Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 63.
Freitag, den 30 März.
( Nachdrud verboten.)
Die Eroberung von Jerufalem.
24]
Ein Tag änderte alles.
13.
Es war zur Sommersonnenwende, wenn Jerusalem dem Einfall der Nomaden preisgegeben ist.
Der taufendjährige berödete Bionsberg erzitterte von
neuem barbarischem Leben.
Wüstes Geschrei mischte sich in das klirren der Säbel, Burnusse flatterten, Hirtenstäbe fuchtelten in der Luft herum, fnochige Arme streckten sich anbetend zum Monde und zur Sonne empor, und stählerne Abfäße, die sonst dazu dienten, die Schlangen im Sande zu zermalmen, knirschten auf den Fliesen und verjagten die gelben Hunde. Von einem Tore der Stadt bis zum anderen wimmelte es unter den schwarzen Arkadenbögen von fahlgelben Dromedaren. Hengste mit prächtigen Schabracken und wilden Augen bäumten sich auf dem ungewöhnlichen Pflaster; Männer mit scharfgeschnittenem Adlerprofil schritten stolz einher und Frauen mit zartem Gözenantlig ließen ihre wehenden Schleier lang nachschleppen.
In dem Gäßchen des Elias stießen fupferne Steigbügel von Wagschalengröße klirrend gegen die Mauern, Lanzen ragten zwischen den Ohren der Pferde hervor, verhüllte Köpfe bückten sich nacheinander unter dem niedrigen Tor, und Moab , ganz Moab zog in den Sarazenenhof ein.
Ben Amr, das Oberhaupt der Hameiden und Sultan bon dumäa, kam von Slamin geführt, mit seinem ganzen Gefolge und seinem ganzen Harem, unter dem Vorwande Gewürze zu verkaufen, in Wahrheit aber, um mit dem Gelehrten einen heimlichen Vertrag zu schließen.
Herrn Jamains Haus wurde zum wahren Karawanserai. Draußen, im großen ummauerten Hofe gingen die halbnackten Diener mit lauernden Blicken schweigend hin und her, Iuden Körbe mit Myrrhen und die Säcke mit Balsam ab oder stellten die mit leichten Vorhängen versehenen Sänften in den Ecken auf.
Stuten wieherten, und Kamele, die sich auf ihre unheimlichen Leiber gelagert hatten und deren traurig herabhängen den Köpfen und matten Blicken man das Heimweh nach dem Dorngestrüpp und den freien weiten Flächen anjah, lagen wiederkänend da. Ein unterwegs geborenes, entzückend dolliges Kamelfüllen, das noch nicht recht sicher auf seinen mit gelbem Flaumewachsenen Beinen stand, suchte mit feinem rosigen Schnäuzchen überall umher, bis es schließlich an der Brust zu saugen begann, welche die bethlehemitische Amme ihm darbot, während die über diesen neuen Milchbruder entzückte Biona ihre Fingerchen in seine großen Ohren steckte und seine Albinoaugen zärtlich füßte.
Zuerst hatte sich das kleine Mädchen vor diesen Leuten gefürchtet, die unheimlich aussahen wie Gespenster und glitzernd wie Sterne. Als aber die Scheiks ihre schwarzen Mäntel abgelegt und die Enden ihrer seidenen Kopftücher über die mit roten und blauen Perlen durchflochtene Haarfrisur zurückgeworfen hatten, lächelte sie ihnen zu und befreundete sich rasch mit deren blizenden Schmucksachen, sowie mit den Flinten und anderen blinkenden Waffen.
Mit leuchtenden Augen und feuerroten Wangen froch sie von einem zum anderen, dunkel ahnend, daß diese Wüstenföhne in ihrer Natürlichkeit ebenfalls nur große Kinder seien. Abends wollte sie nicht einschlafen, wenn sie nicht in ihrem fleinen Händchen einen der mit Ringen geschmückten Finger ihres großen Freundes Ben Amr hielt. Frau Jamain betrübte sich sehr über diese seltsame Vorliebe ihres Kindes, und als gar eines Tages die alte Stammeshere mit den glühenden Augen und brandroten Haaren der Kleinen ein Leben, reich an Liebe und Irrungen prophezeit hatte, ergriff sie diesen Vorwand, um ihrem Gatten zu erklären, das heidnische Volk mache ihr den Aufenthalt im Hause unerträglich. Und noch
1906
am gleichen Tage reiste sie mit Ziona und der Amme nach Bethlehem ab, um bei Pastor Fischer Zuflucht zu suchen.
