Unterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 62. Donnerstag, den 29. März. 1906 (Nachdruck verboten.) Die 6roberung von Jerusalem . Roman von Myriam Harry . 23t Autorisierte Uebersetzung aus dem Französischen von Alfred Leuker Zedernblätter fielen auf Cäcilie herab, einige blieben in ihren goldig schimmernden Haaren hängen, andere glitten rasch über die weiße Seidenschärpe und häuften sich auf ihrem Schöße. Drüben im Kloster war das Gemurmel der Messe verhallt, aber der kleine Mönch starrte sie noch immer mit liebegierigen Augen an. Cäciliens Schal und die Zeder strömten einen harzigen Duft aus. Liebling, Geliebte!" Und von ihren Lippen schlürfte er den ganzen Rausch des Libanon . Komm heim!" Eng umschlungen stiegen sie den Hügel hinab. Auf der Davidsburg läuteten die türkischen Soldaten die Feier- abendglocke. Elias war nicht mehr traurig. Er hatte die Aussätzigen und alles irdische Elend vergessen: sogar an Astaroth und das Glück Moabs dachte er nicht mehr. 12. Doch die Kosestündchen kehrten nicht wieder, oder viel- mehr sie entschwanden sehr bald von neuem. Schon nach etwa vierzehn Tagen trat eine Entfremdung zwischen den Gatten ein, die nach jenem Aufleben alter Zärtlichkeit um so peinlicher wirkte. Sie sprachen nicht davon, aber jeder fühlte sie nahen. Das kam so leise, so ganz von selbst, ohne Anreiz und ohne Anstoß. Das glitt mit Cäciliens Besuchern durch die niedrige Pforte herein, das rieselte von den jetzt mit Bibelversen ge- schmückten Wänden herab, das kroch mit den von der Grabes- kirche aufsteigenden Weihrauchwolken empor. Das kam, wie gesagt, ganz von selbst, aber es kam un- abwendbar, von der Kraft all dieser mystischen Dinge herbei- geführt und vom Geiste dieser toten Stadt getragen, zu dessen Bekänipfung ihre Liebe keine genügende Lebenskraft besaß. Nach und nach stockten die Worte auf Elias' Lippen, die Liebkosungen erstarrten ihm schon in der Hand, die Arme sanken bereits vor der Umarmung wieder schlaff herab. Uebrigens war auch Cäcilie wieder in eine neue Lebens- Phase eingetreten. Sie wurde eine zu jeder Aufopferung bereite Mutter und eine alle Bürden auf sich nehmende Hausfrau Da Schwester Charlotte ihr den ganzen verderblichen Ein- fluß einer arabischen Amme auf ihr Kind auseinandergesetzt hatte, entschloß sie sich, es selbst zu nähren. Und als Frau Fischer ihr eines Tages, listig mit den weißen Wimpern blinzelnd, anvertraute, das beste Mittel einen Mann zu fesseln sei, seinem Magen zu schmeicheln, der Weg zum Herzen des Mannes gehe durch den Magen, entließ sie die alte Ar- menierin, die für ein paar Piaster monatlich die kräftigsten Mahlzeiten hergerichtet hatte. Elias vermißte sehr die Pilafs, die forcierten Kürbisse, die gewürzten Eieräpfel und die ausgezeichneten Knafes: mehr aber bedauerte er noch, daß seine Frau sich jetzt immer mit der 5tllchenschürze zu Tisch setzte und ihn mit ihren stehenden Redensarten:Wie schmeckt Dir das?" undDas ist gesund und wird Dir sehr gut bekommen!" keinen Augenblick in Ruhe ließ. Sie führte ihn in die Geheimnisse der Melonenschalcn- konfitüren Frau Fischers Erfindung ein und klagte ihm, welche Mühe ihr die Zubereitung eines Gebäcks mit zerlassener Butter bereitet habe. Zwar habe die Goldmann ihr ein Rezept dazu gegeben, aber darauf wiirde sie sich nie verlassen. Das wäre überhaupt eine nette Hausfrau, welche die Sorge für die Wirtschaft ihren drei Dienstboten überließ und nur an ihre Toilette dachte. Erst letzten Sonntag hatte sie in der Kirche wieder eine neue Robe angehabt. Aber freilich, die hatte ja auch keine Pflichten als Familienmutter zu erfüllen: ihrer Verbindung fehle noch immer Gottes Segen! Elias aber dachte: Trotz ihrer drei eingeborenen Dienstboten verbraucht Frau Goldmann weniger Geld, als meine Frau mit ihrer elsässischcn Küche: und warum soll