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Sie sollte ihn nicht mehr sehen. Ein Kuß, noch einen Kuß!" Und der Kopf des Toten, der trotz der Schminke immer fahler wurde, wackelte von einem Ende des Kopffissens zum anderen und bewegte sein blühendes Diadem in den Händen der Mutter und Schwester, die sich um den letzten Kuß stritten.

Doch der Herr Vikar mußte wohl mit den Meßfindern und Chorknaben am Ausgange des Dorfes warten, man durfte sich also nicht verspäten. Pepita wurde ungeduldig: Geht, geht in die Kammer!" und mit Hülfe anderer Frauen stieß sie Teresa und ihre Tochter hinein.

( Fortsetzung folgt.)

wegen Flügeln entschwinden würde, um nie mehr zurück-| Stabsarzt der Reserve. Ihm muß die Stelle abgejagt werden. gutommen. Mein Söhnchen! König seiner Mutter!" stöhnte Das unternimmt die Frau des anderen. Zu rechter Zeit besinnt die arme Teresa. sie sich, daß ihr verstorbener Vater und der Bergdirektor zusammen auf der Universität gewesen sind. Er war ja auch schon im Hause geladen; man kennt sich also, und das übrige, nämlich die Empfeh­lung ihres Gatten bei der Regierung, wird dann der Direktor gewiß besorgen. Inzwischen aber verliert die Frau ihr Erbver­mögen, das der Mann bei einem Bankler arbeiten läßt; denn dieser ist eines Tages mitsamt den Wertpapieren durchgebrannt. Man ist nahezu am Bettelstab; die Praxis trägt noch immer nichts; der Apotheker mit dem anderen Arztę intrigieren heftig, weil sie dahinter gekommen sind, daß der funge Doktor nicht nur keine Medizinen verschreibt, sondern daß er vom Militär ohne den Stabs­arzttitel abgegangen und daß er außerdem von unehelicher Geburt fei. Ein Makel haftet also an ihm, das ist unzweifelhaft. Oben­drein will der Schlächter fein Fleisch mehr borgen und läßt den Arzt pfänden. Die Pfändung tann im rechten Augenblick noch abgewendet werden, weil sich ein reicher Patient Krawatten­dreher" schlimmster Sorte, zur Hergabe einer Summe auf Wechsel herbeiläßt. Aber die Kassenarztstelle ist noch immer in Schwebe. Beim ärztlichen Ehrengericht wird währenddem eine Beschwerde gegen den jungen Kollegen eingebracht. Dabei kommt es zum Klappen. Der Apotheker sowie der rivalisierende Arzt werden als Schurken entlarvt und so ist die Stelle dem Sieger sicher. Freilich, seine Frau mit dem wunderlichen Wesen" hat unter­dessen manche Herzenskrise durchgemacht. Zunächst flirtete sie mit einem alten besoldeten Stadtrat. Er war ehedem Offizier gewesen, hatte dann Jus studiert, was Assessor geworden und schließlich auf diesen Posten verschlagen, der ihn feineswegs befriedigte. Eine Herrennatur", ein origineller Poltrian, hatte er sich nun in die junge Frau verliebt. Sie wies ihn ab und er zog in den Buren­krieg, wo er den Tod fand. Dann versucht ein Kollege ihres Gatten, der bei dem Konkurrenten als Assistenzarat tätig ist, fie zu Fall zu bringen. Auch dieser Coup gelingt nicht, weil die Frau ein so wunderlich Wesen" ist. Als sie sich guter Hoffnung fühlt, kommt eine vollständige Wandlung über sie. Nun wird ja alles gut werden.

Neue Romane und Novellen.

Titel sind nicht immer Etiketten, die Büchern nur so auf geklebt werden. Es gibt unter den Schaffenden Seiltänzer, Harle­fine und ein paar ernst zu nehmende Künstler. Die von der ersteren Kategorie gebrauchen irgend eine marktschreierische Buch überschrift lediglich zu Geschäftszwecken, etwa wie reisende Schau steller ihre schauderhaft schönen Firmenschilder; diese, das heißt ein paar wirkliche Dichter bestreben sich, in den Titel die Quint­effenz ihres Werkes zu legen: man tritt in dieses ein wie durch ein Bortal mit feierlicher Ueberschrift in goldenen Lettern. Aber das sind nur wenige. Die anderen folgen dem reklamelüsternen Bug unserer Zeit, sie erfinden Titel, die mehr versprechen, als das betreffende Werk zu halten vermag. Pia fraus, fagt der La­teiner; nicht immer absichtlich, oft Selbsttäuschung, Ueberschäßung des Gegebenen aber doch Betrug.

