Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 18.

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Sonnabend den 25 Januar.

( Nachdruck verboten.)

Schilf und Schlamm.

Roman von Vicente Blasco Ibanez . Lonet wurde dieser Totengräberarbeit sehr schnell müde. Die Kraft seines Willens war einer solchen Aufgabe nicht gewachsen. Als die erste Begeisterung vorüber war, erkannte er die Monotonie der Arbeit und rechnete mit Entsezen die Monate und Jahre aus, die vergehen würden, bevor man das Ende erreichte. Er dachte, welche Mühe man aufwenden müsse, um jede Ladung Erde herbeizubringen, und zitterte bor Aufregung, wenn er bemerfte, wie das Waffer sich beim jedesmaligen Hineinwerfen trübte und dann sofort wieder flar wurde; immer sah man den stets fich gleichbleibenden Grund, der nicht den Schatten eines Buckels zeigte, gerade, als hätte die ganze hineingeschüttete Erde sich in eine unbe­tannte Rinne verflüchtigt.

Buweilen fehlte er jegt bei der Arbeit. Er schütte Schmerzen vor, die er sich im Kriege zugezogen, und kaum war der Vater mit der Borda unterwegs, so lief er nach deni kleinen frischen Winkel des Hauses Canamel, wo es ihm nie an Kameraden fehlte, die geneigt waren, mit dem Becher in der Hand eine Partie Starten mit ihm zu spielen. Er ar­beitete höchstens zwei Tage in der Woche.

Der Onkel Paloma machte sich in seinem Haß gegen die Landarbeit nicht ohne Genugtuung über die Faulheit seines Enkels lustig. Hihi, sein Sohn war ein Dummkopf, daß er zu Tonet Vertrauen gehabt. Jawohl, den Burschen kannte er. Er war mit einem verkehrten Knochen zur Welt ge­kommen, der ihn immer am Arbeiten hindern würde. Der Militärdienst hatte seine Faulheit noch gestärkt, und er kannte dagegen nur ein einziges Mittel: Stockschläge. Da er sich aber im Grunde genommen freute, daß sein Sohn mit allen diesen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, so fand er sich mit der Faulheit seines Enfels ab und lächelte ihm zu, wenn er ihm in Canamels Hause begegnete.

Im Dorfe fing man wieder an, über die häufigen Be­fuche Tonets im Gasthause zu klatschen. Er setzte sich stets dem Schenktische gegenüber, und Neleta und er starrten sich an. Die Wirtin sprach mit Tonet weniger, als mit den anderen Gästen. Doch ihre Augen wanderten instinktiv zu denen des jungen Mannes. Die Trinker behaupteten ihrer­seits, daß der Kubaner jedesmal, wenn er eine Karte hinwarf, Neleta betrachtete.

Die ehemalige Schwägerin Canamels ging von Zür zu Zür und verbreitete diese Geschichte. Sie waren mitein­ander einig; man brauchte sie nur anzusehen. Sie würden sicherlich das ganze Vermögen auffressen, das ihre arme Schwester zusammengebracht, und dem Gastwirt schöne Dinge bermachen."

Canamel, der von diesen Reden nichts wußte, behandelte Lonet wie seinen besten Freund. Er spielte Starten mit ihm und rief seine Frau, wenn sie vergaß, ihm einzuschenken. Er las nichts in den Blicken Neletas, in diesen Augen, die in seltsamem Glanze schimmerten und mit einer eigentümlichen Fronie aufleuchteten, wenn sie angesichts einer solchen Burecht­weisung ihrem ehemaligen Bräutigam ein Glas fredenzte. Die Reden, die man in Palmar darüber hörte, kamen dem Onkel Toni zu Ohren, und eines Abends führte er seinen Sohn aus der Hütte und sprach zu ihm mit dem ganzen Summer des müden Mannes, der nuklos gegen das Unglück anfämpft.

Tonet wollte ihm nicht helfen, das sah er wohl ein. Er war wieder der frühere Faulpelz geworden, der keinen anderen Gedanken hatte, als seine ganze Zeit in der Schenke zu ver­bringen. Jetzt war er ein fertiger Mann, und fein Vater fonnte nicht mehr wie früher die Hand gegen ihn erheben. Wollte er denn nicht arbeiten? Nun, dann gut, dann wollte er das Werk ganz allein fortseßen, obwohl er wie ein Hund zu arbeiten hatte, doch stets mit der Hoffnung, dem Undankbaren, der ihn im Stiche ließ, bei seinem Tode ein Stück Land zu hinterlassen.

Was er aber nicht so faltblütig mit ansehen fonnte, war die Tatsache, daß sein Sohn seine Tage in Canamels Hause aufammen mit seiner früheren Braut verbrachte. Er konnte,

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wenn er wollte, in andere Schenken gehen, in alle, nur nicht in diese.

