Preising schrieb, die Woche vorher fei Pfarrer Held nach längerem Leiden gestorben. Das war wenige Monate nach jenem Sonntage. Als Sylvester zu Ostern heimkam, war sein erster Jang in den Friedhof. Da stand auf vrunkvoller Marmortafel der Name Maurus Held. Und darunter der Satz:„Er lebte einzig seinem Gotte und fand sein Labsal nur im Gebete." Seine wohlhabende Schwester hatte ihm dieses Denkmal gesetzt, das jedem in die Augen fiel. Sylvester war nicht zufrieden damit. Am wenigsten mit der Inschrift. Er wußte es besser als viele, daß der heitere Mann seine Erholung nicht ausschließlich im Gebetbuche suchte und fand. Er hatte von ihm oft kräftige Worte gehört, wenn er diese Welt pries, welche nur Dummköpfe als schlecht ver° schreien. Ein eifriger Kooperator hatte sogar arge Zweifel gehegt, ob Pfarrer Held sein Brevier fleißig lese. Er steckte wohl das heilige Buch in die Tasche, wenn er in den Gurten ging, aber er nahm es selten heraus. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck derdoten.) 11, Die Kofaben. Von Leo Tolstoi . Warum bist Du gekommen? Die Krankheit in Dein zerkratztes Maull Warte nur. wenn der Herr kommt, er wird Dir schon zeigen, wo Du hingehörst... ich brauche Dein verfluchtes Geld nicht. Da seh mir einer, mit seinem Drccktabak will er mir das Haus einschmutzen, und dafür will er zahlen. Die Pcstl Tot schießen sollie man Dich! schrie sie mit gellender Stimme. „Wanjuscha scheint recht zu haben, dachte Olenin, der Tatar ist besser." Er ging aus der Hütte. Die Schimpfreden der alten Ulitka folgten ihm. In dem Augenblicke, wo er hinausging, huschte zilfällig Marianka an ihm vorüber. Sie war noch immer in dem bloßen rosa Hemd, hatte aber das Gesicht bis unter die Augen mit einem weißen Tuche verbunden. Ihre nackten Füßchen eilten schnell die Treppe hinunter. Unten blieb sie stehen, warf mit lächelnden Augen dem jungen Manne einen Blick zu und verschwand hinter der Ecke des Hauses. Der feste, jugendliche Gang, der sonderbare Blick, die glän- zcnden Augen, die unter dem weißen Tuche hervorguckten, und die Schönheit ihrer kräftigen Gestalt überraschten Olenin jetzt noch mehr.„Sie ist es,"' dachte er. vergaß immer mehr die Wohnung. da sein Blick Marianka folgte, und kam so zu Wanjuscha. Sieh, das Mädchen ist ebenso wild, sagte Wanjuscha, der sich � immer noch an dem Wagen zu schaffen machte, aber schon in besserer Laune war: wie ein Steppenfüllen. Lafamml fügte er mit lauter, feierlicher Stimme hinzu und lachte. n. Gegen Abend kehrte der Hausherr vom Fischfang heim, und als er hörte, daß ihm das Quartier bezahlt werden sollte, beruhigte er sein Weib und befriedigte Wanjuschas Forderungen. Im neuen Quartier ging alles gut von statten. Die Wirts-- lcute zogen in das warme Zimmer, und dem Junker gaben sie für drei Münzen monatlich das kalte. Olenin aß, dann legte er sich schlafen. Als er gegen Abend erwachte, wusch er sich, machte sich zurccht, speiste, zündete sich eine Zigarette an und setzte sich an das Fenster, das auf die Straße führte. Die Hitze hatte nach- gelassen, der schräge Schatten des Hauses mit seinem geschnitzten First breitete sich über die staubige Straße und fiel sogar über den unteren Teil des gegenüberliegenden Hauses. Das seitliche Schilf- dach des