HlnterhaltMgsblatt des vorwärts Nr. 164. Sonnabend den 24 August. 1907 lNachdeuck verboten. 1 405 Die JVIuttcr. Noman von Maxim Gorki . Deutsch von Adolf Hetz. Habt keine Furcht!" murmelte die Mutter.Ist ein heiliges Werk... Bedenkt es gäbe keinen Christus, wenn die Menschen nicht seinetwegen umgekommen wären." Dieser Gedanke flammte plötzlich in ihrem Kopfe auf und überraschte sie durch seine einfache klare Wahrheit. Sie blickte dem Weibe ins Gesicht, drückte fest ihre Hand und wiederholte verwundert lächelnd: Es gäbe keinen Christus, wenn die Menschen nicht seinetwillen, Gottes wegen, umgekommen wären!" Neben ihr erschien Ssisow. Er nahm seine Mütze ab, schwenkte sie im Takt zum Gesänge und sagte: Jetzt ziehen sie öffentlich dahin. Mutier, was? Haben ein Lied gemacht... Was für ein Lied, Mutter, Ah?" Der Zar hat Soldaten nötig. Gebt ihm Eure Söhne..." Hab keine Angst!" sagte Ssisow.Mein Sohn liegt im Grabe... den hat die Fabrik umgebracht... ja." Das Herz der Mutter schlug allzu stark, und sie blieb stehen. Man stieß sie schnell zur Seite, drängte sie gegen den Zaun, und eine dichte Menschenwelle strömte an ihr vor- über. Sie sah es waren sehr viel, und das freute sie. Steh auf, erheb dich, Arbeitervolk I..." Es war, als wenn eine riesige Trompete in der Luft sang, und die Menschen aufweckte, in der einen Brust Kampfbereit- schast, in der anderen undeutliche Freude, die Vorahnung von etwas und brennende Neugierde erweckte. Dort trübe Hoff- nungen erregte, hier jahrelang angehäufter Wut einen Ausweg öffnete. Alle blickten vorwärts, wo in der Luft die rote Fahne schaukelte und wehte. Sie marschieren und singen im Zuge!" brüllte eine be­geisterte Stimme.Herrlich, Kinder!" Und dann stieß der Mensch, der augenscheinlich etwas Großes empfand, was er mit gewöhnlichen Worten nicht aus- drücken konnte, ein saftiges Schimpfwort aus. Aber auch Wut, dunkle blinde Sklavenwut strömte heiß durch seine Zähne, zischte wie eine Schlange und wand sich mit bösen Worten dahin. Ketzer!" rief jemand mit überspringender Stimme aus einem Fenster und drohte mit der Faust. Und aufdringlich kroch ein undurchdringliches Gewinsel in das Ohr der Mutter: Gegen den Kaiser, gegen Seine Majestät den Zaren? Rebellieren? Nein... Nein.. Verzerrte Gesichter huschten an der Mutter vorüber, Männer und Frauen sprangen und liefen dahin, das Volk strömte wie dunkle Lava vorwärts. Das Lied, das durch seine Klanggewalt scheinbar alles vor sich niederwarf und den Weg säuberte, riß sie mit sich. Und in der Brust der Mutter wuchs ein mächtiger Wunsch, den Menschen zuzurufen: Ihr lieben Brüder!" Indem sie von weitem auf die rote Fahne blickte, sah sie ohne es zu sehen das Gesicht ihres Sohnes, seine bronzene Stirn und die hellen brennenden Augen. Aber jetzt befand sie sich am Ende der Menge, zwischen Menschen, die langsam vorwärts gingen, mit der kalten Neu- gierde von Zuschauern, die das Ende eines Schauspiels vor- her wissen, die gleichgültig vor sich hinblickten. Sie schritten dahin und sprachen halblaut und zuversichtlich: Eine Kompagnie steht bei der Schule, die andere bei der Fabrik..." Der Gouverneur ist angekommen.. Wirklich?" Hab ihn selbst gesehen... Er ist da..." Jemand schimpfte vergnügt und sagte: Do haben sie jetzt doch wenigstens Angst vor uns... Das Militär und der Gouverneur..." Brüder!" hämmerte es in der Brust der Mutter. Aber die Worte in ihrer Umgebung klangen tot und kalt. Sie beschleunigte die Schritte, um von diesen Menschen fortzukommen, und sie überholte leicht die langsam und träge Dahinschreitendeu. Und plötzlich war es, als wenn