Ochsen von der Wiese nach dem Brachfeld zu bringen, weil es nach Nachtregcn aussah. Und Movst begann zu gähnen und sagte:„Ach, wenn man nu bloß da läge, wo kein Torfwagen fährt:" er meinte im Lette. „Es ist ja wahr, Frederik," sagte Esper Goul plötzlich, „ich habe Ihnen ja noch nicht die sechs Tage bezahlt, die Sie in meinem Torfmoor gearbeitet haben. Wie viel bin ich Ihnen schuldig," fragte er und griff in die Tasche. „Ja, sehn Sie," erwiderte Frederik, den anderen einen schelmischen Blick zuwerfend,„wenn ich für die Bauern arbeit, nehm ich vier Schilling'n Tag: arbeit ich aber fiir'n Edelmann, dann krieg ich immer fünf." Goul verlor kein Wort weiter, sondent legte schweigend die Edelmannstaxe auf den Tisch. Movst blinzelte Not-Thames zu und fliisterte:„Das hat Frederik wahrhaftig fein gemacht." „Hör, Frederik," begann darauf Not-Thames,„nu haben wir Dir geholfen, da is es doch uich mehr als recht, wenn Du uns auch hilfst. Sieh, ich soll'n Knecht.in der Heide haben. Nu niein ich, ob Tu nicht mitgehn kannst und ihm helfen'n paar Fuder Heidekraut schlagen." Und so mußte Frederik allen versprechen, auf irgend eine Weise ein bis zwei Tage gratis Arbeit zu verrichten. Erst als er dies Versprechen gegeben hatte, wurde er die Gäste los. Vorher schon waren die Kinder halb hungrig zu Bett ge- bracht worden. Frederik kam nun in die Küche hinaus, wo die ausge- schrapten Töpfe und Pfannen auf dem Tisch standen. „Nich so'n klein Bissen haben die übergelassen," sagte Line.„Das is, weiß Gott ,'ne Sünde: aber Tu mußt mit'n Stück Käs und Brot vorlieb nehmen. Da is doch wohl noch so viel Branntwein über, daß Du'n Schluck kriegen kannst?" Frederik setzte sich schweigend und verzehrte den knochen- harten Käse zu dem groben Brot. „Mutter!" scholl es aus einem der Bcttverschläge. „Was has Du klein Maren," fragte Line und beugte sich über das Bett. „Dummen Schnack," sagte sie dann und richtete sich wieder auf.„Leg Dich nu hübsch hin und schlaf?" „Was will denn die klein Tirn?" fragte Frederik. „Ach was, so'n dummes Ding kann ja daliegen und viel wollen," sagte Line. „Sie will patu so'n Knocken haben, den der verfressene Movns abgesappelt hat." (Nachdruck verbotn».) VSlLizcdumgselTeKte im hoben JVorden. Bon A. H e l l w i g. Vor kurzem las ich in einer Familicnzcitschrift, Island wäre ein Land ohne jede Naturschönheitcn, monoton, kahl und poesielos, überhaupt ein Land ohne jede Reize irgendwelcher Art. Ich traute meinen Augen nicht; Island , die Insel„von Feuer und Eis". auf der furchtbare Erdkatastrophen Bilder von erschütternder Tragik, aber ewiger Schönheit geschaffen, wo das Meer, tiefblau wie die Fluten der Adria, himmelhohe Felsen in wunderbarsten Formationen umspült, wo grüne Alpenlandschaften mit glasklaren Gletschern, Höhlen und Schncefeldern, mächtige heiße Spring quellen umrahmen und Wasserfälle und reißende Ströme allent- halben den Blick fesseln, wo noch heute Trollen, Elfen und„der Drachen wilde Brut" in phantastischen Lavagrotten und Einöden zu wohnen scheinen und die auf- und untergehende Sonne Be- leuchtungseffekte von ungeahnter Herrlichkeit und Großartigkeit hervorzaubert, soll ein Land ohne Naturschönheiten und Reize sein? Noch vor wenigen Wochen war es mir vergönnt, auf jenem Märchcneiland zu wandeln, aber trotzdem ich auf unfern vielen und weiten Reisen ein