Mnterhaltmgsblatt des Horwärts Nr. 88. Mittwoch, den 8. Mm. 19V7 (Nachdruck verbot«».) Briefe, die in den Papierkorb wandern« Von T. Schtscheykina-Kupernik. Aus dem Russischen übersetzt von E. Kliorin-Werth. Motto: »Ist's Ihnen jemals in den Sinn gekommen, welch eine Menge geschriebener Briefe nicht abgesandt werden und meist in den Papierkorb wandern? Zwar werden solche Schreiben durch andere ersetzt, aber eigentlich sind die ersten die wert- volleren. Denn sie kommen vom Herzen, werden vom Gewissen diktiert und sind jedenfalls von unverfälschter Aufrichtigkeit. Später tritt schon der Verstand in Aktion, gestützt auf die gesellschaftlichen»konventionellen Lügen"... und anstatt der ungleichmäßigen, gefühlvollen, fieberhaft hingeworfenen Zeilen diktiert der Verstand klare, deutliche Worte. Doch wieviel Lügen wären im Keime erstickt, wenn alle nicht ab- gesandten Briefe expediert worden wären." (Aus einem Brief.) Nicht abgesandter Brief. „Ost fehlt es dem Menschen fast sein ganzes Leben lang an Muße, um einen Rückblick auf sein eigenes Leben zu werfen; Geschäfte, Arbeiten, allerhand uns in Anspruch nehmende Zufälligkeiten lassen uns nicht zur Besinnung kommen, hindern uns daran, uns selber einzugestehen, daß etwas in uns nicht in Ordnung sei und daß man eigentlich gar nicht so lebe wie man müßte, und nicht einmal wie man selber wollte. Es bedarf eines von außen kommenden An- stoßes oder des absoluten Alleinseins fern von der gewöhn- lichen Umgebung, es bedarf der Loslösung von allen dringenden Geschäften, damit es in und um uns klar werde." Diesen Gedanken fand ich neulich in einem aus- gezeichneten Buch, und jetzt, da ich allein bin, fällt er mir unwillkürlich ein. Den ganzen heutigen Tag. als ich über weite Schneefelder einer fremden Gegend fuhr und jetzt, da ich im stark geheizten Zimmer eines Dorfhäuschens auf einem alten Ledersofa sitze, harrend des nächsten Morgens, um die Taxierung eines Waldes vorzunehmen— bin ich absolut allein. Der dicke Verwalter von bäuerlicher Abkunft nebst Gemahlin kann doch unmöglich als„Gesellschaft" gelten und so kann ich sagen, daß niemand um mich ist und ich allein bin mit meinen Gedanken. Und da regt sich in mir der Wunsch, Dir zu schreiben, Lisa, mich mit Dir aus- zusprechen, wie ich es gleich tun will. Als fürsorgliche Gattin hast Du mir das Versprechen abgenommen. Dir während unserer mehrtägigen Trennung zu schreiben.... Ach. ich weiß nicht, vielleicht wäre es doch besser, Dich durch ein Telegramm von meiner Ankunft zu be- nachrichtigen. Vielleicht, nein, bestimmt wäre Dir ein solches Telegramm viel lieber, als dieser Brief. Aber ich will den- noch einen Versuch machen. Lisa, es sind nunmehr zwanzig Jahre, daß wir ver- heiratet sind und eigentlich habe ich nicht ein einziges Mal mein Herz vor Dir ausgeschüttet. Wie konnte es so kommen? Wir hatten doch aus Liebe geheiratet. Ja, es mag eine leidenschaftliche Liebe gewesen sein. Darum ließen uns die glühende Leidenschaft, die Zärtlichkeiten anfangs gar nicht an Unterhaltungen denken. Und dann... dann begann ich die Wahrnehmung zu machen, daß alles in meinem Leben, tvvs nicht D u ist und nicht uns, d. h. Dich und mich be- trifft, seien es Kameraden, Arbeiten. Bücher, eine fast krank- hafte Eifersucht in Dir erweckt. Ich liebte und b e m i t- l e i d e t e Dich, Lisa, unter Deinen Tränen, Deinen hysteri- schon Anfällen, litt ich tiefer als Du selbst. Und ich ver- lernte es, Mr meine Eindrücke, meine Gedanken und Träume mitzuteilen. Ich teilte Dir nur Tatsachen und Pläne mit. Meinen Plänen brachtest Du Verständnis entgegen und trugst so viel als möglich zu deren Ausführung bei: Du warst eine gute, treue Gattin: und in meiner Karriere gebührt Dir eine hervorragende Rolle. Gar vieles verdanke ich Mr, Deinem praktischen Verstände: ich sage es gerade heraus, es ist fast Deiner Hände Werk, daß aus mir, einem bescheidenen Studenten, der insgeheim den Traum, ein Pro- fessor zu werden hegte, ein angesehener Bankbeamter ge- worden ist. Und alles ging und geht bei Dir glatt von statten. Wir sichren e'm schönes Haus, haben dressierte Dienstboten, eine wunderschöne