gegenüberliegenden Hauses glänzte in den Strahlen der untergehenden Sonne. Die Luft wurde kühler. Im Dorfe herrschte Stille. Die Soldaten waren untergebracht und waren ruhig ge- worden. Die Herden waren noch nicht eingetrieben, und das Volk war noch nicht von der Arbeit heimgekommen. Olenins Quartier lag fast am Rande des Dorfes. Von Zeit zu Zeit ertönten weit vom Tcrek her von der Seite, von der Olenin gekommen war, dumpfe Schüsse— in der Tschetschnja oder in der Ebene der Kumhkcn. Olenin fühlte sich nach dem dreimonatlichen Biwaklebcn recht behaglich. Das Waschen hatte seinem Gesichte eine fühlbare Frische gegeben, sein kräftiger Körper empfand die Sauberkeit, die er auf dem Zuge entbehrt hatte, allen seinen Glic- dem brachte die Erholung Ruhe und Kraft, in seiner Seele war es frisch und hell. Er rief sich den Kriegszug, die überstandencn Gefahren in Erinnerung. Er erinnerte sich, wie trefflich er sich in der Gefahr gehalten hatte, daß er nicht schlechter gewesen als die anderen, und daß er in die Kameradschaft der tapferen Kaukasicr aufgenommen sei. Die Moskauer Erinnerungen waren schon, Gott weiß wohin, entschwunden, das alte Leben war weggewischt, ein neues hatte begonnen, ein ganz neues Leben, in dem es noch keine Erinnerungen gab; er konnte hier, ein neuer Mensch unter neuen Menschen, sich einen neuen guten Namen erwerben. Er empfand das jugendliche Gefühl grenzenloser Lebensfreude, und während er bald zum Fenster hinaus die Knaben betrachtete, die fßl Schatten des Hauses ihre Kreisel trieben, bald fein ncueS, schön hergerichtetes Quartier, dachte er darüber nach, wie er sich tu diesem für ihn neuen Standortleben angenehm einrichten sollte. Er ließ auch seinen Blick über die Berge und den Himmel schweifen, und in alle seine Erinnerungen und Träume mischte fich das ernsto Gefühl der majestätischen Natur. Sein Leben hatte nicht so bc» gönnen, wie er eS erwartet hatte, als er Moskau verließ, aber doch unerwartet schön. Die Berge, die Berge, die Berge drängten stch in all sein Denken und Empfinden. Er hat eine Hündin geküßt, einen Krug beleckt...> Onkel Jeroschka hat eine Hündin geküßt, riefen plötzlich die Kosakenkinder» die vor seinem Fenster mit den Kreiseln spielten und jetzt in eins Gasse einbogen.— Eine Hündin hat er geküßt! Seinen Dolch hat er vertrunken! schrien die Knaben, bald zu einer Gruppe zu» samm engedrängt, bald auseinanderlaufend. Dieses Gcschrc» galt Onkel Jeroschka, der eben, die Flinte auf dem Rücken und die Fasanen im Gürtel, von der Jagd heimkam. Meine Sünde, Kinder, meine Sünde, sagte er, indem er kräftig die Arme schwenkte und in die Fenster zu beiden Seiten der Straße hineinblickte.— Hab ich die Hündin geküßt, ist's meine Sünde. Ev ärgerte sich offenbar, tat aber, als wäre es ihm gleichgültig. Olenin war verwundert darüber, wie die Knaben den alter» Jäger behandelten, mehr aber noch überraschten ihn die ausdrucks» vollen klugen Züge des Mannes, der Jeroschka genannt wurde. Alterchen, Kosak, wandte er sich an ihn. Der Alte sah nach dem Fenster, und blieb stehen. Guten Tag, guter Freund, sagte er und lüftete sein Mützchcri auf dem kurz geschorenen Kopf. Guten Tag, guter Freund, antwortete Olenin, was rufen Di« die Jungen nach? Onkel Jeroschka trat an das Fenster heran. Sie necken mich Alten. Tut nichts, ich habe daS gern. Mögen sie ihre Freude mit dem Onkel haben, sagte er mit der wohl- klingenden Betonung, mit welcher alte und ehrwürdige Leute zu sprechen pflegen.