gutes Stück von der Welt kennen gelernt habe» kann ich aus vollster lleberzeugung sagen, daß ich etwas Schöneres als Island nie gesehen habe, ja, vielleicht mehr als dies, daß die isländischen Landschaftsbilder überhaupt die herrlichsten und abwechselungsreichsten sind, auf denen mein Auge je voll trunkenem Entzücken geruht hat. Wie könnte es auch anders sein, da die Gegensätze hier dichter nebeneinander wohnen als sonstwo in der Welt und die Beleuchtung durch die Gestirne Zauberbilder schafft, wie sie ähnlich nur noch in Alaska anzutreffen sind! Wer diese LichMfekte nie geschaut, der verniag sich von ihrer hin- reißenden Wirkung überhaupt keine Vorstellung zu machen und selbst, wenn Island nicht seine Gletscher und Schneeberge, seine Ströme, Wasserfälle, Fjorde und Springquellen, seine Basalt- fclsen, grünen Triften und Vulkane besäße, so würden sie allein genügen, um aus dieser hochnordischen Insel ein Feenland zu machen, auf dem andere optische Gesetze gelten, als auf der ganzen übrigen Erde. Ich will nicht von der Mitternachtssonne sprechen, die man im Norden Islands jenseits der Polargrenze in ihrer vollen Pracht bewundern kann, denn die ist oft genug geschildert und man ver- mag sie auch anderwärts zu sehen, sondern zuerst von der„Waber- lohe", jenem seltsamen, einzig schönen Sonnenuntergang, der alle Kunststücke der Pyrotechnik als Nichtigkeiten erscheinen läßt. Wie in rosige Nebel gehüllt liegen Meer und Felsen da, dann klären sie sich allmählich, indeß das rote Licht immer intensiver und leuchtender wird, bis es uns das Bild einer ungeheuren Feuersbrunst hervorzaubert, die Himmel und Erde mit blutigroten Fluten übergießt. Inmitten dieses Flammenmeeres taucht im Westen eine riesige goldene Kugel, die Sonne, plastisch wie ein Ball, auf und— o Wunder— rings um sie herum zucken grellblaue» lila, smaragdgrüne und gelbe Strahlen auf, die ihr das Ansehen einer kolossalen Monstranz mit verschiedenfarbigen Zacken leihen und von der„unte horizontale Streifen nach allen Richtungen hin ausgehen. Fast eben so farbig, aber zerrinnend und sonderbar glitzernd sehen wir dies alles sich im Meer spiegeln. Doch bald wechselt das Bild, die leuchtenden Töne verblassen und während die Sonne langsam in den Fluten versinkt, schimmert die ganze Gegend in weichem samtigen Rosa und Blau. Noch etwas später umhüllt Dämmerung die Landschaft. Das ist die Waberlohe, die man freilich nicht alle Tage sehen kann. Der weiche rosa und blaue Sammetglanz ist dagegen den- isländischen Felsen tagtäglich, sofern nicht die Sonne von Wolken verdeckt wird, während der Vormittagsstunden zwischen zehn und zwölf Uhr eigen und er allein würde genügen, um jemand die weite Reise nach Island nicht bedauern zu lassen. Selsam und schön ist auch das Nordlicht, welches sich im Sommer und Winter in ganz verschiedener Art zeigt. In der kalten Jahreszeit erscheint es rot, in den Sommermonaten und im Frühherbst dagegen völlig weiß. Es hat dann etwas Ge- spenstisches und verwandelt Meer und Lavafelder in einen un- geheuren Friedhof mit phantastisch unheimlichen Grabdenkmälern. Nicht vergessen will ich ferner jene Erscheinung, welche die Is- länder mit ihrem starken poetischen Empfinden.Elfenfäden" nennen. Es dies ein Gespinnst aus goldenen Fäden am roten Abendhimmel, das sich in eigentümlicher Weise im Meer