vebersdher wurde natürlich auch noch nötig. Von dem eigentlichen Gehalte des ursprünglichen Werkes ist hier höchstens eine Stim- mungSmache geblieben. Sie muszte denn auch für den Kompo- nisten der hauptsächliche Anknüpfungspunkt werden. Man kann ihm zugestehen, daß er sich nicht nur redliche Mühe der An- schmicgung gegeben, sondern auch tatsächlich ein hübsches Können entfaltet hat. Allerdings merkt man ihm die Mühe an. sich von dem Stile der großen Oper und von seiner eigenen Kunst der Tanzkomposition zugunsten eines«lyrischen Dramas" ferne zu halten. Zwischen den beiden Polen einer Weihnachtslyrik, mit der das Stück beginnt und— gerade in den Tod des Helden hinein�— schließt, gibt es manche, wenigstens beim ersten Hören interessante Musik zu Liebesduetten, zu Erinnerungen an Liebes- briefe und dergleichen, und nicht zuletzt hübsche Charakterisie- rungen der handelnden Figuren. Nachgerade ist es aber ein trauriger Gindruck, wie sich der Komponist mit einer von vorn- herein verlorenen Situation abqualt, ind wie sich allmählich die Schleier der Langeweile über das Undrama breiten. Gesungen, gespielt und beleuchtet wurde im allgemeinen sehr gut. Die Titelrolle lag bei dem Träger eines in Berlin beliebten Namens; Franz Naval scheint Freunde genug zu haben, daß die Härte seiner hohen Töne im Forte den Erfolg seiner reichhaltigen Tenorstimme nicht sehr beeinträchtigt. Werters Lotte, um deren fremder Ehe willen sich der Held erschießt, wurde don Lola Artüt de Padilla in einer mehr lieblichen als groß charakterisierenden Weise gesungen. So kann sich denn das Publikum der Friedrichstraße noch einige �cit an dem Anblicke des Mädchens, das ihren jüngeren Geschwistern Brot schneidet, und an den Lichteffekten, den geschickt einfachen Zimmereinrichtungen usw. erfreuen. Vielleicht wird dies solange dauern, bis die bereits nahe heranrollenden Wogen der Hotel-Großindustrie von der Friedrichstadt auch über unsere Teigbude hinübergeflutet sein werden. Dann mag ein neues Vincta aus dem Boden dieses Meeres seine Klänge emporschickcn zu den Weftbummlern, die da oben in den Hotelbetten schlafen und vielleicht nächtlicherweile durch den spukhaften Schuß Werters aufgeschreckt werden. Vielleicht aber beruhigt sich dann der Hotelgast, indem er die alten«Musenklänge aus Deutschlands Leierkasten" vornimmt und darinnen das schöne Gedicht liest. ..Eine entsetzliche Mordgeschichte von dem jungen Werter, wie sich derselbe usw. umS Lebens gebracht. Allen jungen Leuten zur Warnigung in ein Lied gedichtet; auch den Alten fast nützlich zu lesen." So gar wesentlich anders als diese Mordverse und die Illustrationen dazu ist das auch nicht, was wir von der„Komischen «Oper" zu hören und zu sehen bekommen haben: „Man grub ihn nicht im Tempel, Man brannte ihm kein Licht,—- Mensch, nimm Dir ein Exempel An dieser Mordgeschicht'." sz. Hygienisches. Eine hygienische Volkswaschanstalt. Der Be- Handlung der Wäsche in den Wohnungen des Arbeiter? ist bis jetzt wenig Beachtung gewidmet worden. Und doch verlangt eS die Hygiene, daß man in den Winkel, in welchem sich die Wäsche im wirklichen Sinne befindet, einmal hineinleuchtet. Da ergibt sich, daß es mit den Verhältnissen hier vielfach nicht zum Besten bestellt ist. Es gibt gewiß viele sorgsame Hausfrauen in