Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 136.

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Mittwoch, den 18. Juli.

( Nachdrud verboten.)

Kinder der Gaffe.

Roman von Charlotte Knoeckel. Stamp trat vom Fenster zurück und tat einen Schritt hinein in die Stube; er räusperte sich.

Müting aber fuhr fort, und seine Stimme klang matt, hinabgewürgte Tränen zitterten darin.

" Sorg gut für se, daß se brav und ordentlich werde," hat mer es Luis noch gesagt, ganz kurz bevor se gestorben is! " Sorg für se!" Ja, ja!" Der Mann weinte.

Auch Frau Kamp weinte und ihr Mann fuhr sich mit dem Rockärmel über die Augen.

" Für se sorge!" meinte Müting. Ich muß halt schaffe gehn und und!"

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Da griff Frau Kamp wieder nach ihrem Messer. Es hilft halt nir," sagte sie. Ihr müssen heirate! Eher kriegen Ihr kein Ruh!"

Ja, aber wen denn?" fragte ihr Mann vom Fenster her. Weißt eine, die für en paßt?"

,, Na ja natürlich, die Marie doch!" " Hm!" Kamp fragte sich hinterm Ohr. Müting rührte sich nicht.

Er sah die weißen Zähne der Marie, aber er sah auch ihr schmußiges Kopftuch! Die unreinliche Stube sah er, in der er sie damals aufgesucht, und eine Falte schob sich zwischen seine Augenbrauen.

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Baßt se Euch nit?" fragte Frau Kamp.

Ach! Ich mein halt, se is am End nit recht proper; aber ich hab auch an se gedacht!"

En handfest Mädel is se! Das muß man ihr lasse," sagte Kamp und pflanzte sich wieder vor Müting auf, die Hände in den Hosentaschen.

" Ihr denken wohl an das Kind,?" fragte Frau Kamp.

Nee, nee!" sagte Müting. Das nit! Was kann se dafür, wenn se an en Liederliche gerät, an en Lump! Nee, das is nit! Das könnt se mitbringe! Da hätt ich nir gege! Wo vier Kinder satt werde, da is noch für en fünftes was!" -?" " Ja, aber dann

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Ja, hm! Meinen Ihr, daß die Marie gut zu meine Kinner is? Daß se für se sorge tüt, so wie es Luis?"

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Das ja!-Wie Euer erscht Frau-! Du lieber Himmel! Ihr dürfen auch nit immer mit dere vergleiche! Aber gut zu de Kinner is de Marie schon, sie is nit frech. Und Euer Rinner, die hat se gern. Es Emma besonders! Wie oft hat se mir das nit schon gesagt. Wie leid er das Kind tät, und daß es gute Pflege habe müßt und eso

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-2"

Hm, ja, das dent ich als auch," sagte Müting. Und da meinen er Ja sagte Kamp. " Na ja-!" Müting langte nach seinem Hut. Er drehte ihn ein paar Sefunden lang zwischen den Fingern. Na da will ich halt emal-!" Schwerfällig stand er auf. Da will ich halt emal zu dem Marie gehn! Gut Nacht auch!" Er trat aus der Tür.

und e bißche Geld hat se ja auch, die Marie,"

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Mit der Marie war er bald einig. Sie lachte vergnügt und rüttelte ihn an der Schulter.

Am Sonntag bestellen mer's Aufgebot," sagte sie ,,, und dann kriegste bald wieder en Frau ins Haus!"

Als Bräutigam kehrte Müting in seine Wohnung zurück, aber niemand hätte das dem Mann angesehen, und es war ihm auch nicht froh zu Sinn.

Wenn se nun doch nit die Recht wär?" dachte er und seufzte. Und er überlegte, daß es am Ende doch besser ge­wesen wäre, wenn er's noch mit einem vierten Mädchen ver­fucht hätte. Die kann mer rausschmeiße, wenn ſe nig tauge," und er seufzte noch einmal.

Zu Haus aber kam ihm der Christian jubelnd entgegen. ,, Vater," rief er und seine Augen leuchteten, Vater, der Herr Pfarrer hat gesagt... gesagt, ich sollt Dich frage, ob ich morge mit ihm und em Robert spaziere gehn dürft! Und

1906

dann sollt ich morge gleich nach dem Esse komme und bis zum Abend täten mer bleibe!"

