Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 105.

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Sonnabend, den 2. Juni..

( Nachdruck verboten.)

Einer Mutter Sobn.

Roman von Clara Viebig .

Eine unsägliche Enttäuschung durchzog der Heim­tehrenden Herz, und ohne daß sie es beabsichtigte, klang der Ton schroff, in dem sie das Mädchen jezt hinausgehen hieß. Sie setzte sich auf den eben verlassenen Platz am Tisch und 30g ihren Knaben an sich.

Wie ist Dir's denn gegangen, Wölfchen? Nun fage doch gut?!"

Er nickte.

" Hast Du denn auch Mutterchen ein bißchen vermißt?!"

Er nickte wieder.

Ich habe Dir auch so viele schöne Sachen mitgebracht!" Da wurde er lebhaft." Hast Du auch für Cilla was mit gebracht? Einen Nähkasten mit allerlei drin könnte die gut gebrauchen; weißf Du, sie hat nur so' nen alten von der Schule her. Och, die kann mal fein erzählen so gruselig! Und fingen! Laß Dir das mal vorsingen:

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Ein niedliches Mädchen, ein junges Blut, Erkor sich ein Landmann zur Frau, Doch sie war einem Soldaten so gut Und bat ihren Alten ganz schlau

Ich sag' Dir, zum Schießen ist das!"

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Und lachend begann er weiterzuträllern: ,, Er möchte doch fahren ins Heu, juchhei, Ins Heu, juchhei

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-!" Sie legte ihm die Hand auf den Mund. ,, Das ist gar kein schönes Lied ein garstiges Lied! Das wirst Du nie mehr singen!"

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Aber warum denn nicht?" Er sah sie mit runden Augen erstaunt an.

,, Weil ich es nicht wünsche," sagte fie furz. Sie war empört: morgen, ja morgen, da würde sie dem Mädchen aber ihre Meinung nicht vorenthalten!

Jetzt waren ihre Wangen nicht mehr heiß; eine empfind­liche Stühle schauerte über die Veranda, die ihr eisig bis ans Herz griff. Als Paul rief: Aber, Säte, wo stedst Du denn? Lege doch erst ab!" folgte sie rasch seinem Ruf.

Der Knabe blieb allein stehen und sah mit blinzelnden, träumerischen Augen in die milde, jetzt ganz dunkle Nacht. Ha, das war doch so schön, wie die Cilla gesungen hatte! Morgen mußte Cilla wieder singen und erzählen! Wenn sie nun auch wieder da war! Ein ungestörtes Plätzchen würde doch noch zu finden sein!

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Käte schlief gar nicht in dieser ersten Nacht, obgleich sie todmide war. Vielleicht zu müde. Sie hatte noch eine lange Auseinandersetzung mit Paul gehabt, als sie schon zu Bette lagen. Er hatte ihr recht gegeben, daß weder das eine noch das andere Lied sehr passend war, aber Du lieber Gott," hatte er gesagt, was hört man als Kind nicht alles, und es geht spurlos an einem vorbei!"

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1906

ihr Haus, ihre Geselligkeit; es war nicht möglich, alles andere abzuschütteln, aufzugeben, zu verabsäumen, nur um des einen: um des Kindes willen. Und sie durfte Paul doch auch nicht an­haltend verstimmen, ihn womöglich ernstlich gegen das Kind Mann in Gesellschaft gehen, er freute sich, wenn fie gut erzürnen; davor zitterte fie. Sie mußte zuweilen mit ihrem angezogen als liebenswürdige Frau gesucht ward. ging gerne ach, und viel, viel zu oft! Gerade diesen Winter hatte sie geglaubt, doppelt auf der Hut sein zu müssen. Und sie instruierte die Köchin und den Diener, ersuchte beide dringend, aufzupassen. Die waren ganz verwundert: wenn die gnädige Frau so wenig zufrieden war, sollte die gändige

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Er

Frau doch der Cilla kündigen, zum ersten Januar gab's ja

Mädchen genug!

Dienstboten, die andere herausbeißen zu wollen! Ungerecht Unwillig wendete sich Käte ab: wie häßlich von den durfte sie gegen das Mädchen denn doch nicht handeln. Und wenn ein anderes ins Haus kam, konnte es da nicht ebenso sein?!

