Interhaltungsblatt des Horwärts Nr. 233. Sonnabend den 30 November. 1907 (Nachdruck verböte».! Die Brüder Zemganno. Von Etmond de Goncourt. Die Sohne Tommaso Bescapss und Stepanida Roudaks waren Franzosen . Sie besaßen das Temperament solcher, deren Geistesrichtungen, selbst ihren Patriotismus. Von der ausländischen Abstammung der Brüder, von ihren Vorfahren mit dem Zigeunerblut war denselben nur eine besondere Eigenschaft geblieben, die zu bemerken ist. In den zivili- sierten Nationen findet man das poetische Träumen, diese Gabe einer liebeerfüllten, gemütvollen Idealität, diesen schöpfungsreichen Fruchtboden, der in der Gchirnflüssigkeit der Literaturen ausgestreut schwimmt, nur in den besseren Gesellschaftsschichten und ist dieselbe, abgesehen von sehr seltenen Ausnahmen, das Privilegium der höheren und ge bildeten Klassen. Die beiden Brüder jedoch hatten ihrerseits einen Teil von jener träumerischen, beschaulichen, ich möchte sagen: literarischen Natur geerbt, welche den unteren Klassen der Völkerschaften, die noch halb wild und unkultiviert iw mitten des heut an Schulen so reichen Europas leben, zu eigen ist: und zu zahlreichen Malen entschwangen sich den beiden Jünglingen aus dem Volke jene lyrischen Gedanken� slüge und Seelenstimmungen, aus denen auch der elendeste und unwissendste Zigeuner die Variationen formt, die er den Wipfeln der Bäume, den Sternen der Nacht, den silbernen Morgen, den goldenen Mittagen auf seiner Geige spielt. Beide Brüder, gleichweis empfänglich für jene magnetische Sprache, weiche die Dinge der Natur Tag und Nacht stumm- beredt zu den höher organisierten Wesen, den Verständnis- vollen Erwählten sprechen, waren indes von einander sehr verschieden. Bei dem älteren Bruder gehörte seine Neigung hui Reflexion und die sinnende Geistesrichtung seines durch eine eigenartige Gehirntätigkeit überreizten Wesens ganz seinem Beruf der Ausübung physischer Kraft und Gewandtheit an, der Erfindung neuer, fast stets unausführbarer gymnastischer Produktionen, dem Ersinnen neuer Clownszenen, die fast immer unmöglich zu realisieren waren, dem geistigen Ge- bären einer Art von Wundern, die er von Nerven und Muskeln des Körpers forderte. Selbst auch an der prakti- fchen Ausführung seiner Produktionen gab Gianni seiner Reflexion und dem, was er sich dabei gedacht, einen großen Anteil, und sein Lieblingsgrundsatz war: ein gymnastisches Stück recht auszuführen, erfordere eine Viertelstunde Arbeit und drei Viertelstunden Nachdenkens. Der jüngere Bruder, in glücklicher Unwissenheit ver- blieben und in seiner ersten Erziehung nur durch das aus- gebildet, waS er aus dem schwatzenden Erzählen des viel- gereisten Vaters entnommen, wenn man beim Bergaufsteigen .des Weges plaudernd zu Fuße ging; überdies trägeren Geistes als Gianni und mit einer größeren Neigung als er, unbekümmert ins Blaue hineinzuleben: mit einem Wort, mehr als dieser der sorglose Bohemien von Wald und Feld und eben deswegen mehr Poet als er lebte in einer glück- lichen, lachenden, sinnesfrohen Gedankenwelt dahin, der in rascher Schnelle die drolligsten Gestaltungen entsprangen, Raketen einer gemütvollen Fröhlichkeit, tollnärrischer Ex- centrizitäten. So wurde Nello der Arrangeur, der Aus- gestalter der hübschen Details, der Verschönerer, der Kolora- teur dessen, was sein Bruder an Ausführbarem erfand. Zwischen den beiden Brüdern und den Gymnastikern und Kunstreitern des Zirkus entspann sich bald ein freund- schaftliches Band, ein einiges und wahres Kameradschaftsver- bciltnis. In den Reihen dieser Künstler macht die Lebens- gefahr ihrer Leistungen die althergebrachten Eifersüchteleien anderer Schaubühnen, zumal der eigentlichen Theater, schweigen: die Lebensgefahr, der alle Artisten gemeinsam und j allabendlich ausgesetzt sind, verbindet sie in einer Art militä-! rischen Esprit de corps zu der fast brüderlichen Gemeinschaft von Soldaten im Felde. Man darf sogar sagen, daß das, was an Neid, an mißgünstigen Gefühlen aus dem Artisten- l leben früherer Zeit, der Zeit ihrer Verachtetheit und Nie- drigkeit, den einen oder anderen unter ihnen vielleicht noch' gebliebenen wäre, sich abgeschliffen hat in ihrer besseren gesell- schaftlichen Stellung, in der Beachtung, die sie gegenwärtig finden, in dem Ansehen, dessen