Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 237.

Freitag, den 6 Dezember.

( Nachdrud verboten.)

25] Die Brüder Zemganno.

Von Edmond de Goncourt .

1907

Die beiden Brüder, stets gleich gekleidet, trugen ganz fleine, aufs sorgfältigste gebürstete Hüte, lange, in zwei Zipfeln herabfallende Strawatten mit einer goldenen Nadel in Gestalt eines Hufeisens darin; kurze Jacketts in der Form der großen Stallknechtwesten; nußbraune Beinkleider, auf denen sich in der Mitte des Beines in schickgemäßer Weise Doppelsohlen. Ihre äußere Erscheinung war etwa diejenige das Knie marfierte, und Stiefel mit nägelbeschlagenen eleganter Stallbeamten eines Rothschild, mit einer Nuance bon jener geschmeidig geraden Haltung, dem Anglisierten, Ernsten, ruhig Stalten in ihrem ganzen Wesen, das allen Clowns in Zivil eigen ist.

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Die beiden Brüder liebten sich nicht nur, fie bingen an einander mit geheimnisvollen Banden, in einer seelischen Verknüpfung, einer engen Verflechtung der Zwillings­naturen beider ineinander, und zwar dies, obwohl sie an Alter sehr verschieden, an Charakter einander diametral ent­gegengesetzt waren. Ihre ersten instinktiven Regungen waren stets bis zur Identität die nämlichen. Sie empfanden Sympathien und Antipathien, der eine zu derselben Zeit Zuweilen indes geschah es, daß der lustige, junge Schalt, wie der andere, und verließen sie einen Ort, an dem sie sich der in Nello steckte, sich durch alle äußerliche Gravität einmal gemeinsam befunden, so war der Eindruck, den sie von den Bahn brach und dem tadellosen Gentleman irgend ein dort gesehenen Personen empfangen, bei beiden durchaus nedischer Streich entschlüpfte, der dann immer noch ganz gleich. Die Gedanken sogar, diese Schöpfungen des Gehirns, in den ruhigen, faltblütigen Ernst des Engländers gehüllt deren Entstehung so ganz Sache der Individualität ist und war, als sei sein drolliger Verüber wirklich ein Sproß dieser die uns so oft staunen lassen bei der Frage, woher fie ge- einmal abends nach der Vorstellung bei der Rückkehr vom fischblütigen Nationalität. So fuhren die Brüder zufällig kommen; die Gedanken, die so selten gleichzeitig und so selten Zirkus mit dem Omnibus nach Hause. Man kennt diese gleichlaufend in den inneren Regungen selbst zwischen Mann und Frau sind: auch die Gedanken hatten in beiden Brüdern Omnibusse von abends 11 Uhr, und zumal einen Omnibus, fast stets die gemeinsame Richtung, so daß es sehr oft ge- der um diese Zeit nach einem Ort im äußeren Weichbilde der schah, daß nach einem kurzen Stillschweigen sich beide plöt- Stadt geht: harmlose, beschränkte, fleine Leute, die müde lich zueinander wendeten, um sich das gleiche zu sagen, ohne vom Lagewerk sind. und in dem wirren Wechsel von Dunkel­eine Erklärung dafür finden zu können, welch sonderbarer heit und momentanen Lichtstreifen der vorübergleitenden Zufall dieselben Worte in beider Mund gelegt, als seien beide Gaslaternen nickend dahinschlummern, Leute von schläfrigen, Aussprüche nur ein einziger in nur einem Munde. So stumpfen Wahrnehmungen und zuweilen schwerfälliger Ver­innerlich aneinander geheftet, war es den beiden Bescapés dauung, welche das Schüttern des Wagens beim Absteigen ein Bedürfnis, auch ihre Tage, ihre Nächte miteinander zuläßt, eines Passagiers aus ihrem Hindämmern blöde aufblicken aubringen, fiel es ihnen schwer, sich voneinander zu trennen, läßt, ohne daß sie ganz wach sind, noch ganz schlafen. Diese hatte jeder von ihnen, wenn der andere abwesend war, das guten Leutchen also hatten die unbestimmte Empfindung auf eigentümliche Gefühl, wie soll man es ausdrücken: das Ge- ihrer Fahrt zwei elegant gekleidete Herren von nobler Er­fühl gewissermaßen eines fehlenden Stüdes seiner selbst, scheinung, die ihre sechs Sou mit vornehmer Nachlässigkeit eines plöglich eingetretenen Unvollständigseins. Wenn der gezahlt, in ihrer Mitte gehabt zu haben, als sie plöglich an eine von ihnen auf ein paar Stunden fortgegangen war, der Ecke der Rue des Acacias, in dem halben Wachwerden, schien er die Fähigkeit des Zurüdgebliebenen zur Kon welches das plötzliche Anhalten des Omnibus hervorrief, zentration mit sich genommen zu haben, den der Zurück- fahen nun, bei dem, was sie sahen, wurden gebliebene vermochte während der Beit der Abwesenheit des die zwölf Gesichter der Zurückbleibenden, deren Anlig gerade anderen nichts weiter vorzunehmen, als, seine Rückkehr er- durch den Schein von ein paar Laternen bleich erleuchtet wartend, zu rauchen. Und wenn die für die Rückkehr fest- wurde, plötzlich lang von einer gemeinsamen Verlängerung gefeste Beit ohne sein Kommen verstrich, erfüllte sich der durch einen gemeinsamen Schreck, und als ob alle zwölf Ge­Kopf des Wartenden mit Vorstellungen von Unglüdsfällen, fichter nur eines wären, wendeten sie sich sämtlich der Rue allerlei Katastrophen, Ueberfahren durch Wagen, Erschlagung des Acacias zu, in welche soeben in unerschütterlicher Ruhe von Bassanten durch herabgestürzte Balfen oder Steine, eine nur von der Kehrseite gesehene Gestalt verschwand. töricht düsteren Befüchtungen, die ihn immer wieder und Nello, auf das Trittbrett des Omnibus hinausgetreten, wieder forschend aus seinem Zimmer an die Eingangstür hatte von dort aus einen Saut périlleux auf die Straße der Wohnung laufen machten. Sie trennten sich denn auch hinab gemacht, und entfernte sich jetzt, nachdem er in dieser nur gezwungen, und keiner von beiden akzeptierte je ein ein wenig ungewöhnlichen Weise ausgestiegen, sehr ruhig Vergnügen, an welchem der andere nicht teilnehmen konnte; und sehr gerade gehend auf seinen natürlichen zwei Beinen, es gab all die Jahre ihres Beisammenlebens hindurch seine Reisegefährten in einer Verblüfftheit zurücklassend, in nicht einen einzigen Fall, in welchem sie vierundzwanzig der ihre Augen sich noch eine ganze Weile lang mit erstaunten Stunden fern voneinander zugebracht hatten. und unruhigen Bliden fragten, ob sie recht gesehen, oder ob fie alle zusammen das Opfer einer Halluzination gewesen.

