Unterhattungsblatl des vorwärts Nr. 159. Mittwoch, den 18. August. 1909

(Nachdruck verVeten.) 3] Der Vorzuösfchiilen Von Marie v. Ebner-Eschenbach. Jetzt war es nahe an elf Uhr. Frau Agnes hatte sich auf Befehl Pfanners zu Bett begeben, sie schlief aber nicht; sie beobachtete vom dunklen Alkoven aus ihren Mann, der mit unvermindertem Eifer liniierte, rubrizierte, und ihren Jungen, der müd und blaß sich über sein Heft beugte oder mit verträumten Augen emporblickte zu dem grauen Fleck, den dek Rauch der Lampe allmählich an die Decke gemalt hatte. Er durfte noch immer auf des Vaters grimmig wiederholtesBist fertig?" nicht mit ja antworten; er war m eben nicht bei der Sache. Er hatte eine Hand in die Tasche gesteckt und die Finger um die Nachtigall gelegt und preßte sie manchmal, als ob sie etwas Lebendiges wäre und es fühlen könnte, mit großer, sanfter Liebe. Der Heimweg, der ihm sonst immer endlos vorkam, war ihm heute zu kurz gewesen. Fast die ganze Zeit hindurch hatte er die Nachtigall schlagen lassen, und Kinder und selbst Erwachsene waren stehen geblieben und hatten ihm zugehört und sich über die herzige Musik gefreut. Es wäre ihm ein Glück gewesen, vor der Mutter eine Probe seiner neu er- lernten Kunst abzulegen. Aber das ging nicht an, die Mutter würde sogleich gesagt haben:Du mußt dem Vater das Ding zeigen, Du weißt ja, er mag Spielereien nicht." Und wenn Georg auch geantwortet hätte:Es ist keine Spielerei, es ist ein Instrument," würde sie doch dabei geblieben sein:Hinter dem Rücken des Vaters darf man nichts tun und nichts haben." So hatte sie es immer gehalten... bis heute. Georg aber konnte nicht vergessen, daß ihm vor Jahren der jüngste Sohn der Nachbarin, Karl Walcher, seine Flöte geliehen; er hätte sie ihm auch gern geschenkt, ohne Pfanners spartanisches Verbot. Was Georg einmal hörte von den Kinderliedern, die seine Mutter ihm vorsummte, bis zum feierlichen Kirchengesang, alles merkte er sich und brachte die Melodie ganz richtig heraus auf dem höchst primitiven In- strumentchen. Frau Walcher und ihre Söhne hatten ihn be- wundert und sogar sein Vater ihm manchmal ein zu- stimmendesNicht übel" gespendet. Aber bald war ihm seine Freude verdorben worden. Laß die Dummheiten lern!" hatte es bald geheißen. An dem geringsten Versäumnis, an jeder Zerstreutheit des Knaben hatte die Flöte Schuld getragen. Bald, schrecklich bald hatte der Vater sie ihrem Eigentümer zurückgestellt. So würde er gewiß auch die Nachtigall nicht dulden, und deshalb mußte sie vor ihm verborgen bleiben, die liebe, herrliche. Als Georg endlich zur Ruhe gehen durfte, erhielt sie ihren Platz unter seinem Kopfkissen. Nach Mitternacht erwachte er, zog sie an seine Lippen. Um sie zu küssen; natürlich nur, sie schlagen zu lassen, konnte ihm doch nicht einfallen... Zwar die Eltern schliefen. Zwischen ihnen und ihm, am Mauer- Vorsprung des Alkoven, tickte kräftig, jedes schwache Geräusch übertönend, der flinke Gang der Schwarzwälderin. Dennoch wäre es nicht geraten... und während er dachte: nicht gc- raten, berübrte seine Zungenspitze schon das kühle Metall- plättchen. Ohne seinen Willen, fast ohne sein Zutun begann die Nachtigall ihren Gesang zu erheben. Sie klagte, sie lockte, sie verkündete eine unerfüllbare Sehnsucht. Ihre Töne stiegen, schwollen, brachen plötzlich ab. Herrgott im Himmel ... Zu laut, zu laut! Der Vater hat einen gar leisen Schlaf... Entsetzlich erschrocken, von Schauern der Angst durchrieselt, steckte Georg seinen Kopf unter die Decke. Am nächsten Morgen beim Frühstück erzählte der Vater von einem merkwürdigen Traum, den er in der Nacht gehabt. Der Schuster hatte wieder eine Nachtigall angeschafft, und Pfanner war gewesen, als ob er sie so laut schlagen hörte, daß er darüber erwachte, und dann, das war das Merkwürdige, hatte er sich eingebildet, wach zu fein und sie noch zu hören. Seine Frau konnte nicht genug staunen, auch ihr hatte etwas ganz Achnliches geträumt, und das mußte wohl etwas zu be- deuten haben.

