Rachtigall und Wachtel in der Pastsralflnfonie. während Mozart in der.Zanberflöte" seinen Bagelfänger Papagen o durchaus kein Vogclkonzerl zum besten geben lägt, sondern den munteren Charakter dieses naiven Naturburschen rein inufikalisch-instrumental schildert. DaS schönste Beispiel lünstlerischer Darstellung des Vogelgesanges wie des Weben und Raunen im deutschen Walde bleibt WagnerS „Waldvöglein* und.Waldweben" im.Siegfried". Hier vermählt sich innige Naturbeobachtung mit poetisch-musikalisch stilisierender Darstellung zu voller Harmonie. Im.Barbier von Bagdad" schildert Cornelius die aufflatternden Vögel durch ein col loMo �Schlagen mit der Rückseite des Violinbogens auf die Saiten)._ Ein sehr reichhaltiges Kapitel ist das von den Glockentönen. Hier kann der Tonmaler. ohne gegen das Wesen der Musik sich zu versündigen, das Original genau kopieren, denn die Glocke selbst ist ja schon ein auf einen bestimmten Ton abgestimmtes musikalisches Instrument. Wir erwähnen hier nur Franz S chuberts fast wisienschastliche Darstellung des Klanges der Glocke» vom St. Markusdom im.Chor der Gondelfahrer" und die Mittagsglocke in Humperdincks.Königskindern". Hier hat der Koinpomst, gestützt auf scharfsinnige akustische Beobachtungen, der Feierlichkeit des dramatischen MonieutS entsprechend, eine starke Wirkung erzielt durch die Langsamkeit der zwölf Schläge, die Tiefe der Glocke und die bedeutungsvolle Orcheftration, indem er zu dem fort- summenden liefen Es der Glocke nacheinander noch Baßtuba . Batz- posaune, Comrafagolt, Pauken. Tamtam treten läßt, endlich Hörner, Klarinetten, Oboen und Flöten mit der Quinte Es E nachschlagen last« und so das poetische Spiegelbild des Vorganges eines vollen Glockengeläutes mit zwölf Haupifchlägen erzielt." W. M. (Nachdruck verboten.) Qm Kap f)orn. Von Holger D r a ch m a n n« (Schluß.) Hierauf wurde die Jolle wieder ins Wasier hinabgelassen und hineingerudert; inzwischen ging ich aber zum Koch und nahm mir eine ordentlich« Portion Suppe und Fleisch, um etwas in mir zu hoben, wovon ich zehren konnte, und Munter erhielt alle Sehnen und Knochen, und dann kamen die drei Häscher wieder. Der Hund sprang ebenfalls in die Jolle hinab, als wir ab- stießen, und ich schwor und fluchte, daß ich sie alle miteinander tot- schlagen würde, wenn Munter nicht die Erlaubnis bekäme, bei mir zu bleiben. Sie führten mich in den Festungshof, Ivo bereits eine Reihe von Gaunern aufmarschiert war; ma» legte uns Eisenmanschetten an und schlug uns paarweise in Ketten; es war auch ein langer, magerer Mulatte darunter, der wurde an mein Handgelenk fest- gehakt. „Da« bist mir eine nette Vogelscheuche!" sagte ich zu ihm und machte einen kleinen Ruck an der Kette, daß er wackelte. .Wo sollen wir jetzt hin?" .Nach Spanishtowul" sagte er und schielte auf den Hund, der immer neben mir blieb, trotzdem die Soldaten ihn fortjagen wollten. .Behalte Deine Augen bei Dirl" sagte ich zu ihm;.denn Du bist ein magerer Bcngel, und Du siehst mir beinahe aus, als hättest Du Lust, den Hund zu fressen— aber nicht aus Liebe." Und dann kamen wir hinaus auf eine Eisenbahnstation und wurden in einige offene Wagen hineingetrieben wie ein Vieh- transport. Und da wurde ich von Munter getrennt. Und dann fuhr ich 25 Meilen gratis landeinwärts