Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 155. Dienstag, den 14. August. 1906 (Nachdruck Verbote«.) 25] Kinder der Gaffe* Roman von Charlotte K n o e ck e l. ..Was is passiert?" fragte die Eckels, als sie der Freundin verstörtes Gesicht sah. „Es Emma stirbt!" sagte die. „Was? Es stirbt?" „Ja." Die Marie fing an zu schluchzen „Aber noch lcbts doch?" „Jnja, ich denk...! Vorhin...!" „Da komm ich gucke!" sagte die Eckels „Erst aber gehn er mit mer zum Doktor!" bat die Marie. „Natürlich, natürlich!" Die Eckels band sich den Rock zu. „Wie is das nure so schnell gekomme?" fragte sie, während sie mit der Marie die Treppen hinabstieg. „Ich weiß selber nit," sagte die.„Mit eiinal hustet's, ruft's, und wie ich enein spring, da sitzt's im Bett, und es Blut lauft em zwische de Finger durch!" „Jesses Maria und Joseph! Zwische de Finger durch!" sagte die Eckels. „Ja, und jetzt schwimmt's ganz im Blut!" klagtd die Marie. „Schwimmt's im Blut!" wiederholte die Eckels. Sie liefen zum Doktor und von dort eilig zu MütingS zurück. Als die Frauen in die Kammer traten, machte die Luis gerade das Bett ihrer Eltern für die Emma zurecht. Die lag noch immer reglos mit schwachem Atem in den blutgetränkten Kissen. „Ach Gott , ach Gott, wie das aussieht!" sagte die Eckels und schlug die Hände zusammen. „Wenn der Doktor nure käm!" meinte die Marie Da ging die Tür auf und der Arzt trat ein. Er fühlte der Emma Puls, zog die Augenbrauen hoch und räusperte sich. „Ruhe vor allen Dingen!— Dann geben Sie Eis- stückchen... Einen Eisbeutel aufs Herz... Weiter?" Er griff noch einmal nach dem Puls.„Weiter-- weiter nichts." sagte er. „Darf ich se wohl da ins frisch Bett lege?" fragte die Luis. „Hm." Der Mann schaute auf das blutige Leintuch und das blutige Kissen. Er schaute auf das andere Kind, welches das Köpfchen gegen die Wand gepreßt, im selben Bett wie die Kranke schlief, und ein Erstaunen kam in seine Augen. „Schläft das immer bei der Kranken?" Die Luis nickte. „Und da mitten drin?" Er sah die Luis an und deutete auf den leeren Raum zwischen den beiden Mädchen im Bett. „Da schlaf ich," sagte die Luis, und wie sie das sagte, fühlte sie einen mitleidigen Blick des Doktors, und eiskalt kroch es ihr den Rücken herauf. Herrgott! Der Schweiß stand auf ihrer Stirn. Steckte die Krankheit an, steckte sie wirklich an...? Und... und?! Ihre Finger kranipften sich ineinander. August, August! schrie etwas in ihr. August, August--! Ich werd doch nit auch...?! Ihre Arme sanken schlaff am Leib herab. Sie hatte den Rücken gekrümmt, wie unter einem Peitschen- hieb. Dann richtete sie sich jäh auf. „Ich bin gesund," sagte sie.„ganz gesund!" Und sie atmete tief... aber dabei empfand sie einen schmerzenden Stich zwischen den Rippen, der sie aufs neue erbleicheu ließ. Bin ich ganz gesund... ganz gesund? Ihre Finger zitterten. Derweilen hatte der Arzt noch einmal den Puls der Kranken gefühlt.** „Schicken Sie zur Schwester, damit Ihnen die beim Um- betten helfe!" wandte er sich zuletzt an das Mädchen.