glaubliH, daß et eS war, der so viel Macht und Emsluß besaß, und daß sein Körper, dieser gewöhnliche, einfache menschliche Körper auf so entsetzliche Weise, unter Blitz und Knall, durch eine ungeheuerliche Explosion vernichtet werden sollte. Unangelleidet, ohne die Kälte zu spüren, ließ er sich auf den ersten besten Stuhl niedersinken, stützte das Kinn mit dem zerzausten Barte auf die Hand und richtete auf- merksam. in tiefem, stillen Sinnen die Augen auf die stuckverzierte Decke des fremden Zimmers. DaS also war es I Darum hatte er solche Angst gehabt und sich so aufgeregt. Darum steht«er" dort im Winkel und geht nicht fort, und kann überhaupt nicht fortgehen. »Dummköpfe I" sagte er geringschätzig und mit Nachdruck. „Dummköpfe I" wiederHolle er laut und wandte den Kopf leicht nach der Tür hin, damit die ihn hören konnten, denen das Wort galt. Und es galt jenen, die er noch vor einem Weilchen„brave Jungen" genannt hatte und die in ihrem Uebereifer ihm alle Einzel- heiten des gegen ihn geplanten Anschlages berichtet hatten. „Jetzt allerdings", ging's ihm in plötzlich anschwellendem, leicht hingleitendem Gedankenfluste durch den Sinn—„jetzt, da sie mir Bericht erstattet haben, weiß ich es und fürchte mich; hätten sie nichts gesagt, dann hätte ich nichts gewußt und ruhig meinen Kaffee ge- trunken. Nun, und dann natürlich, hätte dieser Tod— aber fürchte ich mich denn so sehr vor dem Tode? Ich bin doch leberkrank, und ich werde bestimmt irgend einmal sterben— und dennoch fürchte ich mich nicht, weil ich eben nichts weiß. Und diese Dummköpfe sagen mir: „Um eiu Uhr mittags, Ew. Exzellenz!" Und sie dachten, ich würde mich darüber freuen, diese Dummkopfe— und statt dessen kommt „er" und steht da in der Ecke und will nicht fort. Will nicht fort, weil er eben nur ein Produkt meines Denkens ist. Aber nicht der Tod ist schrecklich, sondern das Wissen von« Tode; und eS wäre dem Menschen ganz unmöglich zu leben, wenn er genau Tag und Stunde seines Todes voraus wüßte. Und diese Dummköpfe kündigen eS mir noch an:»Um ein Uhr mittags. Ew. Exzellenz!" �(Fortsetzung folgt.)) (Nachdruck verboten.), Geber das eiwdß. Von Dr. A. F. M a n. In der Betrachtung des Lebens geht die moderne Biologie bon der Vorstellung aus, daß die Lebcnserscheinungen chemische Vorgänge sind, die fich von den in der leblosen Natur nur da- durch unterscheiden, daß sie vielgestaltiger, verwickelter sind. Diese wissenschaftliche Vorstellung hat sich als erfolgreich erwiesen im Er- kennen all' dessen, was lebt: sei es die Aussendung von Schein- füßchen einer einzelligen Amöbe oder der Flug der Gedanken eines Darwin und Marx. Das Gespenst des„göttlichen Odems", der nach der Bibel dem aus Lehm gekneteten Menschen eingehaucht ward, ist aus einer wissenschaftlichen Betrachtung vollends der- bannt. Auch die Theorien, die fich an diese alte Vorstellung von einer besonderen von auswärts stammenden„Lebenskraft", die der lebenden Materie innewohnt und sie zu ihren Lebensäußerungen befähige, anschlössen und ihr sogar noch neuerdings ein wissen- schaftliches Mäntelchen umzuhängen bestrebt waren— sie finden in wahrer Wissenschast keinen Eingang mehr. Wenn wir nun sagen, daß die Auffassung der Lcbcnserschei- nungen als chemische Vorgänge die einzig wissenschaftliche Bc- trachtung sei. so ist damit noch nicht behauptet, daß es uns heute selber gelungen sei, die Lebenserscheinungen im einzelnen bis auf ihre chemische Grundlage zu verfolgen. Das ist erst die große Aufgabe der Lehre vom Leben, der Biologie. Aber wir haben doch selber heute eine ganze Reih« von Lebensvorgängen— so die