Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 143. Dienstag, den 27. Juli. 1909 (Nachdruck verboten.) 191 Die Inselbauern. Roman von AugustStrindberg. Deutsch von Emil Schering . 5. Kapitel. '(Man schlägt sich beim dritten Aufgebot, geht zum Abendmahl und hält Hochzeit, kommt aber doch nicht ins Brautbett.) Daß niemand besser ist, als wenn er stirbt, und niemand schlechter, als wenn er sich verheiratet, mußte Carlsson bald erfahren. Gustav hatte gebrüllt wie ein hungriger See« Hund, hatte drei Tage lang, während Carlsson eine kleine Reise unter irgendeinem Vorwand unternahm, getobt. Der alte Flod wurde aus der Erde ausgegraben und nach allen Seiten gewendet, um für den besten Menschen erklärt zu werden, der bisher geschaffen worden. Dagegen kehrte man Carlsson um wie alte Kleider, um ihn auf der inneren Seite voller Flecken zu finden. Man entdeckte, daß er Bahn« ar-beiter und Reiseprediger gewesen, von drei Stellen fort- gejagt worden, einmal ganz sicher geflüchtet, einmal, nach nicht verbürgter Angabe, wegen Schlägerei bestraft worden sei. Das alles hielt man Frau Flod unter die Nase; aber die Flamme war nun einmal entzündet, und mit der Aussicht, daß der Witwenstand zu Ende sei, schien die Alte wieder auf- zuleben und sich ein dickes Fell anzulegen, daß sie alles ver- tragen konnte. Die Feindseligkeiten gegen Carlsson hatten ihre Wurzel darin, daß er, der Fremdling, jetzt durch die Heirat in Besitz dieses Stückes Landes kommen sollte, daß die Eingeborenen gewissermaßen als ihr Eigentum betrachtet hatten. Da die Alte wahrscheinlich noch manches Jahr leben würde, verringerten sich des Sohnes Aussichten, einmal sein eigener Herr zu werden; und seine Stellung auf dem Hof würde künftighin wohl die eines Knechtes sein, und zwar unter der Vormundschaft und dem guten Willen des früheren Knechtes. Es war also ganz natürlich, daß der Abgesetzte raste. Er gab der Mutter scharfe Worte, drohte, zur Polizei zu gehen, Anzeige zu machen und den künftigen Stiefvater fortjagen zu lassen. Noch böser wurde er, als Carlsson von seiner kleinen Reise im schwarzen Sonntagsrock und der Seehundsmlltze des seligen Flod zurückkam, die er bei der ersten zärtlichen Ge- legenheit als Morgengabe erhalten hatte. Gustav sagte nichts, bestach aber Rundqvist, Carlsson einen Schabernack zu spielen. Eines Morgens, als man sich an den Friihstückstisch setzte, lag auf Carlssons Platz ein Handtuch, das eine Menge un- sichtbarer Dinge verbarg. Carlsson, der nichts Böses ahnte, hob das Handtuch auf und sah sein Tischende mit all dem Plunder gedeckt, den er in seinen Sack gesammelt und unter dem Bett auf seiner Kammer verborgen hatte. Da standen leere Hummerbüchsen, Sardinendosen, Champignonkrllge, eine Porterflasche, unendlich viel Korke, ein gesprungener Blumentopf und anderes mehr. Ihm wurde grün in den Augen; er wußte aber nicht, gegen wen er losbrechen sollte. Rundqvist verhalf ihm zu einem Ableiter, indem er er- klärte, das sei ein üblicher„Spaß" in der Gegend, wenn sich jemand verheirate. Unglücklicherweise kam Gustav gerade hinzu, um sein Erstaunen auszusprechen, daß der Lumpensammler so früh im Herbst gekommen, während er sonst sich nicht vor Neujahr zu zeigen pflege. Gleichzeitig griff Norman ein, um zu er- klären, es sei kein Lumpensammler, dagewesen, das seien Carlssons Andenken an Ida; mit denen habe Rundqvist dem Carlsson einen Streich spielen wollen, da es jetzt zwischen den beiden aus sei. Nun fielen scharfe Worte. Das Ende war, daß Gustav zur Pfarre segelte. Dort gelang es ihm, Carlssons Hochzeit auf sechs Monate zu verschieben, da dessen Papiere nicht in Ordnung waren. Das war für Carlsson ein Strich durch die Rechnung. Doch er suchte den, so gut er konnte, wieder auszukratzen, in- dem er sich einen Ersatz verschaffte. Zuerst hatte Carlsson seine neue Stellung feierlich auf, gefaßt; als das aber übel ablief, beschloß er, sie wenigstens den Leuten