Anterhaltungsblatt des Jorwärts
Nr. 48.
Sonnabend� Ven 7 März.
1908
(Rachdrulk otvhoten.)
48)
Schilf und Sd�lamm.
Roman von Vicente Blasco Jbanez. Tonet machte den Tag über Patronen zurccht, reinigte das prächtige Gewehr Canamels und trank, da er beschäftigt war, weniger. Die Centella sprang mit freudigem Bellen um ihn herum, als sie diese Vorbereitungen sah. Am nächsten Morgen erschien der Onkel Paloma und brachte in seiner Barke Don Joaquim mit seiner prächtigen Jagdausrüstung mit. Der Alte war ungeduldig und trieb seinen Enkel zur Eile an. Er wollte sich nur einen Augenblick aufhalten, um einen Bissen zu essen und sich dann sogleich wieder aus den Weg machen. Man mußte gleich fort. Wenige Augenblicke später zogen sie ab: Tonet eröffnete den Zug in seiner kleinen Barke mit Centella, dann kam die des Onkel Paloma, in der Don Joaquim mit einer gewissen Furcht die Büchse des Alten betrachtete, diese berühmte, fort- während geflickte Waffe, die so viele Heldentaten auf dem See vollführt haben sollte. Die beiden Barken kamen nach dem Albuferasee. Als Tonet sah, wie sein Großvater nach links abbog, wollte er wissen, wohin man fuhr. Der Alte war von der Frage über- rascht. Man fuhr nach dem Bolodro, dem ausgedehntesten Jagdgebiet in der Umgegend. Dort wimmelte es mehr als an anderen Plätzen von Enten und Wasserhühnern. Tonet wäre gern weitergefahren. Nun erhob sich zwischen den beiden Schiffern eine sehr lebhafte Diskussion. Doch der Alte fetzte schließlich seinen Willen durch, und Tonet mußte, resigniert die Achsel zuckend, sich fügen. Die beiden Barken fuhren in einen Wasserlauf, der mit starkem Lieschgras bestanden war. Die Gräser wuchsen über- all in reicher Fülle, das Schilf vermischte sich mit den Binsen: die Schlingpflanzen mit den weißen und blauen Glocken schmiegten sich in diesem Wasserwald dicht aneinander und bildeten anmutige Girlanden. Die Fülle der Wurzeln ver- lieh den Nohrdickichten einen Anschein von Festigkeit. Auf dem Grunde des Wasserlaufes bemerkte man eine seltsame Vegetation, die bis zur Oberfläche aufstieg, und man wußte zeitweise nicht, ob die kleinen Barken auf dem Wasser schwammen oder ob sie über eine grüne, mit leichtem Kristall bedeckte Ebene glitten. Ein tiefes Schweigen herrschte am Morgen in diesem Winkel des Albuferasees, der jetzt noch wilder als im Sonnen- lichte erschien: von Zeit zu Zeit erhob sich der Schrei eines Vogels im Dickicht, ein Sprudel im Wasser deutete auf einen unsichtbaren Kampf in den verschlungenen Gängen des Grundes. Don Joaquim machte sein Gewehr schußbereit und hoffte die Vögel diese ungeheuren Felder von einem Ende zum anderen durchziehen zu sehen. „Tonet, drehe ein bißchen", befahl der Alte. Der Kubaner lenkte seine Barke mit kräftigen Ruder- stößen vorwärts, um um das Dickicht herumzufahren und die Vögel aufzuscheuchen: dabei schlug er auf das Schilfrohr, um sie von einem Ende nach dem anderen zu jagen. Er brauchte ungefähr zehn Minuten, um herumzu- kommen: als er zu seinem Großvater zurückkehrte, schoß dieser mit Don Joaquim auf die Hühner, die unruhig und ängstlich �. den Platz wechselten und durch den offenen Raum flogen. �Schließlich erschien sie, mühsam schwimmend, mit einem Sie zögerten einen Augenblick, schienen sich dann in das Gegenstand im Maule.
