Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 194.

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Mittwoch, den 7. Oktober.

( Nachdrud verboten.)

Andreas Vöft.

Bauernroman von Ludwig Thoma .

Aba da Pfarrer möcht'n."

1908

" Ja, weil er moant, daß er eahm helfat mit sein' Turm, und weil er überhaup's allawei 3'sammspinnt damit. Aba' r auf'n Pfarrer passen mir it auf."

Die Alte nickte müde mit dem Kopfe und bewegte den mit'n Pfarra. Er fo mit net schmecka, dös woaßt ja. Und z

zahnlosen Mund.

,, Was hat sie g'sagt?" fragte der Bauer.

ho's it verstanna. Was hoscht g'sagt, Muatta?" Die Schullerin schaute die alte Mutter prüfend an. Ruhig wie ein Mensch, der über eine Sache ins reine

kommen will.

Wos hosch g'sagt, Muatta?" fragte sie noch einmal. Die Alte begegnete ihrem Blick; in ihren glanzloſen Augen war nichts von Angst und Sorge zu lesen. Nur Müdigkeit.

treib's nimmer lang," sagte sie.

Sie moant, fie muaß sterb'n," wiederholte die Schullerin mit lauter Stimme. Der Bauer schnitt bedachtsam den Brot­laib an und brockte kleine Stücke in seine Suppe.

..Sie is halt scho guat bei die Jahr," sagte er ,,, wie alt bischt denn jeßt, Muatta?"

Die Alte gab feine Antwort; sie schaute wieder vor sich hin, und ihr Kopf sant herunter.

" An achtasechz'g Jahr werd sie sei, und g'arbet hat sie

biel," sagte der Sohn.

Ja, g'arbet hat sie viel, und acht Kinder hat sie bracht; des fest oan zua. Sie g'fallt mi aba gar net; soll'st dennerst

an Pfarra hol'n, Bauer."

" In Pfarrhof geh' i net. Dös muaßt's scho selm toa; oder schick umi!"

Na geh'n i selm, bal i abg'spült hab."

Die Alte bewegte wieder die Lippen.

Wos hajcht g'jagt, Muatta?"

" I sag' da's schnurgrad, Geitner, mi frent's gar it. Bal i Burgermoasta waar, gang da Verdruß nimmer aus. Garaus Erlbach san gnua, de wo zu eahm halt'n; nacha gab's allawei Zwidrigkeiten. Nehmt's an Hierangl, dös is viel g'scheiter." ,, Mi hamm ja no Zeit, Schuller; aba dös derfst glaab'n; bals mir nachgeht, werst as du. I bin auf deiner Seiten; dös derfst g'wiß glaab'n."

Is scho recht.' B Good!"

Der Schuller ging vom Weg ab zu seinem Acker; wie er die Gäule am Pflug vorspannte, sah er dem Geitner nach und sagte vor sich hin: Sättst mi gern ausg'fragt, gel, Tropf schei'heiliga? Di fenn i guat. Wiah!"

Die Gäule zogen an; unter der blinkenden Pflugschar wellten sich die Schollen.

Daheim saß die alte Mutter noch immer unbeweglich in der Ofenecke und sah der Schwiegerin zu, welche die Stube aufräumte.

Das ging flink mit rüstigen Armen.

"

im Hause. Dann waren langweilige Tage gekommen, und sie So hatte die Alte auch einmal gearbeitet und geschaltet batte gespürt, wie unnüß ein Leben ohne Arbeit ist. dienen im Schweiße deines Angesichts." Das ist für die Hohes Alter ist kein Segen. Du sollst dein Brot ver­Bauernleute geschrieben, denen die Hände schwer werden beim Raften. Und die Alte fürchtete sich nicht vor dem Sterben; das hatte sie sich oft gewunschen, nicht aus Verzweiflung oder aus Trübsinn, sondern weil es recht ist, zu gehen, wenn das

Die Schullerin ging zur Ofenbank und horchte auf- Bleiben keinen Wert hat.

merkjam.

" Ja, ja, Muatta! Hoscht scho recht. Sie sagt, sie is froh, bal's gar is. A so hat's foan Wert nimma, sagt sie." Der Bauer legte den Löffel weg und ging in den Hof binaus. Andrä!"

