Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 31.

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Mittwoch, den 14. Februar.

( Nachdrud verboten.)

Der Kuppelhof.

Roman von Alfred Bock .

Die Allendörfern, die in ihrer Beschränktheit alles für bare Münze nahm, schlug die Hände zusammen und rief: Ei Du liebes Gottchen, was in der Welt net all vorgeht." " In die Höh geht," berichtigte der alte Bickelmeier."' s scheint, Du hast net acht gepaßt."

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Nachdem die Gesellschaft eine unglaubliche Menge Kaffee und Kuchen nach Magenheim" befördert hatte, nahm die Brait ihren Fortgang. Dem Hannpeter seine Frau gab der Mariann einen Wink, worauf diese verschwand.

Was geht dann vor?" fragte der Hausherr. Darauf ergriff der Freiersmann das Wort: Hier ist mein Freund und Better, der Matthias Allendörfer. Zu dem hat sein Vater gesprochen: Lieber Sohn, ich will mich zur Ruhe setzen und übergebe Dir mein Gut. Tue immerdar, wie ich getan, so wird es Dir an Gottes Beistand nicht fehlen." Mein Freund und Better ist ein guter Sohn und weiß, was er seinem Vater schuldig ist. Darum nimmt er ihm die Last ab. Er ist an Leib und Seele gesund, aber alles allein zu tragen, dünkt ihm zu schwer. Darum hat er sich nach einer Gehülfin umgeschaut, und sein Auge ist auf die brave Jung­frau Marianne gefallen. Jetzt frage ich Dich, Bernhard Dog­heimer, willst Du den Matthias Allendörfer Deine Tochter anbertauen?"

" Ich sein's zufrieden," sagte der Bauer.

,, Holt die Braut!" gebot der Freiersmann.

Der Bäckerphilipp ging hinaus und kehrte mit einem kleinen Mädchen an der Hand zurück.

Ist das die Richtige?" wandte sich der Hannpeter an den May.

Dieser schüttelte den Kopf.

Die is mir zu jung."

Der Bäckerphilipp zog mit der Kleinen ab und stellte sich zum zweitenmal mit einem alten Weibchen vor.

,, Die ist mir zu alt," erklärte der Brautbewerber. Zum dritten Mal öffnete sich die Tür, die Mariann trat herein, schritt auf den Matz zu und gab ihm die Hand.

Der Freiersmann aber beschloß seine Rede: Ihr habt Euch nun die Hände gereicht nach Gottes heiligem Willen. In guten und bösen Tagen sollt ihr verbunden sein. Liebt und ehrt einander und erzieht die Kinder, die Euch geschenkt werden, zu ordentlichen Menschen. Zwietracht und Bank sollen fern von Euch bleiben. Habt Ihr Fehler, so legt sie ab. Haltet das Eurige zusammen und betet, daß Gott Eurer Hände Arbeit ſegne. Amen!"

Wie ein Lauffeuer ging die Nachricht durch das Dorf, daß der Matz und die Mariann Brautleute seien. Alsbald ver­sammelten sich die Burschen und Mädchen aus der Freund­schaft des Brautpaars im Hofe und sangen:

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Mir gefällt das Ehestandsleben

Besser als das Klostergehen. In das Kloster mag ich nicht, Ich bin schon zur Ek verpflicht. Bater, hab mit mit Erbarmen Und besorg mir einen Mann, Der mich drückt an seine Brust Und verschafft mir Liebesluft! Ach, was wird die Mutter sagen, Daß ich sie verlassen will! Laß sie sagen, was sie will,

Denn ich heirat in der Still.

Nachts, wenn ich zu Bette geh,

Dent ich meiner Not.

Komm und nimm mir meine Bein! Mag nicht länger ledig sein."

der Gesang verhallt war, zeigten sich die Verlobten dem jungen Volk. Alles jubelte ihnen zu. Der Maß spen dierte zehn Mark, die sogleich im Wirtshaus vertrunken

wurden.

Mittlerweile war es Abend geworden. Die Braitgäste verspürten Hunger und Durst. Auf des Bauern Geheiß legte der Hannpeter ein Faß Bier auf, und der braune Trunk legte die trockenen Kehlen. Der Notring hatte in der Küche

1906

herumgeschnüffelt und erstattete über seine Erkundung Be­richt. Danach gab's Wecksuppe, Reisbrei und Rindfleisch, Sauerkraut und Schweinerippchen, zuletzt gedämpfte Zwetschen.

