Nnterhaltungsblatt des'Vorwärts Nr. 133.' tSm Dienstag, den 13. Juli. 1909 tNachdruck verboten.) 01 Die Inlelbauern. RoMn von August Strindberg . Deutsch von Emil Schering . ' Durch Normans Abfall wurde auch die Jagdlust des ÜSohnes herabgesetzt, denn allem umherzufahren war kein Ver gnügon. Infolge dieses Mangels an Gesellschaft schloß sich Gustav den anderen bei der Arbeit an. Rundqvist zu schuppen, war etwas schwerer: dieser Fisch war sowohl häßlich wie alt: aber Carlsson kriegte ihn auch bald in den Fischkasten. Statt Geldstücke zu opfern, ließ Carlsson die Netze aus� bessern und neue Leinen in alle Schleppzüge ziehen: und siehe da, der Strömling blieb besser hängen als früher. Statt mit der auf einem anderen Baum gewachsenen Mistel nach neuen Quellen zu suchen, ließ Carlsson den alten Brunnen füttern und reinigen, baute eine Wanne darum und steckte einen PumpMstock hinein: damit war die Mistel auf den Kehrichb Haufen geworfen. Statt die Kühe zu besprechen und Feuer über sie zu schlagen, ließ er sie putzen und gab ihnen trockene Streu. Konnte Rundqvist Hufnägel schmieden, zog Carlsson Haken: konnte Rundqvist eine Egge schnitzen, tischlerte Carlsson sowohl Pflug wie Walze. Als Rundqvist sich aus allen semen Maulwurfslöchern verjagt sah, griff er zu Mitteln, die mehr in die Augen fielen. Er begann rings ums Haus aufzuräumen: schaffte weg. was man den Winter über aus Nachlässigkeit oder infolge der Dunkelheit hatte„fallen" lassen: machte Hühnern und Katze den Hof: setzte eine neue Klinke an die Tür. — Nein, wie nett Rundqvist geworden ist: hat uns eine neue Klinke an die alte Tür gemacht! Ja, er kann nett sein, wenn er nur will. ,.v So hörte Carlsson die Mägde in der Küche sprechen. ' Aber Carlsson war wie ein Pfeil hinter ihm her. Eines Morgens war der Herd weiß gestrichen: eines anderen Morgens waren die Wassereimer grün angemalt, mit schwarzen Rändern und weißen Herzen: wieder eines anderen Morgens lag das Holz unter einem Dach, das er hinter der Vorratskammer aufgeschlagen. Carlsson hatte vom Feind gelernt, die Großmacht der Küche zu gewinnen: mit dem neuen Pumpenstock war er unwiderstehlich geworden. Rundqvist war jedoch zäh und hinterlistig: in einer Sonnabend nacht strich er den Abtritt grell rot. Carlsson aber war ihm gewachsen; er gewann Norman mit einem Viertel Branntwein, und in der Dreisaltigkeits- nacht hörte die Alte, wie es um die Winde des Hauses tuschelte und raschelte: da sie aber zu verschlafen war, um aufzustehen, sah sie erst am Morgen, daß die ganze„Stuga" rot angestrichen war und weiße Fensterpfosten und weiße Dachrinnen hatte. Damit war es mit Rundqvists Kraft, einen für sein Alter gar zu anstrengenden Kampf fortzusetzen, zu Ende. Man lachte jetzt über seinen köstlichen Geschmack, die Per- schönerungen mit dem Abtritt zu beginnen. Norman, als echter Abtrünniger, machte einen Witz über ihn, der lange im Schwange blieb: „Man muß am rechten Ende anfangen", sagte Rundqvist und strich zuerst den Abtritt an. Rundqvist ergab sich, legte sich aber auf die Lauer, um noch einmal neue Schliche zu versuchen oder einen vorteil- haften Frieden zu schließen. Gustav ließ sie gewähren; er sah zu und fand gut, was geschah. „Pflügt ihn nur," dachte er;„ich werde schon kommen und einheimsen." ♦#• �tr- Bisher hatte Carlssons Tätigkeit noch nicht Zeit genug gehabt, um es zu greifbaren Ergebnissen zu bringen. Das Geld, das für den Verkauf der Kühe eingenommen war, hatte allerdings einige Tage im Sekretär gelegen, nachdem es bei der Aufzählung einen ausgezeichneten Eindruck ge- macht; es war aber bald wieder ausgegeben worden und hatte die Leere des Vermissens