Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 93.
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Donnerstag, den 14. Mai.
( Nachdrud verboten.)
Semper der Jüngling.
1908
langte, so verlangte die immer strebende Unbefriedigung des Geistes ein Gleiches. Wo Fortschritt der Sittlichkeit möglich war, da mußte auch Fortschritt der Erkenntnis möglich sein, und wenn in einem fünftigen Leben, so auch im gegen. wärtigen.
Ein Bildungsroman von Otto Ernst . Und er glaubte an den Fortschritt mit aller Gewalt In einem ganz eigenen Sinne tauchte ihm die Geschichte seiner sehnenden Seele; er glaubte nicht an die ewig gleich von Herkules wieder auf, der die Hydra schlug. Wenn man geartete Seligkeit des Kirchenhimmels; er konnte sie sich triumphierend einem Zweifel den Kopf abschlug, so wuchsen nicht vorstellen; aber er glaubte an die ewig wachsende Selig zwei wieder aus dem Rumpf hervor. Und eine sonderbare feit des Werdens und sich Vollendens; die begriff er, die Beobachtung glaubte er zu machen. Wenn er sich einer hatte er in Stunden unnennbarer Weihe selber gefühlt. Und Wahrheit recht nah fühlte und ihr nun mit starrenden in wenigen Monaten sollte er nun ein Führer werden auf Augen immer näher auf den Leib rückte, dann sah er förm- solchen Wegen des Werdens, sollte sich ihm ein Beruf auftun, lich, wie ich plöglich zurückwich und dichte Nebelschleier um der ihn Hunderte, Tausende von jungen Seelen die rechten sich schlug, wie ein Weib, das nicht gesehen sein wollte! Wege zur Vervollkommnung weisen hieß. Er ein Führer! Noch eben jetzt hatte er sie klar zu sehen vermeint, und plößlich Er, der es wußte, wie sehr er selbst noch der Führung bestand er in lauter Nebeln, Und seltsam: weibliche Gestalten durfte! Wenn er an diese nahe Wendung dachte, wurde ihm, mischten sich jetzt so oft in seine Vorstellungen und Gedanken; er wußte selbst nicht, wie. Eine hohe, berauschende Freude ja, es war, als hätten diese Gedanken und Vorstellungen selbst überlief ihn; aber gleich darauf überlief ihn immer ein herzetwas von weiblichem Wesen und weiblichem Reiz, und alles, stockendes Bangen; es war wohl höhere Freude, aber auch was er suchte, suchte er mit unerklärlicher leiser Wonne und tieferes Bangen als damals, da er vor der Klassentür gemit leiſem Schmerz. Auf dem Wege zum Seminar gab es standen und den erkrankten Herrn Dohrmann hatte vertreten Räden, in denen Bilder von weiblichen Schönheiten in halber sollen. Denn er war reifer und flüger geworden und ver oder nahezu ganzer Enthüllung ausgestellt waren. Vier Jahre stand tiefer als damals, um was es sich handele. lang und darüber war er an diesen Läden ohne jegliches Bevor er jedoch diesen Beruf crgriff, lernte er schnell Interesse vorübergegangen; seit einiger Zeit sah er diese noch einen anderen kennen, nämlich den des Schauspielers. Wilder mit anderen Augen an, und er verweilte mit seiner Betrachtung auch bei solchen, von denen er sich sagen konnte, daß sie nicht gerade in künstlerischer und überhaupt nicht in der allerbesten Absicht dorthin gelegt seien. Und als er in dieser Zeit von der höchsten Galerie des Theaters den„ Lohen grin " hörte und als Elsa mit wundersüßer Stimme und ergreifendem Glauben sang:
Kehr' bei mir ein! Laß mich dich lehren, Wie süß die Wonne reinster Treu! Laß zu dem Glauben dich bekehren Es gibt ein Glück, das ohne Neu!"
da brach in seiner Brust ein Damm von einer langgetauten Flut, da entstürzten Tränen seinen Augen; denn sie hatte nicht nur die holde Schönheit weiblichen Wesens, hatte nicht nur das Glück der Liebe gesungen; sie hatte von allem Triumphe alles Hohen gesungen; sie hatte ihm gesungen: Es gibt ein Wissen ohne Trug, es gibt ein Leben ohne Haß, es gibt eine Welt ohne Leid.
Und wenn er auch jenen Versen die Ueberschrift Menschenlos" gegeben und wenn er sie auch mit den vergweifelten Worten gekrönt hatte:
Und dies bleibt immer deines Denkens Los: Wenn dich ein Strahl aus höchstem Himmel grüßte, Er bleibt nicht dein; er schwindet hin in Nacht, Wie die Morgana schwindet in der Wüste."
so war es ihm damit nur auf Stunden ernst, und es war darin ein gut Teil von jenem wunderlichen Komödiantentum der Jugend, das sich bei roten Wangen in düsteren Gebärden gefällt und nicht nur die Ansprüche, sondern auch die Refignation der reifen Jahre vorwegzunehmen liebt. Hatte er
doch auch gesungen:
Dich hieß ich wie fein andres Weib willkommen;
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Laut schlug mein Herz du hast es nicht vernommen." und hatte dabei an Hilde Chavonne gedacht und war doch um so weniger berechtigt, dem guten Mädchen daraus einen Vorwurf zu machen, als er selbst nicht genau wußte, ob sein Herz für Hilde oder für das Weib im allgemeinen schlug. Nein, mochten feine Gewißheiten" zuweilen nur Gewißheiten" zuweilen nur ein Minutenleben haben, seine Niedergeschlagenheiten lebten meistens nur Sefunden; auf dem Grunde seiner Natur mußte eine Feder sein, die mit unversiegbarer Kraft wieder emporschnellte, wenn der schwerste Drud nur einen Augenblick nach ließ. Die Absolutheit der Sittengeseße, der doch die mensch liche Schwäche in diesem Leben nicht genügen konnte, erforderte nach Kant die Unsterblichkeit der Seele. Dann war also auch das Leben nach dem Tode ein Entwickelungsgang; denn es hätte feinen Sinn, wenn wir aus dem Tode einfach als vollkommene Wesen erwachten. Und wenn die Un befriedigung unseres Gewissens ein fünftiges Leben ver
32. Kapitel
( Semper der Jüngling als Heldenvater und Liebhaber.) Kurz nach Weihnachten sollte wieder Konzert und Theater sein, und zwar sollte Gußlows Zopf und Schwert" gegeben werden. Obwohl Asmus im Seminar weder als Mime noch als Regisseur jemals irgendeinen Bosten bekleidet hatte, war man doch einstimmig der Meinung, daß er den König Friedrich ) Wilhelm I. geben und die Regie führen müsse. Man glaubte, Nezitieren und Komödie spielen sei dasselbe.
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Die Proben im Musiksaal begannen, und Asmus stürzte sich mit Begeisterung in seinen neuen Beruf. Er hatte harte Arbeit; denn unter den Mitwirkenden gab es einige übertriebene Talentlosigkeiten. Da war einer, der die Prinzessin geben sollte, denn auch die weiblichen Rollen mußten der Feuersicherheit wegen von Jünglingen gespielt werden, ein Zopf, den der neue Direktor im Jahre darauf mit einem Schwertstreich abhieb, und dieser Prinzessinnendarsteller hatte offenbar beim Spielen das Gefühl, daß er mindestens acht Hände habe, von denen er dann immer zwei in die Hosen. taschen steckte,
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Mensch," rief Asmus,„ bedenk doch, daß Du als Prin zessin nicht die Hände in die Hosentaschen stecken kannst!" Und dann zog Lau, so hieß er, die Hände wieder heraus; aber beim nächsten Sate staten sie schon wieder drin. Asmus gab ihm endlich eine kleinere Rolle und dann eine noch fleinere; aber es half nichts; Laus starke Persönlichkeit brach sich durch jede Rolle Bahn; er war ein penetrantes Talent.
und im ganzen fühlte sich Asmus in dieser ganz ungewohnten Aber es waren auch zweifellose Begabungen darunter, Tätigkeit unbeschreiblich wohl. Er hätte seinen Zustand mit einem Champagnerrausch vergleichen können, wenn er die für diesen Vergleich erforderlichen Kenntnisse gehabt hätte. Als der Abend der Aufführung herangekommen war, ging es ihm genau wie Meister Bruhn: er war zwei Stunden vor Beginn zur Stelle und hatte nach zehn Minuten schon auf sämtlichen Stühlen gesessen, aber auf feinem länger als zwei Sekunden; er mußte gehen, gehen wie immer, wenn er erregt war, immer auf und ab, wie der Tiger des Zoologischen. Gartens im Käfig. Dabei hatte er das Gefühl, daß er fest auftreten müsse, damit ihn nicht ein Lufthauch davontrage. Und wog doch gewiß seine 120 Pfund. Er war nervös wie ein sichernder Hirsch. der ein Knacken im Gezweig vernommen hat; aber es war eine wohlige, prickelnde Nervosität. Der König hatte seinen ersten Auftritt hinter der Szene zu sprechen, und das war gut; denn wenn er an das Auditorium dachte, dann war es, als ob plötzlich etwas furchtbar Schiveres furchtbar tief in seinen Leib hinunterfiele und ein Emporfliegen war dann nicht mehr zu fürchten