Wolfgang entwickelte sich sonst sehr gut, besonders körperlich. Nicht, daß er gerade so sehr in die Höhe schoß; er ging mehr in die Breite, wurde stämmig, mit einem festen Nacken. Wenn er mit den Lämkes vor der Tür Schneeballen warf, sah er älter aus als der gleichaltrige Artur, sogar älter als Frida. Er wurde eben anders genährt als diese Kinder. Mit Wohlgefallen sah die Mutter seine reine, frische Haut, die gepflegt war durch warme Bäder und die tägliche talte Abreibung am Morgen. Und zum Friseur mußte er alle vierzehn Tage, da wurde der dichte, glatte, dunkle Haarschopf, der aber trotz aller Sorgfalt etwas Grobfädiges behielt, ver­schnitten, gewaschen und mit stärkender Essenz eingerieben. Beinahe verfümmert sahen die Lämkes aus gegen ihn; sie hatten ja auch vor nicht zu langer Zeit erst die Nachwehen des Scharlach überstanden. Wenn nur Wölfchen das nicht auch befam! Räte hatte große Angst davor. Bis vor kurzem hatte sie ihn von den Lämtes ferngehalten; aber freilich in der Schule war stete Ansteckungsgefahr. Ach Gott, man kam wegen des Kindes eben nie zur Ruhe!-

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Sie hatten sich recht munter draußen getummelt. Der See, der unterhalb der Villen, wie ein stilles Auge zwischen den dunklen Waldrändern liegt, war zugefroren; Wolfgang und die halbe Klasse liefen dort Schlittschuh. Käte war nach Tisch auch eine Weile am Ufer auf und ab gewandert und hatte ihren Jungen beobachtet. Wie nett er schon lief! Sicherer und besser als mancher der Jünglinge, die da Achter zogen und Kreise beschrieben, holländerten und mit ihren Damen tanzten. Er versuchte auch schon allerlei Kunststücke, er hatte wirklich Courage. Daß er nur nicht hinfiel oder einbrach! und immer lief er der tiefen Mitte des Sees zu, wo noch Strohwische stedten! Der Mutter war, als fönnte ihm nichts geschehen, wenn sie hier am Ufer stand und ihn unablässig mit Sen Augen verfolgte. Endlich aber erstarrten ihre Füße gänzlich, und sie mußte heimgehen.

" An dem nicht!" Und dann klagte sie:" Ich habe fo oft versucht, ihm wirklich Schönes vorzulesen, das Beste Als er gegen Dunkelwerden nach Hause kam, war er un­unferer Dichter aber gar kein Interesse, noch gar kein Ver- endlich frisch. Mit Freudigkeit sprach er vom Eislauf. Ha, ständnis! Und für solche solche" fie suchte einen Aus- das war mal fein! Ich möchte immer so laufen- morgen, druck und fand ihn nicht für so etwas begeistert er sich! übermorgen alle Tage und immer weiter, weiter! Der Aber ich leide es nicht, ich dulde es nicht! Dergleichen darf See ist viel zu klein!" nicht in seine Nähe!"

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Dann entlasse die Dienstboten," hatte er ärgerlich ge­sagt. Er war eben im Einschlafen und wollte nicht mehr gestört sein. Gute Nacht, mein Herz, schlaf Dich aus! Uebrigens bist Du ja nun wieder da und wirst schon das Deine tun!"

Ja, das würde sie auch!-

Sie ließ den Knaben von nun ab nicht mehr aus den Augen. Und ihre Ohren waren überall. Es lag fein Grund vor, das Mädchen zu entlassenes war ehrlich und sauber, tat seine Schuldigkeit nur mit Wölfchen durfte es nicht mehr allein sein. Wolfgang ging jetzt ins zwölfte Jahr, eine Ueber­wachung durch eine Dienerin war überhaupt nicht mehr möglich.

Aber es war schwer für Käte, ihren Vorsätzen treu zu bleiben. Ihr Mann machte doch auch seine Ansprüche, und

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Bist Du denn gar nicht müde?" fragte die Mutter und lächelte ihn an; fie fonnte sich nicht satt an ihm sehen, er sah so strahlend aus. fast geringschäßiges Lächeln 30g feine ch werde nie müde. Von so was gesagt, sie möchte auch gern mal mit

Müde?" Eir Mundwinkel herab. nicht! Die Cilla hat mir laufen!"

,, Ach, warum nicht gar?!" Schlieben, der mit beim Kaffeetisch saß, lächelte gutgelaunt; es machte ihm Spaß, den frischen Jungen ein wenig zu neden. Dann wird sich die Mutter eben während der Eiszeit ein ziveites Hausmädchen engagieren müssen!"

Wolfgang verstand den leisen Spott nicht. Ganz glüc lich rief er:" Ja, das soll sie tun!" Aber dann wurde sein Geficht lang: Aber sie hätte keine Schlittschuhe, fagt sie. Vater, Du mußt ihr welche kaufen!"

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