Arbeiterkreisen, welche der schmutzigen Wäsche die gebührende Aufmerksamkeit schenken, dafür sorgen, daß sie sich nicht aufhäuft, vielmehr zur gehörigen Zeit gewaschen wird. Wie steht es aber damit, wenn die Arbeiterfrau wie so oft, selbst außerhalb des Hauses mitarbeiten muß und dann dem Haushalt nicht die Sorge widmen kann, die er verdient, oder wenn eine allzugroße Kinderzahl der ordnungs- gemäßen Besorgung des Hauswesens im Wege steht? Dann bleibt die Wäsche oft ungebührlich lange liegen, sie verpestet die Luft in dem engen Wohnraum und verhindert auch, daß rechtzeitig frische Bett-, Leib- und Tischwäsche zur Stelle ist. Die hygienischen Nach- teile eines solchen Systems brauchen nicht weiter geschildert zu werden. Es ist ein Verdienst von Fräulein Pappenheim in Frank- furt, auf diesen Mißstand hingewiesen zu haben. Sie betont, daß es in den kleinen Haushaltungen außer Kraft und Zeit zum Waschen auch meist noch an genügend großen Zubern und sonstigen Utensilien fehlt, sowie oft auch an den nötigen Räumen. Außerdem betont sie sehr richtig, wie nachteilig es manchmal ist, wenn die Frauen oft gegen ärztliches Verbot stundenlang in Nässe und Dampf stehen und waschen, und wie beim Waschen der Wäsche von Lungenkranken und Keuchhustenkranken oft ansteckende Krank - heiten Überträgen werden. Daher verlangt Fräulein Pappenheim, daß die Wäsche der Arbeiterfamilien außerhalb ihrer Wohnungen gewaschen werde, daß billige und sanitär einwandfreie Volkswasch- anstalten eingerichtet werden. In den Anlagen müssen durch strömenden Dampf zugleich alle Krankheitskeime abgetötet werden. Die Anstalt muß so rasch arbeiten, daß die Parteien ihre Wäsche schon nach 24 Stunden wieder in Empfang nehmen können.— r. Medizinisches. Die ärztliche Hungerkommission in Ruß- land. Von den Beschlüssen des diesjährigen PirogowkongresseS, der in Moskau abgehalten wurde, find hauptsächlich die erwähnen?- wert, die sich aus den Bericht der auf dem vorigen Kongreß ge- wählten Kommission in Sachen des Hungers in Rußland bezogen. Nach Dr. V i e r h u f f in der«Deutschen Medizin. Wochenschrift" hat man seitens der russischen Aerzte erkannt, daß der seit Jahr- bunderten in Rußland herrschende, jahrein jahraus sich wieder» holende chronische Hunger, welcher in den breitesten Schichten der bäuerlicken Bevölkerung Wurzel gefaßt, sie moralisch und physisch entkräftet und eine hohe Krankheit?- und Sterblichkeitsziffer gezeitigt hat, eine direkte Folge der seit jeher bestehenden Recht- losigkeit des Volkes, der harten Vormundschaft seitens der bureau- kratischen Regierung, sowie der gewaltsamen Behinderung der kulturellen Entwickelung des Landes ist. Angesichts dessen ist eine radikale Ausrottung der Mißernten und der schrecklichen Hungersnot in Rußland nur möglich bei einer vollständigen Umwandlung der jetzigen Staatsform in eine wahrhaft demokratische, denn nur bei einer unbeschränkten Herrschaft des Volkes sei es möglich, die kulturellen und wirtschaftlichen Kräfte zu fördern und eine end« gültige Lösung der Agrarfrage im Interesse der ganzen Bauern- schaft herbeizuführen. Kfe. Humoristisches. — Anknüpfung.«Fräulein, darf ich Ihnen meinen Schirm anbieten?"—«Ich danke sehr, es regnet ja noch nicht."—«Aber Ihr Hündchen hat Gras geftessen l" — Verschnappt...... Und bin ich auch wirklich der erste, den Sie lieb haben, Fräulein Amalia?"