Mnterhallungsblatt des Horwärls

Nr. 76.

Mittwoch, den 21. April.

1909

(Nachdruck Setüoten.)

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Das täglicke Brot. Roman von C. V i e b i g.

Und Fräulein Haberkorn, die vor ihr auf dem Stuhle saß. wickelte und wickelte, langsam und bedächtig: steckte hier den Knäuel durch eine Schlinge und da wieder, zupfte dort mit spitzen Fingern und löste jetzt ein besonders festes Knöt- chen mit der Nadel. Berta unterdrückte ein Stöhnen oh, wie schlecht war ihr! Der Magen schien ganz leer, ganz verschrumpft, und dabei war ihr übel, übervoll. Inwendig, Kehle, Hals und Brust waren nur mehr eine ausgebrannte Furche, die nach einem Tropfen lechzt. Und ganz von unten herauf stieg es ihr wie ein Knäuel, an dem sie würgen mußte: in der Mund- höhle lief ihr der Speichel zusammen, trotzdem fühlten sich Zunge und Gaumen ganz trocken an. Sie konnte auf einmal nicht schlucken und mußte es doch unausgesetzt versuchen: ein Angstgefühl stellte sich dabei ein. Und gerade mitten auf der Brust zog sich's ihr krampfig zusammen: wie mit einem Messer bohrten sich ihr da Stiche ein, furchtbare, entsetzliche quälende Stiche. Und immer rascher folgten sich die Stiche, von dem Mittelpunkt schnitten sie herüber nach den Schultern und fuhren weiter herum nach dem Rücken. Ihre ganze Brust war ein Weh, das Kreuz wollte ihr durchbrechen. Und dabei die Angst, die fürchterliche Angst. Kalter Schweiß brach ihr aus. Sie schnappte nach Luft der Atem blieb weg. Jetzt schreien, schreien dürfen! Ihre tief erblaßten Lippen zitterten, ihre Augen wurden ganz stier. Nur nicht mehr die Fäden sehen, dieses ewige Knüpfen und Zupfen und Durchstecken! Füße und Hände, durchkribbelt von tausend Ameisen, waren ihr wie gelähmt und eiskalt. Tie Stube fing an, sich mit ihr im Kreise zu drehen. Ach, nur schnell einen Tropfen, sonst wurde sie ohn- mächtig! v. Die Wanduhr schlug neun. Fräulein Haberkorn schlang den letzten Rest Faden um den Knäuel.So, nun bringen Sie mir den Tee!" Berta wankte nach der Küche. An der Wand tastete sie sich entlang, sie sah nichts mehr, sie konnte kaum stehen, aber die Gier gab ihr Kraft. Hastig riß sie die Flasche hinter der Kiste hervor. Den Propfen heraus schon der Duft belebte sie neu schnell ansetzen-- Etwas Eigentümliches ließ sie inne halten. Sie sah es nicht, aber sie fühlte es, ein Auge ruhte auf ihr: sie hörte nichts, und doch war da jemand. Erschrocken fuhr sie herum Da stand Fräulein Haberkorn, lang und schwarz und regungslos, und starrte sie an. Bertas Kniee knickten ein, die Hand, die die Flasche hielt, sank schlaff herunter. Was trinken Sie denn da?" Ich ich l" Weiter brachte Berta nichts heraus, sie war betäubt von Schreck.---- Oh, die furchtbare Schwarze! Die furchtbaren Augen! Alle Schauer abergläubischen Entsetzens, alle Schrecken einer verirrten Phantasie überrieselten das Mädchen. Wie war die da hinter sie gekommen, so lautlos, ohne Tritt, ohne Atemzug?! Die schwarze Gestalt wurde zum Riesenschatten, der immer höher und höher wuchs. Berta fürchtete sich: ohne Widerstreben ließ sie sich die Flasche aus der Hand nehmen. Das Fräulein roch daran.Was, Schnaps? Sie trinken Schnaps!?" Berta stand wie eine Gerichtete: jetzt sank sie wimmernd auf den Küchcnstuhl und schlug die Hände vors Gesicht, sie zitterte am ganzen Leib. Die Haberkorn betrachtete das Mädchen stumm mit ihren schwarzen Augen was würde die nun sagen?! Minuten vergingen. Berta sprach kein Wort; nur ihr Zittern wurde immer stärker. Ei, die hatte ja Angst! Das Fräulein reckte sich mutig auf.Was, Sie schämen sich nicht, in meinem Hause Schnaps zu trinken? In meinem anständigen Hause! Und bei Ihrer Jugend?! Haben Sie denn gar keine Ächtung vor sich selber?

