Antcrhaltmigsvlatt des Horwärts Nr. 130. Donnerstag, den 9. Jull. 1903 ikZZachdruS verbotey-Z v jviafia. Roman aus dem modernen Sizilien von Emil RaSmussen. Autorisierte Uebersetzung von E. Stine. Die Gräfin war zu Beginn in reizbarer Stimmung. Die Sciroccoluft brannte ihr in Kopf und Nerven. Sie fächelte unaufhörlich, atz eine Feige mit ein wenig Schinken, ließ aber die Suppe und die Muränen Vorbeigehen. Selbst das rote Roastbeef, das dem Ingenieur zu Ehren— er hatte lange Zeit in England gelebt— gebraten war, lieb sie stehen. Dann aber wurde mitten zwischen den Gerichten Frucht- eis serviert. Die Gräfin atz eine grotze Portion und leerte ein ganzes Glas milden Woodhouse Marsala dazu. Das regte sie an. Unter der gedrückten Stimmung zu Beginn der Tafel hatten die Herren das übliche Jdiotenthema: Wein erörtert und einander zum Hundertstenmale versichert, daß Sizilien an Tischweinen weit hinter Nord- und Mittelitalien zurückstehe, datz selbst Bosco sich nicht mit Barolo und Barbera oder einem echten Castellina, mit einem Lambrusco oder Valpolicella messen könne, datz aber ein milder Woodhouse dennoch ein un- vergleichlicher Trunk sei und bleibe— allerdings wesentlich unter dem Gesichtspunkte: Likör, Damengetränk betrachtet. Der Wein im Verein mit der beruhigenden Unterhaltung versetzte die Gräfin in ein gewisses Behagen, und als das Mädchen die gebratenen Hühner abgeräumt, griff sie in das Gespräch ein. „Sie sind ja in Paris gewesen, Ingenieurs Das soll ja eine sündhaft schöne Stadt sein?" „Ich für mein Teil verstehe sie wohl kaum richtig. Auf- richtig gesagt... mich langweilt sie." „Paris langweilt Siel?" fielen beide Herren über ihn her. Hätte er doch gesagt, datz er nicht an Gott glaube! Aber dies war fast ein Vergehen gegen die Wohlanständigkeit. „Ist es wahr, Ingenieur, daß es in Paris Lokale gibt, wo man von nackten Weibern bedient wird?" Sie sah, datz er ein wenig verlegen wurde, und das reizte sie. Sie betrachtete ihn als eine Unschuld. Beide Herren unterhielten sich köstlich. Sie kannten die Routine, mit der die Gräfin eine Unschuld einzuseifen verstand. „Man kann nie wissen, was sich in Paris verbirgt," sagte der Ingenieur.„Ich aber habe jedenfalls diese Art Lokale nie gesehen." „Sie haben wohl überhaupt nie ein nacktes Weib ge- sehen, Ingenieur?" Vom Wein angeheitert, lachten die beiden Herren, als sollten sie bersten, und der Ingenieur entschied sich, mitzu- lachen. „Ich muß um Erlaubnis bitten, mit der Antwort zu warten, bis ich die Frau Gräfin besser kenne," erwiderte er. „Meine Frau hat mitunter die lächerlichsten Einfälle," warf der Graf entschuldigend ein. „Ich glaube nun doch, daß es diese Art Lokale gibt. Man hat es mir wirklich erzählt. Ich hätte Lust, nach Paris zu fahren."...- „Ja, wir würden diese Lokale schon finden," meinte der Graf. „W i r Einen Äugenblick fand sie keine anderen Worte. Pfeil- schnell schoß das Blut ihr zu Kopfe, so daß die Wangen ins Violette spielten. „Also solche Interessen erlaubt sich ein Deputierter zu haben! Während die Bevölkerung erwartet, daß er in Rom für ihre Sache wirkt, und auf seinen Einfluß hofft, hat er kein anderes Interesse als gewisse Kabinette aufzustöbern und nackte Weiber anzuglotzen! Was meinen Sie, Ingenieur?" „Sie dürfen mich nicht in einen ehelichen Zwist ver- wickeln. Gräfin! Ucbrigens glaube ich, datz Sie sich erhitzen." Sie ließ den Fächer fallen und zog den Lehnstrchl näher zum Tische. Nervös zitternd schenkte sie sich ein Glas Eis- Wasser ein. Man hörte das Glas an ihre Zähne klirren, während sie trank. Darauf schob sie den Stuhl wieder vom Tische fort, warf sich stöhnend zurück und fächelte sich heftig Luft zu. Der Graf und der Kapitän, mit diesen plötzlichen Zornes- äußerungcn bekannt, verhielten sich stumm. Der Ingenieur aber geriet mehr und mehr außer Stimmung. Erst beim