Lurch verdiente. Mer in seinen Gedanken stellte sein Leben ein ständiges Abenteuer dar. Es gab so viel zu lernen, so viel zu entdecken. Nie in seinem ganzen Leben vergaß Jurgis den Tag vor der Wahl, als eine Telephonnachricht von einem Freunde von Harry Adams kam, in der er ersuchte, Jurgis, den er kennen lernen möchte, mitzubringen. Jurgis ging und traf einen der führenden Geister der Bewegung. Diese Einladung ging aus von einem Manne namens Fisher in Chicago , einem Millionär, der sein Leben der Wohl- tätigkeit widmete und mitten im Armenviertel der Stadt ein kleines Haus besaß. Er gehörte nicht der Partei an, aber er sympathisierte mit ihr; urd er sagte, daß er für den Wend den Herausgeber einer großen Zeitschrift, zu Gast geladen habe, der gegen den Sozialismus wüte, aber offenbar nicht wüßte, um was es sich bei der ganzen Bewegung handle. Der Millionär schlug vor. daß Adams Jurgis mitbringen und daß sie dann das Thema überDie Verfälschung der Lebens- mittel" aufnehmen sollten, an der der Redakteur ein lebhaftes Interesse hatte. Ioung Fishers Heim war ein kleines zwei- ftöckiges Backsteingebäude, schmutzig und vom Wetter mit- genommen, aber innen hübsch und anziehend eingerichtet. Es war eine kalte, regnerische Nacht und ein Holzstoß brannte im offenen Kamin. Sieben oder acht Leute standen umher. als Adams und sein Freund ankamen, und Jurgis sah zu feiner Enttäuschung, daß drei davon Damen waren. Er hatte nie zuvor zu Damen besserer Stände gesprochen, und er war ganz verlegen. Er stand im Torweg, den Hut fest in der Hand haltend, er machte einen tiefen Bückling vor jeder Person, als er vorgestellt wurde, und als er gebeten wurde, Platz zu nehmen, drückte er sich in eine dunkle Ecke und saß auf der Ecke eines Stuhles. Er war verlegen. Wenn sie nur nicht von ihm erwarteten, daß er sprechen werde! Außerdem waren da der Gastgeber, der ein großer, athletisch gebauter junger Mann in schwarzem Rock und weißer Binde war, der Redakteur, ein bleich aussehender Mann, Maynard mit Namen. Dann ferner die schwächliche junge Frau des ersteren und eine ältere Dame, die einen Kindergarten hielt, und eine junge Studentin, ein schönes, junges Mädchen mit ausdrucks- vollem, ernstem Gesicht. Sie sprach nur ein- oder zweimal, so lange Jurgis dort war. die ganze übrige Zeit saß sie am Tisch in der Mitte des Zimmers, ihren Kopf bisweilen in der Hand stützend. Zwei weitere Herren waren noch an- wesend. Er hörte sie Adams mitGenosse" anreden und wußte dadurch, daß fie Sozialisten waren. Ter eine, mit Namen Lucas, war ein sanftmütig aus- sehender kleiner Mann, dessen Erscheinung an einen Geistlichen erinnerte. Er war früher auch ein Reiseprediger, wurde dann aber Prophet einer neuen Verkündigung. Er reiste im ganzen Lande umher, lebte gleich den alten Aposteln von der Gastfreundschaft, predigte an Straßenecken, wenn er keinen geschlossenen Raum finden konnte. Ter andere war mitten in einer Diskussion mit dem Redakteur, in der sie der Eintritt von Adams und Jurgis unterbrach, aber auf den Vorschlag des Gastgebers hin nahmen sie ihr Thema wieder auf. Jurgis saß bald sprachlos da, in der festen Ueberzeugung, daß dies sicher der feltsamste Mann sei, der je auf Erden gewandelt. Nicholas Schliemann war ein Schwede, groß und dürr, hatte behaarte Hände und einen struppigen Bart. Er hatte studiert und war Professor der Philosophie, bis er heraus- fand, wie er sagte, daß er auf bestem Wege war, seinen Charakter und seine Arbeitskraft zu verkaufen, llm sich davor zu bewahren, zog er nach Amerika , lebte dort in einem Stadt- viertel der Armut, in einer Dachstube, und gab sich mit Feuer- eifer seinen Studien hin. Er studierte die Zusammensetzung der Nahrungsmittel; er wußte genau, wieviel Protein und Kohlehydrate sein Körper benötigte und wußte es sich so ein- zurichten, daß er für Beköstigung nicht mehr wie 11 Cent pro Tag auszugeben brauchte, ohne Hunger zu leiden. Am 1. Juli verließ er alljährlich zu Fuß Chicago , und auf dem Lande half er bei der Ernte, verdiente zwei und einen halben Dollar den Tag und kehrte zurück mit dem Gelde in der Tasche, ungefähr 125 Dollar, genau so viel, wie er für ein ganzes Jahr brauchte. Das stellte nach seiner Meinung die äußerste Grenze menschlicher Unabhängigkeit dar, die ein Mannunter dem Kapitalismus " erreichen könnte. Er würde nie heiraten, erklärte er, denn kein geschei.er Mann würde es sich gestatten, sich vor dem allgemeinen Aufstand zu verlieben. Er saß jetzt in einem großen Lehnstuhl, hatte die Beine übereinandergeschlagen und lehnte