,, Wos geit's?"

" Inimm jetzt de zwoa Braun, und du ſpannst an

Ochien ein!"

Der Knecht führte zwei stattliche Pferde aus dem Stall; der Schuller nahm das Leitseil und ging hinter ihnen her. Am unteren Ende des Dorfes holte er den Geitner ein. ' B Good, Schuller!"

" B Good!"

,, Wo geah'scht hi?"

An Schmidlacker; Saber vorbaun."

Wo's d'an Klee g'habt hoscht?"

" Ja."

..Jebt geht's ja leicht mit'n ban'n, weil's nimma so truda is."

"

Es tual's."

Beim Kramer ham's g'sagt, daß dei Muatta schlecht dro is?"

Ja, sie hat's floa beinand. Dan Tag oder zwoa, länger werd's faam mehr leb'n."

Wia's halt is. Die Junga fönna sterb'n, und de Alt'n milassen sterb'n."

.Da fo'scht nir macha."

.Hoscht du nir q'hört, Schuller, wann de Bürgermoaster­wahl is?"

..Na, foa Tag is no net g'icht, wia' r i woaß. Im No­vember werd's halt sei."

,, Dösmal werst as du, Schuller."

it,

Der jüngste Bub der Schullerin kam lärmend herein. Die Bäuerin wehrte ihm ab.

"

., Geh aussi, Xaverl, du hoscht do herin nix z'toa. Sieg'icht daß d' Großmuaita krank is?" Muaß sie sterb'n?"

Ja, fie muaß bald sterb'n. Aba jezt geh zua! Du gehst uns do im Weg um."

hin,

und als er die Stube verlassen hatte, stellte er sich draußen an das Fenster und preßte das Gesicht an die Scheiben.

Der Kleine sah mit neugierigen Augen nach der Alten

Die Schullerin wollte in den Stall gehen; da kam der Kooperator über den Hof, und sie blieb unter der Türe stehen. ,, Es ist eine franke Person im Hause, welche des geist­lichen Trostes bedarf?"

"

" Ja, Hochwürden, d' Muatta is schlecht beinand. Seit mittag fimmt's ganz von da Kraft."

,, Wo ist sie?"

Bitt' schön, Hochwürden, da herin."

Der junge Herr trat in die Stube. Ein Blick auf die Alte zeigte ihm, daß hier nur mehr die Seele, nicht aber der Störper zu retten fei, und er ging berufsfreudig an sein Werk.

Warum habt Ihr so lange gewartet?" fragte er die Schullerin. Ich fürchte, sie versteht meine Worte nicht mehr." Es is so schnell ganga, Hochwürden. Aba sie is no beim Verstand; sie hört no ganz guat, bloß müad is sie halt." ,, Dann laßt uns jezt allein!"

"

Die Bäurin ging hinaus, und der junge Mann setzte sich vor die Kranke hin. Er zog ein dickes Gebetbuch aus der Tasche und fragte mit lauter Stimme: Hört Ihr meine Worte?"

Zwei müde Augen schauten ihn an; es lag darin mit dem Aufbieten der legten Kraft der Ausdruck von Ehrerbietung,

reiß mi net drum. Mir werd's liaba an anderer." und die Alte versuchte mit zitternder Hand das Zeichen des Wer denn? Da Kloiber mag nimma."

Vielleicht sagt er grad a so."

Na, dös twoaß i g'wiß. Da Kloiber steht z'rud."

Nacha fönnts ja an Sierangl nehma."

Kreuzes zu machen. Ein minder frommer Mensch wäre ge­rührt worden durch diese schlichte Ergebung und hätte sich demütig gebeugt vor der Würde er sterbenden Greisin. Aber Herrn Sißberger fonnte nichts Irdisches überwältigen; er

Iglaab it, daß's der werd. Er hat it viel Zeut' auf da fühlte sich nicht klein in dieser Stunde, sondern es erhob ihn Seiten: blok de, wo eahm was schuldi san."

der Besik der geistlichen Gewalt über diese Seele