Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 208

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Der Sumpf.

Freitag, den 26 Oktober.

( Nachdruck verboten.)

Roman von Upton Sinclair . Autorisierte Uebersetzung. Es gab in den Schlachthäusern ja jogar nicht ein­mal eine Stelle, wo die Männer ihre Hände wajchen konnten, und zur Mittagszeit aßen sie ebensoviel Blut wie Nahrung. Bei der Arbeit konnten sie ihre Gesichter nicht abtrocknen, sie waren in der Hinsicht so hülflos wie Säuglinge. Das klingt wie eine Kleinigkeit, aber es war eine Qual, wenn der Schweiß ihnen über den Nacken strömte und sie figelte, oder eine Fliege fie stach. Ob es die Sümpfe oder die Schlachthäuser ver­schuldeten bei dem heißen Wetter kam über Packingtown eine schier ägyptische Plage an Fliegen. Es war geradezu unbeschreiblich die Häuser wurden schwarz davon, und feine Rettung gab es vor ihnen. Du konntest deine Fenster und Türen verhängen, aber das Summen davor glich den Schwärmen unzähliger Bienen, und wenn nur ein Spalt fich öffnete, strömten die Fliegen herein, als wenn der Sturm wind sie gefegt hätte.

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Bei den meisten Menschen erweckt die Sommerszeit manchen Gedanken an grüne Felder, an Berge und sprudeln des Wasser. Für die Leute in den Schlachthäusern gab es so etwas nicht. Die große Packmaschine ging erbarmungslos weiter, ohne sich an grüne Felder zu kehren, und die Menschen, welche an ihr teilhatten, fahen nie etwas Grünes, nie eine Blume. Vier oder fünf Meilen im Osten glänzten die blauen Wasser des Michigansees, aber für die Arbeiter hätte er ebenjogut so weit entfernt sein können wie der Stille Ozean . Sie hatten nur den Sonntag, um sich der Sonne zu freuen, und dann waren sie zu müde, um spazieren zu gehen. Sie waren fürs Leben an die Packmaschine gefesselt. Die Beamten, Buchhalter, Oberaufseher usw, famen aus einer anderen Menschenklasse, niemals aus dem Arbeiterstande. Sie selbst die niedrigsten verachteten die Arbeiter. Ein armer Teufel von Buchhalter, welcher 20 Jahre für 6 Dollar die Woche bei Durham gearbeitet hatte und noch 20 Jahre weiter für dasselbe Geld arbeiten würde, hielt sich für einen Gentle­man und hocherhaben über den geschicktesten Arbeiter. Er fleidete sich anders, wohnte in einem anderen Stadtteil, fam zu einer anderen Stunde zur Arbeit und hütete sich sehr, jeinen Ellbogen an dem eines Arbeiters reiben zu müssen. Das fam vielleicht von dem Abstoßenden dieser Arbeit- jedenfalls waren die Leute, welche mit den Händen arbeiteten, eine Klasse für sich, und man ließ es sie fühlen.

Im Spätfrühling öffnete sich die Büchsenfabrik wieder; man hörte Marija wieder singen und Tomaszius' Musik hatte einen weniger melancholischen Klang. Die Freude währte aber nicht lange. Nur einen Monat später kam über Marija ein großes Unglück. Gerade ein Jahr und drei Tage hatte sie in der Fabrik aearbeitet, da war es wieder aus. Und dies ist eine lange Geschichte. Marija behauptete, ihre Tätigkeit in der Gewerkschaft wäre schuld, denn die Packherren hatten natürlich ihre Spione in allen Verbänden. Dazu hatten sie sich eine Anzahl der Gewerkschaftsbeamten gekauft, gerade so viel, wie sie für nötig hielten. So empfingen sie jede Woche Berichte von dem, was dort vorging, und sehr oft wußten sie die Dinge früher als die Mitglieder. Jeder, welcher von ihnen für gefährlich gehalten wurde, war sicher fein Günstling der Aufseher. Und Marija zeigte ihren großen Eifer sehr offen. Sie ging zu fremden Leuten, um ihnen vorzupredigen. Das mochte nun sein wie es wollte, Tatsache blieb, daß Marija, ehe die Fabrik schloß, um dreihundert Büchsen betrogen ward. Die Mädchen arbeiteten an einem langen Tische, und hinter ihnen wanderte eine Frau mit Stift und Notizbuch umher, um die Zahl der fertigen Büchsen zu notieren. Diese Frau war auch nur ein Mensch und irrte sich manchmal. Wenn es aber geschah, gab es keine Abhülfe. Wenn du am Sonnabend weniger Geld bekamst, als dir zufam, mußtest du dich damit bescheiden. Das wollte Marija nicht verstehen, und als es ihr geschah, schlug sie Lärm. Marijas Lärmen bedeutete aber nicht viel, denn bei Litauern und Polen werden wenig Umstände gemacht. Die Leute lachten sie einfach aus und brachten sie zum Weinen. Jetzt aber konnte Marija sich schon

