Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 111.
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Mittwoch, den 13. Juni.
( Nachdruck verboten.)
Einer Mutter Sobn.
Roman von Clara Biebig.
,, Du kommst nie mehr zu mir," sagte Wolfgang.
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Wie kann ich denn?!" Die Achseln zuckend, tat sie wichtig. Was meinste wohl, was ich zu tun habe! Morgens schon vor achte' rein mit die Stadtbahn, un denn nur zwei Stunden Tischzeit-immer' rein,' raus un abends bin ich meist nie vor zehne zu Hause, oft auch noch später. Dann bin ich so müde, dann schlafe ich wie' ne Rape. Aber Sonntags, dann läßt mir Mutter mal ausschlafen, und nachmittags jehe ich mit Arturn und Flebbe los, wir Wo geht Ihr hin?" fragte er hastig. Ich kann ja auch mal mitgehn!" " Och Du!" Sie lachte ihn aus. Du darfst ja nich!" " Nein!" Tief sentte er den Kopf.
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" Na, sei man nich traurig," ermunterte sie und fuhr ihm mit dem Zeigefinger, an dem der schäbige Glacéhandschuh an der Spitze aufgesprungen war, ums Kinn.„ Dafor biste ja auch Schüler vons Gymnasium. Artur kommt nächsten Herbst auch in de Lehre. Mutter denkt, bei'n Friseur. Un Flebbe, der lernt ja schon Matrealist sein Vater hat's ja dazu- wer weiß, der friegt an'n Ende noch mal' n eijnes Jeschäft!" " Ja," sagte Wolfgang eintönig in ihr Plaudern hinein. Wie verloren stand er auf der Straße, seine Bücher unter den Arm gepreßt. Ach, wie weit, weit war die hier, waren die alle drei nun auf einmal von ihm gerückt! Die, mit denen er einst täglich gespielt hatte, deren Hauptmann er stets gewesen war, die waren nun schon so groß, und er, er war noch ein dummer Schuljunge!
Verfligt!" Mit einer heftigen Gebärde schleuderte er seinen Bücherpacken von sich, daß der Riemen, der ihn zusammenhielt, sich löste. Alle Bücher und Hefte flogen auseinander und lagen voneinander gespreizt im Staub der Straße.
Au weh, aber Wölfchen!" Frida bückte sich ganz erschrocken und las eifrig alles zusammen
Er half ihr nicht aufsammeln. Mit einem bösen Ausdruck starrte er vor sich hin.
" Dada haste se wieder," sagte das vom emfigen Bücken ganz rot gewordene Mädchen, pustete die Bücher ab und zwängte sie ihm unter den Arm.
" Ich mag nicht!" Er ließ sie wieder fallen.
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„ Na, Du bist jut! Was fällt Dir den ein die teuern Bücher!" Sie konnte sich ordentlich über ihn ärgern. Weißte denn nich, daß die Jeld kosten?!"
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P- 1" Er machte eine Handbewegung, wie: was macht das?!„ Dann werden eben neue gekauft!"
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Wenn Dein Vater auch geld genug hat," ereiferte fie sich, das' s doch nicht recht von Dir, so mit die juten Sachen umzujehn!"
Er sagte, fein Wort hierauf, aber er hob nun die Bücher auf und schnallte sie wieder in den Riemen. Verlegen standen sie beide zusammen. Sie sah ihn verstohlen von der Seite an: hatte der sich aber verändert! Und er ärgerte sich über feine Heftigkeit: was sollte sie nun wohl von ihm denken?!
" Ich muß mu jehn," sagte sie plößlich, sonst frieg' ich nich mal mehr mein Mittagessen jejessenau, hab' ich' n Hunger!" Sie legte die Hand auf den Magen:„ Das wird schmecken! Mutter hat heute Bellfartoffeln un Hering!"
" Ich gehe mit!" Seinen Schritt dem ihrigen anpassend, trabte er neben der eilig Trippelnden her.
Sie war ganz rot geworden: was würde die Mutter fagen, wenn fie Wolfgang mitbrachte?! Nein, das ging wirklich nicht an, es war ja heute, gerade heute bei ihnen nicht aufgeräumt! Und gelogen hatte sie auch: es gab ja gar nicht Hering, nur Zwiebelsauce zu den Pellfartoffeln!
Sie genierte sich vor Wolfgang. Nee, jeh Du man nach Hause," sagte sie und verschanzte sich hinter einem Schmollen, biste so lange nich bei uns jewesen, brauchste auch heute nich. Ich bin Dir böse!" „ Mir böse
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1906
sollte doch nicht zu Euch kommen, ich durfte doch nicht dafür kann ich doch nicht! Frida!"