auf dem Hof gegenüber scherzhaft zu nehmen. Das gelang ihm auch, nur mit Gustav nicht; der unterhielt beständig einen unterseeischen Kampf, ohne irgendein Zeichen zur Versöhnung blicken zu lassen. So verging der Winter, langsam und still. Man haute Holz, flickte Netze, fischte auf dem Eis. Dazwischen spielte man Karten und trank Kaffeehalbe. Feierte Weihnachten durch einen Schmaus. Lag der Vogeljagd ob. « Es wurde wieder Frühling. Der Eiderstrich lockte aufs Meer hinaus; aber Carlsson setzte alle Kräfte an die Be, stellung, um auf eine gute Ernte rechnen zu können. Die war nötig, um den Ausfall zu ersetzen, den die Hochzeit bringen würde; besonders da man die Absicht hatte, eine große Hoch, zeit zu feiern, an die man noch Jahre lang denken sollte. Mit den Zugvögeln kamen auch die Sommergäste. Der Professor nickte freundlich wie im vorigen Jahre und fand, es sei alles„schön" wie früher, besonders daß man Hochzeit halte. Glücklicherweise war Ida nicht dabei. Sie hatte im April den Dienst verlassen und wollte sich bald verheiraten. Ihre Nachfolgerin war nicht besonders anziehend; auch hatte Carlsson zuviel Eisen im Feuer, um sich mit ihr einzulassen; zumal er das Spiel in der Hand hatte und nicht geneigt war, es zu verlieren. Am Mittsommertag wurden sie aufgeboten, und die Hoch- zeit sollte zwischen Heumahd und Kornernte stattfinden: dann war immer eine Ruhepause in der Arbeit, sowohl zu Land wie zur See. Nach dem Aufgebot machte sich eine Aenderung in Carls- sons Wesen bemerkbar, die nicht gerade angenehm war. Frau Flod war die erste, die sie zu empfinden hatte. Nach der Sitte des Landes hatten sie seit der Verlobung wie ver- heiratete Leute gelebt; und der Bräutigam, den der Auf- schub bedrohte, wußte sein Benehmen immer nach den zwin- genden Umständen einzurichten. Als die Gefahr aber vor, über war, trug er den Kopf hoch und zeigte die Klauen. Das machte jedoch auf Frau Flod , die sich ebenfalls sicher fühlte, keinen anderen Eindruck, als daß auch sie die Zähne zeigte, soviel sie noch hatte. So gerieten sie am Tage des dritten Aufgebots aneinander. Die ganze Bevölkerung der Insel außer Lotte war nach der Kirche gefahren, um das Abendmahl zu nehmen. Wie gewöhnlich hatte man das kleinste Boot genommen, um, falls man rudern mußte, so wenig Mühe wie möglich damit zu haben. Es war also eng im Boot, zumal inan Proviant, Fische für den Pastor und Lichter für den Küster mitführte: außerdem hatte man alle möglichen Kleidungsstücke zum Wechseln mitgenommen; ganz abgesehen von Segel und Riemen, Schöpfgefäßen und Eimern, Schemeln und Tritten. Nach Gewohnheit hatte man ein besseres Frühstück ge- gessen; hatte einander aus Krügen und Flaschen zugetrunken. Heiß war es auch auf See, und niemand wollte rudern; ein kleiner Streit brach unter den Männern aus, von denen keiner Lust hatte, schwitzend in die Kirche zu kommen. Die Frauen traten dazwischen; und als man in die Kirchbucht kam und die Glocken hörte, die man seit Jahr und Tag nicht der- nommen, wurde der Zwist beigelegt.- Es läutete zum erstenmal: man hatte also noch viel Zeit. Frau Flod ging darum mit den Fischen nach der Pfarre hinauf. Der Pastor rasierte sich gerade und war bei grimmiger Laune.' «Seltenen Besuch hat die Kirche heute, da die Hemsöep kommen," grüßte er und prüfte das Messer am Zeigefinger. Carlsson, der die Fische trug, konnte in die Küche gehen, um sich einen Schnaps geben zu lassen. Dann ging man mit den Lichtern zum Küster, und dort gab es auch einen Schnaps. Schließlich trafen sich alle bor der Kirche, sahen sich die Pferde des Großbauern an, lasen die Grabsteine und be» grüßten Bekannte. Frau Flod machte dem Grabe Flods einen Besuch, während Carlsson beiseite ging. �• Als es zum letzten Male geläutet hatte, trat die Gs« meinde in die Kirche ein.
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26 (27.7.1909) 143
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