seinen Kopf so weit in den Schatten zurück, daß man nur seine zwei glühenden Augen sah, die die Glut seines Jn»rn widerspiegelten. Er sprach einfach und entscheidend, wie wenn er seinen Zuhörern einm Lehr- satz der Geometrie erläutern wolle; aber solche Vorschläge, wie er sie eben machte, würden gewöhnlichen Leuten das Haar zu Berge treiben. Und wenn der Zuhörer versichert hätte, so etwas nicht verstehen zu können, würde er fort- gefahren sein, ihm durch neue, noch erstaunlichere Ideen die nötige Erklärung zu geben. Jurgis verglich Dr. Schliemann mit einem Gewitter oder Erdbeben. Und doch, so seltsam es auch sein mag. bestand ein Band zwischen ihnen, und er konnte seinen Ausführungen bald die ganze Zeit über folgen. Nicholas Schliemann war mit dem ganzen Weltall ver- traut, und mit den Menschen selbst als einen geringen Teil davon. Er hatte die menschlichen Einrichtungen studiert und spielte mit ihnen wie mit Seifenblasen. Es war über- wältigend, daß so viel zerstörende Gewalt in einem einzigen Menschen stecken konnte. Was hieß denn überhaupt Re- gierung? Bestand nicht der Zweck der Regierung allein im Bewachen der Eigentumsrechte, im Fortbestand alter Gewalt und modernen Betrugs? Oder was stellte die Heirat vor? Heirat und Prostitution waren die zwei Seiten eines Schildes. befriedigten beide nur des raubsüchtigen Mannes Lüsternheit nach geschlechtlichem Vergnügen. Der Unterschied zwischen ihnen war nur ein Klassenunterschied.Wenn eine Frau Geld hat. so kann fie ihre Bedingungen diktieren: Gleichheit, einen Kontrakt fürs Leben, und Rechtmäßigkeit, das heißt: Erb« fähigkeit ihrer Kinder. Wenn sie kein Geld hat, gehört sie dem Proletariat an und verkauft sich, um nur ihr Dasein fristen zu können. Und dann wird solchen Wesen noch Religion eingepaukt, die tödlichste Waffe des Erzfeindes. Die Regie- rung unterdrückt den Körper des Lohnstlaven, die Religion bedrückt seine Seele und vergiftet den Strom des Fortschritts an seiner Quelle. Der Arbeiter soll seine Hoffnungen an ein künftiges Leben heften, während seine Taschen in diesem Leben geleert werden, er wird zur Einfachheit, Erniedrigung und zum Gehorsam erzogen eben zu allen solchen Pseudo- tilgenden, die dem Kapitalismus in den Kram passen. Das Geschick der Zivilisation lvird durch einen Todeskampf ent- schieden werden zwischen der roten internationalen und der schwarzen Flagge, zwischen dem Sozialismus und der römisch. katholischen Kirche hier in Amerika der höllischen Finsternis amerikanischen Evangelismus. Hier trat der Ex-Reiseprediger aufs Feld, und ein leb- hastes Wortgefecht wurde geführt.Genosse" Lucas war nicht das. was man einen studierten Mann nennt. Er kannte seine Bibel, aber es war eine Bibel durch wirkliche Er« fahrungen ausgelegt.Was soll das bedeuten," sagte er, die Religion zu verwechseln mit dem, was die Menfchen aus ihr gemacht haben? Daß heute die Kirche in den Händen der Wucherer ist, ist deutlich genug, aber es zeigen sich linverkenn- bare Zeichen einer Empörung, und wenn Genosse Schlie- mann von heute an gerechnet in einigen Jahren auf daS Thema zurückkommen wird O ja, natürlich," unterbrach ihn der andere,ich be- zweifle keinen Augenblick, daß der Vatikan in hundert Jahren ableugnet, je gegen den Sozialismus gewesen zu fein, gerade so wie er jetzt ableugnet. Galilei gefoltert zu haben."Ich verteidige keineswegs den Vatikan, " erklärte Lucas lebhaft, ich verteidige das Wort Gottes welches einen langen Schrei darstellt der menschlichen Seele, sich zu befreien von der Macht der 1lnt>».-drückung. Nehmt das 24. Kapitel im Buche Hiob , das ich gewöhnlich in meinen AnsprachenDie Bibel und der Fleischtrust" zitiere, oder nehmt die Worte von Jesaia, oder die Worte von dem Herrn Jesus selbst. Mer denkt dabei nicht an den vornehmen Fürsten, den unsere Kunst aus ihm macht, an den Christus, wie ihn unsere Gesellschafts« kirche auffaßt, sondern an Jesus in seiner ganzen Wahrhaftig. keit, als ein Wesen des Kummers und der Pein, als den Ausgewiesenen und von der Welt Verachteten, der nichts hatte, wohin er sein Haupt hätte legen können." lFortsetzung folgt.) (Nachdruck verboteuo Die SnNvickelung der Glüblarnpe. Die heute so verbreitete, in Fabriken usw. unentbehrliche elektrische Beleuchtung zerfällt in zwei scharf von einander ge- schiedene Arten' m die Bogenlampcnbeleuchtung und in die Glüh« lampenbeleuchtuna. Die Leuchtwirkung der Glühlampen beruht auf der Erscheinung, daß ein Körper, durch den ein elektrischer Strom fließt, warm und wenn der Strom stark genug ist, heiß und glühend wird.