am Strande erbaut hat und die teilweise ins Wasser hinein- ragen, mit einer Plattform oder Anlände an der Seeseite, um die Fischerboote ausladen zu können. Sie liegen immer an Stellen, wo das tiefe Wasser bis dicht an die Küste heranreicht, so daß die Fahr- zeuge mittels einer Laufbrücke von der Anlände aus und noch immer schwimmend geladen werden können, da das Steigen und Fallen der Flut im Norden und Osten von Island nur drei Fuß beträgt. Die aus Norwegen kommenden Fischerboote sind kleiner als die an den britischen Küsten üblichen, aber größer als diejenigen der Isländer; sie sind mit Mast. Spritsegel und Klüver versehen und sehr leicht, da man mit ihnen kein sehr schweres Wetter zu bestehen beabsichtigt. Das Netz ist aus einem Stück, ein Schlagnetz, mit dem die Heringe nach der Küste gefegt werden. Sollte es mehr Heringe enthalten, als die Boote tragen können, so werden die Enden des Netzes am Strande verankert und die Boote mit so vielen als sie nur tragen können, aus dem Innern des Schlagnetzes heraus mittels Sacknetzen an langen Stangen beladen. Die übrigen Fische bleiben dann, wohlbehalten und alle lebend, tagelang in dem großen Netze eingeschlossen, bis man ihrer bedarf, oder bis der Inhalt des letzteren erschöpft ist. Die Netze sind von verschiedener Größe, von Lg Faden lang und fünf Faden breit, bis zu 150 Faden lang und 20 Faden breit, und werden je nach Maßgabe der Tiefe des Wassers an der Küste, an der man fischt, gebraucht. Die Maschen der Netze find nur einen halben Zoll weit und werden in Norwegen für Sprotten und Heringe gleicherweise gebraucht. Wenn man die Fische geladen hat, werden sie sogleich ganz, d. h. ohne daß man die Eingeweide herausgenommen hat, mit Salz in die Tönnchen eingepökelt und nicht erst ausgeweidet, wie dies in Schottland geschieht. Obwohl dies Einpökeln nicht so gut ist wie das schottländische und holländische, so verursacht das Verfahren doch weniger Arbeit und weniger Behandlung des Fisches, wodurch weniger beschädigt werden. Die Norweger beschäftigen dabei viele Isländer, aber nur als Tagelöhner, sowohl in den Booten wie beim Laden der Fahrzeuge auf den Stationen. Der Zeitpunkt der Ankunft und die Richtung des isländischen Heringszuges scheinen mit denjenigen des schottischen ganz identisch zu sein, nämlich vom Mai und Juni bis September und Oktober, und von der Westküste um den Norden herum bis nach der Ostküste. Der nördliche Teil des Zuges führt zuzeiten innerhalb, zuzeiten außerhalb des Polarkreises hin. Die Heringe scheinen diejenigen Fjorde ganz zu vermeiden, die entweder einen allmählich sich vcr- flachenden Strand oder Hindernisse in Gestalt von Sandbänken, Felsen oder Eilanden haben. Ihr Lieblingsaufenthalt sind Fjorde, die bis an die Küste heran einen klaren Strich tiefen Wassers haben. Zur ersten gemiedenen Klasse gehören Hrutafjord, Skagafjord und Eyafjord im Norden, an dem sich keine Fischerstationen befinden; doch liegt im Hrutafjord die Handelsstation Bordeyri(nach der der Fjord zuweilen benannt wird), und hier sah Kapitän John Coghill, der reisende Agent für das Handelshaus Slimon von Leith, das einen höchst ausgedehnten Handelsverkehr zwischen Groß- britannien und Island hergestellt hat, vor einigen Jahren bei einer Gelegenheit den Strand des Fjordes meilenweit mit toten Heringen bedeckt. Die Fische waren von Walen den Fjord hinaufgetrieben worden, hatten sich in ihrer Angst dem Lande zugedrängt und waren dabei zu Tausenden umgekommen. Die Heringe erscheinen zuerst im Mai oder Juni auf der Höhe von Jsafjord im Nordwesten von Island , allein die Zeit wechselt in den verschiedenen Jahren. Der Zug nähert sich dann der Insel und streicht an der Nordküstc hin, biegt um Langanaes(Langnase), die nordöstliche Spitze von Island , herum und zieht an der Ostküste herab, berührt aber niemals die südlichen und südwestlichen Küsten. Bisweilen finden sich die Heringe schon Ende August, dagegen im September immer, beinahe in allen östlichen Fjorden, besonders im Eskifjord und Seydisfjord . Sehdisfjord ist'/>— 1% engl. Meilen breit, verläuft auf 10— 12 engl. Meilen westlich, wendet sich in seinem Schöße oder obersten Teil südlich und ist auf dem ganzen Wege zu beiden Seiten von steil abstürzenden Bergen von 2500—"000 Fr.ß Höbe eingeschlossen, mit tiefem Wasser bi» dicht an die Kir'.an,, genommen an seinem landwärts gekehrten Ende und seiner nordwestlichen Ecke, wo die Küste sich etwas verflacht, weil die aus den Bergen herunter- kommenden Flüsse hier ihren Schutt abgelagert haben. Die ruhigen, die steilen Berghänge widerspiegelnden Gewässer zeigen auf den ersten Blick kaum eine Spur von Leben in ihnen. Nur da und dort ein Flug weißer Mecresvögel oder das gelegentliche Lärmen einiger Heringwale, die nicht sehr hoch spritzen, ist alles. was darauf hindeutet, daß das Wasser von Fischen aller Art wimmelt. Man sieht keine Scharen von Booten, die am Abend aus- oder am Morgen einlaufen, man hört kein Geschrei oder Ge- lächter an den Landungsplätzen; kein Hasten und