Tonet protestierte heftig, als er diese Worte vernahm. Züge, alles war Lügel Verleumdung der Samaruca, der Schwägerin Canamels, dieses boshaften Tieres, die Netela haßte und nicht aufhörte, solche Klatschereien zu verbreiten." und Tonet sprach das mit der vollen Energie der Wahrheit, erklärte beim Angedenken seiner Mutter, er hätte nicht ein­mal Neletas Fingerspitzen berührt und nicht das geringste Wort zu ihr gesprochen, das sich auf ihre frühere Verlobung bezog.

Der Onkel Toni lächelte traurig. Er glaubte ihm, er zweifelte nicht an seinen Worten, ja, noch mehr, er war über­zeugt, daß alles, was man sich bis jetzt erzählte, Berleum­Dungen waren. Doch er kannte das Leben. Jetzt beschränkten fie sich auf den Austausch von Blicken, und morgen würden fie, von dem ständigen Beisammensein verführt, der Schande, der ganz natürlichen Folge einer solchen Gefahr, anheim­fallen. Neleta war ihm stets als ein Windkopf erschienen, und sie würde sicher nie das Beispiel der Klugheit geben. In diesem Augenblick sprach der redliche Arbeiter in so aufrichtigem und gütigem Tone, daß er auf Lonet starken Eindruck machte.

Er sollte doch nicht vergessen, daß er der Sohn eines chrenhaften, in seinen Unternehmungen allerdings unglüc lichen Mannes war, dem aber niemand in ganz Albufera eine schlechte Handlung zum Vorwurf machen fonnte.

Neleta war verheiratet, und wer das Weib eines anderen zum Verrat zu verleiten fucht, begeht Sünde.

Canamel war jest sein Freund, sie verbrachten ihre Tage zusammen, sie spielten und tranken wie Stameraden; einen Mann unter folchen Umständen zu betrügen, ist eine Feig­beit, die mit einem Schuß in den Kopf zu vergelten man das Recht hatte.

Der Vater schlug einen ernsten feierlichen Ton an. Neleta war reich, sein Sohn war arm, man konnte denken, er stelle ihr nur nach, um ohne Arbeit leben zu können. Dieser Gedanke brachte ihn in Wut und verwandelte seine Traurigkeit in Born.

Lieber wollte er seinen Sohn sterben sehen, als daß er sich mit einer solchen Schande bedeckte. Tonet, mein Sohn! Er sollte an die alten Palomas denfen, die so alt wie Palmar waren, an dieses Geschlecht vom Himmel nicht begünstigter, aber redlicher Arbeiter, die eines Verrats unfähig waren.

Sie waren Söhne des Sees, die ruhig in ihrem Elend lebten, und wenn sie auf den Ruf Gottes ihre letzte Reise antraten, dann legten sie die Ruderstange zu den Füßen seines Thrones nieder und zeigten dem Herrn ihre schwieligen Hände und ihre von jedem Verbrechen reine Seele.

IV.

Der zweite Sonntag im Juni war für Palmar der wichtigste Tag im Jahr.

Man lofte unter den- Bewohnern die Redolin", die Fisch. posten des Albuferafees und der Kanäle aus, eine traditionelle und feierliche Beremonie, der ein Delegierter dre Finanz" präsidierte, eine geheimnisvolle Dame, die nie jemand gesehen hatte, doch von der man in ihrer Eigenschaft als Herrin des Sees und des endlosen großen Fichtenwaldes der Dehesa mit abergläubischem Respekt sprach.

-Um fieben Uhr waren alle Leute des Dorfes bei den längen der Kirchenglocke zur Messe gelaufen. Die Feste des Jesuskindes nach Weihnachten waren bedeutend, doch das war nur ein einfaches Stinderspiel im Vergleich zu diesen Tagen, wenn man daran dachte, daß bei der Ziehungs­zeremonie das Brot des ganzen Jahres und sogar die Mög lichkeit, reich zu werden, auf dem Spiel stand.

Daher wurde auch die Messe dieses Sonntags mit größerer Andacht angehört. Die Weiber liefen fortwährend ihren Männern nach, um sie mit Gewalt mitzuziehen und sie zu ihren religiösen Pflichten zu bringen. Alle Fischer waren in der Kirche, doch troß ihrer Andacht wanderten ihre Ge­danken weit mehr zum See als zur Messe, und unter der Einwirkung ihrer Phantasie saben sie den Albufera und seine Stanäle vor sich und dachten an die guten Bissen, die ihnen zufallen würden, wenn sie die besten Nummern erwiſchten.