Ueberdies wurde, wie bemerkt werden muß, die enge Zusammengehörigkeit der beiden Brüder auch noch durch ein mächtiges anderes Agens befördert. Die Arbeit beider war so sehr und so eng miteinander verbunden, die Leistungen des einen so in die des anderen verflochten und jede ihrer Broduktionen schien so wenig einem einzelnen von beiden anzugehören, daß der Beifall des Publikums sich stets an beide gemeinschaftlich wandte, man nie auf den Gedanken fam, im Lob oder im Tadel beider Personen voneinander zu trennen. So kam es, daß hier zwei Wesen als ein in der Geschichte menschlicher Freundschaften fast einzig dastehender Fall nur eine gemeinsame Eigenliebe befaßen, nur eine ge­meinsame Eitelkeit, einen gemeinsamen Stolz, den man, mochte man ihn verwunden oder ihm schmeicheln, bei beiden stets gleichweis traf.

Allmählich sahen die Bewohner der Rue des Acacias ihren Haustüren stehend mit freundlichen Gefühlen das Brüderpaar vorübergehen und wieder zurüdfommen, Seite an Seite, der Jüngere morgens ein wenig zuriid, abends, zur Beit des Diners, ein wenig voran.

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,, Holla, mein Großer," hub Nello eines Tages freundlich scherzend zu seinem Bruder an zum Wetter, mun einmal eine kleine Moralpredigt!. es recht gut... es hat wieder einmal eines Deiner Kinder Ja, ja, ich weiß gegeben, über das ein De Profundis angestimmt werden muß."

Du hast also bemerkt, daß ich etwas gefunden hatte?" bist ja durchsichtig wie Glas... Du ahnst also gar nicht, wie Nun, wahrhaftig... ah, ich bitte Dich, Gianni, Du fich so etwas bei Dir ausnimmt?... Nun gut, paff' auf... Zuerst zwei bis drei Tage sechs... an denen Du mir Ja antwortest, wo es Nein heißen manchmal auch fünf bis findungsfieber hat ihn wieder gepackt... Dann machst Du müßte, und umgekehrt... Gut; ich sage mir also: das Er­eines Morgens beim Frühstück vergnügte Augen, mit einer Miene, als wolltest Du Dich bei jedem Stück, das Du issest, dafür bedanken, daß es so gut schmedt... und findest eine Beitlang nichts zu teuer... alle Mädchen hübsch... und das Wetter schön, wenn's regnet... alles das zusammen