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Rudolf Huch schätze ich als regsamen Schriftsteller; doch der Titel seines Romans" Der Frauen wunderlich Wesen") macht Erwartungen rege, die hinterdrein nicht erfüllt werden. Man hofft, hier auf neue Offenbarungen der weiblichen Psyche zu stoßen, und findet doch nicht viel mehr als alltägliche Wahrnehmungen. Ein Gattungstypus wird da in der Frau des jungen Arztes geschildert: ein Individuum von mähigem Intellekt, mit den potenzierten Voraussetzungen eines Großstadtmenschen, durch Heirat nach Strähwinkel verschlagen. Hier ist man zum Ver­zicht verurteilt, muß mit allerlei kleinlichen Verhältnissen und Widrigkeiten die begriffsstükigen Anschauungen eines bornierten, um nicht zu sagen fulturfeindlichen Kleinstädtervoltes in Kauf nehmen und bekommt für jedwedes Löcken wider den Stachel tausend: Schmerzen am eigenen Jch zu kosten. Zuvörderst hat man fich als junges Wesen, das zu Hause im Wohlleben aufgewachsen, die Ehe ganz anders gedacht. Nun ist man nichts, als die Frau eings Arztes, der in irgend einem Provingneſt die Pragis von einem Kollegen fäuflich übernommen hat. Da heißt es sich durch­züfeßen. Das ist feineswegs jo einfach. Immer, wenn wer ein Dottor Stockmann ist, wird er, das lehrt uns Jbsen, zum Voltsfeind gestempelt. Stodmanns Kollege in Dingsda genoß in Berlin , als er noch Assistent an der Klinik war, einen guten Ruf als medigi­nisches Zukunftslumen, in seinem nunmehrigen ländlichen Wir­fungsfreis mußte er, das war vorauszusehen, Anstoß erregen. Das Studium der Naturwissenschaft lehrte ihn von Haus aus den Gebrauch aller Apothekenmittel zu verbannen. Auf Freundschaft mit dem seßhaften Billendreher sowie mit seinem Berufskollegen dort zu bauen, wäre trügerisch. Man betrachtet ihn mit feindlichen Augen. Dies um so mehr, als er auch gerade ins Bolt hinabsteigt, um ihm den Segen der Naturheilkunst zu bringen. Als moderner Mediziner hat er soziale Justinite. Darf einer das alles, wenn er in Krähwinkel als Arzt in die Gesellschaft" kommen, zu ihr, demt höchsten Machtfaftor, mit dem à tout prix gerechnet werden muß, gehören will? Unser Held ist aus anderem Holz geschnitzt. Der Sadelianer hält fest an dem Naturgesetz von der Auslese der Starken und Besten. So fann ihm denn nichts den Glauben an sich selbst und seinen endlichen Sieg erschüttern. So will er denn nichts von Empfehlung und Protektion durch andere wissen. Er, der fachwissenschaftlich hochbegabte Maun muß lediglich aus und durch sich selber emporkommen, ohne der Krücken anderer zu be­dürfen, ohne die Brücken zu betreten, die die große Menschenherde wandelt. Seine Frau huldigt gegenteiliger Anschauung. Erft hatte fie gehofft, sich beide in Dingsda unmöglich zu machen, indem fie der Gesellschaft" mal auf, mal vor den harten Schädel schlug, um so wieder nach Berlin zu kommen. Nichts weiter, als daß man fich Feinde schaffte. Ihr Gatte, meint sie nun, werde ohne die Mit­wirkung Dritter, ohne Wegbereiter nicht zu einer ausfömmlichen Braris gelangen; die überwiegend proletarische bislang trug nichts es wäre denn eine tassenärztliche. Richtig, da wird im benach barten Bergwerksrevier die Stelle eines Arztes mit fester Be­soldung demnächst frei werden. Anwartschaft darauf dürfte der Konkurrenzfollege haben; denn er ist lange Jahre hier und ist *) Bei Egon Fleischel u. Co., Berlin .

