Anterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 104. Freitag, den 1. Jum� 1906 lNachdruck verboten-) 22] Einer JMuttcr Sobn. Roman von ClaraViebig. Der August war vorüber, der September schon fast halb vergangen, als Käte nach Hause zurückkehrte. Ihr Mann, der vor ihr eingetroffen war, kam ihr entgegengereist: in Dresden trafen sie sich, und ihr Wiedersehen war ein sehr herzliches. Er konnte sich gar nicht genug freuen über ihre klaren Farben, ihren klaren Blick; und sie wiederum fand ihn prächtig gebräunt, jugendlicher, fast so schlank wie einst. Hand in Hand saßen sie in dem Coups, das er sich hatte reservieren lassen; ganz allein, wie junge Liebesleute. Sie hatten sich unendlich vieles zu sagen da war nichts, gar nichts, was sie störte. Mit großer Innigkeit sahen sie sich in die Augen. Wie freu' ich mich. Dich wiederzusehen," sagte sie, als er lange und lebhaft von seiner Reise erzählt hatte. Und ich erst Dich!" Er nickte ihr zu und drückte ihre Hand. Ja, es war ihnen wirklich beiden, als wären sie eine Ewigkeit getrennt gewesen! Er zog sie noch näher an sich, hielt sie so fest, als wäre sie ein ihm schon halb entrissen ge­wesenes, teures Gut, und sie schmiegte sich an ihn, lehnte den Kopf an seine Schulter und lächelte verträumt. Vor ihren halbgeschlossenen Augen tanzten auf einem schwertbreiten, schrägen Sonnenstrahl unzählige goldene Stäubchen; das gleichmäßige Rasseln der Fahrt und das stille Gefühl einer großen Freude im Herzen lullte sie ein. Plötzlich fuhr sie auf war's ein Ruck, ein Stoß?! Wie ein Schreck hatte sie's durchfahren: sie hatte ja noch gar nicht nach dem Kinde gefragt! Wölfchen was macht Wölfchen?!" O, dem geht's sehr gut! Aber nun erzähle Du mal, mein Herz, wie hast Du denn die langen Tage dort hin- gebracht? Wie war der Tag eingeteilt? Also morgens zum Brunnen erst mal einen Becher, dann den zweiten und dann? Nun?!" Sie erzählte nicht.Wölfchen ist doch gesund?" fragte sie hastig.Es stimmt gewiß nicht ganz Du erzählst ja so wenig von ihm?! Ich habe immer schon solche Ahnung gehabt! Ach Gott, so sage doch!" Fast gereizt klang ihr Ton wie konnte Paul nur so gleichgültig sein!Was fehlt Wölfchen?" Fehlt?" Er sah sie ganz verwundert an.Aber ich bitte Dich, Käte. warum soll ihm denn durchaus etwas fehlen?! Er ist kerngesund!" Wirklich?! Aber so erzähle doch, erzähle!" Er lachte über ihre Ungeduld.Was läßt sich von so einem Jungen erzählen?! Er schläft, ißt, trinkt, geht in die Schule, kommt nach Hause, läuft in den Garten, schläft, ißt, trinkt wieder und so fort, vegetiert wie die Pflanze im Sonnen- schein. Erzähle Du lieber, wie's Dir geht!" O, mir mir" das kam ihr auf einmal so über- flüssig vormir. ganz gut. Du siehst es ja!" Welch eine Gleichgiiltigkeit hatte er gegen das Kind! Und sie die Mutter hatte es auch so lange vergessen können?! Eine solche Beschämung kam über sie, daß sie hastig den Kopf von ihres Mannes Schulter hob und sich gerade aufsetzte. Nun waren sie keine Liebesleute mehr, nur Eltern, die sich um ihr Kind zu kümmern hatten! Und sie sprach nur von ihm. Paul fühlte den plötzlichen Umschwung in der Stimmung seiner Frau. Eine Verstimmung beschlich ihn: waren sie doch wieder auf dem alten Fleck?! Hatte sie schon wieder für nichts anderes Interesse mehr als für den Jungen?! Er empfand keine Neigung weiter, von seiner Reise zu erzählen. Immer einsilbiger wurde die Unterhaltung; an der nächsten Station kaufte er sich eine Zeiwng, und sie lehnte sich in die Ecke und versuchte zu schlafen. Aber so abgespannt sie auch war, es gelaug ihr nicht; ihre Gedanken kreisten un- ruhig in allen möglichen Wendungen immer um den einen Punkt: also ihm fehlte nichts! Gott sei Dank! Wie gleich­gültig Paul doch war. aber ob Wölfchen sich sehr freuen würde, daß sie nun wieder kam? Der