Da lächelte der Mann. Du scheinst ja gut angeschriebe zu sein beim Herr Pfarrer!" und er wandte sich nach der Luis um.

,, Gib mer was zu esse!" sagte er.

4.

Als anderen Morgens der Christian früh um fünf Uhr schon aufwachte, stahl er sich heimlich von des Vaters Seite im Bett und lief ans Fenster.

Er preßte das Gesicht fest an die Scheiben und guckte zum Himmel hinauf. Er sah nur ein kleines Stückchen davon, aber das war tiefblau, und der Christian hätte laut aufjubeln mögen vor Freude.

Heute durfte er ja mit dem Pfarrer und dem Robert spazieren gehen!

Ein paar Stunden später, auf dem Schulweg, erzählte er's dem Peter.

Der maß ihn mit neidischen Blicken.

Mit em Pfarrer?" fragte er.

Inja!"

Ja, Du, Du hast's gut! Jeden Tag fast spielste mit dem Robert, und jezt nehme se Dich gar mit spaziere!"

" Inja!" Stolz und glücklich blickte der Christian drein. Sie kamen gerade am Pfarrgarten vorbei. Ueber die hohe Mauer hingen ein paar Zweige des Birnbaumes, das Ge­wicht des reifenden Obstes zog sie tief herab.

Der Peter recte sich, um eine Birne zu erhaschen. ,, Laß doch!" bat der Christian und zog seinen aus­gereckten Arm herunter.

Da lachte der Peter. Ja, Du," sagte er, Du kannst bei Pfarrers im Garten Birne esse, aber ich? Ich muß mer se stehle, wenn ich se esse will!" Des Knaben helle Augen blitten auf. Dann kniff er sie plötzlich zusammen, und er zupfte den Kameraden am Aermel.

Du," er sah ihn bittend an," Du, Chrischan, frag doch emal den Robert, ob ich auch mit in de Garte komme dürft!" Der Christian besann sich. Ich weiß nit?" " Na, ich mein, frage könnst doch emal," beharrte der Peter. Das Wasser lief ihm im Munde zusammen; er dachte an all das schöne Obst, das er bei Pfarrers im Garten essen wollte. Frage? Na ja, ich will de Robert frage," sagte der

Christian.

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Und in der Zehnuhrpause fragte er ihn.

Die Mutter hat's nicht gerne, daß ich mit so viel ge­wöhnlichen Kindern spiele," sprach der Pfarrerssohn und richtete sich stramm auf.

Ich bin doch auch en gewöhnlich Kind," sagte der Christian verächtlich. Schmerzlich zuckte es um seinen Mund. " Du!" Robert schlang den Arm um des Freundes Hals. Du bist mein Freund, und Du sitzt der erste und bist nit un­gezogen, und darum hat auch die Mutter nir dagegen."

"

Ein Leuchten kam in Christians Augen bei diesen Worten. Ich will mir Mühe geben, daß ich immer der beste bleib, dachte er. Und seine Lippen preßten sich zusammen in festem Ent­schluß. Aber? Was nüßt's mich, wenn ich der erste bin, fragte etwas in ihm. Und die Frage tat ihm weh. Er wollte sie nicht hören.

Na, hast's em gesagt?" fragte der Peter den Christian auf dem Heimweg.

Der nickte und wurde rot.

Na, und...?"

" Em Robert sein Mutter hat's nit gern," sagte er und heftete die Augen auf den Boden.

" Du hast gar nit gefragt!" schrie der Peter.

" Doch!"

" Du lügst ja!" Und er packte ihn am Arm, rüttelte ihn und schlug ihm die Mütze vom Kopf. Da umfaßte der Christian mit dünnen Armen des Gegners Leib und warf ihn auf die Erde.

Sein Gesicht war totenblaß geworden, seine Augen glänzten, und feuchend ging sein Atem. Er lief davon, der Peter aber richtete sich auf.

Er hat gar nit gefragt, der Lügner!" schrie er und ballte die Fäuste hinter dem Davoneilenden.