mit diesem ganzen Diebes- gesindel; aber ich sah die Kerle kaum an, denn ich war betrübt darüber, daß ich meinen besten Freund verloren hatte. Und ich stellte mir vor, wie nun daS arme Beest herumlaufen und nach mir suchen und vor Hunger krepieren würde; und ich versetzte der Vogelscheuche einen Stoß mit dem Kopf, denn an jemand mußte ich meine Wut auslassen. Wir fuhren greulich langsam—«3 war gewiß mir, um uns zu ärgern— und dabei eine unerträgliche Hitze; als wir dann endlich an Ort und Stelle waren, wen sehe ich daher gesprungen kommen? ES war richtig Munter mit weit aus dem Halse heraushängen- der Funge. Ich warf mich slach auf die Erde nieder, riß die Vogelscheuche mit; und ich küßte das staubige Beest— ich meine den Hund— auf die Schnauze, und von nun an wacen wir geschworene Freunde sür die Ewigkeit. Dann wurden wir von den Fesseln befreit und in einen großen Hof hineingejagt, und als die Soldaten Munter hinausjagen «rollten, fuhr er ihnen ins Gesicht, und da mußte der Offizier lachen, und der Hund bekam die Erlaubnis, dazubleiben. Dann wurden wir in die Montur gesteckt, es waren nette Kleider: Hosen und Blusen aus Sackleinwand und eine rote wollene Mütze; und rückwärts auf dem Rücken und längs der Beine hinab stand mit deutlichen Buchstaben:.Santa Maria-Districts-Prison Spani'ihtown". Munter konnte mich in diesem Aufzuge kaum wieder erkennen; aber da redete ich den Kameraden auf dänisch an, und das half. Das waren schwere Monäke, diese zwei, und wäre cS nicht deA Hundes wegen gewesen, so hätte icb, glaube ich, eine der Schild, wachen totgeprügelt und mich erschießen lassen. Aber wenn man für jemand auf dieser Welt zu sorgen hat, so muß man sich zurückhacten. Anfangs wollten sie haben, daß ich Steine klopfe, recht harke Kieselsteine; aber ich erklärte ihnen, daß ein Seemann viel zu seine Hände habe, und als sie mir trotzdem den Hammer in die Faust steckten, schlug ich mit solcher Gewalt in den. Haufen hinein, daß ein Kieselstein in die Höhe flog und einem der Häscher die Vorderzähne einschlug. „Entsckmldigen", sag' ich,„aber da könnt Ihr selbst sehen, meine Hände sind nicht an solche Arbeit gewöhnt!" Uno so ging es mit allem, was sie mir zu tun gaben. Ich hätte für das Tiebsgesindel die Wäsche waschen sollen; aber ich zerriß dabei die ganze Sackleinwand; dann hätte ich wieder das Loch, in dem wir schliefen, reinigen sollen; ich schüttete Wasser auf den Steinboden und auf die Wände, nahm den ganzen Hausen Sackleinwand, steckte einen Stock hinein und wischte damit den Boden auf. So ließ man mich endlich in Ruhe mit meinem Hunde; aber alle beide, er und ich, wärcr beinahe bor Hunger krepiert, denn dem Hunde gaben sie gar nichts, und ich bekam nur eine Schals Reisorei des Morgens und einen Bissen Fleisch, so groß wie der Pfropfen einer Bierslasche, als Abendbrot, und wenn das zwischen Zwei geteilt iverden soll, dann müssen beide mager werden. Endlich wurden wir wieder freigelassen, und wir kamen zurück nach Kingston; dort erwarteten mich sieben Pfund beim Konsul, die Schute aber war längst schon abgesegelt. Munter und ich verschafften uns zunächst ein recht gutes Futter, und dann fragte ich den Konsul, ob er nicht eine Heuer für mich habe. „Wohin willst Du?" fragte er.