AnZerhaltimgsblatt des Nr. 164. Mttwoch. den 26 August. 1903 �SiachÄruck herbolen.> Roman aus dem jrtodernfn Sizilien von Emil RaSmussen. Es kam nun eine Zeit, wo Lidda ernstlich daran dachte, allen Qualen ein gewaltsames Ende zu bereiten. Sie sah keinen Ausweg, und die Religion bot ihr keinen Trost mehr. Ihr Mann behexte sie förmlich wie ein böser Geist. Er wich nicht aus ihren Gedanken, und diese Gedanken waren Ekel. Das Verzweifelte war, daß seine Liebe wuchs wie ein Steppenbrand. Sekte sie sich an den Flügel, um sich ein wenig Zerstreu- ung zu schaffen zwei Minuten später stand er ihr gegen- über an den Türpfosten gelehnt, und wiewohl sie die Augen nicht van den Tasten erhob, fühlte sie sich bis in alle Nerven gelähmt von diesem verhungerten Blick hündischer Anbetung. Seine sklavische Nachahmung des Vaters, seines großen leuchtenden Erempels, setzte sie nun beide in ihren Augen herab. Er trachtete alles bis auf das Mienenspiel des Marchese nachzumachen. Wenn La Greca plötzlich über etwas nach- dachte, hatte er eine tiefsinnige Miene: er hob die Augen- brauen, während er gleichzeitig die Augen zusammenkniff uild die Lippen.aneinanderpreßte, daß die Mundwinkel sich schnörkelten und krüminten. Belladonna übte unbewußt die- selbe Miene ein, so daß es geradezu lächerlich anzusehen war. Und wie zwecklos dies ganze Leben war dies hoffnungs­lose Forschen ins Blaue hinaus! Bei dem Vater war es wenigstens eine Leidenschaft, etwas Persönliches und Eigen- artiges: was Gutes ließ sich aber von dieser banalen Nach- ahmung sagen? Was war aus dem ausgeweckten Jungen geworden? Konnte wohl jemand sie als die Schuldige an- klagen? Odet toar es bloß die Wirkung einer zu frühen Ehe auf einen so jungen Mann? Es war etwas Materielles über ihn gekommen, das sie früher nickt an ihm gekannt ha'te. Er wie ein Strauß und trank schier unglaubliche Mengen. Saß er bei Tische vor einem aufgehäuften Teller Maccaroni, so hätte man glauben können, er habe tagelang nichts gegessen. Unter­brechungen hörte er kaum und beantwortete sie höchstens mit einem kurzen Kläffen. Dabei blieb er aber fahl und dünn wie die mageren Nehren . Lidda lag einige Wochen krar k da mußte er sie natür- lich pflegen. Das mindeste Detail, das Lidda anging, inter - esfierte ihn. Er hatte nicht den Takt, sich zu entfernen, wenn seine Nähe sie verletzte. Sie konnte, sie wollte das Rührende seines Betragens nicht sehen. Es wurde für sie der Tropfen, der das volle Gefäß zum Ueberflicßen brachte. Als sie aufstand, empfindlicher als je, und er sich ihr mit einem aufgestauten Durst nach ihren Liebkosungen näherte, konnte sie nicht mehr. Sie sagte ihm, hart und bestimmt, daß es seiner unwürdig sei, einem Weibe solche erotische Szenen zu bieten. Sie hätte ihm treulich geholfen, sein Un- glück zu tragen, solange Hoffnung auf Rettung war. Nun müsic er sich erinnern, daß auch sie Nerven habe. Er sank zusammen wie unter einem Todesurteil. Im selben Augenblick bereute sie, es-gesagt zu haben, doch war sie fest genug, nichts zurückzunehmen. Und er kränkte sie nie mehr. 16. Schwere Zeiten lagen über der Stadt. Die Mafia war unbeschränkter Herr, besetzte alle kommunalen Acmter, alle Plätze im Stadtrat bis zum Bürgermeister, entfernte jed- weden, der im Wege stand und steckte mindestens die Hälfte des städtischen Budgets in die Tasche. Niemand wußte, wenn er heimging, gab ür nicht zu Hause ein anonymes Schreiben finden würde, in welchem ihm ein Zehntel oder ein Fünftel von all feinem Hab und Gut abgefordert wurde. Und die Sunnnen mußten herbeigeschafft und an dem vorgeschriebenen Orte deponiert werden, wenn man incht Gefahr laufen wollte, fortgeschleppt zu werden und seine Familie gezwungen zu sehen, eine noch größere Summe zu erlern, um das Leben der Geißel zu retten. Korruption und Unsicherheit, Auflösung und Verfall iq allen Verhältnissen! Sogar Carmelas Salon, diese