— Bist Du ein Vorgesetzter der Armeesoldaten oder was? Nein, ich bin ein Junker. Aber wo hast Du die Fasanen ge» schössen? fragte Olenin. Im Walde habe ich drei Hühner erlegt, antwortete der Alte und kehrte seinen breiten Rücken, auf dem die drei Fasanen hingen, dem Fenster zu. Sie waren mit dem Köpfchen am Gurt befestigt und hatten seinen Tschcrkcssenrock mit Blut befleckt.— Hast Du noch keine gesehen? fragte er. Willst Du. so nimm Dir ein Paar, da!— Und er reichte zwei Fasanen zum Fenster hinein. Bist Du Jäger? ftagte er. Ja, ich bin Jäger. Ich habe im Fcldzuge selbst vier ge- schössen. Vier? Das ist viel, sagte der Alte spöttisch.— Bist Dt» auch ein Trinker? Trinkst Du Most? Gewiß, ich trinke auch gern. Ich sehe, Du bist ein schneidiger Junge! Wir müssen gute Freunde werden, sagte Onkel Jeroschka. Komm herein, sagte Olenin. Latz uns den Most versuchen. Gut» ich komme, sagte der Alte, da, nimm die Fasanen! Man sah es dem Alten an. daß ihm der Junker gefiel. ES war ihm auch sofort klar geworden, daß'man bei ihm Most trinken und daß man ihm daher ein Paar Fasanen schenken könne. Nach einigen Minuten erschien Onkel Jeroschkas Gestalt an der Tür des Häuschens. Nun erst erkannte Olenin die ganze Größe und den kraftvollen Wuchs dieses Mannes, obgleich sein rotbraunes Gesicht mit dem schneeweißen ungeheuren Barte von den tiefen Runzeln eines in Mühen erreichten GrSisenaltcrs durch- zogen war. Die Muskeln seiner Füße, Arme und Schultern waren so voll und rundlich, wie sonst nur bei jungen Leuten. Auf seinem Kopfe waren durch das kurze Haar hindurch tiefe, vernarbte Schrammen zu sehen. Der nervige, dicke Hals war wie bei einem Stiet mit Kreuz- und Ouerfalten bedeckt. Die muhen Hände waren zerschlagen und zerschunden. Leicht und gewandt trat er über die Schwelle, legte seine Flinte ab, stellte sie in die Ecke, er- faßte mit einem schnellen Blick die im Zimmer befindlichen Sachen, schätzte sie ab und trat leisen Schrittes in die Mitte des Zinimers. Zugleich mit ihm war in die Stube ein kräftiger, aber nickt unangenehmer Geruch gedrungen, gemischt aus Most, Schnaps, Pulver und geronnenem Blut. Onkel Jeroschka verneigte sich vor den Heiligenbildern, strich sich den Bart zurecht, trat auf Olenin zu und reichte ihm die schwarze, kräftige Hand. Koscbkilcty. sagte er, das heißt im Tatarischen: Wünsche Wohlsein, Friede mit euch. Koschkildy, ich weiß wohl, antwortete Olenin und reichte ihm Ei, Du weißt cS nicht, Du kennst den Brauch nicht. Narr!— sagte Onkel Jeroschka und schüttelte vorwurfsvoll den Kopf. — Sagt jemand zu Dir kosdikilcky, so mußt Du antworten: �IIn rasi bo sun, Gott schütze Dich. So, Freundchen, aber nicht kosebkilcky. Du sollst alles bei mir lernen. Vor Jahren war ein Landsmann von Dir hier, ein Russe, Jlja Moisscitsch. Wir waren auch Freunde. Ein schneidiger Mensch. Ein Trinker, ein Spitz- bubc, ein Jäger— und was für ein Jäger! Ich habe ihm alles beigebracht
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25 (3.11.1908) 213
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