Nehmen Sie keine Rücksicht auf Ihre Herrschaft, auf Ihre eigene Zukunft? Wissen Sie denn nicht, im Branntwein steckt der Teufel?! Also daher die schlechten Zeugnisse und immerfort das Wechseln?! Trinke» Sie schon lange? Sie trinken wohl oft?" Keine Antwort. Eine Säufcrin! Also eine komplette Säuferin! Pfuil Wollen Sie den Weg gehen, den leider so viele aus unteren Ständen gehen? Trunksüchtige Männer, trunksüchtige Weiber. Trinken ist aller Laster Anfang, es führt zum Verbrechen. Oh! Das Fräulein schauderte min doch und sah sich um, als lauere schon einer auf sie. Wo haben Sie das Geld zum Schnaps her? Von Ihrem Lohn werden Sie's schwerlich genommen haben!" Ein früherer Argwohn schien in Fräulein Haberkorn wieder rege zu werden, ihre Augen fuhren spähend umher.Daß man so Vertrauens- selig ist! Jetzt bin ich sicher, ich Hobe mich nicht getäuscht, als ich manches vermißte. Ist das der Dank dafür, daß ich Sie genommen habe, trotz Ihrer miserablen Zeugnisse, nur auf der Reschke ihre Empfehlung hin?! Die soll mir aber kommen! Mir eine solche Person ins Haus zu bringen, cm Mädchen, das Schnaps trinkt! Aber das spielt eben alles unter einer Decke. Sie gehören eigentlich in ein Korrektions- haus, da könnten Sie noch von dies-r unseligen Leidenschaft geheilt werden!" Berta ließ ein dumpfes Wimmern hören. - Fräulein Haberkorn vernahm es mit einer gewissen Genugtuung hatten ihre Worte bereits so gewirkt, bereute das Mädchen?! Das klägliche Winimern stimmte sie milder. Ich werde einmal mit einem Geistlichen und mit dem Vor- stand des Rettungsvereins Rücksprache nehmen. Sie sind noch so jung" Erneutes Wimmern Bertas. Sie können noch auf den rechten Weg gebracht werden. Schnaps, Schnaps pfui!" Kopfschüttelnd hielt sie die Flasche gegen das Licht, beroch sie wieder und ging dann ins Zimmer zurück. Die Flasche nahm sie mit. Berta blieb sitzen, sie hatte nicht die Kraft, aufzustehen. Von allem, was die Haberkorn gesagt, hatte sie nichts gehört. Ihre Brust wurde unausgesetzt von dem Krampf zusammen- geschnürt: das war ein Wühlen da innen, ein Quälen, eine Pein wie sollte sie's nur aushalten? Sie ließ die Hände vom Gesicht sinken und sah sich verzweifelt um. Sie war allein. Die Küchenlampe warf zitternde Kringel gegen die weißgetiinchte Decke: der Petroleumkocher qualmte und dunstete, das Wasser im Kesselchen kochte längst, strudelte über und stieß mit seiner Gewalt den Deckel herunter, daß er auf die Diele kollerte. In nervösem Schreck fuhr Berta hoch aus. Ah, das Wasser kochte, die Haberkorn wollte jetzt Tee trinken! Trinken--- 1 Ihre Zunge drängte sich zwischen den zusammengepreßten Zähnen durch und fuhr lechzend über die Lippen. Ha, die Flasche suchend rollten die Augen umher-- wo war sie?! Weg! Die Haberkorn hatte sie fortgenommen. Wild schlug Berta mit den Händen um sich:Mein Süßer!" Und sank dann wieder in sich zusammen.' Das Wasser brodelte und quackerte und lief über: zischend und schwelend erlosch die Petrolenmflamme und füllte den Raum mit häßlichem Gestank. Berta erhob sich; in gekrümmter Haltung, sich am Herd- rand weiter tastend, schlich sie zum Kocher. Sie goß den Tee auf, wie alle Tage, wartete die Minuten richtig ab, die er zum Ziehen brauchte: aber sie wußte nicht, daß sie's tat, sie war eine Maschine. Trinken, trinken, nur mal einen Tropfen lecken! Immer lechzender hing ihre Zunge. Die Kehle war ihr wie aus- gebrannt, hatte sich förmlich verengt.Oh;!" Sie stieß ein langes, zitterndes Stöhnen aus. Die Pein war zu groß. Nur den Süßen, den Süßen her! Ihre Hand hielt das Tablett unsicher, es schwankte, das Teekännchen rutschte hin und her. Ihr ganzer Körper bebte: da war kein Glied, kein Muskel, kein Nerv, der nicht zuckte. Mit wankenden Schritten erreichte sie die Stubentür. Sie nahm sich zusammen: möglichst geschickt wollte sie das Tablett vor Fräulein Haberkorn hinstellen, aber sie konnte es nicht