Nnterhaltungsblatt des Horwärts

Nr. 210.

Dienstag� den 29 Oktober.

1907

(Nachdruck Dcrfiolcn.)

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Die JVIuttcr.

Roman von Maxim Gorki . Deutsch von Adolf Heß. Ludmilas feuchte Stimme zitterte, dann floß ihre Rede wieder nachdenklich und leise hin. Mein Sohn wird von einem bewußten Feinde derjenigen erzogen, die ich für die besten Menschen von der Welt halte. Der Junge kann als mein Feind heranwachsen... Bei mir kann er nicht leben, ich führe einen fremden Namen. Ich habe ihn acht Jahre nicht gesehen... das ist viel acht Jahre!" Sie blieb am Fenster stehen, blickte ans den blassen, öden Himmel und fuhr fort: Wenn er bei mir wäre, wäre ich stärker. Selbst, wenn er tot wäre, wäre mir wohl leichter zu Mute..." Und nach kurzem Schweigen fügte sie laut hinzu: Dann wüßte ich doch, daß er nur tot ist, nicht aber ein Feind dessen, was über dem Muttergefühl steht, was am allernotwendigsten und teuersten im Leben ist." Ach, meine Liebe!" sagte die Mutter leise und fühlte, wie Mitleid ihr das Herz verbrannte. Sie sind glücklich!" meinte Ludmila mit bitterem Lächeln.Das ist prächtig Mutter und Sohn ncbenein- ander... das findet man selten!" Frau Wlassow rief unerwartet: Ja, es ist schön!" Und als teilte sie ihr ein Geheimnis mit, fuhr sie mit gedämpfter Stimme fort:Ein ganz anderes Leben!... Alle Sie, Nikolai Jwanowitsch, alle Leute, die das Werk der Wahrheit bereiten stehen ebenfalls neben­einander I... Die Menschen sind plötzlich verwandt gc- worden... ich verstehe alle... die Worte kann ich nicht immer begreifen, aber alles andere ist mir klar... alles!.. Ach so!" murmelte Ludmila.So..." Die Mutter legte ihre Hand auf Ludmilas Brust, drückte sie leise und sprach fast flüsternd, als wenn sie selbst das be- trachtete, worüber sie sprach. Die Kinder gehen in die Welt! Das ist es, was ich verstehe die Kinder gehen in die Welt, über die ganze Erde, alle, von überall her demselben Ziel entgegen! Die besten Herzen, Leute mit rechtschaffenem Verstände ziehen unaufhaltsam gegen alles Böse, alles Dunkle zu Felde, ziehen dahin, zertreten die Lüge mit festen Tritten... Jung und gesund, verwenden sie ihre unüberwindlichen Kräfte, alle auf das eine auf die Gerechtigkeit! Sie ziehen aus, um allen menschlichen Kummer zu besiegen, sind gewappnet, alles Un- glück der ganzen Erde zu vernichten, wollen alles Garstige bezwingen und werden es bezwingen! Wir zünden eine neue Sonne an, hat mir einer gesagt. Wir schaffen ein Herz im Leben, wir vereinigen alle zerschlagenen Herzen in ein einziges! Und das werden sie!" Sie erhob die Hand zum Himmel Da ist eine Sonne." Und schlug sich gegen die Brust. Hier zünden sie eine andere, die viel größer ist, als die himmlische Sonne, die Sonne menschlichen Glückes au, die wird in alle Ewigkeit die ganze Erde und alle Wesen, die auf ihr leben, mit dem Licht der Liebe jedes Menschen zu allen und allem erleuchten!" Ihr fielen die Worte vergessener Gebete ein, sie ent­zündete sie im neuen Glauben und warf sie wie Funken aus ihrem Herzen. Allen bringen die Kinder Liebe, indem sie die Wege der Wahrheit und Vernunft gehen und über alles wölben sie neue Himmel, alles erleuchten sie mit unvergänglichem Feuer. das von der Seele aus ihren tiefsten Tiefen entspringt. So wird in der Flamme der Kinderliebe zu aller Welt ein neues Leben geschaffen. Und wer löschte diese Liebe wohl aus, wer? Welche Kraft ist größer als sie, wer bezwingt sie? Die Erde hat sie geboren, und das ganze Leben will ihren Sieg... das ganze Leben!" Sie ging vor Erregung müde von Ludmila fort und ließ sich schweratmend nieder. Ludmila trat ebenfalls be-

