AnterhaltungsSlatt des Horwärts Nr. 2. Donnerstag, den 4. Januar. 1906 lNachdriick verboten.) 2] Schwärmer. Roman von Knut Hamsun . Autorisierte Uebcrsetzung von Hermann Kih. Rolandsen ging weiter und weiter am Walde entlang und kam an den Fluß. Hier lag Kaufmann Macks Fisch­leimfabrik: es waren da ein paar Mädchen beschäftigt, mit denen Rolandsen gern ein bißchen spaßte, wenn er vorbeikam. Er war wirklich ein toller Kerl in der Beziehung, das sagte jeder. Außerdem war er heute in der besten Laune und blieb länger stehen als gewöhnlich. Die Mädchen sahen natürlich, wie nett betrunken er war. Na, Rogna, was glaubst Du eigentlich, warum komme ich so oft hierher?" sagte Rolandsen. Weiß ich's?" antwortete Rogna. Du glaubst natürlich, mich treibt der alte Laban." Die Mädchen lachten: Er sagt Laban und meint Adam." Netten will ich Dich," sagte Rolandsen.Du sollst Dich bor den Fischerburschen hier herum in acht nehmen, das sind recht arge Versucher." Sie selbst sind der größte Versucher," sagt ein anderes Mädchen.Sie haben ja zwei Kinder. Schämen sollten Sie sich." I, Nicoline, Du sagst das? Bist immer ein Nagel zu meinem Sarge gewesen, Nicoline, Du weißt es wohl. Aber DichRogna" werd' ich retten, ob Du willst oder nicht." Sie können ja zur Jungfer van Loos gehen," sagt Rogna. Aber Du hast so blutwenig Verstand," fährt Rolandsen fort.Wieviel Stunden magst Du zum Beispiel die Fisch- köpfe dämpfen, eh' Du das Ventil zuschraubst?" Zwei Stunden," antwortet Rogna. Und Rolandsen nickt. Das hatte er selbst auch heraus- gerechnet. O, der Teufelskerl Rolandsen wußte recht gut, warum er Tag für Tag diesen Gang zur Fabrik machte und herumschnüffelte und die Mädchen ausfragte. Heb' den Deckel nicht ab, Pernille," rief er.Bist Du verrückt!" Pernille wird rot.Friedrich hat gesagt, ich soll in der Pfanne umrübren," ist ihre Antwort. So oft Du den Deckel abhebst, verdampft die Wärme," sagt Rolandsen. Doch als kurz darauf Friedrich Mack, der Sohn deS Kauf- manns, hinzukam, schlug Rolandsen wieder seinen gewöhn- lichen Herumtreiberton an: Warst Du das nicht, Pernille, die ein Jahr beim Vogt gedient hat? So bissig und böse warst Du da, daß die Deck- betten das einzige waren, was Du nicht kurz und klein schlugst." Alle Umstehenden lachten. War Pernille doch die sanfteste Seele von der Welt. Und ein Gebrechen hatte sie auch und war obendrein die Tochter vom Orgcltreter in der Kirche, so daß ihr ein klein wenig Heiligkeit anhing. Als Rolandsen wieder auf den Weg hinauskam, sah er abermals die Küstcrstochter Olga. Sie war wohl im Kram- laden gewesen. Nun schritt sie aus, was sie konnte, um fort- zukommen, es wäre ja eine Schande gewesen, wenn Rolandsen hätte glauben können, daß sie auf ihn gewartet hätte. Aber Rolandsen glaubte nichts von' der Art, er wußte: wenn sie nicht gerade dicht aneinander vorbeikamen, pflegte das junge Ding vor ihm fortzulaufen und zu versckwinden. Und Rolandsen war ganz einverstanden damit, wenn er bei ihr nichts erreichte, durchaus einverstanden. Sie war es keineswegs, die ihn beschäftigte. Er kommt nach Hause auf die Station. Er seht ein hochmütiges Gesicht auf, um sich den Hülfstelcgraphisten vom Halse zu halten, der gern mit ihm plaudern möchte: Rolandsen war kein angenehmer Kollege in dieser Zeit. Er schließt sich ein in seiner abgelegenen Kammer, die niemand betritt als eine alte Frau und er selber. Hier lebt er, und hier schläft er. Dieser Raum ist Rolandscns Welt. Rolandsen versteht sich auf mehr als auf Leichtsinn und Branntwein, er ist ein großer Grübler und Erfinder. In seinem Zimnier riecht es nach Säuren, Säften und Arzneien. Der Geruch dringt bis auf den Flur hinaus, und jeder Fremde muß ihn merken. Rolandsen macht kein Hehl daraus, daß er alle diese Medi- kamente einzig und allein im Zimnier habe, um deni