Anterhallungsblatt des HorwSrls
Nr. 122.
Sonnabend� den 26. Juni.
1909
(Nachdrua Verbote».) i9] Der Hrbciter Schcwyrjoff. Revolutionsgeschichte von M. A r t z i b a s ch e w. Autorisierte Uebersetzung von A. Villard u. S. B u g o w. Er ging schnell und mit immer schnelleren Schrittsn, während er sich mit aller Kraft zurückhielt, um nicht ins Laufen zu kommen. Auch so war er schon aufgefallen, und viele blickten ihm verwundert nach. Ein furchtbare Gewalt stieß ihn unaufhaltsam in den Rücken. Er wollte sich umsehen und konnte sich nicht dazu aufraffen. Ihm kam es vor. als würde er bereits ergriffen, als streckten sich Dutzende Hände von allen Seiten nach ihm aus. Ein schönes hohes Gitter, Bäume, gelbe Blätter und ein Blumenbeet, Damen, Offiziere und Kinder schwirrten wie im Traume an ihm vorüber: ohne in den Garten einzubiegen, kam Schewyrjoff jetzt, fast schon im Laufschritt, auf den steilen holprigen Steg über die Fontanka'). Undeutlich fielen ihm die flachen Verdecke der Kähne, die gebückten Bauern, die mit hohen Stangen in etwas herumrührten, in der nebligen Ferne die Häuser und Boulevards auf: er rannte, nicht mehr im- stände, den wahnsinnigen Druck zu bemeistern, die Brücke hin- unter. Der postenstehende Schutzmann, ein vierschrötiger roter Kerl mit grauem Schnurrbart, rief ihm etwas zu, aber Sche» wyrjoff verschivand hinter einer Droschke, erblickte vor sich ein verwundertes Frauengesicht, über dem ein sonderbarer hell- blauer Hut saß, und stürzte, um zwei andere Droschken schlüpfend, in eine leere Gasse. Jetzt hörte er in der Ferne vielstimmiges Schreien, sah sich aber nicht um, sondern rannte, ohne sich noch irgendeines Gedankens bewußt zu sein, in das erstbeste geöffnete Tor. Er kam in einen Hof, der wie ein Schacht hochstieg: eine Kinder- Wärterin und zwei Kinder mit hellblauen Schuten auf dem Kopf, gerieten ihm direkt unter die Füße. „Was rennst Du so, wie ein Verrückterl Um ein Haar die Kinder umgerannt!" rief die Wärterin, aber Schewyrjoff schnellte ohne Antwort vorbei und lief durch ein anderes Tor, das einem schmutzigen, feuchten Keller glich, in einen zweiten Hof. Er glaubte zu hören, wle die Kinderwärterm schrie: „Da, in dieses Tor ist er gerannt... m dieses dal" Dutzende von Fenstern und Türen sprangen ihm in die Augen: wieder blieben Menschen mit unbekannten Gesichtern stehen und schauten ihm nach, überall war es kahl und hell wie in einer Einöde: alles stieß ihn wie einen Feind von sich. Er blieb stehen und sah um sich. In dem dunklen Rahmen des Torwegs erblickte er deutlich, wie auf einem Bilde, die Menge, die über den ersten Hof hinter ihm herkam. Ganz vorn lief der dicke Schutzmann in einem schwarzen Mantel, der fortgesetzt um seine Beine schlug: Schewyrjoff glaubte zu erkennen, wie er im Lauf mit dem Revolver auf ihn zielte. Das war momentartig wie ein Vision: im nächsten Augenblick erblickte er schon auf der Seite einen neuen Torweg, der nach einem Seitenhof führte, und stürzte, keuchend, einen scharfen Schmerz in der Brust, dorthin. Ein Fremder, der anscheinend achtlos auf ihn zukam, blieb stehen, schaute sich um, iiber Schewyrjoffs Schultern weg und breitete plötzlich, das Gesicht zu einer raubtierartigen Grimasse verzogen, die Arme aus, dadurch den Weg verstellend. „Halt... bleiben Sie stehen, bleiben Sie mal stehen!" riefer, fast belustigt, wie es schien. „Durchlassen!" antwortete Schewyrjoff heiser,„was geht das Sie an!" „Ach nein... Warten Sie mal.., Hilfe!" brüllte er plötzlich und packte Schewyroff. „Halt ihn!" wurde aufmunternd von hinten gerufen. Für einen Augenblick sah Schewyrjoff in ein unbekanntes Gesicht mit schwarzem Schnurrbart und sinnlos wütenden Augen, dann schlug er knapp in verzweifelter Kraft mit der Faust in dieses Gesicht. „Att!..." Kurz schluckte der Mann auf und rollte wie ein vollgestopfter Sack auf die Seite. •) Kleiner Fluß in Petersburg , in der Nähe der Newa .
