Mnterhaltmigsblatt des Worwärts Nr. 86. Mittwoch, den 5. Mai. 1909 US * (NachdruS VerVoten.) g] Grbaltuncf der Kraft. Novelle von Timm Kröger, Viele Jahre sind vergangen. Fritz ist Maschinenschlosser geworden, er wohnt am Rhein und hat eine eigene Fabrik. Einmal hat er Altenhof besucht und sich mit dem Alten aus- gesöhnt. Der war schon schwach und krank, den Sohn hat er aber gut erkannt.Bist mein guter Fritz," hat er gesagt, ich konnte aber nicht anders." Der Besitz hat schlechte Zeiten gehabt, und mehrere Male hat es auf des Messers Schneide gestanden, hat der Bankerott gedroht. Einmal haben gute Freunde, ein andermal hat eine kleine Erbschaft ausgeholfen. Gleich nach der Konfirmation nahm Martin sich des vernachlässigten Geweses an. Nun blüht es auf, nun werden Jahr für Jahr Schulden abgestoßen. Viele Jahre sind vergangen Kriegsjahre Friedens­jahre und wieder Krieg. Und dann hat eine ganze Welt in Waffen gestanden. Die Kriegshörner riefen aber weither aus fremdem Land. Martin ist dabei gewesen, der Schuß, ven er in die Backe erhalten hat, ist nur noch an einer kleinen Narbe zu sehen. Und nun ist es Frühling. Der Tag geht zur Neige, und still und einsam wiegt er den friedlichen Hof. Duft von Gras und Heu, zum erstenmal surrt heute die Sense im Gras. Ein großer, knochiger, blonder Bauer in langen Schäften stiefeln geht über die Diele Martin Uhrhammer. Er muß nach dem Sterbrook hinunter, bei den jungen Pferden, die dort grasen, nachzusehen. Er hofft aber auch, sein Mädchen, an deren Garten der Weg vorbeiführt, zu treffen. Die Haus hälterin läuft hinter ihm her und meldet, daß Grütze an geschafft werden muß.Ich will morgen nach Hamaschen fahren," entgegnet er,und einen Sack holen." Er will gehen, aber erst ist noch den jungen Kälbern, die im Stall sind. Gras vorzuschütten. Heute muß er an alles denken, denn Groß und Klein ist auf der Wiese. Vor allen Dingen: Hat der Alte auch sein Recht bekommen? An Tagen wie heute wird ein armer, kranker Mann leicht der- gesfen. Der Alte ist nur noch ein- schwachsinniger, hilfloser, ge- lähmter Greis, und es war gut, daß Martin an ihn dachte. Wie der Kranke die Schritte seines Sohnes hörte, fing er gleich an zu klagen, daß die Pfeife aus sei. Das Rauchen ist seine einzige, seine letzte Freude. Martin brachte die Sache in Ordnung, rief auf die Mädchen: es war niemand zu haben. Da entschloß er sich, dem Bruder aufzutragen, nach einer Stunde dem Alten die zweite Pfeife zu geben. Er vermutete ihn in seiner Werk- stätte, denn Klaus war ein Bastler, immer in der Klüter- kammer dabei, das Perpetunm mobile zu erfinden. Fast in jedem Dorfe sitzt ein an sich gescheiter, aber schlecht geführter Kopf und müht sich ab, das Wunder des sich niemals erschöp- senden Oelkruges wahr zu machen, die Maschine zu erfinden, deren Kraft niemals aufgefüllt zu werden braucht. Ein aus- geprägter Fall dieser Art ist der jüngste Uhrhammer Rein- kultur des Kllltergeistes seines Geschlechts. Es wäre nichts natürlicher, als zu tun wie Fritz, eine Kunst oder ein Handwerk zu erlernen, das seiner Neigung entspräche, wenn möglich, ebenfalls Reichtum zu erwerben. Aber da steht ihm sein Anerbenrecht im Wege. Das Ancrbcnrecht stand im Wege, obgleich Klaus von der Bauernwirtschaft nichts verstand, sich auch nicht darum küm- werte. Oder vielmehr: es stand Gottes Ordnung, an der er nicht zu rütteln wagte, im Wege. Die Not der Frage, die Fritz in die Fremde getrieben hatte, hing noch immer dräuend über Altenhof. Sie wird auch mich noch von hinnen jagen, denkt Martin, wenn er sich im Schweiße des Angesichts für Altenhof abarbeitet. Und dabei habe ich nicht einmal Aus- ficht, Fabrikant und reich zu werden wie mein Bruder. In der Klllterkammer am Schraubstock stand ein junger Mann, an einem Eisenstück feilend der Anerbe. Ein bleiches, schmales Grüblergesicht. Man bekam von diesem Gesicht vor allem den Eindruck verkümmerter Jugend: ver- stand man aber weiter zu lesen, dann sah man