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in englischer Sprache austoben und tat das so gewaltig, daß die Frau, welche den Irrtum begangen fatte, ihr selbst gram wurde. Wahrscheinlich meinte Marija irrte sie sich nachher mit Absicht, jedenfalls irrte sie sich, und als es zum dritten Male geschah, begab sich Marija auf den Kriegspfad und brachte die Sache zuerst vor die Aufseherin. Als ihr da feine Genugtung zuteil ward, ging sie zum Oberauffeher. Dies war eine uneyhörte Anmaßung, aber der Oberaufseher sagte, er würde nachsehen, und Marija hoffte ihr Geld zu be­kommen. Nachdem sie aber drei Tage gewartet hatte, be­fuchte sie den Oberaufseher nochmals. Dieses Mal legte sich des Mannes Stirn in Falten, und er sagte, er hätte keine Zeit gehabt. Als dann Marija gegen den Rat und die War­nungen ihrer Gefährtinnen es zum dritten Male versuchte, schickte er sie ärgerlich an die Arbeit. An demselben Nachmit tag eröfnete ihr die Aufseherin, daß man ihrer Dienste nicht mehr bedürfe! Die arme Marija hätte nicht mehr betäubt sein können, wenn die Frau ihr einen Schlag auf der Kopf gegeben hätte. Zuerst wollte sie nicht glauben, was sie hörte, und dann geriet sie in Wut und schwor, daß sie dennoch kommen würde, der Plaz wäre ihr Eigentum. Bulegt segte sie sich auf den Fußboden und jammerte bitterlich. Das war eine grausame Lehre, aber warum war Marija auch so hals­ſtarrig? Sie hätte auf erfahrene Leute hören sollen. Das nächste Mal würde sie ihren Standpunkt" wie die Auf­ſeherin es ausdrückte kennen. So ging Marija, und die Familie stand wieder vor einer Lebenswende. dung entgegensah und Jurgis sich abquälte, dafür Geld zurück­Das war sehr hart, besonders weil Ona ihrer Entbin­zulegen. Er hatte über die Hebammen, deren es in Bading­town soviel gab wie Fliegen, schreckliche Geschichten gehört und beschloß deshalb, für Ona einen Arzt zu schaffen. Jurgis fonnte sehr hartnädig sein, wenn er sich einmal etwas in den Stopf gesezt hatte, und er war es in diesem Falle, zum großen Kummer der Frauen, welche einen Arzt einmal für eine Un­sch.dlichkeit ansahen, andererseits auch eine Entbindung für Frauenarbeit hielten. Außerdem würde der Arzt 15 Dollar verlangen, vielleicht noch mehr. Aber Jurgis wollte das bezahlen, und wenn er bis dahin hungern sollte!

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Marija hatte nur noch 25 Dollar im Vermögen. Tag für Tag wanderte sie nach den Höfen und bettelte um Arbeit, aber jedesmal ohne rechte Hoffnung. Sie konnte die Arbeit eines normalen Mannes gut verrichten, wenn sie vergnügt war, aber Entmutigungen machten sie elend, und sie fam abends heim als ein bedauernswertes Wesen. Marija hatte jetzt ihre Lektion bekommen, das arme Geschöpf und die ganze Familie litt mit darunter. Wenn du einmal eine Stelle in Backingtown hast, so klammere dich an sie, es mag kommen was da will. Vier und eine halbe Woche jagte Marija umher. Natürlich zahlte sie keine Beiträge mehr für die Gewerkschaft. Sie verlor alles Interesse daran. Schon fürchtete sie, ver­loren zu sein, als jemand ihr neue Hoffnung machte. Sie ging hin und wurde Fleischzurichterin". Sie bekam die Stelle, weil der Aufseher sab. daß sie Muskeln wie ein Mann hatte. Deshalb entließ er einen Arbeiter, gab Marija dessen Arbeit und zahlte ihr wenig mehr als die Hälfte seines Lohnes.

Sie

In der ersten Zeit ihres Aufenthalts in Packingtown würde sie eine solche Arbeit zurückgewiesen haben. Jetzt nahm fie sie an. Es war eine Büchsenfleischfabrik, und Marija hatte die Aufgabe, das Fleisch von franken Tieren zuzurichten, genau so, wie es Jurgis vor kurzem gehört hatte. arbeitete in einem Raum, wo man das Tageslicht selten sah. Unter ihr waren die Gefrierräume und über ihr die Koch­räume. So stand sie auf einem eiskalten Fußboden, während ihr Kopf brannte, so daß sie kaum Atem holen konnte. Sie löste das Fleisch von den Knochen, oft 100 Pfund Gewicht an einem Tage, vom Morgen bis Abend, und stand in schweren Stiefeln auf feuchtem Boden, immer gewärtig, von der Arbeit gejagt zu werden, wenn der Handel flau wurde, oder auch in eiliger Zeit über die Zeit hinaus arbeiten zu müssen und ab­gehetzt zu werden, bis jeder Nerv an ihr zitterte und der Messergriff ihr aus der Hand glitt und sie verwundete- vielleicht sogar vergiftete. So sah das Leben aus, was vor Marija lag. Aber Marija war wie ein Pferd. Sie lachte