schmeicheln, indem er ihn seiner Gewohnheit gemäß beim Schießen unterstützte. Wenn er sah, wie ein Vogel entwischen wollte, schoß er ihn nieder und ließ den Jäger glauben, er selbst hätte ihn getroffen. Eine anmutige Krickente schwamm vorüber, doch so schnell auch der Schuß des Onkel Paloma und des Don Joaquim gewesen war, sie verschwand dennoch im Lieschgras. „Sie ist getroffen", rief der alte Schiffer. Der Jäger war ärgerlich. Ein solches Pechl Sie würde im Schilf verenden, ohne daß man sie Herausbekam. „Such, Centella, such", rief Tonet seiner Hündin zu. Centella sprang aus der Barke, stürzte in das Dickicht, und man hörte das laute Zittern des Schilfrohrs, das sich unter ihrem Gewicht teilte. Tonet lächelte: er wußte genau, wie das Abenteuer enden würde: die Hündin brachte den Vogel sicher heraus. Doch der Großvater wollte das nicht glauben. Die Hündin war alt und verbraucht. In früheren Zeiten, als Canamel sie gekauft, da war sie vielleicht etwas wert, aber heute konnte man kein Vertrauen mehr zu ihrer Nase haben. Ohne aus die Bemerkungen seines Großvaters zu achten, wiederholte Tonet nur fortwährend: „Ihr werdet ja sehen... Ihr werdet ja sehen." Man hörte die Hündin bald fern, bald nah im Schlamm herumpatschen, und die Männer folgten in der tiefen Morgen» stille ihren endlosen Bewegungen, indem sie nach dem Rauschen des Schilfrohrs und dem Geräusch des von dem kräftigen Tiere ausgerissenen Gestrüpps die Stelle zu erraten suchten, wo sich Centella befand. Nach einigen Minuten sah man sie in kläglichem Zustande, mit traurigen Augen und nicht der geringsten Kleinigkeit im Maule, wieder auftauchen. Der alte Schiffer lächelte triumphierend. Na, was sagte er jetzt?... Doch als Tonet sah, daß man sich über ihn lustig machte, zankte er die Hündin aus und drohte ihr mit der Faust, damit sie nicht an Land kam. „Such dort, such dort", befahl Tonet von neuem dem armen Tiere mit gebieterischer Miene. Von neuem kehrte sie in das Lieschgras zurück und verriet durch ihren geringen Eifer ihren Mangel an Vertrauen. Tonet, der sie viel schwierigere Arbeiten hatte ausführen sehen, behauptete, sie würde die Ente finden. Von neuem hörte man das Klatschen und Patschen der Hündin in dem Wasserwald. Mit großer Unentschlossenheit schwamm sie bald hierhin, bald dorthin, wechselte jeden Äugenblick die Fährte und schien zu ihren unregelmäßigen Zickzackbewegungen nicht das geringste Vertrauen zu lmben. Dabei wagte sie aber nicht, ihre Niederlage einzugestehen, und kam sie beim suchen nach der Barke zurück, so verbarg sie von neuem den Kopf im Schilf, denn sie sah die Faust ihres Herrn. Mehrmals schien sie die Fährte wieder zu finden und endlich entfernte sie sich bei ihren Nachforschungen so weit, daß man das Klatschen ihrer Pfoten im Wasser nicht mehr hörte. Ein fernes, mehrmals wiederholtes Gebell entlockte Tonet ein Lächeln. Na? Seine alte Gefährtin konnte wohl etwas langsamer geworden sein, aber trotzdem entging ihr nichts. Die Hündin bellte noch immer in der Ferne, in weiter Ferne, mit verzweifelter Stimme. Der Kubaner pfiff. „Hierher, Centella, hierher." Und wieder hörte man das Klatschen, das immer näher und näher kam. Sie knickte das Schilfrohr, legte die Gräser nieder, und man hörte das heftige Sprudeln des WasserS.
Unvermeidliche zu fügen, verließen, die einen fliegend, die anderen schwimmend, ihren Zufluchtsort und empfingen im selben Augenblick den tödlichen Schuß. In diesem schmalen Raum war der Schuß sicher, und Don Joaquim empfand die Genugtuung eines großen Schützen, als er sah, mit welcher Leichtigkeit er das Wil i erlegte, das vor ihm auftauchte. Die Centella stürzte sich ins Wasser, fischte alles auf. was hineinfiel und legte es trium- phierend, tot oder verwundet, in die Hände des Jägers. Auch das Gewehr des Onkel Paloma blieb nicht untätig. T 1: Alte war eifrig bemüht, der Eitelkeit Don Joaquims zu
Hierher, Centella, hierher", rief Tonet wieder. Sie schwamm an der Barke des Großvaters vorüber, und der Jäger bedeckte sich die Augen mit den Händen, als wäre er vom Blitze getroffen worden. „Heilige Jungfrau", stöhnte er entsetzt, während das Ge- mehr ihm aus den Händen fiel. Tonet richtete sich mit wildem Blicke, vom Kopf bis zu den Füßen zitternd, als wäre ihm plötzlich die Luft aus- gegangen, auf. Er hatte am Rande der Barke ein Bündel Lumpen gesehen, und dazwischen etwas Leichcnblasses. Gallert» artiges, mit Blutegeln bedeckt, einen geschwollenen blinilichen