Mnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 69. Donnerstag, den 8. April. 1909

(Nachdruck verdolen.) Das täglicke Brot. Roman von C. V i e b i g. Von einem nervösen Zittern befallen, von einem schreck- kichen Herzklopfen gepeinigt saß sie ächzend im Bett. Um sie her war alles still einsam war niemand! Und doch schauerte sie zusammen in plötzlicher Furcht, krallte die Finger in die Haare und sah um sich mit scheuen, verwilderten Blicken. Kahl, leer, freudlos, ereignislos verstrichen die Tage. Zuweilen kam ein Orgeldreher auf den Hof, dann stürzte Berta ans Fenster in erregter Hast. Aber Fräulein Haber- korn schalt soviel herunter auf das Gedudel, daß der Wirt im Torweg ein Plakat anschlagen ließ: Betteln. Hausieren, Musizieren bei Polizeistrafe verboten." Nun kamen die Orgeldrcher auch nicht mehr. Eines Abends brannte der Dachswhl eines benachbarten Hinterhauses: eine arme Frau, die hoch oben eine Mansarde inne hatte, schrie mit ihren Kindern um Hilfe. In graufenvollem Entzücken stand Berta auf dem Küchenfensterbrett, den einen Arm ums Fensterkreuz ge- schlungen und beugte sich weit über. Ihre Kleider vom Zug- wind erfaßt, wehten wie eine Flagge: einzelne Funken, vom brennenden Dach herübergetrieben, stoben ihr ins Gesicht. Ihre Nüstern blähten sich, ihre weißen Zähne entblößten sich in einem Lächeln ha, nur eine Abwechselung, nur eine Ab- wechselung, um jeden Preis! Es betrübte sie fast, daß die Feuerwehr den Brand schnell löschte und die erregten Schreie der Furchtsamen nicht mehr ihr Ohr kitzelten. Bald war die einförmige Stille wieder da. Aber Berta lag wachend in ihrem Bett, die ganze Nacht: ihre aufgereizten Nerven konnten noch immer nicht zur Ruhe kommen. Sie fühlte sich belebter, aufgerüttelt aus ihrer stumpfen Gleichgültigkeit oh, wie gut ihr die kleine Ab- wechselung getan hatte! Lieber das Schrecklichste, nur nicht dies tötende Einerlei. Wenn der Süße nicht gewesen wäre! Sie trank immer häufiger davon, oft schon am frühen Morgen, und immer größere Schlucke. Aber sie hatte im halben Umnebeltsein nicht mehr die angenehme Empfindung fröhlichen Entrücktwerdens wie nach früherem Genuß: jetzt machten ein paar Schluck gar keinen Eindruck, sie mußte mehr nehmen. Und dann wurde ihr Körper schwer, die Gedanken vergingen ihr: sie schlief ein, auf dem Küchenschemel sitzend, den Kopf hintenüber an die Wand gelehnt. Wenn sie dann auffuhr aus bleiernem Schlaf, war sie gereizt und übellaunig: sie hätte alles zusammen- schlagen können, ihre Hände zitterton, ihre Mundwinkel zuckten in verhaltener Erregtheit. Ihr war schlecht zu Mut, und doch trank sie es war ihre einzige Zerstreuung. Das Frühjahr war geschieden. Ob Frühling, ob Sommer, Berta bemerkte den Uebergang nicht. Sonntags ging sie nicht mehr aus: es ärgerte sie so, wenn sie Leute froh sah. In sich gekehrt und verbissm hockte sie daheim, oder sie warf sich in ihrer Kammer aufs Bett und verschlief Stunden des langen, hellen Sommernachmittags. Ihr Spiegel zeigte ihr ein blasies Gesicht und matte, umschattete Augen: dann brach sie in Tränen aus. in brennende, fressende, zornige Tränenströme und ließ sich vor ihrem Lager auf die Knie fallen und vergrub den Kopf in den iKisien. So blieb sie liegen, matt, zerknickt, ganz kaputt ge- »nacht. Fräulein Haberkorn hätte zufrieden mit dem häuslichen Mädchen sein können, aber sie war es doch nicht. Wer sagte ihr. was diese Stille dachte?! War der zu trauen?! Mit- unter fing sie einen Blick dieser blauen, leicht von unten herauf schielenden Augen auf, der sie beunruhigte. Sorgsam wachte sie darüber, daß ihre Magd mit niemandem im Hause ver- kehrte. Kein Mensch durfte in die Küche: auch Mine nicht, seit sie die kürzlich in vertrauter Unterhaltung mit Berta betroffen. Warum kam die so heimlich angeschlichen? Einen Korb trug sie noch dazu am Arm, recht geeignet, um etwas wegzuschleppen

