AntechMlMgM Nr. 199. �- Sonnabend, d
(Nachdruck verböte».) ni Die JVIutter. Roman von Raxim Gorki. Deutsch von Adolf Hetz. Die Mutter, die neben ihm stand, sah. wie seine Augen von einem warmen und hellen Glanz erleuchtet wurden. In- dem er die Hände auf die Stuhllehne legte und seinen Kopf auf die Hände stützte, blickte er irgendwo weit in die Ferne uich sein ganzer hagerer und zarter, aber kräftiger Körper schien vorwärts zu streben, wie ein Blumenstengel zum Sonnenlicht. „Warum... heiraten Sie sich denn nicht!" riet die Mutter ihm. „Ol Sie ist schon fünf Jahre verheiratet... „Aber warum ging es denn früher nicht? Hat sie Sie nicht geliebt?" Nach kurzem Nachdenken erwiderte er: „Doch, wahrscheinlich hat sie mich geliebt... Ich bin dessen sogar sicher! Aber sehen Sie, es kam bei uns immer so: wenn sie im Gefängnis saß. war ich frei, war sie aber frei, so saß ich im Gefängnis oder war verbannt. Das hat tatsächlich viel Aehnlichkeit mit der Lage, in der Sascha sich befindet I Endlich wurde sie auf zehn Jahre nach Sibirien verbannt, schrecklich weit! Ich wollte ihr nachreisen... aber sowohl sie wie ich hatten immer Bedenken... und ich blieb hier. Sie aber traf dort einen anderen Mann... meinen Freund, einen sehr netten Menschen! Dann flohen sie zu- sammen... und jetzt leben sie im Auslande. Ja...." Er nahm die Brille ab, wischte sie. hielt die Gläser gegen das Licht und wischte sie nochmals rein. «Ach, Sie lieber Mensch!" rief die Mutter kopfschüttelnd. Er tat ihr leid und gleichzeitig lächelte sie nach Mutterart warm und zärtlich. Er aber änderte seine Stellung, nahm wieder die Feder zur Hand und begann abermals zu reden. indem er den Rhhthnms seiner Worte durch Handbewegungen bezeichnete. „Das Familienleben, die Kinder, die unsichere Lage, die Notwendigkeit, um's Brot viel zu arbeiten... mindert die Energie eines Revolutionärs herab, stets... während der Revolutionär seine Energie unermüdlich immer intensiver und umfassender entwickeln muß. Das fordert die Zeit.... Wenn wir nachlassen, der Müdigkeit nachgeben, oder uns durch kleine Zugeständnisie ablenken lasten, so ist das schlecht, fast ein Verrat an der Sache. Es gibt niemanden, mit dem wir Hand in Hand gehen können, ohne unseren Glauben zu ändern...." Seine Stimme wurde fest, sein Gesicht blaß, und in den Augen brannte die gewöhnliche, verhaltene und gleichmäßige Kraft. Wieder wurde laut geklingelt und Nikolai's Rede in der Mitte unterbrochen. Jetzt kam Ludmila im leichten, der Zeit nicht angemestenen Paletot, die Backen von der Kälte gerötet. Indem sie die zerristenen Ueberschuhe auszog, sagte sie böse: „Die Gerichtsverhandlung findet in acht Tagen statt!" „Ist das sicher?" rief Nikolai aus dem Zimmer. Die Mutter trat schnell zu ihm, sie war sich nicht klar darüber, ob Furcht oder Freude sie erregte: Ludmila ging neben ihr und meinte iromsch mit ihrer tiefen Stimme: „Es ist sicher. Der Staatsanwalt Schostak hat die An- klageschrift soeben den Angeklagten zugestellt. Im Gericht wird ganz offen gesagt, das Urteil sei schon fertig. Aber was heißt das? Hat die Regierung Angst, daß ihre Beamten die Feinde der Regierung zu glimpflich behandeln? Obwohl sie ihre Diener schon so lange und so energisch verdirbt, ist sie doch noch immer nicht sicher, daß alle bereit sind, rechte Schurken zu sein?..." Ludmila fetzte sich auf daZ Sofa und rieb ihre mageren Backen mit den Handflächen: in ihren matten Augen funkelte Verachtung, ihre Stimme strömte von Zorn immer mehr über. „Du verschießt Dein Pulver umsonst. Ludmila!" sagte Nikolai beruhigend.„Sie hören Dich ja nicht...." Die schwarzen Ringe unter ihre» �"""n gitterten und bedeckten das Gesicht mit Inheilv«-