Dessert versuchte der Kapitän die drückend? Spannung abzuleiten, indem er das Gespräch auf ganz neu- trale Themen, wie Birnen, Bohnen und was die Obstschüssel sonst bot, zu lenken sich bemühte. Und er bewunderte zum zwanzigsten Male die Obstschüssel selbst, eine natürliche Schals aus Salz- und Schwefelkristallen, die man in den Minen der Gräfin gefunden hatte. Mitten im Gespräch verfiel der Ingenieur darauf, nach den Ausgrabungen des Marchcse zu fragen, von denen er hatte erzählen hören. Der Kapitän trat ihm auf den Fuß, aber es war zu spät. „Er meinte einen Schatz gefunden zu haben, aber es waren nur alte Topfscherben," sagte der Graf lächelnd. „Der Besitz, den er da oben angelegt hat, ist jedenfalls ein gefundener Schatz." sagte die Gräfin.„Dank dem Stadt- rat, den wir haben! Der Fleck da oben ist Goldes wert. Man hätte ihn an einen Engländer oder für ein Hotel teuer ver- kaufen können. Statt dessen wirft man ihn für ein paar hundert Lire bin! Und warum? Weil keiner vom Stadt- rate so hoch hinaufsteigen wollte, um ihn zu taxieren. Keiner von den Idioten hat ein wenig Vorausblick!" „Uebrigens," fuhr sie etwas ruhiger fort,„ist der Mar- chese ein Sonderling, der seine Zeit auf Ausgrabungen und dergleichen Schwindel mehr vergeudet. Keiner aus seiner Familie zeigt sich bei hellichtem Tage unter Menschen, weil sie nicht mehr die Mittel haben, so aufzutreten, wie in den Tagen ihres Wohlstandes. Er ist ein echter Sizilianer, legt ungeheures Gewicht auf äußeres Auftreten und Vornehmheit. Ja, so vornehm ist er, daß er, obwohl seine Tochter mit meinem Sohne verlobt ist, noch keinen Fuß in mein Haus gesetzt hat, Lidda aber ist eine Perle. Und sie betet Angelo an." Kurz darauf erhob man sich vom Tische, und die Grafin fragte den Ingenieur, ob er sie zur Kirche begleiten wolle. Sie versäumte keinen Abend nach Tische, in einer nahegelegenen kleinen Kapelle ihre Andacht zu verrichten. In diesen Tagen vor dem Feste des San Calogero, des Schutzheiligen der Stadt, wurde in der nahen Pfarrkirche auf dem Korso zu dessen Ehren eine Novene(neuntägige Andacht) abgehalten, und sie folgte mit Interesse diesen in ihrer Art ganz inter-. essanten und prächtigen Gottesdiensten. Während sie verschwand, um Toilette zu machen, tranken die Herren Kaffee. Der Ingenieur hatte nun Zeit, das Kabinett genauer zu betrachten. Es war weder vornehm noch raffiniert. Auf den jungen Ingenieur machte es fast den Eindruck einer Kinderstube oder eines Zimmers für ein ganz junges Pensionsfräulein. Die Möbel waren an und für sich tadellos, aber ganz nichtssagend. Man sah sie nicht. Es waren bloß die Wände, die die Auf» merksamkeit fesselten. Zwei Türen waren mit illustrierten Postkarten und Geburtstagsversen auf blumigem Papier über- klebt. Unter den Unterschriften fand, sich ein großer Name, der der Literatur angehörte. Auf dem kleinen auftcchtstehenden Klavier und an der Wand darüber war ein buntes Gemisch von japanischen Fächern und Porträts mit eigenhändigen Unterschriften an- gebracht. Da gab es gefeierte Tenöre, die während der ersten Ehe der Gräfin ihr Haus besucht haben. Und auch eine komplette Sammlung ihrer Liebhaber fehlte nicht— wie im Boudoir einer unverheirateten Lebedame.« Den Graf schien diese genaue Musterung der Bilder- galerie ein wenig nervös zu machen. Er trat hinzu und gab dem jungen Ingenieur detaillierte Auskünfte über die be» rühmtesten der Sänger. � Lo Forte hörte nur halb zu. Sein Blick war auf ein Jugendporträt der Gräfin gefallen, und unter dem frischen Eindruck ihres merkwürdigen Wesens konnte er die Blicke nicht von diesem Antlitz losreißen— so sehr fesselte es ihn. Es war ein Antlitz, das wie eine Spinx zugleich anzog und Entsetzen einflößte,
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25 (9.7.1908) 130
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