Atmung, Verdauung, Muskelarbeit— auf eine Kette von chemi - scheu Vorgängen, zwar auch mit den allergrößten Lücken, zurück- führen können. Alle Zweige der biologischen Wissenschaft sind an diesen Erkenntnissen mit beteiligt; aber im Laufe der letzten Jahr- zehnte hat sich aus der Biologie heraus eine selbständige Wissen- schaft entwickelt, die physiologische Chemie(man dürfte auch bioko - gische Chemie sagen), die die chemischen Stoffe studieren will, welche den lebendigen Körper zusammensetzen und sich bei der Tätigkeit der Organe verändern; die die Veränderungen verfolgen will, welche die aufgenommenen Naturstoffe erfahren, um an Stelle der verbrannten Körperstubstanz treten zu können. Wollen wir nun daran gehen, die einzelnen Lebensäußerungen der lebendigen Substanz zu studieren, so müssen wir uns vorerst mit jenen Tat- sachen vertraut machen, die die physiologische Chemie über die Zu- sammensetzung der lebendigen Substanz festgestellt hat. Drei Gruppen von Stoffen sind eS, die die lebendige Substanz zusammensetzen: die Kohlehydrate, Fette und Eiweißstoffe. Aber an erster Stelle stehen die Eiweißstoffe, sie bilden die eigentliche stoffliche Grundlage des Lebens. Die Fette und Kohlehydrate sind viel einfachere chemische Stoffe als das Eiweiß; sie sind in allen ihren chemischen Eigenschaften erforscht, die meisten von ihnen können wir auch künstlich darstellen. Sie bilden heute nur ein Kapitel der Chemie, trotzdem auch in der Mitte des vorigen Jahrhunderts auch diese Stoffe als Erzeugnisse einer besonderen„Lebenskraft" galten. Vor den Eiweißstoffen aber hat unser Wissen und Scharffinn einstweilen bis zu einem ge- wissen Grade Halt machen müssen. Tie physiologisch-chemische Forschung, die sich unablässig mit den Eiweißstofen beschäftigt, hak es aber doch fertig gebracht, so manches über ihr Wesen ans Licht zu bringen. Das Eiweiß besteht aus denselben Elementen*), wie dis chemischen Stoffe der leblosen Natur. Vor allem aus Wasserstoff, Kohlenstoff, Sauerstoff, Stickstoff und Schwefel. In dieser Be- zichung gibt es also keinen durchgreifenden Unterschied zwischen lebendiger mid lebloser Natur. Aber, wie schon oben erwähnt, sind die chemischen Vorgänge, die das Leben ausmachen, viel verwickelt ter, komplizierter, als die in der leblosen Natur. Wir müssen so vermuten, daß auch die stoffliche Grundlage dieser chemischen Vor- gänge, die Eiweißverbindungen, von vielgestaltigerem, komplizier- terem Bau sein wird, als die leblosen Verbindungen. Und es ist in der Tat so. Während z. B. ein Molkül Wasser aus drei Atomen (zwei Wasserstoffatomen und einem Sauerstoffatom) besteht, sind in einem Eiweißmolckül— wie der bekannte Forscher Bunge es wahrscheinlich macht— vielleicht mehr als zweitausend Atome vorhanden. Natürlich ist das nur eine ungefähre Schätzung, die nicht ganz zu stimmen braucht. Wenn es auch gelungen ist, sich darüber zu vergewissern, welche Elemente im Eiweiß vorhanden sind, um sich eine Vorstellung über die ungefähre Zahl der Atome in einem Eiweißmolckül zu machen, so wissen wir doch nicht, wie diese Atome im Eiweißmolekül gruppiert sind— denn zwei chemische Verbindungen können gleiche Elemente in genau gleicher Anzahl von Atomen von jedem Element besitzen, ohne sich in ihren Eigenschaften zu gleichen, was eben von der verschiedenen Gruppierung der Atome abhängt. Doch hierüber ist einiges bekannt. Lassen wir auf Ei- weiß eine schwache Säure einwirken, so zerfällt das Eiweiß in eine Reihe von anderen weniger komplizierten Verbindungen, die selbst keine Eiweißstoffe find. Man nennt sie Aminosäuren. Da das Eiweiß auch bei Einwirkung von anderen chemischen Stoffen, nicht nur Säuren, in Aminosäuren zerfällt, so dürfen wir annehmen, daß die Atome im Eiweißmolekül zum Teil so gruppiert sind, wie ir. einem Aminosäurenmolekül. 