Sie fing an zu rennen, blutrot im Gesicht; er rannte neben ihr her. Frida! Frida, mir, mir kannst Du doch nicht böse sein?! Och, Frida, sei doch nicht so! Frida, laß mich doch mitgehen! Nun bin ich Dir endlich mal begegnet, und nun bist Du so?!"
Es lag Trauer in seiner Stimme. Sie fühlte die wohl heraus, aber zugleich ärgerte sie fich: was brauchte er sich ihr so anzukleben! Flebbe würde das auch gar nicht recht sein! und so sagte sie schnippisch:" Wir passen ja doch nich zusammen. Jeh Du nur mit Deinen Fräuleins. Zu denen jehörste nu mal!"
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,, Sag' das noch mal untersteh Dich!" Grob schrie er's und hob die Hand, als wollte er ihr einen Schlag geben. Dumme Bieraffen, was gehen die mich an?!"
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Er hatte recht das mußte sie ihm innerlich zugestehen nie hatte er sich an einen der Backfische herangemacht, die hier und herum in den Villen wohnten. Sie wußte es wohl, daß er sie allen vorzog, und fühlte sich geschmeichelt in ihrer Eitelkeit; besänftigend sagte sie, aber zugleich ausweichend: Nee, Wölfchen, Du kannst aber doch nich mehr mit mir jehen, es paßt sich doch nu mal nich mehr!" Und sie bot ihm die Hand: Adieu, Wolfgang!"
Sie waren gerade zwischen dem Buschwerkt eines fleinen Schmuckplates mit Bänken, an dem die Villen, hinter Vorgärten ganz versteckt, weit zurücklagen. Kein Mensch war in Sicht im stillen Mittagssonnenglanz. Aber wären auch Leute gekommen, es hätte ihn nicht abgehalten; mit beiden Armen pacte er sie wie in einer Art von Wut:" Ich gehe mit- ich laß Dich nicht!"
Unsanft wehrte sie sich: was fiel dem dummen Jungen ein?! Der war wohl berrückt?! Laß mich doch," fauchte sie wie eine kleine Sage, läßte mich fleich los?! Au! Warte man, ich sage es Flebben, der soll Dir auf' n Kopp kommen! Laß mich doch in Ruhe!"
Er ließ sie nicht los. Ohne ein Wort hielt er sie umflammert, seine Bücher lagen wieder im Staub.
Wollte er sie füssen oder schlagen?! Sie wußte es nicht; aber sie hatte Angst vor ihm und wehrte sich wie sie konnte. Du Durchbrenner," zischte sie ihn an, na, Du bist ' n Schöner! Rennt fort von Hause, verkriecht sich im Walde! Aber sie haben Dir ja doch jetriegtätsch!"
Er hatte sie plöglich losgelassen; sie stand vor ihm und höhnte ihn aus. Nun hätte sie gut fortlaufen können, aber nun reizte es sie, stehen zu bleiben und ihn herunterzumachen: Durchbrenner! Auskneifer!"
Er war sehr rot geworden, den Kopf hielt er tief gesenkt. Wie konntste das bloß machen? fuhr sie fort mit einer gewissen Grausamkeit.„ Na, so dumm! Alle haben se Din ausjelacht! Wir wollten' t absolut erst jar nich jlauben. Nee, ich sage, rennt der Bengel weg, ohne Jeld, ohne Müze, ohne ' n Stud Brot in der Tasche! Du wollt'st wohl so nach Amerika , was?!" Sie musterte ihn von Kopf bis zu Füßen, und dann warf sie ihren Oberkörper ein wenig hintenüber und lachte laut:" Na, so was!"
Er hob den Kopf nicht, murmelte nur vor sich hin:„ Lachen sollst Du nicht drüber nein, lachen nicht!"
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„ Na, was denn? Vielleicht weinen? Was jeht's mich an! Deine Mutter hat jenug drüber jeweint, un Dein Vater ist' rumgerannt wie' n Verrüdter. Die janzen Beamten vons Revier waren auf' n Beinen. Sag' mal, Du hast wohl ordentlich Dresche jefriegt, als sie Dir nach Hause brachten am Schlafittchen?!"
„ Nein!" Er hob plötzlich den Kopf und fah ihr starr in die ein wenig boshaft funkelnden Augen.
Es war etwas in diesem Blick- ein stummer Vorwurf- das zwang sie, ihre Lider zu senken.
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Geschlagen haben sie mich nicht das hätte ich mis auch nicht gefallen lassen nein, geschlagen nicht!" " Eingesperrt?" fragte fie neugierig.
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Er gab ihr feine Antwort; was sollte er sagen?! Nein, eingesperrt hatten sie ihn nicht, er durfte frei umhergehen in Haus und Garten, auf der Straße, in der Schule- und doch
mir?! Was hab' ich denn getan? Ich ler war doch nicht frei!