in den feinen Falten zugleich die Zuversicht kommender Siege. Er hatte, glaubte er, Grund zu seiner Zuversicht, es fehlte nach seiner Ueberzeugung nur ganz klein wenig an der Lösung, etwas, das kaum der Rede wert war. Und wenn das kommt, was kommen muß, dann kommt auch das Glück, Anerkennung und Ruhm kommen und der Lohn und die Vergeltung dafür, daß Klaus Uhrhammer seine taufrische Jugend in dumpfer Werk« statt verklütert und versonnen hat. Martin verstand nichts von Klaus' Sachen und hielt sie meistens für Narrheit; die Tage, wo ihn die Sieges- stimmung seines Bruders mit forttrug, waren selten, aber immer gönnte er ihm die stolzen Flüge. Und nun bat er, nach dem Alten zu sehen. Rund um den Erfinder herum waren Winkel und Räder und Maschinen- teile. Große Holzscheiben an den Wänden und alle durch Riemen und Räderwerk auf Kurbeln zurückgeführt. Martin bat, dem Vater die zweite Pfeife zu stopfen. Dem Maschinen- meister kam es unpaß, aber er sagte zu.Es macht mir nichts aus"> entgegnete erich hab's im Kopf, und lange kann es nicht mehr dauern, dann Hab ich es auch in der Hand. Da kommt es auf ein paar Minuten nicht an." Und dann folgte eine Erklärung dessen, was er so oft erklärt hatte. Zöllner und Sünder waren die Auserwählten des Herrn, ein Ungelehrter wird auch hier der Auscrwählte sein.Sieh, wenn ich die Kurbel drehe und die Räder bewege, sie schtvin- gen weiter, wenn meine Hand auch nicht mehr an der 5turb?l liegt. Da liegt's, das ist die Kraft: es fehlt nur noch, daß man sie festmacht, so daß man sie auf den Wagen laden und verkaufen kann. Aber das ist nur eine Kleinigkeit, in d'.r Hauptsache bin ich fertig." Martin war wie ein Ochs am Berg und verhehlte es nicht, Da Hab ich keine Einsichten von," sagte er.Ich versteh mich nur auf den Acker." Es lag ihm noch etwas auf dem Herzen. Einen Augen- blick zögerte er, dann fuhr er fort:Da wir just darauf kommen. Klaus, will ich's noch mal zur Sprache bringen. Wenn Vater die Augen mal zugemacht hat, gib mir die Stellei Ich verlange es ja nicht umsonst, ich geb an Geld, was der Hof nur tragen kann. Und dann will ich Dir ein Verlehnt einschreiben lassen, wovon Du allein leben kannst. Und im Garten kriegst Du ein kleines Haus mit einer Werkstätte, da kannst Du klütern soviel Du willst." Die Stirn des Klüterers war bewölkt, als er antwortet«: Martin, ich meinte, damit seien wir zu Ende. Und fängst Du wieder an? Du weißt, daß ich nicht kann. Es ist nun mal die Ordnung hier auf dem Hof und ist immer so gewesen, - Alles, was Du willst: das kann ich nicht." Da wandte Martin sich um und ging wortlos über die Schwelle der Klüterkammer, um nach den Sterbrookerwiesen und zu Elsbe Wulfsen zu kommen. » Es war nicht mehr ganz früh am Abend, als er zurück- kehrte. Mit den jungen Pferden war es in Ordnung gewesen. Elsbe Wulfsen zu treffen, hatte sich nicht machen wollen. Aber der ihm bekannte Jochen Martens war ihm begegnet und hatte erzählt, daß der vor zehn Jahren ausgewanderte Johann Steffen aus Amerika bei feiner Mutter auf Besuch sei und die Dinge der anderen Seite des Wassers lobe, daß man's kaum glauben könne. Das ganze Haus sei voll von Besuch. Geh auch mal hin! Johann hat schon nach Dir gefragt." Da war er hingegangen. Johann, aus dem jetzt ein John geworden, war sein Schulkamerad. Er wollte ihn begrüßen und von Amerika hören. John räsonnierte denn auch, daß sich die Balken bogen. Ein Bauerknecht verdiene Kost und tausend Mark, und das Leben sei frei und ungebunden. Das und anderes wurde in langen Reden in dem mit englischen Brocken gespickten platt- deutschen Kauderwelsch, das man in Iowa spricht, hin- geschnackt. Mutter Steffen war vor Stolz und Freude außer sich. Nur eins blieb ihr dunkel.Wollte Dich noch was fragen, Martin," sagte sie, als sie ihn beim Abschied hinausbegleitete: Johann spricht ja immer vonyes". Meint er den alten Anton Jeß oder den jungen Friedrich Jeß damit? Und was haben die Jessens immer da mang zu tun?"