hutsam beiseite, als fürchtete sie, etwas zu zerstören. Sie be» wcgte sich geschmeidig im Zimmer hin und her, blickte mit ihren tiefen, matten Augen vor sich hin und erschien noch größer, gerader und dünner. Ihr hageres, strenges Gesicht zeigte einen gespannten Ausdruck, und ihre Lippen waren nervös zusammengepreßt. Die Stille im Zimmer beruhigte die Mutter schnell. Als sie Ludmilas Stimmung wahrnahm, fragte sie halblaut? Ich habe vielleicht etwas nicht richtig gesagt?" Ludmila ivaudte sich schnell um, blickte sie wie erschreckt an und sagte hastig, indem sie die Hände gegen die Mutter ausstreckte, als wollte sie etwas zurückhalten: Alles richtig... richtig!... Aber wir wollen nicht weiter darüber reden... es soll so bleiben, wie Sie es gejagt haben... ja?" Und fuhr ruhiger fort:Sie müsse» schon bald fahren... es ist ja weit!" Ja, bald! Ach, wie freue ich mich, wenn Sie wüßten! Ich bringe das Wort meines Sohnes, das von meinem Fleisch und Blut! Das ist ja wie meine eigene Seele!" Sie lächelte, aber ihr Lächeln spiegelte sich undeutlich in Ludmilas Gesicht wieder. Die Mutter fühlte, daß Ludmila durch Zurückhaltung ihre Freude abkühlte, und in ihr ent- stand plötzlich der dringende Wunsch, in diese mürrische Seele ihr Feuer strönien zu lassen, sie zu entzünden, damit auch sie harmonisch in den Klang ihres freudenvollen Herzens ein- stimmte. Sie nahm Ludmilas Hand, drückte sie fest und sagte: Meine Liebe! Wie schön ist es, wenn nian weiß, daß es im Leben schon ein Licht für alle Menschen gibt und daß die Zeit nicht fern ist, wo alle es sehen werden..." Ihr gutes, großes Gesicht zitterte, ihre Augen lächelten strahlend, und die Brauen zitterten über ihnen, ihren Glanz gleichsam beflügelnd. Große Gedanken berauschten sie, sie legte alles in sie hinein, wovon ihr Herz brannte, alles was sie hatte durchleben können, und sie Preßte die Gedanken in feste, große, helle Wortkristalle. Sic entstanden immer zahl- reicher in ihrem herbstlichen, von der schöpferischen Kraft der Frühlingssonne beleuchteten Herzen, blühten und er» glühten immer heller, immer bunter in ihm. Das ist als wenn uns Menschen ein neuer Gott ge- boren wird! Alles für alle, alle für alles, das ganze Leben in einem und in jedem das ganze Leben! Und jeder für das ganze Leben! So verstehe ich Euch alle. Dazu seid Ihr auf der Welt, das sehe ich! In Wahrheit seid Ihr alle Genossen, alle Verwandte, denn alle seid Ihr Kinder einer Mutter der Wahrheit. Die Wahrheit hat Euch geboren und durch ihre Kraft lebt Ihr!" Wieder von ihrer Erregung überströmt, hielt sie inne, schöpfte Atem, breitete mit einer Bewegung die Hände aus, als wolle sie etwas umarmen und sagte: Und wenn ich für mich dieses Wort ausspreche: Genossen, so höre ich mit dem Herzen sie kommen! Sie kommen von allen Seiten in Massen und gehen alle demselben Ziel ent» gegen! Ich höre solch tönenden, frohen Lärm wie Feiertags- leuten von allen Kirchen der Erde..." Sie hatte erreicht, was sie wollte. Ludmilas Gesicht flammte erstaunt auf, ihre Lippen zitterten, und eine nach der anderen rollten aus ihren matten Augen große, durchsichtige Tränen über die Wangen. Die Mutter schloß sie fest in ihre Arme, lächelte lautlos, milde, stolz über ihren Herzenssieg. Als sie sich verabschiedeten, blickte Ludmila in ihr Gesicht und fragte leise: Sie wissen, daß es schön mit Ihnen ist?" Und gab selbst die Antwort: Sehr! Wie morgens hoch auf einem Berge.. XXIX. Auf der Straße umfing trockene, feste Frostluft den Körper, drang in den Hals, kitzelte in der Nase und preßte einen Augenblick den Atem in der Brust zusammen. Die Mutter blieb stehen und blickte um sich: In ihrer Nähe hielt an einer Straßenecke ein Kutscher in zottiger Pelzmütze, weiterhin ging ein Mensch gebückt, den Kopf zwischen die Schultern gezogen und vor ihm lief tänzelnd ein Soldat, der sich die Ohren rieb.