denn eine Frau, nachdem sie Mutter geworden ist. auf jede Eitelkeit verzichten und auf- hören, ihrem Manne zu gefallen?" Am Schluß der Mahlzeit schob Cäcilie ihren Stuhl zurück, knöpfte ihr Kleid auf, und Narda brachte die kleine Ziona herbei, die sich einen Augenblick an dem schlaffen, gelblichen Busen ihrer Mutter abmühte, dann aber ihre Aermchen heftig nach der Bethlebemitin ausstreckte, deren Brüste strotzten, als wollten sie den Stoff des Kleides sprengen, so daß man ihren eigenen kleinen Sohn hatte zurückholen müssen. Da das Zimmer die ganze Nacht nach Milch und Wäsche roch, und Cäcilie hartnäckig alle zwei Stunden aufstand, ging Elias oft in sein Arbeitszimmer und streckte sich dort auf dem Divan aus oder schlummerte einfach auf einem auf der Terrasse ausgebreiteten Teppiche. Dann ergriff ihn von neuem die Sehnsucht nach Arabien und seinem Wanderleben, nach dessen wildem, scharfem Duft, den es in der Sonnenglut aushaucht und der Liebe, die dort beim Mondenscheine erblüht. Moab ! Moab ! Du bist's, das ich erobern will: Du bist's, heidnisches Mädchen, das ich in meine Arme schließen möchte, Ich liebe dich, ich liebe dich! Ich liebe deine schwarzen Göt- tinnen und deine Grauen erregenden Altäre. Deine alter- tümlichen Schriften liebe ich und deinen tiefen Sinn. Ich liebe deine Lebensfreudigkeit und deine Sorglosigkeit vor dem Nichts. Ja, ich liebe dich, du sollst meine Trösterin sein! Du sollst für meine archäologischen Träume das Land der Ver- heißung, für meine in der Verbannung schmachtende Seele das Vaterland und der Zaubergartcn für meine Phantasie sein! Von den Bäumen deiner Legenden will ich der Sage Goldfrüchte pflücken! Moab ! Moab ! Ich werde dein Märchen- Prinz sein und mein Kuß wird dich aus deinem langen Todes- schlafe wiedererwecken. Deine Tempel werde ich wieder auf- richten und dir deine Götter zurückgeben: deinen blassen Lippen werde ich deine Geheimnisse entlocken." Aber er hatte die Rechnung ohne die Ränke und Lang- samkeit der Orientalen gemacht. Um weder die Aufmerksamkeit des allen Forschungen abgeneigten türkischen Gouvernements, noch den Argwohn der auf die Schätze ihres Bodens eifersüchtigen und für ihre Freiheit besorgten Beduinen zu erregen, hatte Elias Slamin als Händler verkleidet und mit einer Ladung von roten Schuhen, Damaszener Waffen, sowie einem ganzen Sortiment von seidenen Haiki und Rosenessenz ausgerüstet. Unter dem Vorwande, nach Mekka zu ziehen, sollte er in Moab Halt machen und dort, wenn auch nicht andere Bruchstücke des Idols, so doch wenigstens einen vollständigen Abdruck zu er- langen suchen, wie auch genaue Auskunft über den Standort der Statue und den Namen des Beduinenstammcs, dem sie gehörte. Später würde er sie dann selbst holen. Doch kaum war eine Woche seit der Abreise der Kara- wane verstrichen, als Assir eines Abends ganz bestürzt seinem Herrn meldete, unbekannte Bettler fragten nach ihm. Da sah er im Hofe eine Anzahl halbnackter Jammergestalten, in denen er nur mühsam seine eigenen Sendboten wiederzuer- kennen vermochte. Mit der Miene eines verlorenen Sohnes warf sich Slamin vor ihm nieder. Noch ehe sie den Jordan überschritten hatten, war die Karawane überfallen und völlig ausgeplündert worden. Zwar widersprachen sich ihre Darstellungen oft: doch war ihr Schmerz anscheinend so aufrichtig, daß der Gelehrte ihn für echt hielt und sie von neuem ausstattete. Sidi, und diese Wunde hier, siehst Du sie nicht?" Dabei deutete Slamin auf einen Dornenriß. Sidi, leg Deine Hand darauf mit einem Talari*) drin. Und Sidi, alsdie, welche mein ist"**), mich in diesem Zu- stände ankommen sah, wäre sie beinahe vorzeitig entbunden worden, und ich konnte sie nur mit den Worten trösten:Es ist mein Herr Jamain, für den ich mein Leben aufs Spiel ) Maria-Thcvesicntaler. *) Umschreibung für: meine Frau.