grundgefestete Einrichtung« mußte dem Auflösungsgeiste weichen. Ihre Klientel schwand: Angela kam nicht mehr, Belcaro war fort, und Pinna ja wie war es doch Pinna ergangen? Sie hatten ihm diese Schlingel von Freunden Fräu, lein Bruno wie so vieles anderes ganz und gar verleidet. Immer wieder mußte er anhören, was der Student und sie eigentlich' an jenem berühmten Festabende in der leeren Wohnung zu schaffen hatten. Müßte dasitzen und ihre Tröste gründe und guten Ratschläge anhören, daß ei, du liebev Gott! ein halbes Glas Alaunwasser den verursachtqft Schaden doch fast beheben würde. Naseweise Lümmel das! Da eines Tages kam Pamfo und steckte ihm einen Brief in die Hand, und er ging stracks heim und las ihn. Die Schöne war über sein Schweigen in letzter Zeit erstaunt. Er begreife doch wohl, daß ihr Flirt mit dem Studenten nur eine Probe gelvesen sei, auf die sie ihn stellen wollte? Bloß um zu sehen, ob er eifersüchtig wäre, ob er sie liebte, ob er an sie glaubte, er, der einzige, den sie je in ihren jungfräulichen Gedanken getragen. Mit ihm sei sie bereit zu flüchten, die Gelegenheit zu benützen, während ihr Vater verreist wäre. Ob er mit diesem Plane einverstanden sei? Pinna ging ein paar Tag? nicht aus. Er verhielt sich still wie ein Mäuschen. Die Sache war kitzlig. Endlich schrieb er und erbat sich Bedenkzeit es sei so vieles zu erwägen.... namentlich die Rücksicht auf ihren Vater. Mit diesem letzten Kniff war er zufrieden und hoffte endlich, wenn er nur weiter schwiege, würde die Sache im Sand verlaufen. Er war daher ziemlich überrascht, als eines Tages der Herr Deputierte, Advokat Bruno, bei ihm eintrat und in einem sehr herzlichen Tone erklärte, das Hindernis füv Pinnas Bereheliihnng mit seiner Tochter, das dieser be? fürchte, existiere nicht. Er gebe gern seine Einwilligung. Pinna versuchte eine Erklärung einzuleiten, die jedoH in Brunos.Herzlichkeit vollsiändig ertrank: seine Tochter und die ganze Familie erwarteten ihn zu Tische in aller Ein­fachheit. Was nun die Zukunft betreffe, so habe er bereits in Rom Von seinem Freunde, dem Minister des Aeußeren, das Berft cchen erhalten, er werde seinem Schwiegersohn einen Pllch als Rektor in Sardinien verschaffen. Daraus! ging er. Pinna faßte sich: er lächelte so lange, bis er glaubte, glücklich zu sein. Kaum war er verlobt, als alle Neckereien aufhörten. Es war eine Sache, Pinna eine ganz andere, Brunos künftigen Schwiegersohn zu foppen. Nach den Ferien zog er mit seiner jungen Gattin nach Jglesias. Wenn sie es später für gut befand ihn zu ärgern, inachte sie sich den Spaß, ihm zu erzählen, was geplant ge, wesen, falls er nicht ins Garn gegangen wäre. Ein Vater hatte eines Tages, w:e es gebräuchlich war, Pinna eine Summe Geldes geboten wenn er seinen faulen Sohn auf- rücken lasse. Der ehrsiche Pinna wies ihn ab. Besagter Vater ein Freund Brunos war jedoch bereit, einen Eid abzulegen, daß Pinna sich hätte bestechen lassen. Er hatte alsi nur die Wahl zwischen dem Mädchen oder seinem kom« pleiten Ruin gehabt. Eine so recht fixe und elegante Mafia - räche! Aber Carmela! niemand dachte an Carmcla! Selbst Pamfo begann sich zu fühlen und sich für ihren Caruso zu gut zu halten. Er ging nun nicht mehr mit dem Tuch auf den, Kopfe. Er trug einen Hut und rauchte T oskana-Ausschuß Die' Leute begannen sogar zu zweifeln, ob er wie man immer gemeint hatte täppisch oder ob er nicht vielmehr ein Fuchs sei, schlauer als alle die anderen. Doch es war nicht Pamfos Hochnäsigkeit allein: ein neues Unglück war über die arm? Carmela hereingebrochen. ES war ein Ricottaro einDcnuenbeschützcr" mit seiner Liebsten, einem kleinen Lämmchen von sechzehn Sommern, aus Palermo dahergekommen. Das Mädchen war hübsch. Sie legte Carmela sofort lahm. Und ihr Freund trieb illoyale Konkurrenz, indem er das infame Gerücht über Carmela ver» breitete. Aber es war nichts gegen diese Nicottari aussu,