Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 8.
7)
Mittwoch, den 18 Januar.
( Nachbruc verboten.)
Im guten Zimmer überraschte fie Elli, die, während ihr Bater hinter der Gardine schnarchte, Rock und Hose, die überm Stuhl hingen, vifitierte, ob nicht irgend ein Groschen oder Fünfpfennigstid sich in den Taschen verkrümelt batte. Als fie Berta gewahrte, lächelte fie pfiffig. Der wacht nicht uf!" Und dann sette fie altflug hinzu: Heute überhaupt! Er hat einen jefippt!"-
Während Mine am Vormittag in der dunklen, stickigen, vom Brodem der kochenden Lauge noch ftidiger gewordnen Küche sich die Hände an der vergrauten Wäsche der gesamten Familie durchrieb, bediente Berta mit im Laden.
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Berta amüsierte sich köstlich.
1909
Die Stunden von acht, halbneun bis gegen zwölf waren die belebtesten, da flog's im Laden aus und ein, wie in einem Taubenschlag. Die eine holte Startoffeln, die zweite Gemüse, die dritte Petroleum, die vierte Heringe, die fünfe Obst. Jede fühlte die Birnen an, ob sie weich waren! Alle kosteten von den Pflaumen, die in einem hohen Storb am Stellereingang standen.
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Vor der bleichsüchtigen Marie von Sentiers war kein Obst sicher; selbst in die grasgrünen Aepfel biß fie. In die zwei großen Glasfraufen auf dem Ladentisch die eine ent hielt Staffeebohnen, die andre Erbsen- langte sie auch hinein. Aber man mußte ein Auge zudrüden, Rentiers fauften immer bom Besten; im Frühjahr die ersten Spargel, im Herbst die ersten Weintrauben.
Nanu, Mariechen," fragte Frau Reschke, Teutselig ,,, haben Frau Reschke hatte wieder ihre Geschäftsmiene aufgesetzte sich doch! Sagen Se Ihrer Madam: iroßartige Einmache Se schon von die Pflaumen jefoftet? Fein, was? Nehmen schon von die Pflaumen jefoftet? hell, freundlich, eitel Wohlwollen. Was soll's denn sein, Fräulein Thereschen," rief sie und pflaumen. Hier kosten se ooch mal de Weintrauben! Was schlug dann entzückt die Hände zusammen. Was haben Sie Extras for Ihren Herrn Sentier! Se husten ja? Ne, da for' ne neue Frisur, bildschön! Ne, froßartig, einfach iroßmuß if Ihnen doch ileich en paar von die neuen Hustenbonbons verehren; schmeden delefat, wa? Nur dreifte rin artigt" Eine bagre, ältliche Person mit einer Hafennase hatte den gefaßt; wenn se nur belfen! Bergessen Se' t ooch man nich, Laden betreten. Sie trug den Haarknoten spit vom Hinter- Ihre Herrschaft zu sagen von de Einmachepflaumen un den topf abgedreht und eine Menge abgeschnittener und gebrannter Haare über der Stirn hoch aufgefämmt.
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Wie Sie det fleid't! Reizend! Wie eene von sechzehn!" Die Person lächelte geschmeichelt und forderte ein Pfund Salz und für' nen Sechser Petersilie.
Die Reschke schwagte in einem fort, während sie das Salz abwog und ein großes in Wasser stehendes Bouquet Petersilie zerteilte.
Wein!"
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Sie legte dem Mädchen noch eine Handvoll Bonbons in den Storb. Bertas Augen funfelten, mit einer sehnsüchtigen Gier fab sie zu, wie Mariechen einen Bonbon nach dem andern hinter die blassen Lippen schob und wohlgefällig daran lutschend noch ein wenig mit Frau Reschke schwatzte. Bertas Bunge ledte auch fie konnte das Zusehen kaum mehr aus halten; Süßes aß fie für ihr Leben gern, schon als Kind batte Ja, mit de Petersilje is nischt zu verdienen, reene jar fie stundenlang beim Strämer des Orts vor der Tür gelungert, nischt; wo anders lassen se nich untern Froschen ab. Un frisch, um so, durch die Beharrlichkeit freundlich begehrlicher Blicke, ganz frisch, heut morgen stand fie noch in' n Jarten. Ne, if dem gutmütigen Mann ein Zuckerſtüdchen abzubetteln. it fann mer nech aufrieden jeben, wie Ihnen die Frisur steht- was foll's denn noch fein? Pflaumen oder Weißfohl? Der is heut spottbillig, mein Mann hat besonders vorteilhaft injekauft. Fufzehn un zwanzig Pfennig-na, wie is' t damit?"
Danke," sagte die Köchin. Heut wollen se von den neuen rheinischen Sauerfohl mit Socieschen effen."
" Jott doch, so'n schweret Effen! Det' s aber nicht vor Ihren schwachen Magen, Fräulein Thereschen!"
Na, denn geben Se mer man' nen Stohl!" Die Magd nahm einen nach langem Wählen und wog ihn in der Hand. Was fost der?"
Fünfundzwanzig."
„ Nanu?"
" Ja, der is auch besonders dick. Der reene Klot." Fufzehn!"
" Fufzehn- Ne, mein Dochter, der fost uns selber ?! mehr als fufzehn."
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Das Mädchen verzog die Lippen. Das reden Se jemand anders vor! Ne, denn gehe ich zum Kaufmann drüben, das Pfund bom neuen Sauerkohl foft nur zehn Pfennige."
Andre Erscheinungen famen. Die schöne Auguste, so stolz, so chrbar, daß fie förmlich einschüchternd wirkte. Mit einer ruhigen Würde besorgte sie ihre Einfäufe; in ihrem frisch gestärkten rosa Kleid, dem weißen Häubchen und der blendenden Latschürze fab fie aus wie das Bild der Reinlichkeit und Reinbeit. Sie kaufte eine Menge und ließ alles in ein Büchelchen eintragen; Bertas scharfe Blicke entdeckten, daß Frau Reschke alles um fünf oder zehn Pfennige teurer dort anschrieb, als der Preis war. Und Auguste guckte ihr daber über die Schulter und diftierte auch ab und zu.
Als die Augufte gegangen war, pries Frau Reschke fie aus allen Tonarten. Das war noch ein solides Mädchen! Die hatte sie aber in ihre jezige Stellung gebracht, zu jung verheirateten Leuten, die in ihrem hübschen neuen Haushalt gana verliebt in ihre hübsche, ehrbare Auguste waren.
etwas verschleierten Stimme, ich wär ja auch nich jezogen, wenn ich mer nich verheiraten tät."
Dann erschien die Mathilde von Hauptmanns. Ihr rund liches Gesicht, das in der Jugend gewiß sehr hübsch gewesen, trug einen unendlich gutmütigen und einen zugleich zerstreuten Ausdrud. Sie hatte Tränen in den Augen, als sie davon sprach, am ersten Oktober den Dienst verlassen zu müssen, in dem sie nun fast zwei Jahre gewesen. Ich bin dem Se werden doch nich? J, Spaß! Det wäre! Seinä'jen Frauchen ja so gut," fchwatte sie mit ihrer angenehmen, werden mer doch de Kundschaft nich vertragen, Fräulein Thereschen? If sehe Ihnen so wie so oft bei'n Staufmann drüben. Bei Sott, so war if lebe, if verdiene nischt dran, feenen Pfennig; aber, weil Sie' t find dal" Mit einem Seufzer ließ fie den Kohlkopf in den Korb des Mädchens rollen. Se sollen nich sagen, daß de Reschken unkulant jegen Ihnen is, wenn se ooch nich so'n Klimbim von sich her macht, wie der Kaufmann drüben." Sie drehte das Mädchen hin und her.„ Ne, die Frisur fleid't Sie! Himmlisch! Wie' ne Dame! Wie' ne feine Dame! Wie' ne feine Dame, direkt aus' s ModeSchurnal!"
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If irateliere," rief die Reschke herüber, die gerade cin paar andre Kundinnen bediente, und zwinkerte diesen zu. Na, is' t denn jetzt so weit?"
Noch nich," fagte Mathilde geheimnisvoll. Die jungen Dinger, die mit ihren Marktkörben herumftanden, stießen einander heimlich an.
Ich hab de Nacht um zwölve mein das sagt ja nu: Sa, ja bald'je Hochzeit". Woch Sonntag zum Abendmahl ich jeh
Punktierbuch jefragt, Und wie ich vorigte mit mein SchwarzWie' ne olle Nachteule," brummte sie hinter der Davon- seidnes, wo denn schon parat war zur Hochzeit, denn treff ich cilenden drein. Fufzehn! Nur fufzehn Pfennige! De wen, de Schustersche, wo obenan bei mein Schwager wohnt, Herrschaft rechnet se doch natürlich zwanzig an. Det flapper- und die hat mer denn erzählt, daß de Schwafter frank liegt dürre Jestelle! Die hab if uf'n Strich. an Influenzia. Na, und das stimmt ja woll mit mein Buchchende Schwafter stirbt, und bald is wieder Hochzeit!" Na, is se denn schon tot?" rief feck eine der Mädge. Mathilde verzog feine Miene. Nein, noch nich," sagte
Kaum erschien jedoch eine neue Käuferin auf der Kellertreppe, veränderte sich ihre Miene zauberschmell. Das war wieder der süße Ton: Was soll's denn sein?"
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