Anterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 79. Donnerstag den 23 April. 1905 (Nachdruck verbo.tcn.) iq, Semper der Jüngling. Ein Bildungsroman von Otto Ernst . Auch mit dem einzigen Kinde des Gelehrten, zu dem er sechsmal die Woche ging, lebte er gute und feine Stunden. Freilich nicht von Anfang an. Als er bei dem sechsjährigen Bürschchen mit dem Unterricht beginnen wollte, bemerkte er, daß es kaum die Entwickelung eines Vierjährigen hatte. Infolge von Krankheit und Verzärtelung war es so zurück- geblieben, daß es fast gar nicht sprechen konnte, und wenn es nach vielen Ermunterungen und Mühen endlich den Mund auftat, so sagte es„trein" statt„klein" und„Josche" für „Rose''. O, o, o, dachte Asmus, was fang ich da an. Zu- dem war der Kleine furchtsam wie ein Häslein; er starrte seinen Lehrmeister nach Wochen noch an wie einen bösen Mann und war durch die zündendsten„Witze" und die komischsten Gesichter nicht ins Lachen zu bringen. Hundertmal, tausend- mal sprach ihm Asmus die richtigen Laute vergeblich vor— das konnte nicht immer kurzweilig und fröhlich sein; dem Kleinen traten dicke Tränen ins Auge, und dann war alles vorbei... Dann mußte Asmus aufspringen und ein paar- mal auf und ab gehen und sich sagen, daß er die Geschichte vom Sisyphos bisher immer viel zu leichtfertig und teil- nahmlos aufgefaßt habe. Endlich, nach sechs Wochen, sagte das Bübchen plötzlich ganz richtig„klein" und„Klavier ". Asmus traute seinen Ohren nicht. „Sag' mal Klaus!"—„Klaus." „Klemme!"—„Klemme!" „Klosett!"—„Klosett!" „Hurra!" brüllte Asmus,„hurra, er kann es!" und er sprang— er konnte nicht anders— er sprang über einen Stuhl. Da lachte das Bürschchen zum ersten Male laut auf, und nun kam Sonnenschein ins Werk. Von nun an ging es vorwärts, und nach einem halben Jahre streckte sich aus den verhutzelten Hüllblättchen der kleinen Menschenknospe ein vollkommen helles und frisches Geistchen hervor. Die Wirksamkeit in diesem Hause hatte für Asmus noch ein anderes Ergebnis. Irgend jemand hatte dem Vater seines Schülers gesteckt, daß der junge Herr Semper auch dichte, und eines Tages erbat der Vater von seinem Haus- lehrer ein Lied für eine Naturforscherversammlung. Asmus sagte zu und dichtete etwas hervorragend Ungeeignetes. Der Doktor hatte sich ein munteres Kneiplied gedacht: Asmussen� Werk aber war mit mehreren Zentnern Naturphilosophie be- frachtet. Der Gelehrte, ein Gentleman, fragte gleichwohl mit verbindlichem Dank nach seiner Schuldigkeit. Vor Asmussens Phantasie stieg wie eine Leuchtkugel ein funkelndes Fünfmarkstück auf: aber er ließ sich grundsätzlich nicht über- gentlemannen und sagte, es sei eine Gefälligkeit, für die er kein Honorar beanspruche. „Nun, dann werd' ich es auf andere Weise gutzumachen versuchen," sagte der Doktor. Und von nun an erschien in jeder Unterrichtsstunde eine Tasse Kaffee, ein wundervoller Kaffee, nicht mit Zichorien wie zu Hause. Und da er ein Jahr lang im Hause des Ge- lehrten wirkte, so kamen Hunderte von Tassen Kaffee heraus, und sie waren sein erstes Dichterhonorar, ein so hohes, wie er es viele Jahre später noch nicht erreichen sollte. 16. Kapitel. �Handelt von sonderbaren Studenten und von einem unVergleich- lichen Architekten.) Soweit waren die Privatstunden gut und schön. Mit den zwei Kaufleuten aber ging es schon anders. Das waren zwei Kompagnons, die Englisch lernen wollten. Aber nicht das Englisch der Schulgrammatik, des Landpredigers von Wakefield und des Verlorenen Paradieses, sondern das Englisch der Butter-, Eier- und Buckskinhändler. Also kaufte sich Asmus eine Grammatik der englischen Kaufmanns- und Gewerbesprache und studierte mit Volldampf englische Tratten, Rimessen, Konnossemente, Fakturen, Beschwerden über unbefriedigende Hosenstoffe und Jnsolvenzerklärungen. Die beiden Schüler waren so ungleich wie nur denkbar: der eine begriff nichts, der andere alles, und das mochte diesen bewogen haben, sich mit jenem zu assoziieren. Wie sollte man mit zwei solchen Pferden vorwärts kommen! Und obendrein mußte man doch noch immer auf der Hut sein, den verstopften Geist seine Beschränktheit allzu beschämend fühlen zu