liebe Junge> der geliebte Junge! Zuletzt mußte sie doch ein wenig geschlummert haben, denn auf einmal hörte sie, wie von ganz weit her, die Stimme ihres Mannes:Mach Dich fertig, mein Herz! Berlin !" und fuhr auf. Schon waren sie im Gewirr zahllos sich kreuzender Gleise. Jetzt rauschte der Zug unter die Glashalle. So weit wären wir!" Er half ihr hinaus, und sie fing an vor Ungeduld zu zittern. Das war ja endlos, dieses Treppab- und Treppauflaufen, dieses Hinübergehen auf den anderen Bahnsteig und dann das Marlen und Lauern auf den Vorortzug! Ob Wölfchen auch noch nicht schlief? Es würde dunkel sein, bis sie draußen waren! Kommt der Zug bald? Wieviel Uhr ist es? Mein Gott, wie lange das dauert!" Beruhige Dich, der Junge wartet auf Dich! Was denkst Du wohl, der sitzt jetzt abends noch immer lange bei der Cilla; am Tage hat sie nicht so viel Zeit für ihn. Ein nettes. Mädchen! Du hast einen guten Griff getan!" Sie überhörte das ganz, dachte sie doch immerwährend daran, wie sie ihn finden würde. Ob er sehr gewachsen war?! Sich verändert hatte?! Kinder in seinem Alter sollen sich ja immerfort ändern ob er sich verhäßlicht hatte oder ob er noch so hübsch war? Gleichviel früher hatte sie mehr auf das Aeußere gegeben wenn er jetzt nur lieb, recht lieb war k Schon hörte sie seinen Jubelschrei, schon fühlte sie seine Arme um ihren Nacken, seinen Kuß auf ihrem Mund. Der Wind, der augenehm abendlich geworden war, nach dem immerhin noch heißen Herbsttag, fächelte ihr Gesicht, ohne die von innen heraus glühenden Wangen kühler machen zu können. Als sie vorm Hause anhielten, das, anmutig ver- steckt, mit seinen Balkonen voll leuchtend roter Geranien hinter den immergrünen Kiefern unterm reichgestirnten Septemberhimmel lag, klopfte ihr das Herz, als wäre sie viel zu weit und zu rasch gelaufen. Endlich! Sie atmete tief auf: nun war sie wieder bei ihm! Aber er kam ihr nicht entgegengelaufen. Daß er auch gar nicht aufgepaßt hatte! Sie werden aus der Veranda, hinten heraus, sitzen," sagte Schlieben.Da sitzen sie immer des Abends!" Er blieb ein wenig zurück. Mochte Käte den Jungen nur erst mal für sich allein begrüßen! Und sie eilte durch die Halle, an dem freundlich strahlenden Gesicht der Köchin vorüber, sah nicht den Friedrich, der jetzt die Dienerlivree angelegt hatte, nachdem er vorher noch alles mit seinen selbstgezogenen Blumen dekoriert hatte; sie bewunderte weder seine gärtnerischen Erfolge, noch die selbstgebackene Torte, die die Köchin auf den festlichen Tisch gestellt hatte. Aus der Halle war sie in ihren kleinen Salon und von da durchs Eßzimmer gelaufen, dessen Tür auf die Veranda führte. Die Tür war geöffnet nun stand sie auf der Schwelle die draußen gewahrten sie nicht. Von den Windlichtern auf dem Verandatisch brannte nur eins, leidlich hell, um nahebei zu leuchten. Aber Cilla tat nichts. Den Strumpf, den sie stopfen sollte, hatte sie im Schoß; ihre rechte Hand, in der sie die lange Stopfnadel hielt, ruhte lässig auf dem Tischrand. Sie hatte sich ein wenig hintenüber gelehnt; ihr Gesicht, in diesem Zwielicht feiner und schöner, war emporgehoben; sie schien nachzudenken, den Mund halb geöffnet. Von Wolfgang sah man nichts. Aber jetzt hörte die Mutter ihn sprechen im Tone des Bedauerns:Weißt Du nicht weiter? O!" Und dann drängend:Weiter, Cilla, weiter, es war ja so schön!" Aha, nun sah sie auch ihn! Er saß dem Mädchen M Füßen, auf einem ganz niedrigen Schemel, dicht an dessen Knie gedrückt. Und er wendete das Gesicht jetzt zu dem Mädchen auf bittend, begehrend sah es an mit Augen, die wie polierter dunkler Achat glänzten, und sprach in einem Tone, wie die Mutter ihn noch nie von ihm gehört zu haben glaubte:Singe, Cillchen! Liebes Cillchen, singe!" Die Magd stimmte an: Bebe nicht, sprach sie mit leiker Stimme"> Ach nee!