spiegelt. In Island sagt man zwar, die Spiegelung fände am Himmel statt, indem die abendliche Kahnfahrt der Elfen oben in den Wolken jene glitzernden Streifen erzeuge. Während die Wabcrlohe Island und Alaska und die Mittcr- nachtssonne, wie das Nordlicht allen arktischen Gegenden gemein- sam angehört, hat ein anderes nordisches Land, nämlich Finn- land, gewisse Lichterscheinungen, die es mit keinem zweiten teilt. Wer hätte nicht von den weißen und blauen finnischen Nächten ge- hört! Die weißen, die man in den südlicheren Teilen des Landes „der tausend Seen und ungezählten Brücken" beobachtet, sind oft besprochen worden, von den blauen wissen aber nur Verhältnis- mäßig wenige Fremde, weil der hohe Norden Finnlands dem Fremdenverkehr so gut wie unerschlossen ist. Und doch dünken sie mich viel schöner als jene. Ich glaube, den Eindruck am besten zu veranschaulichen, wenn ich das Bild einer finnischen Landschaft in blauer Nacht dem vergleiche, welchen man beim Schauen durch eine dunkelblaue Glasscheistd erhält. Meer, Himmel, die vielen weißen Bogendrücken, die Fcuertürme am Ufer, die dunklen Föhrenwäldcr, welche sich hinter den Bergen mit ihren zahllosen winzigen Blockhäuschcn erheben— kurz alles, worauf der Blick fällt— schwimmt in diesem tiefen Blau. Nur die Sterne am Himmel und die Lichter in den Feuertürmen glänzen goldgelb. Nichts läßt sich dem stimmungsvollen melancholischen Reiz dieser blauen Nächte vergleichen, und was sie noch märchenhafter macht, ist, daß dabei alle Gesetze der Optik aufgehoben erscheinen. Was fern ist, glauben wir ganz nah zu sehen, das Große macht einen kleinen und das Kleine einen großen Eindruck— die Sterne aber liegen im Wasser. Trotzdem alles in dieses intensiv blaue Licht getaucht ist, kann man die Umrisse der einzelnen Dinge genau erkennen, ohne aber, wie schon bemerkt, die Entfernungen und Größenverhältnisse auch nur annähernd taxieren zu können. Man kommt sich wie verloren in einer Traumwelt vor und vergewissert sich unwillkürlich, ob man auch auf festem Boden steht. Aehnlich ist der Eindruck einer weißen Nacht, nur daß man bei dieser alles weiß siebt, etwa wie bei einer mondbeschienencn Schncclandschaft» immerhin ist der Effekt doch nicht ganz so fremdartig. Sehr sonder- bar kommt es uns auch vor, daß man im Norden Finnlands noch lange, nachdem die Zeit der Mitternachtssonne schon vorüber ist, fast die ganze Nacht hindurch ohne künstliche Beleuchtung lesen kann. Dementsprechend wird es dort bereits Ende September überhaupt nicht mehr recht hell; im Spätherbst und Winter werden daher auch die etwas größeren Städte während des Tages elektrisch beleuchtet. Seltsamerweise macht sich der Einfluß der Mitternachtssonne in manchen anderen bedeutend höher gelegenen Gegenden jange nicht so stark geltend, wie in Finnland . Das trifft besonders für die Lofoten und Vesteraalen zu, die ja zwischen dem 63. und 76. Grad nördlicher Breite liegen, also viel nördlicher als Island und die Nordspitze Finnlands . Interessant, aber nichts weniger als schön ist dort der Anblick des Vollmonds zur Zeit der Mitter- nachtssonne; während man die letztere in strahlender Schönheit erblickt, sieht man gleichzeitig den Mond aschgrau.
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24 (26.6.1907) 121
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