der Kopf der Menge an etwas anstieß, sein Körper schwankte niit unruhigem, leisem Lärm vorwärts. Der Gesang schwankte ebenfalls, strömte dann schneller und lauter dahin. Und wieder senkte sich die dichte Klangwelle und glitt zurück. Die Stimmen kamen eine nach der anderen aus dem Takt, es ertönten vereinzelte Ausrufe, man bemühte sich, das Lied zur früheren Höhe zurückzubringen und es zu beschleunigen. Steh auf, erheb dich, Arbeitervolk! Auf den Feind, ihr hungernden Brüder!..." Aber in diesem Klang lag kein Zusammenhang und keine Zuversicht, Unruhe zitterte schon in ihm. Nichts sehend und nichts wissend, was vorne geschah, aber es erratend, drängte die Mutter die Menge auseinander und bewegte sich schnell vorwärts. Es kamen ihr aber schon Leute entgegen, die einen mit gesenkten Köpfen und gerunzelten Brauen, andere verwirrt lächelnd, die dritten spöttisch pfeifend. Sie betrachtete bekümmert ihre Gesichter, und ihre Augen fragten, baten, riefen schweigen... Genossen!" ertönte Pawels Stimme. Die Soldaten sind eben solche Menschen wie wir. Sie werden uns nicht schlagen. Wofür? Dafür, daß wir die Wahrheit bringen, die alle nötig haben? Diese unsere Wahrheit haben ja auch sie nötig... Einstweilen begreifen sie das noch nicht, aber die Zeit ist schon nahe, wo sie mit uns gehen, wo sie nicht mehr unter dem Zeichen von Raub und Mord marschieren, das Lügner und wilde Tiere ihnen als Symbol von Ruhm und Ehre ausgeben, sondern hinter unserer Fahne der Freiheit und Güte einherziehen. Und damit sie unsere Wahrheit bald begreifen, müssen wir vorwärts. Vorwärts, Genossen! Immer vorwärts!" Pawels Stimme klang fest, seine Worte tönten deutlich und gemessen in der Luft, aber die Menge brach zusammen, die Menschen gingen nacheinander rechts und links zu den Häusern, lehnten sich gegen die Zäune. Die Menge hatte jetzt die Form eines Keils: seine Schneide war Pawel, und über seinem Kopfe brannte rot die Fahne der Arbeiter. Auch glich die Menge einem schwarzen Vogel, der die Schwingen weit ausgebreitet hatte und nun lauerte, bereit, sich zu erheben und fort zu fliegen und Pawel war sein Schnabel... XXIX Am Ende der Straße versperrte den Ausgang auf den Platz eine niedrige graue Wand gleichmäßiger Menschen ohne Gesichter. Ueber die Schulter eines jeden glänzten kalt und dünn die scharfen Schneiden der Bajonette. Und von dieser ganzen schweigenden, unbeweglichen Wand wehte etwas kalt zu den Arbeitern herüber, klammerte sich in der Brust der Mutter fest und drang ihr ins Herz. Sie drängte sich in die Menge, dorthin, wo ihre Be- kannten, die vorne bei der Fahne standen, mit Fremden zu- sammenflossen. Sie drängte sich fest mit der Hüfte gegen einen großen, rasierten Mann. Er hatte nur ein Auge und wandte, um zu sehen, seinen Kopf jäh herum. Was willst Du?... Wer bist Du?..." fragte er. Pawel Wlassows Mutter!" erwiderte sie und fühlte, daß ihre Beine unterhalb der Knie zitterten und ihre Unter- lippe unwillkürlich herabsank. Ah!" sagte der Einäugige. Genossen!" sprach Pawel.Das ganze Leben liegt vor uns wir haben keinen anderen Ausweg! Fängt an zu singen!" Es wurde still und gespannt. Die Fahne erhob sich, flatterte und wehte nachdenklich über den Köpfen der Menschen und drängte sich an die graue Soldatenwand heran. Die Mutter zitterte, schlo? die Augen und stöhnte Pawel, Andrej. Soinoilow und Masin nur die vier sonderten sich von der Menge ab. In der Luft zitterte langsam die helle Stimme Fedja Masins: Ihr seid als Opfer gefallen..." Im Kampf... im Schicksalskampf.. antworteten mit zwei schweren Seufzern dichte, tiefe.Stimmen. Di« MgWgWW