Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 228.

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Der Sumpf.

Sonnabend, den 24. November.

( Nachdrud verboten.)

Roman von Upton Sinclair . Autorisierte Uebersetzung.

Der Boden war von einer auf einem Brett befeitigten Kerze erleuchtet, die fast ganz heruntergebrannt war; sie knisterte und qualmte, als Jurgis die Leiter hinaufstürmte. Er konnte nur undeutlich einen Haufen von Lumpen und Decken erkennen, der in einer Ecke auf dem Boden auf­geschichtet war; am Fuß desselben stand ein Kruzifir, und daneben kniete ein Priester und murmelte Gebete. In einer anderen Ecke fauerte Elzbieta, die laut weinte und jammerte. Auf dem Lumpenhaufen lag Ona.

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Sie war mit einer Decke zugedeckt, aber er sah ihre Schultern und einen nackten Arm; sie war so abgezehrt, daß er sie kaum erkannt haben würde, sie sah fast wie ein Ge­rippe aus und war freideweiß. Ihre Augen waren ge­schlossen, und sie lag so still wie eine Tote. Er taumelte auf sie zu und stürzte mit einem Schrei der Verzweiflung neben ihr in die Knie: Ona! Ona!"

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Sie regte sich nicht. Er griff nach ihrer Hand und um flammerte sie krampfhaft, indem er rief:" Sich mich an! Antworte mir! Es ist Jurgis, der wieder da ist hörst Du mich nicht?" Die Augenlider zudten ganz leise, fast unmerklich, und er schrie wieder wie ein Rasender: Ona! Onal"

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Da öffneten sich plötzlich ihre Augen-nur einen Moment. Einen Moment blickte sie ihn an ein Bliz des Erkennens zuckte auf, er sah sie wie in weiter Ferne, allein und verlassen, wie ein Phantom. Er streckte die Arme nach ihr aus, er rief nach ihr in wilder Verzweiflung; ein ver­zehrendes Sehnen wallte in ihm auf, ein qualvolles Lechzen nach ihr, ein ganz neues, heißes Verlangen, das ihn marterte und an seinen Herzfasern riß. Doch es war alles umsonst sie entschwand ihm, sie glitt zurück und war fort. Er stieß einen wimmernden Klagelaut aus, heftiges Schluchzen er­schütterte seinen ganzen Körper, heiße Tränen rannen ihm über die Wangen und fielen auf sie herab. Er packte ihre Hände, er schüttelte sie, er nahm sie in die Arme und preßte fie an sich; aber sie lag falt und still sie war fort- war tot!

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Das Wort durchfuhr ihn wie der Klang einer Glocke, hallte wider in seinen innersten Tiefen, längstverklungene Saiten begannen zu klingen, schattenhafte Aengste regten sich Aengste vor der Finsternis, vor der großen Leere, vor der Vernichtung! Sie war tot! Sie war tot! Er würde sie nie wiedersehen, nie wieder hören! Ein eisiges, grauenvolles Gefühl von Verlassenheit befiel ihn; er sah sich allein und vereinsamt dastehen und die Welt vor seinen Augen dahin­schwinden eine Welt der Schatten, der unerfüllten Träume. Er war wie ein kleines Kind in seinem Schmerz und Schrecken; er rief und rief und erhielt keine Antwort, und fein verzweifeltes Geschrei hallte durch das ganze Haus, so daß die Frauen unten noch ängstlicher zusammenrückten. Er war untröstlich ,. außer sich, der Priester fam, legte ihm seine Hand auf die Schulter und redete sanft auf ihn ein, aber er hörte feinen Laut, denn er war geistesabwesend; um ihn schwebten nächtliche Schatten und er strebte einer Seele nach, die entflohen war.

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So lag er. Die graue Morgendämmerung stieg herauf und troch in den Bodenraum hinein. Der Priester ging, die Frauen gingen, und er war allein mit der stillen, weißen Gestalt, ein wenig ruhiger schon, aber wimmernd und schaudernd, ringend mit einem grauen, fürchterlichen Ge­spenst. Dann und wann richtete er sich auf und starrte auf die weiße Maske, die vor ihm lag; dann bedeckte er wieder die Augen mit den Händen, weil er den Anblick nicht ertrug. Zot! Tot! Und sie war noch fast ein Kind, war kaum acht­zehn Jahre alt! Ihr Leben hatte kaum begonnen und hier lag sie, ermordet gebrochen, zu Tode gemartert! Es war Morgen, als er aufstand und in die Küche hin­unterging- hohläugig und aschgrau, taumelnd und halb

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1906

betäubt. Es waren noch mehr Nachbarn erschienen, und sie starrten ihn schweigend an, als er auf einem Stuhl neben dem Tisch niedersank und das Gesicht in den Armen begrub.