lassen! Aber die Qual sollte nicht allzulange dauern. Als Asmus nach zehn Unterrichtsstunden zur elften erschien, erklärte ihm die Frau, bei der die beiden Junggesellen gewohnt hatten, daß seine Schüler verzogen seien,„unbekannt, wohin". Sem Honorar hatten die Kompagnons mitgenommen. Asmus stand eine Weise sinnend vor dem Hause und betrachtete beim Schein der Gaslaterne die Grammatik für Kaufmanns» englisch , die vier Mark gekostet hatte und für die er nie im Leben wieder Verwendung finden sollte. Mit diesen Stunden hatte er besonders gerechnet. Eo verdiente allgemach so viel, daß er seinen Eltern Kost und Wohnung vergüten konnte, und diese Stunden sollten es ihm endlich ermöglichen, von seinem Verdienst ein weniges für sich zu behalten. Wenn die Stunden eine Weile fortgingen, wollte er sich ein Klavier mieten! Und auf diesem einst zu mietenden Klavier hatte Ludwig Sempers Sohn auf Spazier- gängen und an stillen Feierabenden schon manches.Adugio cantabile und manches Presto furioso gespielt. Denn er war vielleicht der größte und kühnste Luftschloßarchitekt seines Jahrhunderts. Aus einem einzigen Stein baute er em Schloß: aber er ließ es nicht etwa, wie die meisten dieser Künstler, bei dem Gerüst oder bei der Fassade bewenden; nein, er führte es durch und hinauf bis zu den letzten Fialen und Türmchen, die mit den Mondstrahlen stritten an Fein- heit und Glanz: er baute es aus von der Halle bis ins ver- schwiegenste Gemach, von der breitschimmerndcn Treppe bis in die Kammer des Türmers, vom lauschigen Erker bis zum lachenden Balkon, der in prangende Gärten hinabsah. Denn was wäre ein Schloß ohne einen Park mit Brücken und Lauben, mit singenden Wassern und horchenden Steinbildern, mit hundert Abgründen für den Traum und hundert Grotten und Höhlen für die Erinnerung? Aber das merkwürdigste war, daß er, wenn daS Schloß nun plötzlich im leeren Grau verschwand, nur drei Sekunden brauchte, um sich mit dieser vollendeten Tatsache abzufinden. Er galt bei denen, die ihn kannten, für einen Menschen von Talent: aber sein größtes Talent kannten weder sie noch er selbst: sein unerhörtes Talent, glücklich zu sein. In einem heimlichen Schubfach seines Herzens lagen tausend Baupläne zu neuen Luftschlössern, hinter seiner Stirn brannte wie ein wandelloser Stern die Hoffnung: Einmal bau ich mir doch ein Schloß, ein Schloß aus wirklichem Glück, und so viele, so herrliche Schlösser ihm versinken mochten— er versöhnte sich mit jeder Notwendigkeit und kannte nichts Unsinnigeres als Trauer um das Unabänderliche. Und so schob er denn die Grammatik der englischen Handelssprache unter den Arm und sagte sich:„Ich habe doch meine Kenntnis des Englischen erweitert und einen gewissen Einblick in geschäftliche Dinge bekommen— wer weiß, ob ich sonst jemals dazu gekommen wäre." Damit waren die Kompagnons erledigt. Die Lust, etwas zu lernen, ist unter den Menschen weit verbreitet, die Lust, sich darum anzustrengen, nicht. Es gab wohl allerlei Leute, die Privatstunden haben wollten: aber sie gaben sie gewöhnlich schnell wieder auf, wenn sie merkten, daß das Lernen bei aller Milde der Methoden doch etwas anderes ist als eine schmerzlose Einspritzung ins Gehirn. So gingen allerlei Leute durch Asmussens Hände: ein Opern- sänger, der fast so begabt war wie der beschränkte Kompagnon, aber nicht singen konnte: ein Franzose, der Deutsch lernen wollte, der— ayant oubliö son porte-rnonnaie(sein Portemonnaie vergessen hatte und) Asmussen um drei Mark an» pumpte und dann nicht wiederkam; ein Gastwirt, der ein» feinere Wirtschaft übernahm und darum Bildung lernen wollte, und manche andere; es gab Wochen, in denen„daS Geschäft blühte"; aber sie wechselten mit Monaten, Viertel- jähren, an denen es darniederlag. Und wenn den Glücks- ' pilz Asmus Semper etwas andauernd unglücklich machen konnte, so war es das Gefühl, feinen Eltern zur Last zu ! liegen, und die Furcht, in den Augen seiner Mutter den ! stummen Vorwurf zu lesen, daß er seinen Eltern Opfer ! und Sorgen auferlege, die keines der anderen Kinder ver- > langt habe
Ausgabe
25 (23.4.1908) 79
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten