Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 4.
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Donnerstag, den 7. Januar.
( Nachdruck verboten.)
Das tägliche Brot.
Roman von C. Biebig.
May brummte Unverständliches. Daß sie ihn Jüngelchen" nannte, empörte ihn. Wußte sie nicht, daß er bald achtzehn war, so alt wie fie?! Daß er ein forscher Kerl war, wollte er ihr schon beweisen. Er suchte ihren Fuß unter dem Gewirr bon Beinen, das sich auf dem engen Räumchen zusammendrängte, glitt mit der Hand höher hinauf und kniff sie tüchtig in die Wade.
Mit einem hellen Schrei fiel fie rüdlings über; Mine hielt sie besorgt fest und faßte zugleich nach ihrem Eierforb, der ins Wanken geraten war.
Der Bauer drehte sich auf dem Kutschfiz um: Nanu, was' s denn los?"
Mine war sehr böse auf den Bruder, aber Berta lachte aus vollem Halse- war das ein Spaß! Von nun an schaute fie den jungen Menschen immer mit einem schelmischen Blinzeln an.
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1909
Als jetzt der Wagen auf der Höhe der Chaussee angelangt war und unten in der Niederung der Warthe das Städtchen fich präsentierte, mit seinen zwei Türmen, dem Rathaus und dem Brückenbogen über den Fluß, richtete sich Berta hoch auf Sie stieß einen Freudenschrei aus: Sichste, da da, das rote Haus?! Das is der Bahnhof - da is de Jesebahn, da fahren mer nach Berlin !" Sie strahlte vor freudiger Erwartung, die blonden Haare flatterten ihr im lustigen Wind, beide Hände streckte sie aus, als wollte sie so das Glück schon er greifen.
Mine nickte, ohne zu sprechen.
Sie fuhren durch die Kirschbaumallee, die die Hopfenanpflanzungen bis zur Stadt durchzieht. Wenig verschrumpelte Blätter nur mehr an den Bäumen, und auch diese bereit, im nächsten Windstoß davon zu fliegen. Als Mine das letzte Mak hier gegangen, war's Sommer gewesen, und der Pächter, der grade Stirschen pflückte, hatte ihr ein paar Hände voll prächtiger roter Früchte geschenkt. Das Wasser lief ihr noch in Munde zusammen. Alles Blut wich ihr aus den Wangen; der Magen, oder was da herum saß, krampfte sich zusammen.
Die ländliche Stille der Felder war zurückgeblieben; in Sie erzählten sich noch dies und das; der ganze Dorf- licher Weise die Dreschlegel, aber schon mischte sich das den Scheunen der Vorstadt klapperten noch nach alt- bäuerflatsch wurde abgehandelt. Berta gab manches Späßchen zum Fauchen einer Maschine ein. Jetzt sprühten Funfen aus einer beften was friegte die nicht auch alles zu sehen und zu offenen Schmiede. Das Kalb entsetzte sich und hielt sich kaum hören! Nur als Bauer Obst auf einen Schatz anspielte, hatte mehr auf den zitternden Beinen. fie teine Ohren.
" Das sollt mer fehlen," fertigte sie ihn furz ab.„ Ich weiß, wie' s zugeht, uije! Dafor bin ich meiner Mutter Tochter. Nä, nä" sie schüttelte sich in einem inneren Graufen ich will vorerscht mein Leben genießen!"
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Mine wußte darauf nichts zu sagen, sie verstand die andere nicht einmal. So legten sie schweigsam das lezte Viertel des Weges zurück.
Die Sonne hatte den Nebel durchbrochen und stand groß und leuchtend über der Flur. Weit hinten in dem Gewirr von Strahlen lag das Heimatdorf; man konnte es längst nicht mehr sehen, und doch blickte Mine zurück, bis ihr die Augen übergingen.
Unberlaßbar teuer dünkten ihr auf einmal die weiten Felder, über die der Wind strich; von den blauen Kiefernwäldern herüber kam ein harziger Duft. Sie stieß einen Seufzer aus und zog den Duft ein, als sollte ihr die Brust springen. Die Schwalben waren schon weggezogen, leer waren die Drähte zwischen den Telegraphenstangen, auf denen sie fonft gereiht faßen ein weißer Brustlaz neben dem andren. Aber auf der Wiese in der Niederung stand noch ein einsamer Storch, regungsvoll auf einem Bein. Mine hielt den Atem an blieb der hier? Aber Berta schrie laut: Husch, husch, puff!" langte dem Bauer über die Schulter, ergriff die Peitsche und knallte übermütig. Da breitete der Bogel die Schwingen und flog hoch in die Zuft, bis er nur mehr wie ein dunkler Fleck gegen die helle Sonnenscheibe stand.
Die Wagenräder ratterten über Pflaster, Fenster klirrten, Ladentüren klingelten, ein Radfahrer fam angesaust, eine Glocke gellte. Menschen standen zur Seite, Schulkinder liefen johlend dem Wagen nach. Das Kalb stieß ein angstvolles Blöken aus, einen jämmerlichen tierischen Hilferuf.
„ Halt's Maul!" Bauer Obst hob ärgerlich die Peitsche. Jeht kam das Haus des Schlächters an der Ecke, mit der fettigen, trägfließenden Gosse davor; Kalbsviertel und Speckseiten, Würste und blutiges Geschlinge baumelten im Fenster. Die roten Gardinchen der Ladentür flatterten in einem plöglichen Windstoß und reckten sich lang in die Gasse wie gierige Zungen.
Die Ohren spißend, die Augen herausdrückend, stieß das zitternde Kalb einen markerschütternden Schrei aus und machte einen wilden Saz; es wäre vom Wagen gesprungen, hätte Mar es nicht noch grade bei einem Hinterbein erwischt. ,, Brrr-hott, hi! Berdammtes Beest," schimpfte der Bauer. „ Es riecht das Blut," sagte Berta lachend und hob witternd das Näschen.
2.
Unterwegs hatten sie innige Freundschaft miteinander geschlossen. Mine dachte, allein hätte sie die Reise wohl nie überstanden; so lange war sie noch nie Eisenbahn gefahren. Er war sehr heiß im Coupé vierter Klaffe, der Schweiß rann Der blieb also auch nicht hier! Mine gähnte; sie fühlte ihr von der Stirn. Ihr blaues Staatskleid, das für Winter fich durchfröstelt und übernächtig, ihr war nicht gut zu Mut. und Sommer diente, engte sie ein wie ein Panzer; um all ihre Hatte sie doch auch fast keinen Schlaf bekommen. Gestern, Sachen gut wegzubringen, hatte sie noch einen Alltagsrod nach Feierabend war sie im Sonntagskleid zu den Nachbarn darunter gezogen. So fühl es am Morgen gewesen, so sehr gegangen und hatte sich verabschiedet; heimgekehrt, hatte sie stach die Septembersonne am Mittag. Die kleinen Fensterden Staat abgelegt und noch bis spät Mitternacht der Mutter scheiben blendeten vor Glanz, man konnte kaum einen Blick den Brotteig gefnetet, die Milchfatten abgerahmt, gebuttert, hindurch werfen. Unzählige Stäubchen tanzten im SonnenBrennholz gespalten und den Flur gefegt. Dann erst noch in strahl, fingerdick lag der Kohlenruß auf dem Boden, auf den ihrer Kammer die letzten Sachen in den Reisekorb getan, und Bänken, auf den Menschen. Es war Mine, als müsse sie die als fie sich endlich niederlegte, beengte sie die fest schlafende Luft förmlich durchbeißen; kein Atemzug ging leicht. Emma, mit der sie das Bett teilte. Sie hörte die Turmuhr jede Stunde schlagen; ein seltsames Gemisch von Freude und Schmerz nahm ihr den Schlaf.
Blaß und nachdenklich saß fie auf dem Wagen, älter er scheinend, als sie in Wirklichkeit war.
Fidlers Berta dagegen traute man nicht einmal ihre achtzehn zu. Die sah blutjung aus, frisch wie eine Heckenrose und ebenso hübsch wie diese. Ihr blondes Haar glänzte seidig; fie trug es glatt aus der reinen Stirn gestrichen, nur im Nacken hatte sie sich mit der Tollschere, die die Mutter zu ihren Hauben brauchte, ein paar Löckchen gebrannt. Aus ihren flaren blauen Augen schaute fie vergnügt in die Welt; fie hatte einen Kinderblick.
In Landsberg hatten sie die Klingelbahn verlassen, um über die Warthebrücke nach der Hauptbahn, deren Schienennet sich wie ein unlösliches Gewirr nach allen Seiten spannt, zu gehen. Mine rannte hin und her, wie ein aufgescheuchtes Huhn. Berta half ihr den Reiseforb tragen, aber er wurde ihr bald zu schwer, immer wieder mußte sie verschnaufen; als sie schweißgebadet auf dem Hauptbahnhof anlangten, dampfte der Schnellzug nach Berlin eben an.
Mine war sehr bestürzt, Berta lachte; eine nette Gelegenheit, Landsberg zu besehen! Aber den Perron zu verlassen war die andere nicht zu bewegen; stumm und steif saß sie Stunden auf ihrem Reiseforb, wendete das rotglühende Geficht nach jener Seite, wo hinter Gleisen und Signalstangen