Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 142. Sonnabend, den 25 Juli. 1908 Machdruck' verboten.) i9) jviafla. Roman aus dem modernen Sizilien von Emil NaSmussen. Sie lag einen Augenblick und dachte nach. Dann sagte Crocifissa: „Du kannst ja nicht in mein Inneres sehen. Du weißt ja gar nicht, wie mir zu Mute ist." „So wollen wir von anderen Dingen reden." Er versuchte von Bionda zu sprechen, von Angela und allen anderen daheim. Sie stand den meisten Dingen wunderlich fern. Er merkte, daß ihr Gedanke sich von der Außenwelt zurückgezogen hatte und sich nur mit Gewalt, unter Schmerzen von seinem eigenen kleinen Kreis mystischer Bilder entfernen ließ. Er machte sich Vorwürfe, zu lange fortgewesen zu sein. Sie war ihm gleichsam aus den Händen geglitten— in das Dunkel hinaus. Das vertrauliche Gespräch wurde von Silvia unter- brachen. Die Gräfin erwartete ihren Sohn unten im Ka- binett. Die Gräfin zitterte über den ganzen Körper vor Ncr- vosität, aber sie hatte sich vorgenommen, ruhig zu sein, was auch kommen mochte. Sie wollte mit Ettore nicht brechen. Als er eintrat, ließ sie ihm nicht Zeit zu sprechen. Sie warf sich an seine Brust und flehte: „Ettore, ich weiß, daß Du kommst, um mich zu richten, aber Du darfst mir nicht zürnen. Du weißt, daß ich doch bei allem, was ich tue, an Euch denke. Niemand konnte wissen, daß es so enden würde, und ich mußte doch Angelo und seine Braut schützen. Was wollte das Mädchen hier unten!" „Bernmtlich mir ersparen, ihn niederzuschlagen als den Hund, der er ist!" „Wie abscheulich Du sprichst! Er hat Unglück gehabt, im übrigen ist er nicht ärger als die anderen jungen Männer. und ist er einmal verheiratet, so wird er ruhig werden wie alle anderen." „Und Rusidda?" „War mit Angelo einig. Sind wir schuld daran, daß die Sizilianer eine afrikanische Moral haben, die Calogeros schwachen Kopf verwirrte? Kann Angelo dafür, daß dies Püppchcn ihm aus Rom nachgereist kam?" „Die ivarcn wohl auch einig?" „Gewiß!" „Er hatte bloß die kleine Formalität vergessen, ihr mit- zuteilen, daß ihre Verlobung aufgehoben sei, ehe er eine neue einging." „Sie mit einem Grafen verlobt! Nennen wir es. beim rechten Namen, Ettore! Eine Liaison— basta!" „Wir sprechen jeder unsere Sprache. Anderer Leiden existieren für Dich nicht. Du kannst nur an Dich selbst denken und an die Deinen, wie Du sagst. Aber haben die Ereignisse Dich nicht lehren können, daß Deine Pläne kurz sind, wie alle Weiberknisfe? Daß Du nur um die erste Ecke siehst, während die Nemesis hinter der zweiten steht? Du willst Deinen Jungen um Dich haben, und Du hast ihn zu einem Tunichtgut gemacht mit allen Voraussetzungen, als Verbrecher zu enden. Du wiesest Deine Tochter von Dir, überließest sie den Priestern und den Gedanken der Einsam- keit. Und was erntest Du nun außer der Geisteskrankheit, die lauernd auf der Schwelle steht? Du glaubst, Macht um Dich zu sammeln. Du kaufst Günstlinge und läßt sie vom Staate bezahlen, Du belohnst Taugenichtse und Schwindler auf Kosten der Rechtschaffenen und Tüchtigen. Aber Du siehst nicht, daß es sich auf die Dauer rächt, mit schlechtem Material zu bauen. Diese Art Häuser stürzt eines Tages ein. Du willst nicht verstehen, daß Du unseren Namen, meinen Namen zu einem Schimpf machst, den ich mein ganzes Lebenlang nicht abwaschen kann. Ich habe Niemals ein anderes Erbe von meinem Vater verlangt als einen reinen Namen— und Du hast ihn besudelt." „Gemach, gemach, junger Herr! Diesen selben Namen hast Du durch Blätter geschleppt, die ich zu nennen mich schäme. Du läufst wie ein Narr im Kielwasser anderer Narren und Phantasten. Du machst Dich selbst zu einem Ba- jazzo. Zu diesem Zweck kann mein armer Name wohl gut genug sein." Ettore hatte gelernt, sich zu beherrschen. Aber den Gift- bissen seiner Mutter gegenüber verließ ihn jedesmal die Fassung. Sie waren desselben Blutes. Und wenn das seiner Mutter wallte, siedete das seine. „Du sitzest so tief in Deiner Mafia, daß Du nicht mehr zwischen Recht und Unrecht unterscheidest. Dein Ideal eines Mannes ist ein Taugenichts, ein Verbrecher im Zylinder. Dein Ideal eines Weibes ist eine Hure, eine Kupplerin, eine Mörderin. Du bist Dein eigenes Ideal. Nun weißt Du die Meinung Deines Sohnes." v Hiermit ging er und schlug die Türe hinter sich zu.