Gleich darauf öffnete sich die Tür; ein Strom eisiger Luft und ein Wirbel von Schneeflocken stürmte ins Zimmer, und mit ihm fam die kleine Kotrina, atemlos von schnellem

Laufen und blau vor Kälte. Da bin ich wieder!" rief sie

aus. Ich konnte kaum

"

Da fiel ihr Blick auf Jurgis, und sie hielt mit einem Schrei inne. Sie sah von einem Gesicht zum anderen und erkannte, daß irgend etwas geschehen war. Was ist denn?" fragte sie mit leiserer Stimme. fragte sie mit leiserer Stimme.

Bevor irgend jemand zu antworten vermochte, sprang Jurgis auf; er trat mit unsicheren Schritten auf sie zu. Wo bist Du gewesen?" fragte er.

sie,

" Ich habe mit den Jungen Zeitungen verkauft," sagte der Schnee-"

Hast Du Geld?" fragte er.

"

Sa. Wieviel?"

,, Beinah drei Dollar, Jurgis." ,, Gib sie mir!"

Kotrina erschrak über seinen Ton und blickte schen zu den anderen hinüber. Gib sie mir!" herrschte er sie aber­mals an, und sie fuhr mit der Hand in die Tasche und holte einen Lumpen heraus, in den sie das Geld eingefnotet hatte. Jurgis nahm es, ohne ein Wort zu sagen, verließ das Haus und ging die Straße hinab.

Drei Türen weiter war ein Schanklokal. Whisky," fagte er, als er eintrat, und als der Mann ihm welchen hin­schob, riß er den Lumpen mit den Zähnen auseinander und zog einen halben Dollar heraus. Wieviel kostet die Flasche?" fragte er. Ich will mich betrinken."

20.

Aber wenn ein Mann nur drei Dollar hat, kann er nicht lange betrunken bleiben. Das war am Sonntagmorgen, und am Montagabend kam Jurgis nach Hause, nüchtern und elend. Er hatte sich klar gemacht, daß er jeden Cent aus­gegeben hatte, den die Familie besaß, und daß ihm das Geld keinen einzigen Moment des Vergessens verschafft hatte.

Ona war noch nicht beerdigt; aber die Polizei war be­nachrichtigt worden, und am nächsten Morgen sollte die Leiche in einen Fichtenfarg gelegt und auf dem Armenfriedhof be stattet werden. Elzbieta war ausgegangen, um ein paar Pfennige für eine Totenmesse von den Nachbarn zu erbetteln; und die Kinder waren oben und hungerten sich halb zu Tode, während er- Taugenichts und Schurke, der er war!- ihr bißchen Geld vertrunken hatte. Das warf ihm jezt Aniele voll zorniger Verachtung vor, und als er aufs Feuer zuging, fügte sie hinzu, daß ihre Küche nicht mehr dazu da sei, von ihm mit Düngergestant erfüllt zu werden. Sie hatte ihre Mieter Onas wegen alle in ein Zimmer zusammengesperrt, aber nun konnte er auf den Boden hinaufgehen, wo er hin­gehörte und auch das nicht mehr lange, wenn er ihr nicht bald etwas Miete bezahlte.

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Jurgis ging, ohne ein Wort zu sagen, stieg über ein halbes Dußend Mieter hinweg, die im Nebenzimmer am Boden schliefen, und stieg die Leiter hinauf. Oben war es dunkel; Licht fonnten sie nicht bezahlen; auch war es hier fast ebenso falt wie draußen. In einer Ecke, so weit wie möglich von der Leiche entfernt, saß Marija, hielt den kleinen Antanas in ihrem gefunden Arm und suchte ihn zum Schlafen zu bringen. In einem anderen Winkel hockte der kleine Juozapas und weinte leise vor sich hin, weil er den ganzen Tag über nichts zu essen bekommen hatte. Marija sagte kein Wort zu Jurgis; er schlich wie ein geprügelter Hund herein und setzte sich dicht neben die Leiche.

Vielleicht hätte er über den Hunger der Kinder nach­denken sollen und über seine eigene Verworfenheit; aber er dachte nur an Ona, er gab sich wieder ganz der Wollust seines Schmerzes hin. Er vergoß keine Träne, denn er schämte sich zu sehr, jetzt auch nur einen Laut von sich zu geben; er faß regungslos da, bebend und schaudernd vor Qual. Er hatte es sich niemals ganz klar werden lassen, wie sehr er Ona