bringen," mahnte Frau Beier.„Das Stück geht ja blok darauf auS!" „Ich?" Fräulein Schwarz erblaßte empört.„Ich? Was Hab ich denn groß getan? Was Hab ich denn gesagt? Gar nichts Hab ich gesagt I" Frau Beier bebte vor Entrüstung. Sie stemmte einen Arm in die Seite und schwang drohend eine lräftige Hand:„Ick kann Ihnen bloß raten: kommen Sie nich noch mal vor meine Tür, verstehen Siel Da haben Sie neulich auch jestandenl Sonst hau ich Ihnen eine'runter, daß Ihre elende Spioniervisage acht Wochen wie'n jekochter Krebs aussieht l" Fräulein Schwarz stand eine halbe Treppe tiefer und jammerte: „Das hat man nun davon. Alles hackt auf mir armem, altem Mädchen herum. Immer soll ich schuld sein. Und ich will doch nur das beste der Leute I" Dann war sie plötzlich verschwunden, ohne daß man sie gehen hörte. Lautlos öffnete und schloß sich ihre Tür.— — Woher kommt die Bezeichnung„Tituskopf?" Diese Frage beantwortet eine Mitteilung K. Naumanns im letzten Heft der „Zeitschrift für Deutsche Wortforschung" wie folgt: „Der berühmte französische Schauspieler Talma , geboren den IS. Januar 1766, legte, wie er in seinen„Memoiren" beridjtet, großen Wert darauf, seine historischen Rollen in möglichst treuen, der Zeit des dargestellten Stückes entsprechenden Kostümen zu spielen. Talma rühmt sich sogar, daß man den Geschmack in der Kostü- mierung, die Wahrheit in der äußeren Erscheinung einer antiken Person ihm allein verdanke. So war er der erste, der als„wahrer Römer" auftrat,„in, wollener Kleidung, im echten antiken Cothurn init nackten Armen und Beinen". Als er auf die Bühne trat, brachte er, so erzählt Talma , eine ungeheure Wirkung hervor. Madame Vestris, die sich gerade auf der Bühne befand, sah ihn vom Kopf bis zu den Füßen an.„Aber", sagte sie mitten in der Rolle,„Sie hoben ja nackte Arme, Talma ". „Ganz so wie die alten Römer." „Aber Sie haben ja auch keine Hosen an." „Tie Römer trugen auch keine." „Sic Schwein!" rief sie aus. Madame Vestris konnte vor Zorn nichts weiter sagen und ging wütend ab, ohne begreifen zu können, wie Talma bei vollen, Ver- stände eine solche Ungebührlichkeit begehen konnte. Bei seinen Kostümstudien unterstützte Talma Bouchcr, über den sich Talma folgendermaßen, ausläßt:„Uebrigens hatten wir in der rue Uicbelieu ein Individuum, Ivelches als Kostümezeichner ganz vorzüglich war: einen unserer Kameraden, namens Boucher, der als Maler nicht ohne Talent war, und mit dem ich ganze Tage in der Bibliothek zubrachte." Im Mai 1791 wurde in der Comedic-Franeaise der„Brutus " von Voltaire neu einstudiert. Talma stellte den Titus dar. Er ließ sich die Haare nach dem Modell einer antiken Büste schneiden. Diese Neuerung brachte, wie Talma erzählt, eine so große Wirkung her- vor, daß acht Tage danach alle jungen Leute das Haar kurz geschoren hatlen und daß sich die Coiffure a la Titus von jenem Theaterabend herschrcibt.— hl. Hochzeitsgebräuchc in Finnland . Eine merkwürdige Mischung von alten heidnischen �Gebräuchen und religiösen Zere- monien gibt sich noch in den Sitten mancher Gegenden Finnlands kund. So sind die Hochgeitsfeierlichkeiten, wie sie in den nahe an der Grenze Rußlands gelegenen finnischen Gebieten beganger. werden, volksknndlich von hohem Interesse, da hier gew'fs? primitive Formen der Ehe noch deutlich erkennbar sind. Das Fest einer Hoch- zeit ist in Finnland einem Begräbnis viel ähnlicher als einer Freudenfeier, und die„glückliche Braut" ist in Schmerz und Tränen aufgelöst. Vielleicht fühlen sich aber die finnischen Bräute gar nicht so furchtbar unglücklich, als sie es erscheinen müssen; aber es wäre ein arger Verstoß gegen jede gute Sitte, wenn sie nicht eine tiefe Melancholie zur Schau tragen würden. Die