—«Aber selbstverständlich I Wie langweilig seid Ihr Männer... immer fragt Ihr dasselbe!" — Bertrauenssache.«Geh, laß mich amal zuschauen beim Wursren; darfft auch nachher zu mir kommen, wenn ich Wein mach' I" — Ein gutes Zeugnis.„Keimen Sie Frau Muntfchl? Was halten Sie von ihr?" «O, eine ganz brave Frau l Sie ist sehr gutherzig und wenn sie auch häufig über andere schlechtes spricht, so glaubt sie doch selbst kein einziges Wort davon." — Ein Held.„Ailgust, mir scheint ein Einbrecher im Hause."—„Geh' nachsehen, Schatz! Der Kerl wird doch nicht so feige sein, eine schwache Frau anzugreifen I" («Fliegende Blätter ".) Notizen. — Felix SaltenS E i n a k t e r z y klu S:«Vom anderen Ufer' wird im Lessing-Theater die erste Neuheit dieser Saison sein. — Hermann Bahr will diesen Winter im Wiener Kabarett «Fledermaus" als Schauspieler auftreten und in einigen seiner Ein- akter die Hauptrollen darstellen. — Eine Anzahl bisher unbekannter Briefe Goethes an den Jenenser Verleger Frommann hat sich im Nach- laß des verstorbenen Nürnberger Buchhändlers Soldau gefunden. Die Schreiben, die vornehmlich geschäftlichen Inhalts sind, werden demnächst zur Veröffentlichung gelangen. — Konfisziert wurde das in einem Münchener Verlage anonym erschienene Tagebuch einer Dame. Das Buch schildert, wie die„Münchener Post" einer Erklärung des Verlages entnimmt, in SelbstbekennMissen die allmähliche sittliche und bürgerliche Ent- gleisung einer Dame. Ihre Sinnlichkeit sei durchaus als Schwäche gekennzeichnet. Der ganze Ton des Buches sei ein durchaus ernster und geistig wie literarisch hochstehender. Beanstandet sind fünf Stellen. Sollte das Einschreiten der Zensurbehörde vielleicht durch das Hexanrücken des Landtages bewirkt worden sein? Seit einiger Zeit ist es ja Brauch geworden, daß sich die Polizei jedesmal auf den Kriegspfad gegen Kunst und Literatur begibt, wenn die Land- boten in die Prannerstraße einziehen. Lorbeeren hat sie sich dabei freilich noch nicht geholt. So wird eS ihr auch wahrscheinlich diesmal ergehen. — Mikkel fen ist in Dawson eingetroffen. Er berichtet, daß die Expedition von der Nordwestküste Alaskas aus mit Schlitten un- gefähr 500 englische Meilen weit auf dem Eise vorgedrungen sei. Die Lowngen hätten keinen Anhalt dafür ergeben, daß sich nach Norden hin Land befinde. — Heilungen durch HhpnottSmuS. Wie die„Münch. Medi- zinische Wochenschrist" berichtet, teilte auf der 75. Jahresversammlung ver Lritisb dlsdical Association in Exeter Mr. Woods mit, daß er seit 18S2 2076 Kranke mit Hypnotismus bebandelt habe. 1578 wurden geheilt, 293 gebessert, 205 blieben unbeeinflußt. 831 Patienten waren Geisteskranke(mit Einschluß der Grenzfälle von Neurasthenie, Hysterie usw.). 113 Fälle von Melancholie ergaben 80 Heilungen. 44 Fälle von Manie 20, 28 Fälle von„Lampenfieber" 23 Heilungen. Von 10 Fällen von Schreibkrampf kamen 6 zur Heilung, von 65 Fällen von Dyspepsie 59, von 41 Fällen von Neuritis 27, von 10 Fällen von Gicht 7 und von 140 Fällen von Neuralgie 114. verantwortl. Redakteur: Hans Weber. Berlin. — Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagsanstaltPaul Singer LcEo..Berlin ZW.
Ausgabe
24 (14.9.1907) 179
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