Elias blieb mit den Beduinen allein. Er führte sie in alle Sonks, durch alle Bazare, belustigte sich über ihre kindliche Begehrlichkeit, befriedigte ihre etwas barbarischen Wünsche und kaufte allerlei für sie zusammen vom Panzerbemde bis zum Nasenring, vom Bassorateppich bis zur Pariser Drehorgel. Je mehr er aber für sie verausgabte, desto an spruchsvoller zeigten sie sich und war man nach Hause zurückgefehrt, so folgten stundenlange Streitigkeiten, Zänfereien, Drohungen, die dann plöglich ohne Uebergang in Schmeicheleien und süßliche Freundschaftsversicherungen umschlugen, bei denen Slamin wie auch Ben Amr ihre ganze Verschlagenheit und orientalische Weitschweifigkeit entfalten, Elias aber imanchmal seinen halben Verstand und seinen ganzen Geldbeutel einzubüßen fürchtete.
und Begehrlichkeit. Die heitere Ruhe des Hirtenlebens hielt Doch wenn der Tag sich neigte, schwiegen plötzlich Streit wieder Einfehr bei diesen großen Wüstenkindern.
Man sette sich um die gefüllten, mit Saffran gefärbten und mit Rosen garnierten Reisschüsseln, aß dazu nach Thymian duftende Brotkuchen und spülte alles mit Stamelmilch oder Dattelsaft hinunter, während die Jünglinge auf ihren Schilfrohrflöten spielten.
Manchmal führten nach der Mahlzeit die Krieger des Stammes den Schwerttanz auf, zu dem ihre Frauen mit den Tamburins den Taft schlugen.
Auf eine einzige jedoch, die abseits saß, machte anscheinend weder das Fest noch die Anwesenheit eines Europäers den geringsten Eindruck. Und gerade diese war es, die Elias unaufhörlich beobachtete.
Den Kopf an einen Myrrhensad gelehnt, drehte sie drei fleine bleigefaßte Spiegel, die er ihr geschenkt hatte, in ihren 3arten rosigen Fingern hin und her. Mit ernſtem Gesicht, in dem sich nur die Augen bewegten spiegelte sie sich so wohlgefällig, als ob sie ihre blauen Augensterne mit den goldenen des Firmaments vergliche.
In ihrem ganzen Wesen, ihrer lässigen Grazie und ihrem hoheitsvollen Ernste lag etwas so derbsinnliches und überirdisches zugleich, daß man wie vor einem Rätsel stand. So oft Elias auch versucht hatte, ihren Namen in Erfahrung zu bringen, war er auf die starrköpfige Verschlossenheit der Araber gestoßen, die immer zu sagen scheint: Lohnt es wohl der Mühe, eines Weibes wegen den Mund aufzutun?" Slamin sie im Sande auflas, zu jenen Herumstreicherinnen, Vielleicht gehörte sie zu jenen Nomadenmädchen, wie die von Stamm zu Stamm wandern, oder an den Karawanenstraßen ihre Schärpen schwenken, ihre Spiele und Tänze aufführen. Man hatte sie wohl unterwegs angetroffen und mit
genommen.
Es war die letzte Nacht des großen Jahrmarktes. Eine wundervolle Nacht des Orients, licht und klar und duftgeschwängert. In warmem, weichem Hauch strich der Wind von Arabien herüber. Ueber Moab zog der Vollmond seine Bahn und warf ein glänzendes Licht auf Jerusalem . Wie ein Rosenkranz von Perlmutter zog sich die ganze Hügelfette hin und in den engen Straßen wogten die Schatten wie filberne Gazeschleier. Das Mondlicht rieselte am alten Sarazenen. hause herab, still floß es über die steilen Treppen und füllte die Bellen der Mouscharabis mit gleißendem Honig; es malte zarte Farben auf die unbeweglichen Blüten des duftenden Jasmin, zitterte im stahlblauen Wasser der Cisterne und breitete sein leichtes Zaubertuch über alle weißen und schwarzen Gestalten, die auf den rosigen Marmorfliesen des Hofes schlummerten.
Elias, der sich oben auf seiner Terrasse befand, schlief nicht. Am nächsten Tage wollte Ben Amr abreisen, und noch war nichts abgemacht. Sicher, Slamins und des Moaber Sultans Forderungen überstiegen seine Mittel. So war sein Wunsch also unerfüllbar. Man mußte eben auf das Idol verzichten. Alles fesselte ihn hier, sein Weib, sein Kind. Wäre er frei gewesen, so hätte er sich wenig um die Beduinen gekümmert. Allein, ohne Eskorte, ohne Verträge wäre er