Anterhaltungsblatt des Vorwärts

249.

Dienstag, den 25. Dezember.

Neue Weihnacht.

Es klingt ein Lied aus alter Zeit Wie Sternentraum so rein, Von eines Kindleins Herrlichkeit Und schlichter Hütte hellem Schein.

In eine Nacht von Wahn gebar, Als sich die Zeit erfüllt,

Von Karl Henckell .

Das Weib den Menschensohn, der klar Den Widersinn der Welt enthüllt.

Sein Auge war so himmelstief, Durchstrahlte Trug und List,

Der Lichtheld wuchs, sein Schicksal rief, Am Kreuze hing der Menschheit Christ.

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1906

Noch immer hängt der Mensch am Kreuz, Noch immer weinen Frau'n, Dem Glockenklang des Weihgeläuts Mischt Wehschrei sich und Schreckensgraun.

Der Geist, der frei mit Feuer tauft, Wird immer noch geschmäht,

Noch wird verraten und verkauft, Wer kühn die Saat der Zukunft sät.

Noch sind so viele Augen blind, Herrscht ungerecht Gericht

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Nun zündet, Mann und Weib und Kind, Der Menschheitwende neues Licht!

( Nachdruck verboten.)

Weihnacht ohne Baum.

Aus Kindertagen.

Von Wilhelm Holzamer . Die Weihnachtsstimmung begann am Nikolausabend, am ,, Nikeloseowend", wie es unserer Zunge besser steht. Der Nikelos" ist der Vorbote des Christkindchens. Er sorgt, daß die Kinder brav und artig sind und recht in der Furcht, wenn es fommt. Drum kommt er mit Ruten. Er weiß alle Fehler und Unarten, die begangen worden sind. Und er ist ein strenger Herr. Selbst das Beten nügt bei ihm nichts. Er straft unbedingt, er haut unbedingt drauf. Ein Nifelos" ohne Strenge und Strafe, nicht ein Berserker und Fürchte­mann, das wäre fein echter und rechter.

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Schon äußerlich sieht er grimmig aus. Er hat einen langen Bart, hohe Stiefel, einen dicken Mantel- gar nicht Sauber ein wildes Gesicht, einen verbeulten Zylinder. Er flingelt nicht fein und sanft, wie das Christkindchen. Er klopft draußen ans Fenster und rasselt mit der Kette. Dann stapft er durch den Hof. Dann bummt er an die Türe. Dann tritt er ein. Er sagt:" Gn' Owend!" Er hat gar nichts Heiliges. Bei Gott nicht. Bis zu meinem fünften Jahr hab ich ge­meint, er wär der Nachtwächter. Nur den Nachtwächter fonnt ich mir so vorstellen. So ungeschlacht und fürchterlich. Denn es ist ja natürlich, wer so fürchterlich aussieht, der fürcht sich auch selbst nicht.

Nun er in die Stube herein ist, greift er sich den ersten besten und haut drauf. Ist er kräftig und der Bub nicht zu groß, legt er übers Knie. Au weh, mir juckt heute noch das Fell, wenn ich dran denke. Die Mutter sagte:" Nicht so arg, Nikelos!" Der Vater sagte: Nur tüchtig auf den, das ist ein ungezogener Bub, geb dem mal tüchtig!" Das hätt der Vater gar nicht erst zu sagen brauchen. Aber auch der Mutter ihr Nicht so arg" war wirkungslos. Der Nifelos" hieb drauf, wie er es wollte. Und damals, in dem falten Winter 79 auf 80, da war die Weißejule", die drei Häuser von uns wohnte, der Nifelos" gewesen. Die hatte Kraft wie ein Gaul. Sie hieb, daß die Schwart krachte. Ich hätte nur

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gleich wissen sollen, daß es die Jule war. An Weihnachten im Jahr zuvor, da hatt ich das Christkindchen gleich erkannt. Das wars Anderbachs Dina gewesen. Der ihr Vater war nämlich Schuster und sie roch immer nach Pech. Ersten's hab ich das gleich gerochen. Dann hatte die Anderbachs Dina aber auch immer eine Roßnase und mußte beständig schnuffeln". Da hatt' ichs gleich heraus. Aber die Jule, die war der richtige Nifelos". Unerkenntlich. Nachdem sie mir mein" Deputat" gegeben hatte, wollte sie auf den Bruder loshauen. Der war aber fräntlich, und die Mutter schütte ihn. Da kam ich unterm Tisch hervorgekrochen und suchte den Nikelos" an den Beinen zu ziehen, und ich griff die Röcke über den Schaftstiefeln. Das machte mich stubig. Das war am Ende ein ganz wirklicher Nifelos". Direkt vom Himmel' herunter gekommen. Denn im Himmel trägt man feine Hosen, sondern nur Röcke. Auch die Männer nicht. Auch die ganz alten wie der Nikelos" nicht. Die Hiebe, die der Bruder haben sollte, die bekam nun ich. Ich wehrte mich. Da riß ich dem Nikelos" den weißen Flachsbart ab. Da wars die Weiße Jule". Ich bekam noch eine mitten ins dann war der Nikelos" fort. Gesicht, daß ich torkelte Sonst gabs Nüsse und Lebkuchen und Aepfel. Denn der Nifelos" hatt sein Eselein auf dem Mist, daß es Heu und Hafer frißt". Hatte er seine Siebe ausgeteilt, so ging er hinaus und sagte:" So, nun will ich euch auch was holen aus mei'm Sad. Und gleich drauf kam er wieder, und Aepfel und Nüsse pflogen einem an den Kopf- und Lebkuchen und" Guts"( Konfeft) standen draußen vorm Fenster auf Tellern. Aber da der Nikelos" diesmal die Jule geworden war, so war auch das Eselein auf dem Mist verschwunden, und es gab nichts weiter. Nur die Hiebe hatt's gegeben. Wenn ich das erzähle, so weiß ich, daß es Leute in meiner Verwandtschaft gibt, die mir das heut noch gönnen.

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Obgleich also der Nikeloseabend ein Freudenabend, wo­möglich mit juckendem Hintern und einem blauen Auge, war, begann doch die Weihnachtsstimmung mit ihm. Die Er­wartung lag von nun an in der Luft. Die Abende waren so wunderbar von ihr erfüllt. Es sang und klang überall von ihr und es war doch so still. Stiller als vorher. Da und dort hörte man eine Tür flingeln. Man horchte auf. Alles ward eine Ankündigung. Geheimnisse guckten aus allen