1— Wir wissen ferner, daß ganze Kohlehydratmoleküle zu den Bestandteilen eines Eiweißmoleküls gehören. Wir kennen eine weitere Eigenschaft der Eiwcißstoffe, die dar- auf schließen läßt, daß das Eiweißmolekül sehr groß ist, aus sehr vielen Atomen besteht. Bringen wir z. B. eine Salzlösung in ein Gefäß, das durch eine tierische Membran(wie z. B. eine Ochsen- blase) abgeschlossen ist, und tauchen das ganze Gefäß in reines Wasser, so wird»ach einiger Zeit das reine Wasser salzhaltig ge- worden sein: durch die Membran ist ein Teil des gelösten Salzes hindurchgetreten. Bringen wir aber eine Eiwcißlösung in ein durch eine tierische Membran abgeschlossenes Gefäß, das wir in Wasser tauchen, so wird sich das Wasser nicht verändern: das Ei- weiß kann durch die Membran nicht hindurch. Man erklärt fich diesen Unterschied so, daß die kleinen Salzmoleküle durch die Poren der Membran hindurchtreten, während die großen Eiwcißmoleküle das nicht können. Eine weitere Eigenschaft der Eiwcißstoffe ist die Fähigkeit zu gerinnen. In einem frischen Hühnerei ist das Eiweiß klar und stellt eine dickliche Lösung dar. Beim Kochen wird das Eiweiß des Hühnereis weiß, fest und undurchsichtig:„es ist geronnen". Das Eiweiß des Blutes gerinnt schon bei gewöhnlicher Temperatur, sobald es die Blutgefäße verläßt. Darauf beruht der Wundver- schluß bei Verletzungen. Ganz derselbe Vorgang ist die Gerinnung der Milch, ebenso die Totenstarre der Muskeln: aber hier ist es nicht die Wärme, die die Gerinnung veranlaßt, sondern gewisse Stoffe(Säuren), die in der sauren Milch und im toten Muskel vorhanden sind. Wenn wir zu frischer Milch einige Tropfen Säure hinzufügen, so gerinnt sie. Ebenso können wir durch Säure» einwirkung einen Muskel zur Erstarrung bringen. Auch die Fähigkeit der Gerinnung wird wohl mit der Größe des Eiweiß- moleküls in Zusammenhang stehen. Wir kennen nämlich eine Reihe chemischer Stoffe der lebenloscn Natur, die aus ihren Lö- sungen— ganz wie die Eiwcißstoffe durch tierische Membranen nicht hindurchtreten können. Mau nennt diese Lösungen kol- l o i d a l e Lösungen oder Kolloide. Die Kolloide kann man wie die Eiwcißstoffe auch zur Gerinnung bringen. Da nun die Fähig- keit zu gerinnen immer zusammen mit dem eigenartigen Verhalten gegenüber tierischen Membranen vorkommt und da toir nun in der Größe des Moleküls die einzige Erklärungsmäglichkeit für dieses Verhalten haben, so nimmt man an, daß wohl die Größe de? Moleküls«uch bei der Gerinnung mit im Spiele ist. Wir erwähnten oben die Aminosäuren. Fast alle diese Ver- bindungcn können wir künstlich darstellen, aus ihren Elementen aufbauen. Das berechtigt uns zur Hoffnung, daß es auch gelingen werde, das Eiweiß selbst künstlich darzustellen. In seinem Bc- *) Unter„Elementen" verstehen wir eine Anzahl von solche» chemischen Stoffen, die fich durch unsere heutige Wissenschaft- lichen Methoden nicht in andere, einfachere Stoffe mehr haben zer. legen lassen— im Gegensatz zu den chemischen„V e r b i n- dünge n", die aus diesen gewissermaßen einheitlichen Elementen (deren es 70 gibt) bestehen, aufgebaut sind. Tie Elemente ver- einigen sich zu Verbindungen in ganz bestimmten Gewichtsverhält- nissen. Ein denkbar kleinstes Teilchen eines Elementes nennen wir Atom; ein denkbar kleinstes Teilchen einer Verbindung—> Molekül,
Ausgabe
25 (11.6.1908) 110
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten