Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 94.

80)

Freitag, den 15. Mai.

( Nachdrud verboten.)

Semper der Jüngling.

1908

Ein Bildungsroman von Otto Ernst . Was hat das Publikum? Was hat das Publikum?" flüsterte Asmus. Stelling, der hinter der ersten Kulisse stand, rief: ,, Kneist hat die Stiefeletten anbehalten," und wollte Verstimmung merkte, die das Mädchen darüber empfand, daß bersten vor Lachen. Er konnte lachen; über dies schwere Unglück konnte er lachen. Asmus war außer sich, und als Ihre Majestät die Bühne verlassen hatte und ihm in den Wurf fam, da fluchte er wie ein altgedienter Oberregisseur. Eine Schlamperei ist das einfach, eine sklandalöse Schlamperei!" flüsterte er; denn laut durfte er ja nicht werden; aber er flüsterte sehr vehement.

Gott , was ist denn dabei?" versetzte Kneist, die Königin, mit bewundernswerter Ruhe. Das Ganze ist doch nur' n Spaß." Das verschlug Asmussen die Rede allerdings gründlich. Gegen eine so bodenlos frivole Auffassung von der Kunst war er nicht gewappnet. Er war so verstört ob dieser Antwort, daß er fast seinen Auftritt versäumt hätte. Als er dann mit seinen Worten beim Publikum Heiterkeit erweďte, sagte er sich: Gott sei Dank, deinem Aussehen kann das nicht gelten; sie sehen dich ja gar nicht.

Aber auch als sie ihn sahen, hörten sie ihm freundlich und mit öfterem Lachen zu, und als er in der Szene des Tabakkollegiums zu den Worten gekommen war:

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Die Kreaturen zittern? Ich will allein sein." da war das Auditorium eine einzige Stille, und als er dann im nächsten Afte wieder auftrat, bekam er einen großen Schreck; denn sie empfingen ihn mit stürmischem Hände­flatschen. Ja, ein großer Schreck war es; aber es war der freudigste, den er empfangen hatte seit jenem Weihnachts­abend, als er plößlich vor dem Puppentheater, dem Geschenk seines Bruders Johannes, gestanden hatte. Dja, ja, es mußte herrlich sein, jeden Abend, vom Beifall der Menge umbraust, auf der Bühne zu stehen! Der Beruf des Schau­spielers war ihm immer in einem märchenhaften Glanze er­schienen; jetzt war er tief davon überzeugt, daß es keinen freudenreicheren, verlockenderen gebe als ihn.

Er sollte auch für den Nest des Abends aus diesem findlichen Wahne nicht aufgeschreckt werden. Murow, der Direktor, kam ihm mit beiden dargebotenen Händen ent­gegen und rief:

Alle Watter, mein lieber Samper, harzlichen Glück­wunsch! Sie sind ja der jäbarne Haldenbater!"

Na, dazu reicht doch wohl meine Länge nicht," meinte Asmus zaghaft.

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Nu es hat auch kleine Haldenväter jäjäben! Sie find' n Napoleon- Darstaller! Ueberhaupt, mein lieber Samper" und dabei legte er seine mächtige Hand auf die Schulter des Jünglings- Talant ersatzt jede Körper­länge." Und mit behaglichem Lachen schritt er weiter, um auch den anderen Darstellern freundliche Worte zu sagen; denn er war als preußischer Landtagsabgeordneter beim Reichskanzler und bei Hofe gewesen und verstand sich auf die Courtoisie eines Herrschers.

Als aber Asmus nun auf Flügeln des Triumphes weiter durch den Saal schritt, da erblickte er gar an einem Tische hinten im Winkel neben ihren Logisgebern Hilde Chavonne. Sie war also da! Sie hatte ihn spielen sehen! O, wenn er das gewußt hätte, dann hätte er noch ganz anders gespielt! Er bildete sich ein, daß er dann besser ge­spielt hätte; aber sehr wahrscheinlich würde er dann den Gamaschenfönig mit dem tanzenden Krüdstock als Romeo ge­spielt haben. Er wußte noch immer nicht, ob er irgendein Mädchen auf der Welt liebe"; er war noch ganz in jenem dunklen Borstadium der Liebe, wo die Jünglinge den Jung­frauen im allgemeinen imponieren wollen und die Jung­frauen den Jünglinger im allgemeinen gefallen möchten. Diefer Hilde Chabonne zu imponieren, hielt er freilich für einen besonders berechtigten Ehrgeiz; denn sie war hübsch und vornehni und stellte hohe Ansprüche, die höchsten aller dings an sich selbst. Und dieser Asmus Semper, dieser un­

glaubliche Tölpel, merkte nichts, als ihm das Fräulein nun ein kleines Veilchenbukett, das sie im Haar getragen hatte, zum Geschenk machte und errötend hinzufügte:" Für den König!" Er nahm es für eine Ehre, der Dummkopf, für eine Ehre! Er freute sich unendlich über dieses Sträußchen; aber er hatte keine Ahnung davon, daß es eine hohe Gunst des Herzens ist, wenn ein Mädchen sich eines Blumen. schmuckes beraubt und ihn einem jungen Manne schenkt. So unheilbar beschränkt war er, daß er nicht einmal die seine Gabe nicht so aufgenommen wurde, wie sie erwarten fonnte. Du lieber Gott, was sollte Asmus von jungen Mädchen wissen! Seine beiden Schwestern waren schon bei fremden Leuten gewesen, als er noch auf dem Fußboden spielte und den hölzernen Schemel voll tausend Nägel schlug. Als größerer nabe hatte er dann freilich öfters mit Mädchen gespielt, und jede, mit der er gespielt, hatte er auch geliebt, ja, jenes braune Kind, das er einst vor dem Wirtshause zwischen den Bahndämmen gefunden hatte, hatte er sogar mit schmerz­lichem Sehnen geliebt; aber es war doch Kinderliebe ge­wesen. Und nun, als Präparand und Seminarist, hatte er fast ein mönchisches Dasein geführt. Gewiß: er hatte Präparandinnen und Lehrerinnen geschen und hatte alle diese Leonoren, Lauren und Beatricen selbstverständlich ge­liebt; aber keiner einzigen war er gesellschaftlich näher ge­treten. Die Damen des Lehrberufs haben meistens feine den Mann ermunternden Gewohnheiten, und für Asmus war nun vollends alles Weibliche eine unnahbare Welt. Die germanische Ehrfurcht vor dem Weibe lag ihm tief im Blut, und seine Armut machte diese Ehrfurcht zur Schüchternheit. Wenn er aus den Liebesromanen sah, daß zur Anbahnung eines Liebesverhältnisses eine längere Liebeserklärung gehöre, noch dazu eine im schwierigeren Periodenbau, auf den er sich sonst wohl verstand, dann sagte er sich: Das wird mir nie gelingen, nie; ich werde wohl Junggeselle bleiben."

Zum Glück hatte Hilde Chavonne kein Gänseherz, sondern ein ganz echtes, großes Mädchenherz, und so vergaß sie bald ihre Verstimmung und unterhielt sich mit Asmussen so lebhaft und gutherzig wie immer.

Wissen Sie, was Sie von den anderen unterschied?" fagte sie.

Nun?"

" Sie spielten immer, auch wenn Sie nichts zu sprechen hatten; die anderen spielten nur, während sie sprachen. Auch wenn Sie kein Glied rührten, sah man, daß Sie un unterbrochen mit der Handlung gingen. Ja, sogar, wenn Sie dem Publikum den Rücken kehrten, sah man, daß Sie innerlich spielten. Ich habe einmal von durchsichtigen Schau­spielern" gehört. Das Wort trifft auf Sie zu."

Asmus war so glücklich, daß er nur eine ganz banale Bescheidenheitsphrase stottern konnte. Er war glücklich wegen der Ehre". Daß sie ihn sehr genau und sehr andauernd be­obachtet haben müsse, darauf berfiel er nicht. Als sie noch sprachen, fam eilends ein Seminarist auf Semper zu. möchtest mal zu Herrn Doktor Rieselberg kommen. Doktor Kiefelberg hatte den Literaturunterricht; bei ihm hatte Semper die längsten und schönsten Sachen rezitiert.

"

Du

Hören Sie, lieber Semper, wenn es Ihnen recht ist, schreib' ich über Sie an Cheri Maurice. Maurice muß Sie fennen lernen. Sie müssen für die Bühne gerettet werden. Die Jungens unterrichten, das können schließlich viele andere Leute auch. Aber so spielen, das können nicht viele. Also soll ich ihm schreiben?"

Wenn Sie die Güte haben wollen, dann bitte ich darum."

Gut. Meine Frau läßt Sie bitten, morgen mit uns zu speisen. Zwei Uhr, bitte. Sind Sie noch frei?" Du lieber Gott ! Ob er noch frei war! Für sämtliche Mittage feines Lebens war er noch frei.

Also Schauspieler! Bei der bekannten Geschwindigkeit, mit der er seine Schlösser baute, spielte er schon im nächsten Augenblick den Faust" auf der Bühne des Wiener Burg­theaters. Und bei einem seiner Lehrer eingeladen zum Essen! Was fonnte das Leben einem noch mehr bieten! Er schwamm in der vollen, naiven Freude eines ersten öffent­lichen Erfolges. Ihm war, als ob alle Menschen aller Länder ihm hold gesinnt wären und ihm von Herzen das