Großmutter der Braut, die Mutter, die Schwestern und die Freundinnen, alle weinen sie bitterlich, und dem armen jungen Mädchen bleibt nichts übrig, als in den Heulchorus einzustimmen. Man darf wohl annehmen, daß diese Traurigkeit aus den Zeiten der Raubehe noch übrig geblieben ist, wo der plötzliche Ucberfall das gewaltsame Herausreißen des Mädchens Jammer und Klagc vorrief. Auch heute noch find die Formen der Kaufehe in Fiu. j durchaus festgehalten. Der Be- Werber verhandelt nicht mit dem Mädchen, sondern mit dem Vater durch einen berufsmäßigen Advokaten, der sich über Mitgift und Anlage des Vermögens des jungen Mädchens erkundigt. Ist der Abgesandte über die materiellen Fragen unterrichtet und durch die Auskunft befriedigt, so läßt er mit diplomatischer Gleichgültigkeit die Frage einfließen, ob man die Tochter zu verheiraten wünsche, und auf eine bejahende Antwort hin kehrt er mit den Eltern des jungen ManneS zurück, worauf eine gemeinsame Vereinbarung ge- troffen und ein feierlicher Vertrag geschlossen wird. Einige Tage vor der anberaumten Hochzeit beginnen die Trauerzeremonien, durch die die Finnländerin in das Glück der Ehe eingeht. Unter schlver- mutigen Gesängen und melancholischen Reden verfließen die Tage, bis der Tag vor der Hochzeit, der„Tag der Tränen" herein- bricht. An diesem findet die Zeremonie des Bades statt. Schon früh am Morgen nimmt die Braut, von ihren Freundinnen um- geben, auf einer Bank vor den, Hause Platz, während die berufs- mäßigen Klageweiber höchst wehleidige Gesänge anstimme». Dann erhebt sie sich und bittet mit genau vorgeschriebenen Worten und tränenerstickter Stimme ihren Bruder. Holz zum Heizen des BadcS zu holen, dann die. Schwester, das Bad zu bereiten, und die liebste ihrer Freundinnen, das Wasser aus dem Brunnen zu holen.„Laßt mich noch einmal baden, damit ich von meinem so weihen Körper jede Spur des Unreinen und aus meinem Herzen den quälenden Kummer entferne," das ist der Inhalt eines eintönigen Gesanges, der während der Vorbereitungen zum Bade erklingt; er wird wie alle diese Hymnen mündlich unter den Finnen überliefert, und es gibt eine ganze Reihe poetisch sehr reizvoller Hochzeitsklagen. Tie Braut kehrt mit ihren Gefährtinnen aus dem Bade zurück; sie stützt sich auf die Führerin der Klageweiber. Am Eingang des Hauses tritt ihr ihr Bruder, der bei dieser Zeremonie eine große Rolle spielt entgegen; er trägt in der Hand ein merkwürdig geformtes Gefäß, das mit geweihtem Wasser gefüllt ist,»nd reicht es der Schwester, daß sie sich damit bekreuzige, um böse Geister und Krankheiten da. mit zu vertreiben. So mischen sich heidnische und christliche Vor- stellungen durcheinander. Dann erscheint die Mutter, ganz in Tränen aufgelöst, und führt die Tochter mit ihren Begleiterinnen in das Innere des Hauses. Alle wenden hier ihr Antlitz nach Osten, werfen sich vor den Heiligenbildern nieder und berühren mit der Stirn den Fußboden. Sie rufen den Segen des Himmels auf die Braut herab, während die Männer der Fainilie in feierlichem Ernst dabeistehen. Dann nehmen sie enTseHr bescheidenes Mahl ein, und zwar nur die Verwandten und Freundinnen der Braut; der Bräutigam ist am „Tränentag" nicht sichtbar, da dieser Tag dem traurigen Abschied der Braut von der glücklichen Zeit ihrer Unschuld allein geweiht ist. Auch in diesem Beklagen des traurigen Loses der Ehegattin und in dem Preisen der Jungfräulichkeit könneit wir Aiillänge an orientalische Sitten finden, nach denen die Frau nur die Sklavin des Mannes ist und für ihn arbeiten mutz. Nach dem Mchl macht die Braut mit den jungen Mädchen und den Träncnfrauen Abschieds- einem melancholischen Gesang begrüßt, der das traurige Ereignis einem melancholischen