zurückgelassen. Es ging gegen Mittsommer. Carlsson hatte viel zu be« stellen gehabt und wenig Zeit zu Spaziergängen gefunden. Eines Sonntagsnachmittags ging er aber die Höhe hinauf und guckte sich um. Da fiel ihm die große Stuga in die Augen, die mit herabgelassenen Rollgardinen verödet dastand. Neugierig, wie er war, ging er hin und fand die Tür offen. Er trat in den Flur und entdeckte eine Küche: ging weiter und kam in ein großes Zimmer, das wirklich herrenmäsiig aussah: weiße Gardinen, Himmelbett mit Messingbeschlägen, ein Spiegel mit geschnitztem und vergoldetem Rahmen und geschliffenem Glas— das war fein, das wußte eyj— Sosa, Sekretär, Kachelofen: alles genau wie auf einem Herrenhof. Auf der anderen Seite des Flurs war ein ebenso großes Zimmer mit Kamin. Eßtisch, Sofas, Wanduhr... Er war erstaunt und empfand Respekt. Bald aber be« gann er die Besitzer, die so wenig Unternehmungsgeist be- saßen, zu bemitleiden und zu verachten; besonders als er sah, daß das Haus noch zwei Kammern mit mehreren ge-, machten Betten hatte. „Oh, oh, oh", dachte er laut;„soviel Betten und keine Badegäste." Von dem Gedanken an die künftige Einnahme berauscht, ging er sofort zur Alten hinunter und hielt ihr vor, es sei Verschwendung, die Stuga nicht an Sommergäste zu der« mieten. „Ach was. wir finden niemand, der hier wohnen will!" wehrte sich die Alte.' „Wie wißt Ihr das? Habt Ihr versucht? Habt Ihr die Stuga in der Zeitung angezeigt?" „Das heißt nur Geld in die See werfen!" meinte Frau Flod . „Man wirft auch Netze in die See", antwortete Carlsson. „Und das muß man tun. wenn man was erhalten will." „Versuchen kann man's ja; aber Badegäste kriegen wir nicht," schloß die Alte, die nicht mehr an die Erfüllung von Wünschen glaubte. Acht Tage später kam ein feiner Herr über die Wiese und sah sich um. Er kam näher. Als er in den Hof eintrat, wurde er allein von dem Hund empfangen, weil sich die Leute, nach ihrer Gewohnheit, aus Schüchternheit oder Fein- gefühl, in Küche und Stube verborgen hielten, nachdem sie vorher in einem Knäuel draußen gestanden und den Besuch angegafft hatten. Erst als der Herr in die Tür trat, kam Carlsson als der Mutigste ihm entgegen. Der Kämmling hatte eine Anzeige gelesen. „Ja, ja, das ist hier!" Carlsson führte ihn nach der Großstuga hinauf. Der Herr war ziemlich zufrieden. Carlsson versprach alle Verbesserungen, wenn sich der Herr sofort entscheide; denn der Bewerber seien viele, und die Jahreszeit sei vor- geschritten., Der Fremde schien von der schönen Lage des Hauses ge« fesselt zu werden und beeilte sich, abzuschließen. Nachdem beide Teile sich nach den gegenseitigen Ver« Hältnissen, wirtschaftlichen sowohl wie Familien-, erkundigt hatten, entfernte der Fremde sich wieder. Carlsson begleitete ihn bis zur Feldtllr. Dann stürzte er in die Hütte zurück und legte vor Hausfrau und Sohn sieben Scheine zu je zehn Kronen und einen zu fünf auf den Tisch. „Aber es ist nicht richtig, den Leuten soviel Geld abzU« nehmen", murrte die Alte. Gustav aber war zufrieden, zum erstenmal sprach er Carlsson seine Anerkennung aus, als dieser erzählte, wie er durch den Hinweis auf viele Bewerber den Herrn gedrängt habe. Geld auf den Tisch, das war ein Trumpf für Carlsson. Nach diesem Stückchen, bei dem ihm seine Erfahrung in Ge- schäftssachen zugute gekommen war, sprach er in einem höheren Ton. Es sei nicht bloß das bare Geld für die Miete, das ihnen in den Schoß gefallen; es werde auch indirekte Einkünfte regnen./ Und Carlsson malte die Aussichten den lauschenden Zu« Hörern in raschen Zügen aus.
Ausgabe
26 (13.7.1909) 133
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