Was wollte die Reschke hier?" hatte Fräulein Haberkorn gefragt, als Mine gekränkt von deren mißtrauischem Blich sich rasch gedrückt hatte.Sie besuchen?! Besuche in dex Küche und Unterredungen auf den Hintertreppen sind mir nicht erwünscht. Bei solchen Klatschereien kommt nichts heraus: schlechte Zeugnisse sind die Folge. Das sollten Sie doch wissen!" Schlechte Zeugnisse! Berta zuckte zusammen sie hatte schlechte Zeugnisse. Wenn mir die Haderkorn davon nicht reden wollte! Davon konnte sie nicht hören. Und immer kam die in letzter Zeit damit, als hätte sie es gerade darauf ab- gesehen, sie zu reizen. Ein grobes Wort schwebte ihr auf der Zunge, aber die Kraft fehlte ihr, es auszusprechen. Sie senkte den Kopf und schielte nur mit einem raschen, finsteren Blick von unten herauf die Herrin an. Fräulein Haberkorn legte ihr, feit sie selber allsoimtäglich an der Vereinigung teilnahm, die jungen alleinstehenden Mädchen an freien Sonntagnachmittagen ein Heim und Unter- Haltung bot, Bücher in die Küchonschublade.Lesen Sie darin� es wird Sie interessieren und es wird Ihnen zugleich gub sein!" Aber Berta warf bald dielangweiligen Dinger" in einen Winkel oder trampelte sinnlos heftig darauf herum, von einem ihrer stummen Wutanfälle gepackt. Was da drin stände interessierte sie gar nicht. Das war von solchen ge» schrieben, die ja gar nicht wußten, wonach ein Mädchen ver» langt. Wenn sie doch wenigstens Mine hätte einmal sprechen können! Die war aber nur spät zu Hause zu treffen. Eine unerklärliche Sehnsucht nach Mine ergriff sie. Am Abend, als sie dem Fräulein den Tee hereingebracht Fränlein Haber­korn trank immer, ob's Sommerhitze war, ihren dünnen Tee fragte sie, ob sie eine Stunde ausgehen dürfe. Jetzt, am Wochentag?! So spät abends?I" Alsonein"! Fräulein Haberkorn war noch gar nicht fertig mit ihrer Verwunderung, da wendete sich Berta auch schon ab. Ohne abzuwarten, ohne ihrer Bitte noch ein weiteres Wort hinzuzufügen, verließ sie das Zimmer in stummem Trotz. In der Küche war es stickig und schwül: dumpf und brütend. Kein Lufthauch wehte von dem engen Hofe herauf. Von irgendwo kam Mägdegesang, unrein und larmoyant. Mit einem unartikulierten Laut riß sich Berta das Kleid am Halse auf und rang nach Luft, den Mnnd weit auf» gerissen, die Arme cmporgereckt. Dann fiel sie schwer auf ihren gewohnten Platz am Küchcnfenster. Mit der rechten Faust die Wange stiitzend, kaute sie an den Nägeln der linken Hand. Ihre Stirn, über der das seidene Blondhaar gescheitelt lag. war in tiefe Fallen gekrampft. Die Sommernacht wurde dunkler und dunkler, jedes Licht hinter den Fenstern des Hauses erlosch. Noch immer saß sie unbeweglich. Ihre Gestalt war in der Finsternis nur zu ahnen durch die noch finstereren Ilmrisse und das glitzernde Weiß der rastlos hin- und herrolleirden Augäpfel. Als an einem Vormittag der folgenden Woche Fräulein Haberkorn einen ihrer gewohnten, geheimnisvollen Gänge zum Bankier antrat, hatte sie kaum das Haus verlassen, als Berta die Küchentür hinter sich zuschlug und die Treppen hinabflog. Mochte das Gemüse anbrennen, die Suppe über- schäumen Menschen, Menschen, sie mußte Menschen sehen Ein paar Tage lang war sie krank gewesen, hatte sogac.- im Bett liegen müssen: was ihr eigentlich fehlte, konnte sie nicht sagen. Die Gier nach Leben, nach Menschen. O, nur nicht mehr diese furchtbare Einförmigkeit! Diese Einsamkeit,s in der Gedanken aufstanden aus allen Winkeln, die einen an- stierten mit irren, bösen Augen, bis man selbst ganz irr und' wir wurde. Die zu einem sprachen, mit flüsternden Stimmen,! lind doch so eindringlich, so deutlich, daß man jedes Wort ver- stand. Man hörte sie, auch wenn man beide Hände gegen die Ohren stemmte und in der Küche auf lind nieder rannte: immer hin und her. wie ein wildes Zier, immer hin und her. Mit einem tiefen Seufzer atmete Berta die freie Sommer- luft vor der Tür. Gut, daß sie sich endlich aufgerafft und deS Fräuleins Fortsein wahrgenommen! Und doch fiihlH sie sich gleich so matt, so niedergeschlagen, daß sie am liebsten wieder.