Equipage und einen im Englischen Klub geschulten Koch: Du und unsere Töchter kleiden sich bei Brisack, wir haben eine Loge in der Oper und zweimal im Monat findet sich„alle Welt" an unseren glänzenden Soireen ein. Du hast übrigens ein Recht, das alles zu genießen. Ich habe es noch nicht vergessen, wie Du einst mit Deinen jetzt so zarten Händchen mir Beessteakes zu bereiten und nicht schlechter als ein Bcrufsschncidcr meine fadenscheinigen Röcke auszubessern pflegtest. Und stöhlich lachend versprachst Du mir:„Wart' nur, wir werden noch alles erreichen." Und wir haben» erlangt. Deine Hülfe und die von Dir beim Bauen unseres Nestes entfaltete Energie habe ich nicht vergessen und werde sie auch nimmer vergessen: aber dennoch... hat es sich so gefügt, daß ich an Deiner Seite ein Doppelleben führe. Das eine Leben bildest Du, das Haus, die Kinder und die Geschäfte, die Sachen, Tatsachen: das zweite Leben sind meine Gedanken, Ideen, Stimmungen, also nicht Du. Augenblicklich bin ich Euch räumlich fern, bin ganz in der Gewalt meines zweiten Lebens und mir scheint es nicht so schwer, mit Mr offen zu sein. Wie Du wohl schon erraten haben wirst, will ich davon reden, was in der letzten Zeit uns beide beunruhigt und quält, nämlich von meinen Be- Ziehungen zu S. N. Ich sehe ja Deinen Zustand. Sagen wir's gerade heraus: Tu bist eifersüchtig. Du kannst Mch kaum beherrschen in Gegenwart der Kinder, selbst der Dienstboten: Du über- häufst mich mit beleidigenden Sticheleien und weinst bei jeder Gelegenheit. Das ist so deprimierend, umsomehr, da es nicht ohne Grund ist. Ich habe mit endlich entschlossen und sag' es Dir offen— aber um Himmels willen, lies es ruhig zu Ende—, ich liebe S. N., Lisa, ich habe Mch nie betrogen, niemals meine Seelenkräfte auf kleine, wohlbercchnete Intrigen ver- schwendet: ich lebte nur für die Familie, für die Geschäfte, die Arbeit.... Da traf ich S. N. und lernte sie lieben. Lisa, in ihr sah ich meine Jugend, meine Ideale, meine Sehnsucht verkörpert. In ihren großen, reinen Augen spiegelte sich gleichsam der Himmel, zu dem ich einstmals feuchten Blickes aufgeschaut, nachdem ich zum erstenmal„Don Carlos" gelesen. Komisch, nicht wahr? Der»mrkliche Staatsrat Komorin und — Don Carlos. Aber in einer jeden Seele gibts Saiten, deren Berührung sie erfüllt mit Wonne und Schmerz. Und dieses Mädchen, das ihrem Alter nach nicht Lehrerin,, sondern Genossin unserer OTLdchen sein könnte, hatte das alles in mir erweckt. Sie selbst, ihre Augen, ihre dunklen Kleider, sogar ihre weißen Klcidcrkragen— das alles weckt in mir die Er- innerung an den Frühling, mr Schiller , an Musik, an alles, woran zu denken man keine Zeit hat und es auch fiir lächerfich hält. Ich liebe sie: ich möchte es laut in die Welt hinaus- rufen: ich mag dieses reine Gefühl nicht durch eine Lüge ent- weihen, als wäre es etwas Verbrecherisches. Und doch muß ich dieses Gefühl geheim halten, Dir verschweigen, daß ich sie besuche, ihr heimlich schreiben.... Ich kann es nicht, ich will und kann nicht so handeln. Lisa, ich scheue mich, es Dir zu sagen, aber doch sei's gesagt. Ich selbst, mein Name, meine Arbeit, mein Vermögen gehören Mr, nie werde ich Dich ver- lassen, ich bin Dein und der Kinder Sklave.... Aber wenn Du mich freiwillig fortlassen wolltest! Lisa!.Woher dieses ununischränkte Recht eines Menschen auf den anderen? Sieh. ich weiß, daß Du dieses Recht auf mick besitzest und räume es Dir auch ein, aber etwas in meinem tiefsten Innern lehnt sich dagegen auf und fragt: wie kannst Du von diesem Rechte Ge- brauch machen?... Soll ich dieser Liebe entsagen? So zwing mich, meine Ohren zu verstopfen und nicht zu hören, meine Augen zu schließen und nicht zu sehen, befiehl meinem Herzen, stille zu stehen,— Du vermagst es nicht! Ich wiederhol' es, selbst werde ich nicht fortgehen: aber habe den Mut, die Güte, die Großmut, um mich fortzulassen! Gib mir das Recht auf meine Seele zurück— sie gehört ja ohnehin nicht mehr Dir an, sie hängt mit jeder Fiber
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24 (8.5.1907) 88
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