„Ha— a! Halt ihn!" schrie es durch die Luft, und da» feine Trillern des Polizeipfifses bohrte sich in die Ohren. Doch Schewyrjoff bog um die Ecke: in der dunklen Haus« mauer erblickte er eine helle Oeffnung, die nach der Strahs ging. Die schwarzen Umrisse von Menschen huschten da vorüber. 14. Es war ringsum schauerlich wie auf einem ungeheuren Kirchhof. Es roch nach feuchtem Lehm und Ziegelschutt: da« mit vermischte sich in dem Winkel, in den sich Schewyrjoff ge« drückt hatte, ein besonderer Geruch wie von jahrhunderto» altem Staub. Seit einigen Stunden stand er hier, hinter einem Schutt- Haufen, in der Ecke eines Hausumbaues. An den Stellen, wo eingestürzte Wände und braune Lehmflecken, die wie Wunden klafften, Spuren ehemaligen Prunkes noch nicht verwischt hatten, hingen Fetzen teurer alter Tapeten, Reste von Ver- goldungen und modellierten Verzierungen. Einst hatten hier andere, gepuderte Menschen der Vergangenheit gewohnt. In diesem selben Zimmer schlief vielleicht eine verwöhnte, elegante Fürstin, gan� in Spitzen und Batist gehüllt— ein Wunder der Schönheit und Lebenskunst, die nur auf dem Boden einer Jahrhunderte alten und unerschütterlich schei- nenden Ordnung, die die blutgetränkte und leichengedüngte schwarze Erde ausgesaugt hatte, erblühen konnte. Jetzt aber war das alles unter den gierigen und robusten Händen der neuen Herren zertrümmert worden, und in einer blauen Ecke hob sich eine verwilderte Gestalt mit dem Revolver in der Hand tiefschwarz von dem Hintergrund irgendwelcher blaß» goldenen Lilien ab. Schewyrjoff war hierher geraten, nachdem er seine Ver- folger irregeführt hatte, durch einen Holzhof gelaufen und über einen Bretterzaun geklettert war. Zuerst fürchtete er, daß diese Zufluchtsstätte nicht zuverlässig sei, da man einen unbewohnten Bau zu allererst durchsuchen würde; weiter zu fliehen, fehlten ihm die Kräfte, und so blieb er. Lange konnte er nur heiser atmen und mit der schlaffgewordenen Hand krampfhaft den Revolver drücken, bereit, den ersten über den Haufen zu schießen, der sich in der Bresche der zertrümmerten Türe zeigen würde. In den Ohren gellte ihm noch das Ge- schrei, brauste das Stampfen vieler Füße, die schwer über die Reste einer marmornen Freitreppe liefen. Seine Brust hob sich mit stoßweise pfeifenden Tönen, seine Augen brannten wild wie bei einem zu Tode gehetzten Wolf. Aber Minuten, und dann auch Stunden, vergingen, in denen alles leer und still blieb, und nur selten drangen surrende Geräusche von der Straße aus zu ihm. Schewyrjoff konnte nicht mehr denken; er verstand kaum, was ringsum vorging. Er wartete nur instinktiv auf die Dunkelheit und schloß jede Minute die Augen, außerstande, gegen die furchtbare Schwäche, die den ganzen Körper lähmte und ihn mit widerwärtigem Zittern schüttelte, anzukämpfen. Schloß er die Augen, so sah er Straßenzüge flimmern, Ge- sichter auftauchen, Hände sich nach ihm ausrecken. Zweimal hatte man auf ihn geschosien: es hatte sich aber kaum seinem Gedächtnis eingeprägt und konnte auch Einbildung ge- Wesen sein. Dafür war ein anderer Eindruck um so schreck- sicher, der ihn auch nicht verließ. Alle, die ihm während dieser letzten Hetze um Tod und Leben begegneten, waren Feinde gewesen. Keiner hatte versucht, ihn zu verstecken, seine Verfolger aufzuhalten oder wenigstens den Weg frcizu- geben. Wenn sich einmal ein Gesicht nicht in gieriger Wut verzog, wenn sich ihm einer n i ch t in den Weg stellte, nicht die Hand ausstreckte, um ihn zu ergreifen, dann war eS sicher irgend ein Gleichgültiger oder Neugieriger, der sich einfach die Jagd auf einen Menschen betrachtete. Gerade die Erinnerung an diese war am schärfsten und brannte in seiner Seele schmerzlicher als die Gesichter seiner Verfolger, von denen er sich eigentlich gar keine Vorstellung machte. Das war etwas Unpersönliches und Blindes, das war wie ein Rudel dressierter Jagdhunde hinter ihm her gewesen. Schewyrjoff dachte nicht darüber nach, wi« nahe der Tod und wie gering die Aussicht aus Rettung war er dachte nur. ob es ihm gelingen würde, fernen grar<diosed Plan auszu-