sich ihr Stand heut erfreut. Ueberdies waren beide Brüder wohlgeeignct, dem Kreise ihrer Kollegen sympathisch zu sein. Der Aeltere war von dem gediegenen Wesen des aufrichtigen, gutmeinenden Kameraden, auf dessen ernstem, nachdenklichen Gesicht sich jeweilig ein gütiges, freundliches Lächeln, mit dem ruhigen, etwaS melan­cholischen Ausdruck der Züge erhellend vereinte. Der Jün­gere seinerseits hatte im Fluge aller Herzen erobert durch feine liebenswürdige Geselligkeit, seine lustigen Späße, selbst durch kleine Neckereien, die er, ohne zu verletzen, in Szene zu setzen wußte: durch das Leben, die Beseelung, das Geräusch, das er in die Langeweile, die Eintönigkeit gewisser Tage zu bringen wußte: durch das unbeschreiblich Einnehmende eines anmutigen, gefälligen, erheiternden Wesens in einem Kreise sorgenvoller Existenzen, durch jenen die Runzeln von den Stirnen scheuchenden Reiz, den er von seiner Kindheit an stets wachgerufen und um jich her verbreitet. « Passioniert, wie beide für ihren Beruf waren, widmeicn die Brüder den Zirkusvorstellungen, und zumal denjenigen des virgue d'6t6, warmes Interesse. Sie fühlten sich Wohl in dem großen Stall mit seinem Getäfel von Eichenholz, seiner freiliegenden Eisenkonstruktion, seinen Boxen, ge- schmückt mit dicken Tannenzapfen in Bronze, seiner gefälliger» metallenen Architektur, die sich unter dem Licht der goldenen 5kronleuchter in den hohen Spiegeln an beiden Enden des Raumes widerspiegelte und sich in diesen bis ins Unendliche zu verlängern schien, dem Stall, durchtönt von dem Klirren der Halfterketten seiner sechzig Pferde, erfüllt von den un- ruhigen Bewegungen derselben unter ihren braun und gelb karierten Decken, von dem mutigen Blitzen ihrer Augen, Selbst die Aufhäufungen all der ihnen wohlbekannten, Wohl- befreundeten Dinge in entlegenen Nebengelassen: der großen weißgestrichenen Leitern, der kreuzförmigen Ständer für den Seiltanz, der Fahnen, der Bänder, der mit gekräuseltem Papier geschmückten Reifen, des kleinen rotgestrichenen Wagens zum Herumfahren des Pferdes, das, mit den Hinter- füßen nachtrottend, mit den Vorderfüßen auf ihm steht: des Sprungbrettes in Gestalt einer Schleife, all des vielfachen Zubehörs zu den verschiedenen Produktionen, in seiner Dunkelheit und seinem kaleidoskopischen Bilde halbgesehen durch die Türen schlecht verschlossener Seitenräume, erfreuten ihre Augen, die ein Vergnügen daran empfanden, es all- abendlich von neuem zu erblicken samt dem großen Stein- trog mit dem taktmäßigen Fallen seiner Wassertropsen und mit der Stundenuhr, die, von Stunde zu Stunde schlum­mernd, in ihrem Holzgehäuse oberhalb der Tür ruhte. In diesem Raum, unter dem Hufstampfen und dem Wiehern der Pferde, fanden die Brüder zugleich das Treiben, die Belebtheit, die Zerstreuung, wie der Schauspieler sie hinter den Kulissen des Theaters findet. Hier stand unter dem kleinen schwarzen Holzrahmen ohne Glas, der auf ein Blatt Briefpapier geschrieben das Programm der Darstellung ent- hält, mit der einen Hand auf die Stallbarriere gestützt, in der anderen eine Reitpeitsche auf dem Rücken, ein Eentleman ricker" bei einer Gruppe wohleingepackter Damen mit blauen Seidencachenez' um den Hals, deren Zipfel über ihre' Schultern geschlagen waren, und plauderte englisch mit ihnen. Dort spielten zwei zottelköpfige kleine Mädchen umher, das Haar oben auf den Köpfen mit ceriseroten Bändern zusamengebunden und mit kaftanartigen PaletotS bekleidet, die, wenn sie sich ein wenig öffneten, Teile TrikotS sehen ließen. Seitwärts gab ein Mann in roter Weste einem Pferdehuf einige Pinselstriche. Im Hintergrunde waren vier bis fünf Clowns zu einem Kreise zusammengetreten, welche sich, ernst wie die Toten, damit unterhielten,'einander be- grüßend, sich gegenseitig einen schwarzen Zylinderhut durch eine kurze, rasche Bewegung des Genicks von dem Kopf des einen auf den Kopf des anderen zu schnellen, so daß der Hut die Runde über sämtliche Flachsperrücken machte. Ein wenig weiterhin stattete eine alte Frau, eine Zeitgenossin von Franconi Vater, den Pferden ihre allabendliche Visite ab, sprach zu ihnen alle und streichelte sie mit ihrer pergamentenen Hand, während ihr zur Seite ein Miniaturgymnastiker von fünf Jahren an einer Apfelsine kaute, die man ihm geworfen.