Georg stand auf und trat ans Fenster, damit die Eltern sein Erröten nicht sähen. » Auch Frau Agnes hatte ihr Geheimnis, und sie mußte, um es zu bewahren, allerlei Ausflüchte gebrauchen, die gar oft weit ab von der Wahrheit lagen. Seit einiger Zeit war bei allen Mahlzeiten der Tisch reichlicher besetzt, und Pfanner hatte doch nicht mehr Wirtschaftsgeld bewilligt als friiher. Seine Frau konnte nicht immer bei der Wahrheit bleiben, wenn er sie darüber zur Rede stellte. Ungern genug hörte er schon und fühlte sich gedemütigt, wenn sie gestand, einige Konfektionsarbelten gemacht und durch Vermittlung Frau Walchers unterderhand verkauft zu haben. Nie hätte er erfahren dürfen, daß sie ein enthehrliches Kleidungsstück oder Hausgerät ins Versatzamt getragen, einen noch aus dem Väter- lichen Hause mitgebrachten kleinen Schmuckgegenstand ver- äußert hatte. Er hielt viel auf diese Reste einer ehemaligen Wohlhahenhcit; es schmeichelte ihm, sich seine einst sehr schöne Frau nur leider die Hellblonden verblühen sehr schnell! aus einem guten und damals fast reichem Hause geholt zu haben. Der geringste Zufall konnte alles an den Tag bringen und dann Agnes schloß die Augen und erzitterte bei dem Gedanken, was dann geschehen würde. Aber gleichviel, das Kind mußte um jeden Preis besser genährt werden als bisher. Frau Adjunkt Walcher hatte sich schon vor einem Jahre in ihrer kurz angebundenen, offenherzigen Weise darüber aus- gesprochen:Mir scheint immer, Sie halten Ihren Schorsch zu kurz in der Kost, Frau Offizial. So ein Bub will tüchtig essen. Das Lernen zehrt, und in einen kleinen Ofen mutz man öfter nachlegen als in einen großen, sagt mein Mann. Er und ich sind oft hungrig schlafen gegangen Herrgott, ein Adjunkt mit 1000 Gulden Gehalt! unsere zwei Buben waren immer satt geworden. Sehen auch aus wie die Knöpf. Ihr Schorsch schießt in die Höh, wird ja bald den Herrn Offizial eingeholt haben, setzt aber kein Lot Fleisch an." Finden Sie, daß er schlecht aussieht?" hatte Frau Agnes in Bestürzung ausgerufen. Nun nein, das fand die Frau Adjunkt gerade nicht, aber so gewißkleber" und eine bessereFärb" sollt er haben: Die Nahrung muß ausreichend sein," sie betottte das Wort mit Wohlgefälligkeit, es kam ihr so gebildet vor.Aus- reichend, sagt mein Mann. Das viele Lernen schlägt sich sonst den Kindern auf die Nerven." Dies Gespräch hatte entschieden; die Liebe der Mutter hatte über den Widerwillen der ehrlichen Frau gegen Falsch- heit und Lüge gesiegt. Ihrem Manne Vorstellungen zu machen, einen Versuch zu machen, ihn zur geringsten Mehr- ausgäbe zu bewegen, wäre ihr so wenig eingefallen, als einem Stein zuzureden, sich in Brot zu verwandeln. Eine Erörterung zwischen ihm und ihr kam überhaupt nicht vor. Vom Anfang ihrer Ehe an hatte sein herrisches und ab- lehnendes Wesen jede Möglichkeit, ihm vertrauensvoll zu nahen, ausgeschlossen. Was konnte eine Frau ihm zu sagen haben? Er war er, und außer ihm war die Pflicht, und diesen beiden höchsten Mächten unterstand die Welt, die er begriff. Erst als ein Sohn ihm geboren wurde, gab es ein zweites Wesen, ihm ebenso wichtig, wie er sich selbst. Eine Fortsetzung seines Ich, eine vervollkommnete Fortsetzung. Alles, was seinem Ehrgeiz versagt geblieben, was er nicht errungen, sollte sein Sohn erringen. Er war aus Armut und Niedrigkeit hervorgegangen, hatte einen nur mangelhaften Schulunterricht genossen und niemals die Aussicht gehabt, es zu einer höheren Stellung zu bringen. Als kleiner Beamter lebte er und würde er sterben. Aber der Sohn: Das Gymnasium als Primus absolvieren, den Doktorhut summa cum laude erwerben, schon in den ersten Anfängen der Laufbahn von der Glorie reichster Ver» heißungen umstrahlt, steigen von Erfolg zu Erfolg, von Ehren zu Ehren das sollte der Sohn. Den nüchternen Offizial Pfanner, den unfehlbaren Rechner, den trockenen Vernunft- menschen nahm, wenn er sich diesen Vorstellungen hingab, die Phantasie auf ihre Flügel und trug ihn über alle Gipfel des Wahrscheinlichen sausend binwea. Und wenn er dann wieder