„Und dann wäre es gut, wenn sie für die Nacht hierbliebe."'' Damit verließ er die Kammer. Die Marie folgte ihm. »Stirbt se?" fragte sie und faltete die Hände. „vw! „Jesses, Jesses, das brav still Mädche!" Die Marie schluchzte laut auf. „Ist denn gar nit zu helfe?" fragte die Eckels. Lungenschwindsucht!" sagte der Arzt und zuckte die Achseln. Er ging zur Tür hinaus, als eben der Christian eintrat. „Was ist?" sagte er beim Anblick der heulenden Marie. Das Blut wich aus seinem Gesicht. „Es Emma!" sagte die Eckels „Is tot?" schrie der Christian auf. „Noch nit, aber..." „Aber... aber..." Lallend kamen die Worte über des Christians Lippen. Die ganze Stube drehte sich um ihn im Kreise. Ej flimmerte vor seinen Augen. Blau, gelb, grün und rot, rot, rot...„Ha!" Er sank auf einen Stuhl. Reglos hockte er dort eine ganze Weile mit schlaffen Armen und vvrnüberhängendcm Kopf. Dann kam ihm langsam das Bewußtsein „Was ist denn geschehen?" fragte er. Da sagten sie ihm, daß die Emma einen Blutsturz gehabt und im Sterben liege. „Also doch... doch!" Er riß sich den Kragen vom Hals und die Krawatte. Während ich droben mit der Paula... mit der Paula-- 1 Die Schamröte stieg ihm heiß in die Schläfen, und er schlug sich mit der Hand vor die Stirn. Im selben Augenblick öffnete sich die Tür. Der Franz trat ein und hinter ihm der Johann. Sie setzten sich ruhig hin und falteten die Hände. Der Kleine weinte leise, der Franz aber wischte sich mit dem Rock- ärmel eine Träne aus dem Auge. Ich bin doch als oft nit gut zu er gewese, und jetzt muß se all sterbe... Und Müting kam. Er nickte stumm zu dem, was Frau Eckel ihm leise er-' zählte und hängte den Hut an den Nagel. Dann ging er in die Kammer. Dort saß er ein paar Minuten lang an der Emma Bett und hielt ihre wachsbleiche Hand in der seinen. Ein paar dicke Tränen fielen darauf, die er behutsam abwischte. Er ging, llnd die Luis saß wieder allein bei der Kranken. Eine Kerze erhellte den Raum. Ihr flackernder Schein fiel auf des Mädchens totenbleiches Gesicht, und auf das Blut- in dem sie lag. Mit kurzem, schwachem Atem lag es und hatte die Augei» geschlossen. Plötzlich öffnete es sie weit.„Luis, wenn... wenn, dann ziehen nier nit mein Konfirmantekleid an!" Erschöpft hielt sie inne und dann mit einer letzten An, strengung fuhr sie fort.„Kaufen mer— en— Totenhemd, en weißes... Es gibt ganz billige— schon für zwei Mark fünfzig..." Die Luis nickte und fuhr sich mit dem Taschentuch über die Augen. Eine Weile war's still in der Stube. „Du," hob die Emma dann noch einmal an,„ich Hab mer immer gewünscht, katholisch zu sein... das is doch kein Sünd?" Die Luis besann sich einen Augenblick „Nein," sagte sie dann,„mer glauben ja all an einen Herrgott und an de Herr Jesus glauben die Katbolikf ja auch!" „Dadrum komm ich also doch— in de Himmel?' „Die richtige Katholike kommen ja auch enein!" Di? Emma tat einen tiefen Ateinzug.„Dann— 1" Aus ihrer Kehle stiegen ein paar kurze, gurgelnde Töne. Die Luis sprang auf. Sic beugte sich iiber die Schwester. Die lag ohne zu atmen mit offenem Munde Ein Beben ging durch der Luis Leib. Emma! wollte sie rufen, aber das Wort blieb ihr in der Kehle stecken. Sie horchte nur mit vorgestrecktem Hals unfj einem gespannten Zug um den Mund. Sie horchte, aber sie hörte nichts mehr. Da ging die Türe auf.
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23 (14.8.1906) 155
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