„Ja," antwortete ich und schaute auf Munter,„wir sollten ja eigentlich um Kap Horn ." „Dahin kannst Du diesmal nicht kommen; aber hier ist ein? Heuer nach Hamburg zurück, willst Tu sie annehmen?" Ich schaute den Hund an, und der Hund schaute mich an, und dann bellte er; es war deutlich, daß er sagen wollte: Ei, was! wir können noch immer um Kap Horn kommen I Und dann schlug ich ein, und so kamen wir wieder nach Hamburg zurück. Dort gingen wir. Munter und ich, ans Land, und das erste. was ich tat, war, daß ich etwas Geld auf einen ganzen Anzug aus- legte, recht feinen, blauen Düffel, und ein Paar ferne Stiesel und einen runden Hut; ich kaufte auch ein Halsband mit Messingschloß für Munter; da er sich aber wenig darum scherte, schenkte ich es schon am ersten Abend einem Mädchen draußen in St. Pauli. Daselbst ging's in den ersten Tagen recht lustig zu, und anfangs begleitete mich auch Munter dahin; aber eines Abends trieb ich eS dem Kameraden doch gar zu toll, und so blieb er daheim, und er sah mich an und schüttelte die Ohren und drehte sich rund herum wie ein Knäuel Garn, und zuletzt wollte er mich gar nicht mehr ansehen. Und eines Tages find' ich ihn liegen und am ganzen Körper zittern wir vom kalten Fieber. Ich hätte diesen Abend mit dem Mädchen auf dem Tanzboden zusammentreffen sollen; aber ich betrachtete den Hund und mußte an Spanishtown denken. Da schleuderte ich meinen feinen runden Hut auf den Boden, nahm Munter auf die Knie und deckte ihn mit meiner alten, zer- rissenen Jacke zu; und als er trotzdem noch zitterte, legte ich auch meine alten Hosen darüber. Und so saß ich die ganze Nacht bei und gab ihm aus einer Schale Wasser zu trinken. Gott verdamme mich— die Tränen kamen mir in die Augen; ich dachte nicht mehr an das Mädchen und an den Tanzboden, sondern nur daran, wie mein Kamerad wieder gesund werden könne. DeS Morgens war es rein zum Verzweifeln; ich hatte schon mein ganzes Geld verputzt; aber ich erhielt die Adresse eines Hunde- doktors, und so nahm ich denn die neuen blauen Hosen und ging damit zu einem Trödler. Ich bekam Geld, und ich fand den Hundcbadcr, und Munter erhielt eine Medizin; des Abends kam das Mädchen und suchte mich in meinem LogiS auf. „Ich habe kein Geld," sag' ich zu ihr,„und Munter dort ist krank; Du muht allein gehenl" „Was schiert mich das Geld," sagte sie.„und waS schiert mich Dein Hund. Du bist ein fescher Kerl, geh', komm' mit mir!" Und so ging ich denn mit ihr, und diesmal traktierte sie mich. Und als ich wieder heim kam zum Hunde, da ging's ihm sehr schlecht. Ich nahm nun die neue blaue Weste und den Hut und die seinen Stiefel— und fort damit zum Trödler und dann zum Hundebader! Und als ich denselben mit mir in mein Logis gebracht hatte und wir allein waren, packt« ich ihn beim Nacken und drückte fest zu und sagte ihm, er selber sei zwar ein großer Esel, aber den Hund dort müsse er mir wieder gesund machen, sonst würde er in seinem Leben nie wieder Hunde kurieren. Er schrie und bat und faselte eine Menge dummes Zeug zu» sammcn; zuletzt aber meinte er, daß der Hund vielleicht das Klima» sieber habe, und ich daher am besten täte, gleich mit ihm dahin zu reisen, Ivo er daheim sei.
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25 (27.2.1908) 41
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