Gesand begrüßt, der das traurige Ereignis anlündet. Rührende Szenen des Abschiedes mit Küssen, Tränen und Umarmungen lösen einander ab; die Braut erhält kleine Ge- schenke und enipfiehlt sich wieder unter neuen Gesängen und Kom» plimenten. Bewundernswert ist die unerschöpfliche Tränenfülle und die nie ermüdende Zungenfertigkeit, die den finnischen Frauen dabei zu Gebote steht. Dazwischen wird bei allen diesen Besuchen vcm> der vorgesetzten Aufwartung eifrig gegessen. Unterdessen hat die Mutter der Braut ebenfalls mit Korben, Backen und Braten ihre Vorbe- reitungen für das festliche Mahl getroffen, das den„Tag der Tränen" beschließen soll. Man setzt sich zu Tisch, und wieder arbeiten die Tränendrüsen, wieder sind alle Augen mit Wasser gefüllt. Das guta Essen scheint die Rührung noch zu steigern; sie lvenien alle, weinen, weinen. Alle jungen Mädchen tragen ein breites Band um die Stirn geschlungen, das hinten am Kopf geknüpft ist und in zwei langen Schleifen auf den Rücken flattert. Dieses Band hält das gestickte, sehr kostbare Taschentuch fest, das als Kopfschmuck über die Haare gelegt ist. Der Braut wird zum Synibol.hm Jrauenschaft das Band von der Stirn genommen, dann wird ihr die aus Zöpfen geflochtene Frisur der Mädchenjahre aufgelöst, denn die finnische Ehefcau trägt eine andere Haartracht als das Mädchen. Dazu er- klingt wieder ein besonderer Gesang. Am Morgen des HochzeitS - tages uaht der Zug des Beloerbers mit seinem Slnhang. Von den Klagefrauen geleitet, erscheint die Braut aus dem Hofe, und zum Zeichen ihrer Unterwerfung untc.. ihren künftigen Herrn>nuß fis sich auf die Knie beugen und die Stirn tief gegen die Erde drücken'. Tann folgt die Austreibung der bösen Geister durch den Zauberer oder„Patvaska". Er nimmt das gestickte Taschentuch der Braut und beschreibt drei geheimnisvolle Kreise um das junge Paar, indem er dazu alte Zaubersprüche murinelt. Man glaubt sich bei solchen Zeremonien in die Zeiten des Mittelalters zurückversetzt, bemerkt „Le Tour du Monde" zu dieser Schilderung.— Theater. — Die„Neue Freie Volksbühne" führte am Mittwoch im Neuen Theater„Die Asche nbachS" von A r in i n Gimmerthal auf.— Es sind die alten und die jungen Aschen, bachS, aber es ist nicht die alte und die junge Welt, die sich an ein- ander reiben. So weit greift das Stück nicht aus. Es macht bei den Charakteren Halt. Ter alte Aschenbach ist ein Geizkragen, der Besitz und Kommandv im Hause nicht an die Jungen abtreten will. Er gehört eben aufs Altenteil. Da löimte er Herumbossel». Sein Sohn ist fleißig und kann arbeiten. Und er möchte nun die Rosals Rohrbach ins Haus bringen und sich zur Frau nehmen. Mit ihr könnte er tüchtig wirtschaften, denn die ist wie er, fleißig, flink unk» fröhlich. Die Alten solltens dann gut haben. Aber die Rosals brächte nur ihre junge Kraft, Vermögen hat sie leines. Drum mag sie der Alto nicht. Er will keine, die ihm sein bißchen Sach nehmen und ihn beiseite schieben könnt. Anders nun aber, wie eine Erb« schaft in Aussicht ist. Da beeilt der Schlauberger die Hochzeit. Aber der vertrocknete Knichcler hat sich verrechnet. Der Rosale ist nichts vermacht worden von der Muhme. Und Wenns erst gut ge, Wesen war zwischen den Alten und Jungen, erst, �solange ine Sachs nicht sicher lvar, bald wird alles schlecht. Das nörgelnde Regiment und die stichelnde und stachelnde Bosheit des Alten werden nncrtrag« sich. Er ist der Fluch im Hause. Er nimmt crstmal den Junger, alse Arbeit weg, daß sie beschämt und verschrien im Torf als Faulenzer dastehen, die alles den Eltern aujbürden und sich selb'
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22 (24.11.1905) 229
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