Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 240.

Die Huerta.

Sonnabend, den 9. Dezember.

( Nachdrud verboten.)

Roman von V. Blasco Jbanez. Autorisierte Uebersetzung von Wilhelm Thai. Es war bereits Mittag. Der Sand des Flusses brannte, in dem von den Böschungen eingeschlossenen Staum wehte kein Lüftchen. In dieser warmen, feuchten Atmospäre dörrte die gerade herunterfallende Sonne die Haut und trocknete die Lippen aus.

Der Zigeuner ging einige Schritte auf Batiste zu und hielt ihm das äußerste Ende des Strickes hin.

Geben wir jeder ein bißchen nach: Dreißig Duros. Gott weiß, daß ich dabei nicht einen Pfennig verdiente. Sagt nicht nein, ich würde vor Wut umkommen. Also, schlagt ein!"

Batiste packte den Strick, um die Besizergreifung anzu deuten, dann reichte er dem Verkäufer die Hand, der sie herz­lich schüttelte. Der Handel war geschlossen.

Nun zog der Bauer aus seinem Gürtel den ganzen Haufen bon Ersparnissen, der ihm auf den Bauch drückte: eine Bank­note, die ihm der Besizer geliehen, einzelne Stücke zu einem Duro, Hände voll Kleingeld, in eine Papierdüte eingetan; und als die Summe beisammen war, fonnte er nicht umhin, mit dem Zigeuner unter das Blätterdach zu gehen und ihm ein Gläschen anzubieten; auch mußte der Monote einige Pfennige für seine Laufereien haben.

Hier, nehmt die Perle des Marktes mit, das ist ein guter

Tag für Euch, Senor Batiste; Ihr habt Euch heute morgen mit der rechten Hand bekreuzigt; die Jangfrau Maria will Euch wohl."

Er mußte ein zweites Gläschen trinken, das der Zigeuner spendete; dann machte er der Sintflut von Aufmerksamkeiten und Liebenswürdigkeiten ein Ende, mit denen der Pferde händler ihn überschüttete, stieg mit Hülfe des dienstfertigen Monote auf den ungesattelten Rücken des Pferdes und ver­ließ den Markt.

Er war mit seinem Kaufe zufrieden, er hatte seinen Tag nicht verloren. Kaum dachte er jetzt an den armen Morrut; und jedesmal, wenn sich auf der Landstraße oder auf der Brüde jemand umwandte, um den Schimmel zu betrachten, fühlte er den ganzen Stolz des Besizers.

Die größte Freude empfand er, als er an Copas Schenke borbeikam. Er ließ den Gaul in leichten Trab fallen, als wäre er ein Rennpferd; er sah, als er vorüber war, wie Pimento und alle Bummler der Huerta mit verdugten Augen den Kopf zur Tür hinausstedten. Die Elenden, sie wußten jegt wohl, daß es nicht so leicht war, ihn anzufallen, und daß er sich zu verteidigen wußte. Sie hatten es gesehen. Das tote Lier war ersetzt. Wenn Gott nur wollte, daß sich zu Hause auch alles so leicht in Ordnung bringen ließ.

1905

Der Arzt war da gewesen. Er hatte den Kranken cine lange Weile untersucht, hatte dann die Stirn gerunzelt und in verblümten Worten gesprochen; dann war er fortgegangen, ohne eine neue Verordnung zu hinterlassen. Als er aber aufs Pferd gestiegen war, hatte er gesagt, er würde am Abend wiederkommen.

Uebrigens war der Kleine noch immer in demselben Zu stande; er hatte ein heftiges Fieber, das seinen armen, er­schöpften Körper immer mehr verzehrte. Es war genau so wie sonst. Sie hatten sich jetzt an dieses Unglück schon gewöhnt, die Mutter weinte mechanisch, und die anderen gingen mit mürrischer Miene an ihre gewohnte Beschäftigung.

Teresa fragte als gute Hausfrau ihren Mann nach dem Resultat der Reise; und sogar Roseta vergaß ihren Herzens­fummer, um sich nach dem Kaufe zu erkundigen.

Alle, Große und Kleine, begaben sich nach dem Stall, um sich das Pferd anzusehen, mit dem sich Batistet in seiner un­ermüdlichen Begeisterung noch immer beschäftigte. Das franke Kind blieb in dem großen Bett der Kammer allein, wo es sich mit trüben Augen hin- und herwälzte und mit schwacher Stimme Mutter schrie.

Teresa betrachtete mit ernster Aufmerksamkeit den Kauf ihres Mannes, berechnete langsam, ob er wohl dreißig Duros mert war; die Tochter suchte Unterschiede zwischen dem Morrut seligen Angedenkens und seinem Nachfolger; und die beiden Jüngsten zogen in plötzlichem Vertrauen dem Neuen" am Schwanz und streichelten ihm den Bauch, während sie ver geblich ihren älteren Bruder anflehten, sie auf den Rücken des Zieres zu sehen.