Schreien, keine Eile der Fischer, denn die Beute ist in ihrer Hand, und sie können ihre Arbeit nach Belieben regeln— sie können die Netze einziehen. die Fische pökeln, die Tönnchen verschiffen, ganz wie es ihnen paßt, alles sehr ruhig, mit großem Fleiße, aber ohne Lärm und Eile. Das Wasser wimmelt von Heringen, und dort, wo jene Meeresvögel ge- mächlich fischen, da stehen die Fische im Wasser, eingeschlossen von den ungeheueren Netzen, die 150 Faden lang und 20 Faden breit sind. Die Fischer haben alle ihre großen Netze ausgesetzt und suchen die Zahl derselben noch zu vermehren, indem sie einige von den kleinen zusammennähen; allein diese sind nur fünf Faden breit und reichen nicht tief genug hinab, um auf den Grund zu gehen, und sind daher von keinem sonderlichen Nutzen. Die isländischen Heringe sind sehr groß, 13—14 Zoll lang und je 12— 14 Unzen englisch wiegend. Die Möven haben einige Mühe, um sie zu packen und zu verschlingen. Wenn sie sie beim Kopf er- fassen können, so ist es gut, allein sie haben selbst dann noch Not, sie hinunterzuwürgen. Man findet oft Fische, denen von den Schnäbeln der Vögel die ganze Haut vom Rücken gestreift worden ist, bei dem vergeblichen Versuch, sie zu verschlingen.— I. Wiese, Klcince feuitteton. es. Da? renovierte Berliner Theater. Zur Besichtigung waren am Mittwoch Einladungen an die Presse ergangen, aber es war nicht recht ersichtlich, zu welchem Zwecke man sich und anderen diese Mühe gemacht hatte. Es gab nicht viel zu besichtigen. Wer die Einladung las, konnte der Meinung sein, es handle sich um eine neue Innendekoration der alleit Räume, eine künstlerische Neu- schöpfung, wie die modernen Theater jetzt dahin streben, die neuen, dekorativen Grundsätze der modernen Kunst sich zunutze zu machen. Es sülll auch nicht schwer, einen Künstler dafür zu engagieren, denn es finden sich genug Architekten, die dafür Sinn und Verständnis haben, und den öffentlichen Instituten— das Theater ist doch ein solche?— erwächst eigentlich die Verpflichtung, diesen Schritt der Entwickelung mitzumachen. Allerdings ist es ein übleS Ding, ein so alteS, ausgedientes Theater auffrischen zu wollen. Die Ausschmückung eines solchen Raumes, der einem bestimmten Zwecke ausschließlich dient, muß organisch sein, d. h. es muß alles aus den Bedingungen heraus wachsen, notlvendige Beziehungen des Materials unterstreichen, und so muß sich der Jnnenraum unter der künstlerisch besonnen und maßvoll arbeitenden Hand des Architekten gewissermaßen von selbst aufbauen. Er muß ruhig und groß wirken, d. h. er darf keinen überladenen Schmuck haben, denn bei den großen Entfernungen, die ein Theaterraum bietet, verwischen sich die allzu kleinen Formen zu einem charakterlosen Ge- mengsel, und jedes Zuviel an Linien zerreißt die Raum- Wirkung, wirkt kitittrig, kleinlich. Zudem wirkt die Masse der Zu- schauer von selbst so unruhig, daß da» Auge es als angenehm empfindet, wenn diesem schwarzen und bunten Gewimmel in den Fonnen der Architektur ein Gegengewicht geboten wird. Gerade das moderne Theater bietet dem modernen Architekten große Aufgaben. Bisher haben wir unsere Theater meist mit einem spielerischen, prunkenden Aufloand an Ornamenten, in Stuck, mit Gold übcnnalt, geschmückt. Das großzügig gebaute, im Innern ruhig und ernst ge- staltete Theater haben wir erst noch zu erwarteit. Freilich müssen wir da auch erst eine andere ernste und große Theaterkunst haben, so daß das Theater wieder ein Sammelpunkt großgeistiger Interessen ist, an dem alle gleichen Anteil haben. Das Theater an sich, so ivie es jetzt ist, ist ein getreues Abbild einer zerfahrenen Kultur, die sich mit fremdem Flitterkram schmückt, mit Ornamenten aus vergangeilen Stilen; und die Gold- und Stuckprotzerei redet von einem Bar- barismns des Geschmacks. Wir haben in Deutschland bisher nur ein künstlerisch aus einem Guß gestaltetes Theater, das ist das Münchener Schauspielhaus, eine Schöpfung des Münchener Architekten Richard Riemerichniied. Das Berliner Theater ist ein Beispiel, wie es nicht gemacht werden darf. Die Theaterfirma Hugo Baruch u. Co. hat die Aus- statlung besorgt. Sie hat dem alten Bau ein neues Mäntclchen umgehängt. Die alten roten Wände sehen aber hindurch durch die neue Pracht. Das Ganze macht den Eindruck einer Theater- dekoration Reichliche Verwendung von Weiß, dem sich ein Grau- grün imitierten Marmors gesellt, dazu ein mattes Rosa in den Stühlen des Parkettraums, das sind die Farben, auf die der Raum gestimmt ist. Abgesehen davon, daß das Alte lind Neue nicht zu- iammengeht, ist die Dekoration an sich nicht gut. Das Un- persönliche, Schematische der Gestaltung zeigt sich überall offen. Und das ärgert auf die Dauer. Man will so tun, als Hütte man sich die Eigenheiten des modernen Dekorationsstils zu eigen gemacht. Man hat aber nur gewisse Aeußerlichkeiteu übcrnomnicn, die unter dem Namen.Jugendstil" jedem glitcn Ge-
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22 (13.10.1905) 200
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