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Die Leckerbissen ließen nicht lange auf sich warten. Während des Schmauses ward wie dies bei den Bauern üblich ist nur das Allernotwendigste gesprochen. Aber auch später wollte die gedrückte Stimmung nicht weichen, die von Beginn der Brait an vorherrschte.

Der Bürgermeister, neben dem Dotheimer der begütertste Bauer im Dorf, hatte gehört, daß der Berz einen Knecht suche. Er befand sich in der gleichen Lage und erging sich in Klagen über die zunehmende Dienstbotennot auf dem Land. Die brauchbarsten jungen Leute wanderten abwärts in die Fabriken. Er sehe die Zeit kommen, da die. Industrie der Landwirtschaft den Garaus mache. Der Bäckerphilipp pflichtete ihm bei. Der alte Bickelmeier aber meinte, in dieser bodenarmen Gegend würden sich auf die Dauer nur wenige Wohlhabende als reine Bauern halten, die Mehrzahl sei auf Nebenverdienste angewiesen. Darum dürfe man die Industrie nicht verdammen, ja, man müsse ihr Vordringen bis ins Ge­birge hinauf begünstigen, weil sie den Halb- und Viertels­bauern Gelegenheit zum Nebenerwerb und zur Heimarbeit schaffe. Was sein dann hernach die Halb- und Viertelsbauern?" rief der Bürgermeister, doch nir anders als Sozze*). Der Allendörfer, höchst aufgebracht, daß der Doßheimer in all den Stunden nicht einmal das Wort an ihn gerichtet hatte, und entschlossen, ihm einen Hieb zu versezen, sagte: ,, Respekt vor den Sozze! Die halten zusammen und tun was für ihr Sach. Bei uns Leut, die bedappeln net, daß der Bauernverein uns' lett Hoffnung is. Und is ihnen die Mark zuviel, die sie dadefür bezahlen sollen."

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Jeder wußte, auf wen das gemünzt war, allein der Dot­heimer wahrte seine Würde als Gastgeber und griff nicht in die Debatte ein.

Die Frauen zu erlustigen hatte der Notring über­nommen. Ziemlich angeheitert tischte er allerlei Schwänke auf, ohne viel Beifall damit zu ernten.

Das Betragen des Maß als Bräutigam war dazu an­getan, bei der Mariann eine günstige Meinung für ihn zu er­wecken. Er enthielt sich aller Zärtlichkeiten und sprach weit­Läufig davon, wie er's fünftig mit der Bewirtschaftung der vereinigten Güter halten wolle. Aus seinen Worten konnte man unschwer erkennen, daß er der letzte war, sich am Gängel­band führen zu lassen, daß ein starker Wille in ihm wohnte und auch die Fähigkeit, sein Reich zu regieren.

Gegen zehn Uhr kehrten die Burschen und Mädchen aus dem Pflug" zurück, postierten sich vor dem Haus und stimm­ten allerlei lustige Lieder an.

Der Matz und die Mariann traten ans offene Fenster, wiederum von fröhlichem Zuruf begrüßt. Unter der Menge, die zusehends wuchs, tauchte plötzlich der Kalmud auf. Seit der Niederlage, die er auf dem Festplatz erlitten, hatte er sich nirgends blicken lassen. Nun verneigte er sich gegen die Brautleute und sprach: Gott zum Gruß! Der Herr muß allezeit unsere Stärke sein und unsere Kraft und unsere Zu­flucht. Geschrieben steht: es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei, ich will ihm eine Gehülfin machen, die um ihn sei. Darum wird ein Mensch Vater und Mutter verlassen und an seinem Weib hangen, und werden die zwei ein Fleisch sein. Die Bibel in Ehren, aber die Hauptsach, schäß ich, ist doch, daß der Kuppelhof geraten ist. Das liebe Geld kann alles. Und geht nichts drüber, als mann die reichen Bauern ihre Sach verkuppeln. Die stammen all von Nehmingen und grappschen schon, wenn die Kindfrau sie holt."

Alles lachte. Der Kalmuck aber sprach weiter: ,, Matthias Allendörfer, geboren im Jahre des Heils 1882, Du denfst vielleicht in Deinem Herzen, Heiraten ist ein zugedeckt Essen. Mitnichten. Gleiches Gut und gleiche Jahre machen die besten Hochzeitspaare. Zwar wirst Du in einem Käfig ſizen, aber der Käfig hat eine Tür. Ach, herrjesses, wenn alle, die da hinauswitschen, einen Flaus tragen sollten, wär das Woll­zeug teuer."

*). Sozialisten.