Kurz und gut, es gefiel allen, dieses neue Familienmit. glied, das erstaunt die Krippe beschnupperte, als fände sich hier eine unbeſtimmte Spur, eine ferne Erinnerung an den toten

Kameraden.

Dann man zu Abend; und so groß war das Fieber der Neugier, so groß die Begeisterung für das Tier, daß Batistet und die Kinder mehrmals vom Tische aufstanden, um einen Blick in den Stall zu werfen; sie schienen zu fürchten, dem Hengst wären Flügel gewachsen, und er wäre davon. geflogen.

Der Abend verlief ohne Zwischenfall. Batiste hatte einen Teil des bis dahin unbeaderten Terrains zu pflügen; sein Sohn und er spannten das Pferd an und waren ganz stolz, als fie faben, mit welcher Sanftmut es gehorchte, und wie kräftig es den Pflug zog.

Als sie sich bei Einbruch der Dunkelheit anschickten, die Arbeit zu verlassen, erschien Teresa an der Tür der Hütte und rief sie mit lautem Geschrei; sie schien um Hülfe zu bitten. Batiste! Batiste! Komm' schnell!"

Und Batiste stürzte, von dem Ton dieser Stimme und den verzweifelten Bewegungen erschreckt, nach dem Hause.

Der Kleine lag im Sterben. Man brauchte ihn nur an­Sein hohes, grünes Getreide stand wie ein See mit un- zusehen; ein Zweifel war nicht möglich. Als Batiste in das ruhigen Wogen am Wegrande, seine Luzerne wuchs kräftig Simmer trat und sich über das Lager neigte, schauderte er, als und strömte einen Duft aus, so scharf und durchdringend, daß hätte man ihm einen Eimer Wasser über den Rücken gegossen. das Tier die Nüstern blähte. Ueber seine Felder hatte er sich Der arme" Bischof" rührte sich kaum noch; nur die Brust be­gewiß nicht zu beklagen, aber zu Hause fürchtete er, das Un- wegte sich mit schrecklichem Röcheln; der Mund nahm eine glück zu finden, diesen ewigen Gefährten seines Lebens, der sich stets an ihn flammerte.

Sobald Batiftet den Trab des Pferdes vernahm, tam er, den Kopf noch mit Bandagen umwidelt, herbei und bemächtigte sich des Halfters, während sein Vater abstieg. Der junge Bursche begeisterte fich für das neue Tier; er schmeichelte ihm und streichelte ihm den Kopf; brennend vor Ungeduld, von seinem Rücken Besitz zu ergreifen, setzte er seinen Fuß auf den Schenkel und stieg, nach Art der Mauren , über die Kruppe hinauf.

Batiste trat in die Hütte, die, blank und kofett wie immer, mit ihren leuchtenden Porzellankacheln und ihren ordnungs­gemäß verteilten Möbeln glänzte. Aber trotzdem herrschte darin eine Traurigkeit, die sie einem von Sauberkeit stroßenden Grabe ähnlich erscheinen ließ. Seine Frau trat mit dicen, roten Augen, wirren Haaren und einem müden Aussehen, das lange Nachtwachen verriet, auf die Schwelle.

biolette Färbung an; die fast geschlossenen Lider ließen glasige, unbewegliche Augen sehen, und das bleiche Gesicht schien von einer geheimnisvollen Nacht umdüstert, als hätten die Flügel des Todes bereits ihren Schatten darauf geworfen. Das einzige, was in diesem Geficht noch glänzte, waren die blonden Locken, die wie ein Seidenfnäuel auf dem Kissen lagen, und in denen das Licht der Tonlampe mit seltsamen Refleren spielte. Die Mutter stieß ein heiseres Schreien, das Geheul eines wilden Tieres aus. Ihre Tochter, die stillschweigend weinte, mußte zur Gewalt ihre Zuflucht nehmen, um die arme Frau zu hindern, sich auf den Kleinen zu stürzen oder sich an der Wand den Schädel einzurennen. Draußen weinten die Brüder, ohne sich in das Zimmer zu wagen, als ob die Klagen der Mutter sie vor Grauen und Entsegen angenagelt hätten. Batiste stand wie betäubt am Bett, ballte die Fäuste, biß sich auf die Lippen und blickte starr auf den gebrechlichen Körper, der so viele Schmerzen und Qualen erdulden mußte. Die Ruhe dieses Riejen, diese trockenen Augen, deren Lider in ner­vösem Blinzeln zudten, die über das sterbende Kind geneigte