� Die Gräfin wurde rotblau im Gesicht. Sie warf einen Stuhl zu Boden, daß die Beine zersplitterten. Eine Karaffe und ein Glas folgten nach. Dadurch erhielt sie soweit Luft, daß sie sich der Länge nach auf den Teppich werfen und heulen konnte, wobei sie mit den Beinen zappelte, wie ein gebundenes Tier, ihr Taschentuch zerbiß und es in winzig kleine Stücke fetzte. Ettore war fast die Treppe hinabgekommen, als er des Grafen Stimme von oben hörte. „Was gibt es hier?" „Mutter und ich haben einander unsere Meinung ge- sagt." Der Graf kam näher, verlegen und zutunlich. „Ich wollte Dir bloß sagen, Ettore, daß ich von alledem, was geschehen, nichts wußte— und daß ich es mißbillige." „Selbstverständlich! Ich habe immer gedacht, daß Du ein honnetter Mann sein könntest, wenn Du nicht so faul wärest— und so sanft— und dumm!" Der Graf blieb steif und glotzend stehen, ohne sich zu einem Zornesausbruch ermannen zu können. „Warum willst Du mich beleidigen, Ettore?" fragte ör pathetisch. „Ja, Du hast recht! Lcbwohl!" Ettore war kaum auf die Straße gekommen, als ihm Crocifissa in den Sinn kam. Es legte sich ihm auf die Brust, daß er eine Uebcreilung begangen habe, die an ihr gerächt werden würde. Er eilte zum Hotel Belvedere , hieß den dicken phleg- matischcn Wirt nach Ingenieur Lo Forte senden, sobald dieser aus den Minen heimgekehrt fei, und suchte sogleich sein Zimmer auf. Einen Augenblick genoß er die freie strahlende Aussicht über den teueren Heimatsstrand. Dann schloß er die Läden, kleidete sich ganz aus und warf sich auf das Bett. Er war die ganze Nacht gereist und hatte gewacht: das Blut hämmerte in seinem Nacken. Aber er war zu erhitzt, um schlafen zu können. Das Bett unter ihm wurde heiß und feucht.' Er klingelte, bestellte Wermut, leckte fast eine halbe Flasche und fiel in einen tiefen Schlaf, aus dem er erst er- wachte, als Letterio an die Türe klopfte, um zu erfahren, wann er den jungen Grafen zum Zuge fahren dürfe. � Die Antwort klang weder freundlich noch aufklärend, Letterio schien sie aber im besten Sinne aufzunehmen. Es war spät geworden. Er wollte rasch inS Kloster gehen, um sich noch einmal nach Assunta zu erkundigen. Das Kloster war nicht in dem gewöhnlichen Stil der Klöster gebaut: es schien ursprünglich nicht für den heiligen Gebrauch berechnet. Die vier Flügel umschlossen einen engen Hof mit umlaufenden offenen Galerien, von denen sich Türen in die Zimmer aller Stockwerke öffneten. Man mußte im äußeren Treppengang klingeln, um in den inneren zu gelangen, der unten zur.Kapelle, oben zum Sprechzimmer führte.'s- Ettore wurde von einer Nonne empfanden, die, oberhalb der Treppe stehend, ihn nach Namen und Anliegen fragte. Er mußte eine Weile im Sprechzimmer warten, das einen etwas ärmlichen Eindruck machte. Der Fußboden war aus Backstein und mit einem dürftigen Teppichläufer bedeckt: an allen Wänden standen unbequeme Bänke mit Kissen. Ihr heiliges Gepräge erhielt die Stube nur von den vielen Heiligenbildern an der Wand und einigen Wachspuppen, die rn Wäldern von Papierblumen unter Glasglocken standen.
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25 (25.7.1908) 142
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