Geruch von dem vielen Branntwein zu steuern, worin er zu sudeln pflege. Aber das log Ove Rolandsen vor lauter Unergründ» lichkeit. Im Gegenteil, alle die Säfte in Gläsern und Krügen brauchte er für seine Erperimente. Auf chemischem Wege hatte er eine neue Methode gefunden, Fischlcim zu fabri- zieren: sie war geeignet, Kaufmann Macks Methode voll- ständig aus dem Felde zu schlagen. Mit großen Kosten hatte Mack seine Fabrik errichtet, der Transport war zu unbequem und die Gewinnung des Rohstoffes nur auf die Fangzeit be- schränkt: außerdem überließ er die Leitung des Betriebes seinem Sohne Friedrich, und der war kein Fachmann. Rolandsen konnte Fischleim aus einer Menge anderer Dinge herstellen als ans Fischköpfen, und außerdem konnte er Fisch- leiin aus dem vielen Abfall gewinnen, den Mack fortwarf. Und aus dem letzten Abfall konnte er einen merkwürdigen Farbstoff gewinnen. Hätte Telegraphist Rolandsen nur nicht mit seiner großen Armut und HUlflosigkeit zu kämpfen gehabt, die Er- findung wäre bereits zur Tatsache geworden. Aber hier im Orte konnte man sich nun ein für allemal nur durch Kaufmann Mack Geld verschaffen, und Rolandsen hatte seine guten Griinde, wenn er zu ihm nicht gehen wollte. Eines Tages hatte er die Kühnheit gehabt, anzudeuten, daß der Leim oben aus der Fabrik am Wasserfall zu kostspielig werde: aber da hatte Mack nur mit der Hand gefächelt, als der einflußreiche, flotte Herr, der er war, und hatte gesagt, daß die Fabrik eine GoldgnWe sei. Rolandsen brannte darauf, mit dem Resultat seiner Grübeleien hervorzutreten. An Chemiker des In- und Auslandes halte er Proben seiner Ware gesandt und hatte die Gewißheit erhalten, daß der Anfang gut war. Aber weiter kam er nicht. Noch hatte er der Welt die reine, klare Flüssig- keit vorzulegen und Patente für alle Länder zu lösen. War Rolandsen denn für nichts und wieder nichts unten bei den Schuppen erschienen, um den Pfarrer zu empfangen? Der Wicht Rolandsen hatte seine Absichten dabei. Wenn näm- lich der Pfarrer wirklich reich war, so konnte er leicht etwas Geld Hergeben zugunsten einer bedeutenden und aussichtsvollen Erfindung.Tut kein anderer es, so will ich es tun!" würde der Pfarrer unzweifelhaft sagen. Rolandsen hoffte. Ach, Rolandsen hoffte so leicht, der geringste Anlaß konnte ein Feuer in ihm entfachen. Doch auch Enttäuschungen pflegte er tapfer zu verwinden, standhaft und stolz war er und zer- brach nicht. Da war nun Macks Tochter Elise zum Beispiel, auch nicht an ihr war er zerbrochen. Sie war groß und schön, hatte eine braune Haut und rote Lippen und zählte drei- undzwanzig Jahre. Es ging das Gerede, daß Kapitän Henriksen vom Küstenboot ihr heimlicher Verehrer sei: doch die Jahre kamen, und die Jahre gingen, und es wurde nichts daraus. Was war der Grund? Schon vor drei Jahren, als Elise Mack erst zwanzig war, hatte Rolandsen ihr in närrischer Jungenhaftigkeit sein Herz zu Füßen geworfen. Sie war so liebenswürdig gewesen, ihn nicht zu verstehen. Da hätte Rolandsen Halt machen und sich zurückziehen müssen, doch er ging weiter, und im vorigen Jahre hatte er angefangen, ihr alles zu sagen. Sie hatte nicht anders gekonnt, sie hatte diesem eingebildeten Telegraphisten ins Gesicht gelacht, bevor sie ihm den Abstand deutlich machte, der zwischen ihnen war. Zwischen ihm und ihr, die selbst einen Kapitän Henriksen jahrelang auf ihr Ja hatte warten lassen. Damals war es gewesen, als Rolandsen spornstreichs hinging und sich mit Jungfer van Loos verlobte. Er würde beweisen,�daß eine abschlägige Antwort an höchster Stelle nicht sein Tod wäre. Aber jetzt war der Frühling wieder da. Und der Früh« ling war fast nicht auszuhalten um des großen Herzens willen. Er fachte die Schöpfung bis zum äußersten an, ja, mit würzigen Winden blies er ins keuscheste Nasloch hinein.