W dWWorwiy« n 12. Oktober. 190�
Nikolai sah sie durch seine Brille an, blinzelte mit den Augen und schüttelte den Kopf. Sie aber fuhr fort zu reden, als wenn die, denen ihr Haß galt, unmittelbar vor ihr ständen. Die Mutter horchte gespannt, verstand aber nichts und wiederholte unwillkürlich immer dasselbe: „Gericht... In acht Tagen Gericht!..." Sie konnte sich nicht vorstellen, wie die Richter mit Paul Verkehren würden, fühlte aber plötzlich das Herannahen von etwas Unerbittlichem, unmenschlich Strengem, Grausamem. Die Gedanken trübten ihren Kopf, verhüllten die Angen mit grauem Nebel, versenkten sie in etwas Zähes und Klebriges, das ein Frösteln und Unwohlsein im Körper hervorrief. Diese Empfindung nahm zu, sog sich ins Blut ein, ergriff das Herz, preßte es heftig zusammen und vergiftete alles Le- bcndige und Gute in ihm. XXII. In dieser Wolke von Zweifel und Niedergeschlagenheit und unter dem schweren Druck banger Erwartungen verlebte sie schweigend einen Tag und noch einen: am dritten aber er» schien Sascha und sagte zu Nikolai: „Ist alles fertig. Heute um ein Uhr... K „Schon fertig?" meinte er verwundert. „Ja, was denn? Ich brauchte nur einen Platz und die Kleidung für Rhbin zu beschaffen, alles übrige hat Godun auf sich genommen... Rybin braucht nur ein Stadtviertel zu passieren. Auf der Straße trifft ihn Wjessowschtschikow, natürlich verkleidet. Er wirft ihm einen Paletot über, gibt ihm eine Mütze und zeigt ihm den Weg... Ich will ihn er» warten, umkleiden und fortbringen." „Ganz nett! Aber wer ist dieser Godun?" fragte Nikolai. „Sie haben ihn schon gesehen. Haben sich in feiner Wohnung mit den Schlostern beschäftigt." „Ah, ich weiß schon... der alte Sonderling." „Er ist entlassener Soldat, Dachdecker... ein wenig entwickelter Mann mit unersättlichem Haß gegen alle Macht und alle Machthaber. Ein wenig Philosoph" sagte Sascha nachdenklich zum Fenster hinausblickend. Die Mutter hörte sie schweigend an, und ein unklares Gefühl reifte langsam in ihr. „Godun will seinen Neffen befreien, den Schmied Jewtschcnko. Erinnern Sie sich seiner noch? Ein eleganter und sauberer Junge, der Ihnen damals sehr gefiel." Nikolai nickte. „Godun hat alles gut angelegt!" fuhr Sascha fort.„Aber ich fange an, am Erfolge zu zweifeln... Bei dem gemein» samen Spaziergange werden, wenn die Gefangenen die Leiter sehen, viele entfliehen wollen...." Sie schloß die Augen und schwieg einen Moment, die Mutter rückte näher an sie heran. „Und sich gegenseitig hindern...." Sie standen alle drei vor dem Fenster, die Mutter Hintee Nikolai und Sascha. Ihre schnelle Unterhaltung erregte in ihrem Innern immer lebhafter und lebhafter ein unklares Gefühl. „Ich gehe hin!" sagte sie plötzlich. „Wozu?" fragte Sascha. „Gehen Sie nicht, liebe Frau! Sie fallen noch herein! riet Nikolai. Die Mutter blickte ihn an und wiederholte leiser, aber hartnäckiger: „Nein, ich gehe...." Sie wechselten schnell einen Blick, und Sascha sagte, die Achseln zuckend: „Das ist begreiflich...." Sie wandte sich der Mutter zu. faßte sie unter den Arm und erklärte einfach und freundlich: „Ich will Ihnen doch sagen, daß Sie umsonst warten.. „Lassen Sie mich doch hingehen!" rief die Mutter und drückte sie an sich, während ihre Hand zitterte... Ich werde nicht stören! Ich muß hin. Ich glaube nicht, daß so eine Flucht möglich ist." „Sie geht!" sagte das Mädchen zu Nikolai. „Das ist Ihre Sache!" erwiderte er, den Kopf senkend. „Wir können nicht zusammen Win Mama. Sie gehen