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In dem Roman, der im ersten Drittel tüchtige Qualitäten zeigt, verstimmt doch hernach das Konstruierte feiner ganzen Fabel. Manches ist zu stizzenhaft und unlogisch. Der Krawatten­dreher" zum Beispiel; ferner die Arbeitertypen; unbehauen wirkt Gute Zeichnung verraten einige Nebenfiguren; am besten ist die dann die Situng des Ehrenrats. Anderes gerät wieder besser. des Stadtrats gelungen.

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Als Konstruktionsroman möchte ich auch Peter Schüler"*) bon Erich Lilienthal bezeichnen. Der mir bis dato un bekannte Verfasser nennt sein Wert eine Tragi- Groteske". Damit hat er recht. Er stellt einen Typus aus der Genieperiode des jüngsten literarischen Deutschlands auf die Beine. Der Held ist aber vorzüg lich gezeichnet. Wir begleiten ihn von Kind auf durch alle Phasen seiner Entwickelung" bis zum Wahnsinn. In ihm spiegelt sich die verderbliche Haltlosigkeit jener Gott sei Dant begrabenen Epoche. So saben sie aus die Ikarusse! Jammerprodukte einer weichlichen Erziehung. Schlechte Schüler dann, Universitätsbummler später, inzwischen Caféhaus- Pflanzen, die sich hier den größten Teil der Tage und Nächte faulenzend auf den Polstern rätellen, ihr Wissen" aus Beitungen und literarischen Wintelblättchen sogen, mit Nitzsches Barathustra" schlafen gingen, bei startendamchen platonische Liebes­fünfte durchmachten, Absinth schlürften, ihre hohlen Hirne fünstlich au poetischer Treibhauslyrit entzündeten und sich im übrigen als charakterlose Lumpe und literarische Genies brüsteten. Wie viele haben wir an ihrem Größenwahn, der ihrer fünstlerischen Zucht­losigkeit die Wage hielt, elend verkommen gesehen! Man möchte auf diesen oder jenen, ja auf Dubende, die am Wegrand liegen ge= blieben und nach deren ephemeren Leistungen und noch gleiche gültigeren Namen längst fein Hahn fräht, mit dem Finger hin= reisen und sagen: Der war Peter Schüler! Mir scheint, daß Erich Lilienthal der Verschwommenheit jener literarischen Dekadenzzeit eine plastische Gestalt verliehen hat, besser, als alle Geschichte schreiber des Naturalismus zusammen genommen. Und noch auf ein charakteristisches Merkmal sei nebenbei hingewiesen: auf den Anteil, den Lilienthal der Frau seines Nomanhelden an deffen Schicksal zugewiesen hat. Diese Episode erinnert an historische Tat­fachen. Bekanntlich verübten die Frauen zweier deutscher Dichter: Heinrich Stieglitz ' und Gottfried Kinkels, Selbstmord, um deren finlende Schöpferkraft aufs neue zu entfachen. Es war, obwohl ein frankhafter, jedenfalls doch ein ungewöhnlich persönlicher Heroismus der Tat. Auch die Frau des Peter Schüler opfert sich für den Gatten, aber fie opfert sich auf völlig andere Weise: fie ficht die Ihrifche Impotenz und fünstlerische Fragwürdigkeit Schülers troß alledem bei der Menge durchzudrüden, indem sie als Odaliske aufs Podium steigt und des Mannes platonische Liebeslieder deklamiert. Ihrer Nacktheit jauchzt das Publikum zu; der Dichter aber getvinnt keine Gemeinde. Die Frau sett den höchsten Preis, den ein Weib zu vergeben hat: ihre Schamhaftigkeit, ein. Sie ber­fällt einer Lungenentzündung und ein rascher Tod rafft sie hinweg. Der Held" stiehlt sich nachts hinaus, gräbt die Leiche der geliebten Frau auf und wird wahnsinnig. Es waltet ja in diesem Kapitel ein fapriziös romantisches Spiel, vermengt mit

*) Minden i. M., J. L. L. Bruns' Verlag, 1905.